Grimms Märchen

Volksmärchen und Weltliteratur: Die zauberhaften Geschichten der Gebrüder Grimm

Die Märchensammler, Geschichtenerzähler, Sprach- und Literaturforscher Jacob und Wilhelm Grimm gehören zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte. Ihr Hauptwerk, die „Kinder- und Hausmärchen“, gilt heute als die erfolgreichste Märchensammlung der Weltliteratur. Mittlerweile sind die Märchen in über 160 Sprachen und Dialekte übersetzt. Sie sind unverzichtbarer Teil des europäischen Kulturschatzes und eine der frühesten Literaturerfahrungen von Kindern auf der ganzen Welt.

Kurzbiografie der Gebrüder Grimm

1785 wurde Jacob Grimm im hessischen Hanau geboren. Ein Jahr später, 1786 kam sein Bruder Wilhelm zur Welt. Nach dem Tod des Vaters zogen die Brüder 1798 nach Kassel und besuchten dort das Gymnasium. Danach begannen sie im Marburg Rechtswissenschaften zu studieren. Bereits während ihres Studiums entwickelten Jacob und Wilhelm Grimm ein großes Interesse an deutscher Sprache und Literatur. Nach der Eroberung Kassels durch Napoleons Truppen, trat Jacob die Stelle als Bibliothekar in der Kasseler Bibliothek an, die nun König Jérôme, dem Bruder Napoleons, unterstand. Auch Wilhelm stand im Dienst König Jérômes, er war jedoch zeitlebens kränklich und konnte häufig nicht arbeiten.

1812 bis 1815 entstanden die wesentlichen Teile ihrer Märchensammlung „Kinder- und Hausmärchen“. Auch einen Band mit 579 deutschen Sagen gaben die Brüder heraus. Zudem veröffentlichte Jacob die volkskundliche Abhandlung „Deutsche Mythologie“. Darüber hinaus schufen sie mit der „Deutschen Grammatik“ und dem „Deutschen Wörterbuch“ bahnbrechende Werke der Germanistik. Bis heute gelten die Brüder Grimm als Begründer der germanischen Philologie.

Im Zuge der politischen Veränderungen in der Zeit nach Napoleon wechselten Jacob und Wilhelm Grimm mehrfach Arbeitsplatz und Wohnort. 1840 berief sie schließlich der preußische König Friedrich Wilhelm IV an die Akademie der Wissenschaften nach Berlin. Hier starb Wilhelm im Jahr 1859, sein älterer Bruder Jacob folgte ihm 1863. Die im Leben stets innig verbundenen Brüder blieben auch im Tod vereint und wurden Seite an Seite begraben.

Es war einmal: Wie das Märchensammeln begann

Jacob und Wilhelm Grimm waren nicht nur bedeutende Märchenforscher- und Sammler. Ursprünglich waren sie selbst Märchenerzähler. Zu leidenschaftlichen Sammlern der volkstümlichen Geschichten über zauberhafte Wesen, sprechende Tiere und böse Hexen wurden die Brüder durch ihre Verbindung zu Clemens Brentano. Dieser hatte zusammen mit Achim von Armin bereits 1805 die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ herausgegeben. Für eine Fortsetzung der erfolgreichen Sammlung suchten von Armin und Brentano alte, fast vergessene Sagen, Lieder und Märchen.

Dank seiner Stellung als Bibliothekar in der gut bestückten Kasseler Bibliothek saß Jacob Grimm direkt an der Quelle und konnte nach Herzenslust in alten Manuskripten, Büchern und Briefen stöbern. Also kam er Brentanos Bitte um Unterstützung gern nach. Zusammen mit seinem Bruder sammelte Jacob zwei Jahre lang märchenhafte Geschichten und Legenden für Brentano und von Armin. Clemens Brentano aber verlor nach anfänglicher Begeisterung über die Qualität und Menge der zauberhaften Volksgeschichten das Interesse an den Ergebnissen des Sammelfleißes der Gebrüder Grimm.

Da Brentano keine Anstalten machte, die Stücke zu veröffentlichen, beschlossen Jacob und Wilhelm Grimm, die bereits gesammelten Texte als Basis einer eigenen Märchensammlung zu verwenden. Nun sammelten sie jedoch nicht mehr ausschließlich vergessene Geschichten in den verstaubten Bücherschränken von Bibliotheken; sie fingen an, mündliche Erzählungen aufzuschreiben. 1812 veröffentlichten sie die erste Ausgabe ihrer „Kinder- und Hausmärchen“.

Mündliche Berichte, literarisch in Szene gesetzt

Zwei Legenden umranken die Entstehungsgeschichte der grimmschen Märchen, die mittlerweile längst widerlegt sind. Wie es bei Legenden oft der Fall ist, werden diese gern wiederholt und weitergetragen, obwohl bekannt ist, dass sie nicht wahr sind. So auch im Fall der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm. Die Annahme, dass Jakob und Wilhelm in der Kutsche durch die Lande zogen, um dem einfachen Volk am Herdfeuer seine überlieferten Geschichten zu entlocken ist ebenso falsch, wie die Vermutung, dass sie die Märchen Wort für Wort so festhielten, wie sie ihnen erzählt wurden.

Grimms Märchen sind keine Geschichten der bäuerlichen Landbevölkerung, vielmehr entspringen sie dem damaligen Bildungsbürgertum. Die ersten Märchen-Lieferanten waren bis auf eine Ausnahme kultivierte Frauen aus ihrer näheren Umgebung. Wichtigste Quellen für den ersten Band waren die Apothekertöchter Gretchen und Dortchen Wild, die Pfarrerstochter Friederike Mannel und die Schwestern Hassenpflug. Die Frauen waren sprachgewandt und gebildet. Sie schrieben die Erzählungen aus dem Gedächtnis nieder oder sie trafen sich mit den Grimms auf ein Tässchen Tee. In gemütlicher Runde gaben sie dann die eine oder andere Geschichte zum Besten. Der einzige Mann im Bunde war der pensionierte Dragoner Wachtmeister Krause. Ein alter Soldat, der als Lohn für seine Geschichten abgelegte Kleidungsstücke der Brüder erhielt.

Um die Märchen lebendiger zu gestalten und ihnen sprachlich mehr Schliff zu geben, bearbeitete vor allem Wilhelm Grimm die Erzählungen und Niederschriften. So fügte er zum Beispiel an passenden Stellen Verse, Beschwörungsformeln und wörtliche Rede ein. Den traditionellen Märchenanfang „Es war einmal“ ersetzte er in vielen Märchen durch den deutlich poetischeren Satz: „In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat.“

Die Kinder- und Hausmärchen

Weihnachten 1812 kam in einer Auflage von 900 Exemplaren die erste Auflage des ersten Bandes der „Kinder- und Hausmärchen“ heraus. Die Sammlung enthielt 86 Märchen, darunter die Geschichten, die auch heute noch zu den bekanntesten grimmschen Märchen zählen, etwa Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, Rapunzel, Hänsel und Gretel und Aschenputtel. Der zweite Band erschien mit 68 neuen Märchen im Jahr 1815.

Bis zum Jahr 1850 veröffentlichten die Brüder Grimm insgesamt sechs stilistisch und inhaltlich überarbeitete Auflagen der beiden Bände, die jedes Mal auch neue Märchen aufnahmen. Die siebte und letzte Auflage erschien 1857. Diese Fassung dient meist als Grundlage heutiger Veröffentlichungen. Mit dem Anhang „Kinderlegenden“, der seit der zweiten Auflage 1819 erschien, umfasst die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen insgesamt 210 Märchen.

Merkmale grimmscher Märchen

Märchen erzählen von fantastischen Welten, in denen alles möglich zu sein scheint. Tiere zum Beispiel sprechen und agieren als seien sie Menschen. Für die handelnden Personen ist das ganz selbstverständlich und Teil ihrer Realität. Überall in Grimms Märchen spielen Feen, Riesen, Zwerge und verzauberte Menschen eine bedeutende Rolle, ohne dass sie im Entferntesten übersinnlich oder irreal erscheinen. Magische Figuren gehören im Märchen ebenso zur akzeptierten, wirklichen Welt, wie tatsächliche Menschen. Sogar unbelebte Gegenstände werden im Märchen zu handelnden Persönlichkeiten: zum Beispiel in den Märchen Strohhalm, Kohle und Bohne oder Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst.

Die Märchen der Gebrüder Grimm folgen häufig dem gleichen Aufbauschema. Zu Beginn steht der Held oder die Heldin vor einem riesigen, unlösbar erscheinenden Problem. Dieses Problem zwingt die Protagonistin oder den Protagonisten häufig, die Heimat zu verlassen und auf Wanderschaft zu gehen. Die Hauptpersonen müssen schwierige Prüfungen bestehen oder schwere Kämpfe gewinnen. Da sie die Aufgabe allein kaum bewältigen können, stehen ihnen ein wundersames Wesen oder besondere Kräfte zur Seite. Oft spielt dabei auch die Zahl Drei eine große Rolle: drei Prüfungen, drei Schwestern, drei goldene Haare. Am Ende geht das Abenteuer immer positiv für den Helden aus. Er oder sie erhält eine Belohnung, zum Beispiel Reichtum, die Königstochter oder den Prinzen. Das Gute siegt über das Böse. Die Figuren kehren glücklich und zufrieden heim. Mit Ausnahme des Bösewichts, denn diesen erwartet eine ebenso wohlverdiente wie oft grausame Bestrafung.

Häufige Motive und Figuren

Bei aller Themenvielfalt der Geschichten, in Grimms Märchen kommen einige typische Motive und Figuren immer wieder vor. Häufig thematisieren die Märchen ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen. Gut gegen Böse, Arm gegen Reich, Hochmut gegen Gottesfurcht. Die handelnden Charaktere sind scharf abgegrenzt, Grautöne gibt es kaum. Innerhalb dieses Kontrast-Gefüges bewegen sich typische Figuren, die immer wieder in den Märchen auftauchen, zum Beispiel:

  • Der Prinz, beziehungsweise Königssohn: Er ist entweder verzaubert (Der Froschkönig) oder wird zum Retter in der Not
  • Die Hexe: Sie ist meist böse und ausgesprochen hässlich
  • Der Zwerg: Er ist undurchschaubar, fleißig und schlau. Es gibt gute (Schneewittchen) und böse Zwerge (Rumpelstilzchen)
  • Die Fee: Sie ist meist gut, von angenehmer Gestalt und hilfsbereit. Es gibt aber auch böse Feen, zum Beispiel in Dornröschen
  • Die böse Stiefmutter: Sie ist die Ausgeburt des Bösen


Immer wiederkehrende Motive sind zum Beispiel:

  • Ausgesetzte Kinder: Hänsel und Gretel
  • Geschwisterrivalität: Frau Holle
  • Geschwisterliebe: Brüderchen und Schwesterchen
  • Waisenkinder: Die Sterntaler
  • Die Schönheit: Dornröschen
  • Tod und Teufel: Der Gevatter Tod
  • Arm heiratet Reich: Aschenputtel, Der gestiefelte Kater
  • Bestrafung von Sünden: z. B. Hochmut in König Drosselbart
  • Konflikte mit der bösen Stiefmutter: Schneewittchen
  • Bedrohung durch die feindliche Natur: z. B. wilde Tiere in Rotkäppchen

Kulturelle Bedeutung der grimmschen Märchen

Neben der Lutherbibel sind die „Kinder- und Hausmärchen“ das meistübersetzte und am weitesten verbreitete deutschsprachige Buch. Mit dem Ergebnis ihrer fleißigen Sammlertätigkeit bewahrten Jacob und Wilhelm Grimm volkstümliche Geschichten, die zuvor mündlich weitergetragen wurden, vor dem Vergessen. Nach mehreren Überarbeitungen, die auch eine Reihe der ursprünglich beschriebenen Grausamkeiten entschärften, wurde die Märchensammlung schließlich bereits zu Lebzeiten der Brüder ein wirtschaftlicher Erfolg. In den folgenden Jahren blieben die Märchen sehr populär.

Nachdem die Nationalsozialisten auch den deutschen Sagen- und Märchenschatz ideologisch vereinnahmt hatten, waren Grimms Märchen nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst sehr umstritten und wurden zeitweise sogar verboten. Heute sind sie fester Bestandteil des Unterrichtsstoffs in Schulen und aus der deutschen Literaturwissenschaft nicht mehr wegzudenken.


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