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Der alte Großvater und der Enkel

Der alte Großvater und der Enkel, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 78)
19:59

Das Wichtigste in Kürze

KHM 78 ist ein Fremdkörper in der Sammlung der Brüder Grimm, und genau das macht die Textgeschichte so aufschlussreich.

  • Kein Zaubermärchen: keine Feen, keine Verwandlungen, kein Wald. Das Geschehen könnte sich so zugetragen haben.
  • Fast lückenlose Textgeschichte: von Moscheroschs Kinderspiegel (1643) über Jung-Stillings Autobiographie (1778) bis zur ersten KHM-Auflage 1812, kaum verändert.
  • ATU 980: ein international verbreiteter Erzähltyp über Altersvernachlässigung und ihre Umkehr.
  • Struktur ohne Dreizahl: statt der typischen Grimm-Wiederholungsmuster arbeitet der Text mit einer einfachen Ursache-Wirkungs-Kette.
  • Bis heute im Lesebuch: wegen Kürze, Gewaltlosigkeit und einer Moral, die sich selbst erklärt.

Inhalt

  1. Der Originaltext
  2. Publikationsgeschichte: vom Mahngedicht zum Weltmärchen
  3. Quellengeschichte: Moscherosch, Jung-Stilling, die Grimms
  4. ATU-Typennummer und internationale Verbreitung
  5. Struktur: eine Kausalkette statt Dreizahl-Schema
  6. Figurenanalyse
  7. Symboltabelle
  8. Deutung: Parabel statt Zaubermärchen
  9. Kulturhistorischer Vergleich
  10. Sozialkritische Lesart: Altersarmut als Haushaltsfrage
  11. Rezeptionsgeschichte
  12. Für Schule und Unterricht
  13. Häufige Fragen

Der Originaltext

Die Ausgabe letzter Hand von 1857 druckt den Text nahezu unverändert gegenüber der Erstauflage von 1812. Es ist der kürzeste Weg, sich mit dem Märchen vertraut zu machen: Es gibt keine Nebenhandlung, keine Wiederholungsschleife, keinen Umweg.

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen.

Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 78. München 1977, S. 403–404.

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Publikationsgeschichte: vom Mahngedicht zum Weltmärchen

KHM 78 steht seit der ersten Auflage von 1812 an genau dieser Stelle in der Sammlung, und die Brüder Grimm haben in den folgenden sechs Auflagen kaum etwas daran geändert. Das ist bemerkenswert wenig für einen Text, dessen Nachbarmärchen zwischen 1812 und 1857 oft grundlegend umgearbeitet wurden, verlängert, moralisch geglättet oder christlich nachgeschärft. Bei Der alte Großvater und der Enkel gab es dazu kaum Anlass: Der Text war bereits druckreif, bevor die Grimms ihn übernahmen.

Sprachliche Bearbeitung: minimale Eingriffe

Die einzigen nennenswerten Änderungen betreffen zwei Details ihrer Vorlage. Die Grimms strichen den Eigennamen der Hauptfigur, in der Quelle heißt der alte Mann noch „der alte Frühling“, und entfernten eine zeitgebundene Formulierung über einen kürzlich zerbrochenen Napf. Alles andere, Satzbau, Wortwahl, sogar die wörtliche Rede des Kindes, übernahmen sie unverändert. Für eine Sammlung, die in ihrem eigenen Vorwort mündliche Überlieferung und volkstümliche Erzählweise betont, ist das ein aufschlussreicher Fall: Hier lag ein literarischer Text vor, kein mündlich diktiertes Märchen einer Gewährsperson wie Dorothea Viehmann oder der Familie Hassenpflug, und die Grimms haben ihn im Wesentlichen als Zitat übernommen.

Quellengeschichte: Moscherosch, Jung-Stilling, die Grimms

Die unmittelbare Vorlage ist Johann Heinrich Jung-Stillings autobiographisches Werk Heinrich Stillings Jünglingsjahre von 1778. Dort erzählt ein Junge in der Lateinschule die Geschichte einem Mitschüler, und der Erzähler reagiert erschüttert: Die Anekdote trifft ihn, weil sie an die veränderten Verhältnisse nach dem Tod des eigenen Großvaters rührt. Die Grimms lasen diese Rahmenhandlung nicht mit, sie exzerpierten die Binnenerzählung und machten daraus ein eigenständiges Stück.

Jung-Stillings Fassung selbst ist aber keine Erfindung von 1778. Sie geht auf Johann Michael Moscheroschs Mahngedicht Kinderspiegel zurück, veröffentlicht 1643 im Rahmen seiner Schrift Insomnis cura parentum. Moscherosch war Elsässer, Satiriker und Moralist in der Tradition des Barock, und sein Kinderspiegel gehört zu einer Gattung erzieherischer Merkverse, die dem Kind vorführt, wie das eigene Verhalten auf die Eltern zurückfällt. Zwischen Moscherosch und Jung-Stilling liegen anderthalb Jahrhunderte mündlicher und schriftlicher Weitergabe, die sich, wie die Grimms selbst in ihrer Anmerkung von 1812 festhalten, in weiteren Fassungen niedergeschlagen hat. Eine dieser Varianten ersetzt das Schüsselchen durch ein Stück grobes Tuch: Der Vater gibt dem alten Großvater ein Stück Zeug zum Zudecken, das Kind verlangt später ebenfalls zwei Ellen Zeug, um sie für den eigenen Vater aufzuheben, wenn dieser alt wird. Motiv und Pointe sind identisch, nur der Gegenstand wechselt.

Für eine Sammlung, deren Gründungsmythos die anonyme Volksstimme ist, liegt hier ein Text vor, dessen Weg sich über drei Jahrhunderte und drei benennbare Autoren lückenlos zurückverfolgen lässt: Moscherosch, Jung-Stilling, Grimm. Das ist unter den 200 KHM-Nummern eher die Ausnahme als die Regel.

ATU-Typennummer und internationale Verbreitung

Hans-Jörg Uther ordnet den Stoff in seinem Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm dem internationalen Erzähltyp ATU 980 zu, einer Gruppe von Geschichten über die Vernachlässigung alter Menschen und ihre Rückholung in die Familie, meist ausgelöst durch das Verhalten eines Kindes, das die elterliche Behandlung des Großvaters spielerisch nachahmt. Der Typ ist weit über den deutschen Sprachraum hinaus dokumentiert. Das bestätigt, was die Publikationsgeschichte bereits nahelegt: Die Pointe mit dem nachgebauten Holzgefäß ist kein Einzelfall, sondern ein wandernder Stoff, der in unterschiedlichen Kulturen unabhängig oder durch Weitergabe entstanden ist.

Wusstest du?

Die Grimms selbst verweisen in ihrer Anmerkung von 1812 auf eine Stelle bei Walther von der Vogelweide, in der es sinngemäß heißt: Die Jungen spotten über die Alten, sollen aber warten, bis ihre eigene Jugend vergeht, denn was sie jetzt tun, werden ihre eigenen Kinder ihnen zurückzahlen. Der Gedanke, der dem Märchen zugrunde liegt, ist also mindestens sechshundert Jahre älter als der Text selbst.

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Struktur: eine Kausalkette statt Dreizahl-Schema

Typische Grimm-Märchen arbeiten mit dreifacher Wiederholung: drei Aufgaben, drei Brüder, drei Versuche. KHM 78 verzichtet vollständig darauf. Stattdessen läuft die Handlung als einfache Kausalkette ab, ohne Umweg, ohne Variation, ohne Verzögerung durch einen Helfer oder Gegenspieler.

  1. 1 Körperlicher Verfall des Großvaters wird zur Grundlage der Ausgrenzung: Er wird räumlich an den Rand versetzt, hinter den Ofen.
  2. 2 Materielle Abwertung folgt der räumlichen: Der irdene Napf wird durch billiges Holz ersetzt, die Essensmenge ausdrücklich knapp gehalten.
  3. 3 Das Kind ahmt nach, was es beobachtet, und benennt dabei unbeabsichtigt die Konsequenz: Wer den Alten so behandelt, wird selbst so behandelt werden.
  4. 4 Umkehr ohne Strafe: Die Eltern werden nicht bestraft, sondern erkennen sich selbst wieder und handeln sofort um.

Diese Kürze ist Programm, nicht Mangel. Der Text braucht keine Verzögerung, weil er kein Rätsel zu lösen hat. Die Pointe liegt vollständig offen, sobald das Kind seinen Satz ausgesprochen hat.

Figurenanalyse

Figur Funktion
Der Großvater Bleibt vom ersten bis zum letzten Satz passiv. Er wehrt sich nicht, klagt nicht an, sondern seufzt nur. Diese Sprachlosigkeit ist selbst Teil der Aussage: Wer im Haus des eigenen Kindes lebt, hat keine Machtposition, aus der heraus er protestieren könnte.
Der Sohn Im Text auffällig nachrangig. Die aktive Rolle bei Ausgrenzung und Bestrafung übernimmt durchgehend seine Frau, er selbst fragt nur einmal das Kind, was es baut. Erst am Ende handeln beide gemeinsam.
Die junge Frau Trägt im Text die konkreten Handlungen: Sie kauft den Holznapf, sie schilt. Der Ekel, mit dem die Erzählung einsetzt, wird an ihr sichtbar gemacht, ohne dass der Text sie moralisch gesondert verurteilt.
Der Enkel Vier Jahre alt, ohne erkennbare moralische Absicht. Der Text lässt offen, ob das Kind seine Eltern bewusst beschämen will oder schlicht nachspielt, was es beobachtet. Gerade diese Uneindeutigkeit macht die Figur wirksam: Sie urteilt nicht, sie zeigt nur.

Symboltabelle

Motiv Deutung
Irdenes Schüsselchen Letzter Rest von Zugehörigkeit zum gemeinsamen Haushalt. Sein Zerbrechen markiert den Punkt, an dem auch dieser Rest entzogen wird.
Hölzernes Schüsselchen Materielle Übersetzung eines sozialen Urteils. Billig, unzerbrechlich, aber auch unwürdig: Das Gefäß ist für den dauerhaften Gebrauch am Rand gemacht, nicht für die Rückkehr an den Tisch.
Ecke hinter dem Ofen Räumliche Randlage innerhalb des eigenen Hauses. Der Großvater bleibt anwesend, ist aber aus dem sozialen Zentrum der Familie, dem Tisch, entfernt.
Das Tröglein Kein Spielzeug, sondern ein Spiegelobjekt: Es projiziert die gegenwärtige Handlung der Eltern in eine zukünftige Handlung gegen sie selbst und macht damit unsichtbare Kausalität plötzlich sichtbar.

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Deutung: Parabel statt Zaubermärchen

Bruno Bettelheim unterscheidet in Kinder brauchen Märchen grundsätzlich zwischen Fabel und Märchen: Die Fabel spricht ihre Lehre aus, das Märchen überlässt die Deutung dem unbewussten Verarbeiten des Zuhörers. KHM 78 gehört nach dieser Unterscheidung eindeutig zur ersten Kategorie. Der Enkel formuliert die Moral wörtlich, es gibt kein Symbol, das erst entschlüsselt werden müsste. Genau deshalb greifen die klassischen tiefenpsychologischen Zugänge zum Grimm-Korpus hier nur bedingt: Weder Jungs Archetypenlehre noch von Franz’ Individuationsmodell finden an einem Text, der keine Initiationsreise, keinen Wald und keine Verwandlung kennt, viel Angriffsfläche.

Ergiebiger ist ein Blick auf das Lernen am Modell, wie es die Verhaltenspsychologie beschreibt: Der Enkel handelt nicht aus moralischer Einsicht, sondern aus Nachahmung. Er hat gesehen, wie mit einem alten, hilflosen Menschen umgegangen wird, und überträgt dieses Verhaltensmuster unreflektiert auf die eigene Zukunft. Die eigentliche Pointe des Märchens liegt darin, dass die Eltern sich nicht über eine Belehrung, sondern über den Anblick ihres eigenen Verhaltens im Kind erkennen. Der Text arbeitet mit einem Spiegelmechanismus, nicht mit einem Rätsel.

Gerontologisch hat Günter Heisterkamp das Märchen 2009 in der Fachzeitschrift Psychotherapie im Alter als Ausgangspunkt genommen, um Widerstände gegen das eigene Altwerden zu untersuchen, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene, und die Entwicklungschancen zu benennen, die in der Großeltern-Enkel-Beziehung stecken. Das Märchen taugt damit ebenso als Text über Kindererziehung wie als Text über den Umgang einer Gesellschaft mit ihren alten Mitgliedern.

Kulturhistorischer Vergleich

Anders als bei den meisten KHM-Nummern gibt es zu diesem Text keine unmittelbare Parallele bei Charles Perrault oder Giambattista Basile. Der Stoff kommt nicht aus der romanischen Feenmärchentradition des 17. Jahrhunderts, sondern aus der deutschen und elsässischen Moralliteratur derselben Zeit, aus Moscheroschs barocker Erziehungsdichtung. Das erklärt auch den Ton: nüchtern, direkt, ohne höfisches Personal.

Die Grimms selbst stellten den Stoff in eine ältere Traditionslinie, indem sie in ihrer Anmerkung auf Walther von der Vogelweide verwiesen, den bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des Mittelalters. Die dort zitierte Zeile warnt die Jungen davor, über die Alten zu spotten, denn die eigene Jugend vergehe, und was man jetzt tue, würden einem die eigenen Kinder dereinst zurückzahlen. Der Gedanke der generationalen Reziprozität ist damit mindestens seit dem 13. Jahrhundert in der deutschen Literatur belegt, lange bevor Moscherosch ihn 1643 in Verse fasste.

In der neueren Rezeption wird gelegentlich auf ein verwandtes Muster in Shakespeares König Lear verwiesen, in dem ein alter Vater von seinen eigenen Kindern an den Rand gedrängt wird. Ob eine direkte Linie zwischen beiden Texten besteht, ist nicht belegt, die strukturelle Verwandtschaft des Grundmotivs, ein alterndes Familienoberhaupt wird von der jüngeren Generation entwertet, liegt aber auf der Hand.

Sozialkritische Lesart: Altersarmut als Haushaltsfrage

Das Märchen verhandelt ein ökonomisches Problem in familiärer Verkleidung. Im ländlichen Haushalt des 17. und 18. Jahrhunderts war der Platz am Tisch an Arbeitsfähigkeit gekoppelt: Wer nicht mehr zur Wirtschaftskraft der Familie beitrug, wurde in der Wahrnehmung schnell zur Last. Der Ekel, mit dem der Text einsetzt, ist keine private Empfindung, sondern die emotionale Übersetzung einer ökonomischen Logik, in der Pflegeleistung ohne Gegenwert unattraktiv erscheint. Das Märchen widerspricht dieser Logik nicht mit einem Appell an Nächstenliebe, sondern mit einer nüchternen Rechnung: Wer heute den Alten abwertet, hat morgen selbst keinen Anspruch auf Fürsorge. Es argumentiert also weniger moralisch als strategisch, und gerade das macht seine Wirkung so unmittelbar.

Die Erzählung ist zudem auffallend still über eine mögliche eigene Schuld des Großvaters. Es gibt keine Vorgeschichte, die sein jetziges Schicksal als Folge früherer Verfehlungen erklären würde. Die Vernachlässigung entsteht allein aus seiner körperlichen Gebrechlichkeit, nicht aus seinem Charakter. Das rückt den Text nah an aktuelle Debatten um Pflege und Angehörigenbelastung heran, ohne dass eine explizite Aktualisierung nötig wäre.

Rezeptionsgeschichte

Innerhalb der Sammlung selbst hat KHM 78 ein thematisches Gegenstück in KHM 145, Der undankbare Sohn, das dieselbe Frage aus der umgekehrten Generationenperspektive stellt. Auch außerhalb der Grimm-Sammlung wurde der Stoffkreis weitergeführt, etwa in Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Kindesdank und -undank. Wegen seiner Kürze, seiner Gewaltlosigkeit und seiner eingängigen, direkt ausgesprochenen Moral gehört der Text seit Langem zum festen Bestand deutscher Schullesebücher, oft schon in der Grundschule, was für die meisten anderen KHM-Nummern mit ihren teils drastischen Gewaltdarstellungen so nicht gilt.

Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Den Text nacherzählen und die Gefühle jeder Figur an einer Stelle im Text festmachen. Diskussion: Warum sagt der Großvater nichts?
  • Klasse 8–9: Vergleich mit KHM 145, Der undankbare Sohn: Welche Erzählstrategie wählt welcher Text, um dieselbe Frage zu stellen?
  • Klasse 10–11: Die drei Textstufen Moscherosch, Jung-Stilling, Grimm vergleichen und die jeweilige Gattung bestimmen: Mahngedicht, autobiographische Anekdote, Märchen.
  • Klasse 12–13: Bettelheims Unterscheidung von Fabel und Märchen am Text prüfen und begründen, ob KHM 78 innerhalb der Sammlung eher als Fremdkörper oder als konsequente Erweiterung des Sammlungsprinzips zu lesen ist.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 78), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Johann Heinrich Jung-Stilling, Heinrich Stillings Jünglingsjahre (1778)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Grimms Märchen und ihre Quellen, 2., verb. Aufl., Trier 2004, S. 108–109, 558–559 · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Berlin 2008, S. 181–183 (ATU 980) · Johann Michael Moscherosch, Insomnis cura parentum: Der Kinderspiegel (1643)

Psychologie und Gerontologie: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976), zur Unterscheidung von Fabel und Märchen · Günter Heisterkamp, „Der alte Großvater und der Enkel“, in: Psychotherapie im Alter, 6(3), 2009, S. 339–351

Vergleichstexte: Brüder Grimm, KHM 145, Der undankbare Sohn · Johann Peter Hebel, Kindesdank und -undank (Kalendergeschichte)

Häufige Fragen zu Der alte Großvater und der Enkel

Ein gebrechlicher Großvater wird von Sohn und Schwiegertochter aus Ekel an den Rand der Familie gedrängt und muss aus einem billigen Holznapf essen. Als der vierjährige Enkel beginnt, aus Holzbrettchen ein kleines Tröglein zu bauen, aus dem er später seine Eltern im Alter füttern will, erkennen diese ihr Verhalten und holen den Großvater zurück an den Tisch.
Nein. Die Geschichte enthält keine übernatürlichen oder wunderbaren Elemente und wird von der Forschung als moralische Parabel beziehungsweise Lehrerzählung eingeordnet, nicht als Zaubermärchen im engeren Sinn.
Das Märchen ist im internationalen Aarne-Thompson-Uther-Index als Typ ATU 980 erfasst, einer Erzähltradition um die Vernachlässigung alter Menschen und ihre Wiederaufnahme in die Familie.
Die Brüder Grimm entnahmen den Text fast wörtlich Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiographie Heinrich Stillings Jünglingsjahre von 1778. Jung-Stillings Fassung wiederum geht auf Johann Michael Moscheroschs Mahngedicht Kinderspiegel von 1643 zurück.
Wer die eigenen Eltern im Alter schlecht behandelt, muss damit rechnen, dass die eigenen Kinder dieses Verhalten übernehmen. Die Moral wird nicht symbolisch verschlüsselt, sondern direkt durch die Handlung des Kindes ausgesprochen.
Ein verwandtes Thema behandelt KHM 145, Der undankbare Sohn. Auch Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Kindesdank und -undank greift denselben Stoffkreis auf.
Wegen seiner Kürze, Gewaltlosigkeit und klaren Struktur eignet sich der Text von der Unterstufe bis zur Oberstufe, mit unterschiedlichem Schwerpunkt je nach Klassenstufe.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 78. München 1977, S. 403–404. Quellengeschichte nach Heinz Rölleke, Grimms Märchen und ihre Quellen, 2., verb. Aufl., Trier 2004, S. 108–109, 558–559, und Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Berlin 2008, S. 181–183.