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Die drei Glückskinder

Die drei Glückskinder, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 70)
24:36

Das Wichtigste in Kürze

Hahn, Sense und Katze: Wie drei ganz gewöhnliche Gegenstände drei Brüder reich machen, und warum das kein Zaubermärchen, sondern ein Schwank ist.

  • Kein Zauber, sondern Verkaufsgeschick: Der Vater vererbt keine magischen Objekte, sondern Alltagsdinge. Reich wird, wer eine Insel findet, auf der diese Dinge noch unbekannt sind.
  • Aus dem Haxthausen-Kreis: Die Grimms notierten als Herkunft die Familie von Haxthausen aus dem Paderborner Raum. Das Märchen kam erst 1819 in die Sammlung.
  • Vier ATU-Typen in einer Geschichte: Die Forschung ordnet dem Text gleich mehrere internationale Schwanktypen zu, darunter das weltbekannte Motiv von Whittingtons Katze.
  • Ambivalenter Humor: Der Text feiert die Cleverness der Brüder und macht sich zugleich über die Inselbewohner lustig, eine Spannung, die sich sozialkritisch lesen lässt.
  • Kein versöhnliches Ende: Die Geschichte endet nicht mit einer Hochzeit, sondern mit einem niedergeschossenen Schloss, weil niemand die durstige Katze versteht.

Inhalt

  1. Inhaltsangabe
  2. Entstehungsgeschichte
  3. ATU-Typologie
  4. Strukturanalyse
  5. Figurenanalyse
  6. Tiefenpsychologische Lesart
  7. Sozialkritische Lesart
  8. Internationale Parallelen
  9. Rezeptionsgeschichte
  10. Sprachliche Besonderheiten
  11. Für Schule und Unterricht
  12. FAQ

Inhaltsangabe

Ein alternder Vater ruft seine drei Söhne zu sich und verteilt sein karges Erbe: Der Älteste erhält einen Hahn, der Zweite eine Sense, der Jüngste eine Katze. Geld hat er keines, aber einen Rat: Wer diese Dinge in einem Land verkauft, das sie noch nicht kennt, wird sein Glück machen. Auf dem Festland ist an Hähnen, Sensen und Katzen jedoch kein Mangel, sodass alle drei Brüder zunächst erfolglos bleiben. Erst auf einzelnen, von der Außenwelt abgeschnittenen Inseln finden sie ihr Publikum: Eine Insel kennt keine Zeitmessung in der Nacht und kauft dem ersten Bruder den Hahn als lebende Uhr ab. Eine zweite Insel erntet ihr Korn mühsam und gefährlich mit Kanonenschüssen und tauscht dem zweiten Bruder die Sense gegen ein goldbeladenes Pferd ein. Eine dritte Insel wird von einer Mäuseplage heimgesucht, sogar im königlichen Schloss, und bezahlt dem dritten Bruder für seine Katze einen mit Gold beladenen Maulesel.

Die Katze räumt im Schloss gründlich mit den Mäusen auf, wird darüber aber durstig und miaut. König und Hofstaat, die das Tier nicht kennen, halten den Laut für eine Drohung und fliehen aus dem Schloss. Ein Herold soll die Katze zum freiwilligen Auszug bewegen, doch ihr Miauen wird als trotzige Weigerung gedeutet. Der Rat beschließt, Gewalt anzuwenden: Kanonen werden aufgefahren, das Schloss in Brand geschossen. Die Katze springt im letzten Moment aus dem Fenster, das Schloss aber brennt bis auf die Grundmauern nieder.

Es kommt bloß darauf an, dass ihr es verständig anwendet: sucht euch nur ein Land, wo dergleichen Dinge noch unbekannt sind, so ist euer Glück gemacht.

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Originaltext

Ein Vater ließ einmal seine drei Söhne vor sich kommen und schenkte dem ersten einen Hahn, dem zweiten eine Sense, dem dritten eine Katze. „Ich bin schon alt,“ sagte er, „und mein Tod ist nah, da wollte ich euch vor meinem Ende noch versorgen. Geld hab ich nicht, und was ich euch jetzt gebe, scheint wenig wert, es kommt aber bloß darauf an, dass ihr es verständig anwendet: sucht euch nur ein Land, wo dergleichen Dinge noch unbekannt sind, so ist euer Glück gemacht.“

Nach dem Tode des Vaters ging der älteste mit seinem Hahn aus, wo er aber hinkam, war der Hahn schon bekannt: in den Städten sah er ihn schon von weitem auf den Türmen sitzen und sich mit dem Wind umdrehen, in den Dörfern hörte er mehr als einen krähen, und niemand wollte sich über das Tier wundern. Endlich aber geriets ihm doch, dass er auf eine Insel kam, wo die Leute nichts von einem Hahn wussten, sogar ihre Zeit nicht einzuteilen verstanden. „Seht,“ sprach er, „was für ein stolzes Tier, es hat eine rubinrote Krone auf dem Kopf und trägt Sporn wie ein Ritter: es ruft euch des Nachts dreimal zu bestimmter Zeit an, und wenns das letztemal ruft, so geht die Sonne bald auf.“ Den Leuten gefiel das wohl, und sie gaben ihm gerne, was er gefordert hatte, etwa so viel, als ein Esel Gold trägt.

Der zweite Bruder machte sich mit seiner Sense auf und fand ebenfalls erst auf einer fernen Insel Abnehmer, deren Bewohner ihr Korn bisher mit Kanonenschüssen ernteten. Als er es still und geschwind niedermähte, sperrten die Leute Maul und Nase vor Verwunderung auf und gaben ihm ein Pferd, dem war Gold aufgeladen, so viel es tragen konnte.

Der dritte Bruder gelangte mit seiner Katze auf eine Insel, deren Mäuseplage so groß war, dass die Tiere auf Tischen und Bänken tanzten. Die Katze reinigte bald mehrere Säle des königlichen Schlosses, und der König bezahlte dafür einen mit Gold beladenen Maulesel.

Die Katze aber bekam von der Jagd Durst, blieb stehen, drehte den Kopf in die Höhe und schrie „miau, miau.“ Der König samt allen seinen Leuten erschrak und lief aus dem Schloss. Ein Edelknabe wurde geschickt, die Katze zu fragen, ob sie das Schloss räumen wolle. Sie aber antwortete bloß „miau, miau,“ was der Knabe als „durchaus, durchaus nicht“ verstand. Da ließ der Rat Kanonen auffahren und das Schloss in Brand schießen. Als das Feuer den Saal erreichte, sprang die Katze zum Fenster hinaus, die Belagerer aber hörten nicht eher auf, als bis das ganze Schloss in Grund und Boden geschossen war.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 70. München 1977, S. 384–387.

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Entstehungsgeschichte

Die drei Glückskinder gehört nicht zum ursprünglichen Bestand der Kinder- und Hausmärchen. In der Erstauflage von 1812 stand an Position 70 ein anderes Märchen, Der Okerlo, eine Geschichte um einen menschenfressenden Unhold. Für die zweite Auflage von 1819 strichen die Brüder Grimm den Okerlo und ersetzten ihn durch die drei Glückskinder. In ihren eigenen Anmerkungen zu einem später gesammelten Märchen, den beiden Künigeskinnern, vermerkten sie sogar die Vermutung, es könne sich dabei um dieselbe Geschichte wie den Okerlo handeln, was mit ein Grund für dessen Streichung gewesen sein dürfte.

Als Quelle notierten die Grimms den Zusatz „aus dem Paderbörnischen, von Familie von Haxthausen“. Der westfälische Adelskreis um die Familie von Haxthausen, zu dem unter anderen die Erzählerin Ludowine von Haxthausen zählte, lieferte den Grimms zahlreiche Texte für die spätere Auflagen der Sammlung, darunter auch die vier kunstreichen Brüder (KHM 129), ein Märchen mit einer strukturell verwandten Ausgangssituation: ein Vater und mehrere Söhne, die mit unterschiedlichen Fähigkeiten oder Gegenständen ausgestattet werden.

Wusstest du?

Der Text blieb nach 1819 inhaltlich weitgehend stabil. Nur kleine sprachliche Feinabstimmungen kamen hinzu: Zur dritten Auflage wurde etwa aus dem Satz „Ein billiger Preis, für ein so kostbares Thier“ die pointiertere Formulierung „Ein Spottgeld für ein so kostbares Thier“, eine kleine Verschärfung des ironischen Grundtons.

Die philologische Standardreferenz für diese Überlieferungsgeschichte bildet bis heute die von Heinz Rölleke herausgegebene Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm, ergänzt durch Hans-Jörg Uthers Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen, das die textgeschichtlichen Stationen und die internationale Einordnung des Stoffs zusammenfasst.

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ATU-Typologie

Die drei Glückskinder ist im Aarne-Thompson-Uther-Index kein einzelner, sauber abgrenzbarer Erzähltyp, sondern eine Verbindung mehrerer international belegter Schwankmotive. Uthers Handbuch listet für das Märchen gleich vier Nummern: ATU 1650, 1202, 1281 und 1651. Diese Häufung ist typisch für Schwänke, die episodisch aufgebaut sind und in jeder Episode ein eigenständiges, auch unabhängig verbreitetes Motiv verwenden.

Den Rahmen bildet ATU 1650, international als Die drei Glückskinder beziehungsweise The Three Lucky Brothers bekannt: drei Brüder erben je einen unscheinbaren Gegenstand und werden reich, indem sie ihn dort verkaufen, wo er unbekannt ist. Die Episode des jüngsten Bruders folgt darüber hinaus dem eigenständigen und international besonders breit belegten Typ ATU 1651, der unter dem Namen Whittingtons Katze bekannt ist: Ein armer Held verhilft sich zu Reichtum, indem er einer von Mäusen oder Ratten geplagten fernen Gegend eine Katze verkauft. Die berühmteste Fassung dieses Typs ist die englische Legende von Dick Whittington, dem Bürgermeister von London, dessen Katze ihm angeblich zu seinem Vermögen verhalf. Die Episoden um Hahn und Sense wiederum ordnet Uther den benachbarten Nummern ATU 1202 und ATU 1281 zu, beides Schwanktypen aus dem Umfeld der sogenannten Einfaltspinsel- oder Schildbürgergeschichten, in denen die Unwissenheit einer Dorf- oder Inselgemeinschaft gegenüber einem eigentlich alltäglichen Gegenstand oder Vorgang zur komischen Pointe wird.

Diese Mehrfachklassifikation macht deutlich, warum Die drei Glückskinder in der Forschung nicht als Zaubermärchen (ATU 300–749), sondern als Schwank (ATU 1200–1999) geführt wird: Es gibt keine Zauberhelfer, keine Verwandlungen und keine übernatürlichen Gegenspieler, sondern ausschließlich menschliche List und menschliche Naivität als Antriebskräfte der Handlung.

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Strukturanalyse

Weil Die drei Glückskinder ein Schwank und kein Zaubermärchen ist, trägt die Handlung nicht die klassische Heldenreise mit Aufbruch, Prüfung und Rückkehr in verwandelter Gestalt. Stattdessen folgt der Text einer additiven, dreifach parallelisierten Struktur: Dieselbe Grundsituation (Verkaufsversuch scheitert auf dem Festland, gelingt auf einer unwissenden Insel) wird dreimal mit wachsendem Ertrag durchgespielt, vom Esel über das Pferd bis zum Maulesel voller Gold. Diese Wiederholung mit Steigerung ist ein typisches Bauprinzip des Schwanks und erzeugt komischen Rhythmus statt psychologischer Tiefe.

Erst der Schluss durchbricht dieses Muster: Wo man nach drei erfolgreichen Handelsgeschäften ein rundes, harmonisches Ende erwarten würde, kippt die Erzählung in eine vierte, ungeplante Episode, die auf einem Missverständnis beruht und mit Zerstörung statt mit Gewinn endet. Diese Volte gibt dem Text seine eigentliche Pointe: Nicht Gegenstände sind das Problem, sondern das Nichtverstehen einer fremden Sprache, in diesem Fall der Sprache eines Tiers.

  1. 1Erbe: Der Vater verteilt drei alltägliche Gegenstände statt Geld oder Zaubermitteln.
  2. 2Scheitern auf vertrautem Boden: Auf dem Festland ist keiner der Gegenstände etwas Besonderes.
  3. 3Die unwissende Insel: Jeder Bruder findet einen Ort, an dem der Gegenstand unbekannt und daher wertvoll ist.
  4. 4Verkauf und Steigerung: Jeder Handel bringt mehr Gold als der vorherige.
  5. 5Kippmoment: Das Miauen der Katze wird missverstanden und führt zur Zerstörung des Schlosses, ein Ende ohne Wiedergutmachung.

Zentrale Motive lassen sich tabellarisch als wiederkehrende Symbole lesen, wobei bei einem Schwank Vorsicht vor Überinterpretation geboten ist: Anders als im Zaubermärchen tragen die Objekte hier in erster Linie eine erzähllogische, keine tiefensymbolische Funktion.

Motiv Erzählfunktion Mögliche Deutung
Der Hahn Wird als lebende Uhr verkauft, die die Nacht strukturiert Symbol für Zeitherrschaft und Ordnung, traditionell auch mit Wachsamkeit assoziiert
Die Sense Ersetzt eine gefährliche, verschwenderische Erntemethode Werkzeug der Zivilisation und Effizienz, kein Todessymbol wie in anderen Kontexten
Die Katze Löst die Mäuseplage, verursacht aber durch Miauen ein tödliches Missverständnis Grenze der Verständigung zwischen Mensch und Tier, Ambivalenz von Nutzen und Bedrohung
Die Insel Abgeschlossener Raum ohne Kontakt zur restlichen Welt Erzählerischer Kunstgriff, um radikale Unwissenheit plausibel zu machen

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Figurenanalyse

Der Vater: Er tritt nur in der Eröffnungsszene auf und bleibt namenlos. Seine Funktion beschränkt sich auf den Auslöser der Handlung und die Formulierung der zentralen Lebensweisheit des Textes: Nicht der materielle Wert eines Dings entscheidet über sein Glück, sondern der kluge Umgang damit. Anders als der Vater in klassischen Zaubermärchen sendet er seine Söhne nicht auf eine Prüfung, sondern gibt ihnen ein wirtschaftliches Prinzip mit auf den Weg.

Die drei Brüder: Sie bleiben nahezu ununterscheidbar. Keiner erhält einen Namen, keiner eine individuelle Charaktereigenschaft, die ihn von den anderen abhebt. Diese Austauschbarkeit ist im Schwank funktional: Die Brüder sind weniger Personen als Trägerfiguren für ein wiederholbares Verkaufsprinzip. Ihre einzige gemeinsame Eigenschaft ist unternehmerischer Pragmatismus, keiner zweifelt am väterlichen Rat, keiner gibt vorzeitig auf.

Die Inselbewohner: Sie erscheinen stets als Kollektiv, nie als Einzelpersonen, mit Ausnahme des Königs auf der dritten Insel. Ihre erzählerische Funktion ist die des naiven Gegenübers, dessen Unwissenheit die Pointe jeder Episode liefert. Der Text nimmt dabei durchgehend die Perspektive der Brüder ein, die Inselbewohner werden nie innerlich gezeigt, ihre Angst und ihr Erschrecken bleiben äußerlich beschriebene Reaktionen.

Die Katze: Sie ist die einzige Figur, die über die Verkaufsepisode hinaus eine eigene kleine Handlung bekommt, und zugleich die einzige, die nicht sprechen kann, obwohl gerade sie im Zentrum des sprachlichen Missverständnisses steht. Diese Konstruktion, eine stumme Figur als Auslöser einer Katastrophe der Kommunikation, ist die eigentliche erzählerische Pointe des Schlusses.

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Tiefenpsychologische Lesart

Für Die drei Glückskinder existiert keine nennenswerte tiefenpsychologische Spezialliteratur, und das mit gutem Grund: Der Text weist keine der klassischen Merkmale auf, die die Jungsche Märchendeutung oder Bettelheims Ansatz voraussetzen, weder eine Reifungskrise der Hauptfigur noch archetypische Gegenspieler wie Hexe oder Stiefmutter, weder eine Bedrohung, die überwunden werden muss, noch eine innere Entwicklung der Brüder. Eine forcierte Individuationsdeutung würde dem Text mehr psychologische Tiefe unterstellen, als er trägt.

Sinnvoller lässt sich die Geschichte mit dem Konzept der Trickster-Figur beschreiben, wie es in der Erzählforschung für listenreiche, moralisch nicht eindeutig positive Helden verwendet wird. Die drei Brüder handeln nicht aus Not oder Tugend, sondern aus ökonomischem Kalkül, sie nutzen einen Wissensvorsprung gezielt aus. Das bringt sie in die Nähe von Schelmenfiguren wie dem gestiefelten Kater oder Till Eulenspiegel, wenn auch ohne deren offene Regelverletzung. Interessant ist dabei die Asymmetrie am Textende: Die Katze, die selbst keine Trickfigur ist, sondern schlicht Durst hat, wird ungewollt zur Auslöserin einer Katastrophe, die niemand beabsichtigt hat. Der Text bricht damit sein eigenes Erfolgsmuster und lässt offen, ob am Ende überhaupt jemand gewonnen hat.

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Sozialkritische Lesart

Die drei Glückskinder lässt sich als frühes Beispiel einer Kontaktnarrative lesen, wie sie im Europa des 18. und frühen 19. Jahrhunderts im Kontext von Handelsreisen und kolonialer Expansion verbreitet waren: Ein technisch oder kulturell überlegener Reisender trifft auf eine isolierte, unwissende Bevölkerung und verschafft sich daraus einen Vorteil. Die Insel-Bewohner werden durchgehend als Objekte der Belehrung und des Spotts inszeniert, ihre Unwissenheit ist komisch gemeint, aber sie beruht auf einem Machtgefälle, das der Text nicht hinterfragt, sondern voraussetzt. Für eine heutige Lektüre lohnt sich hier ein Blick mit medienkritischem Bewusstsein: Wer im Text als naiv dargestellt wird und wer als klug, folgt einem Muster, das sich in der europäischen Erzähltradition bis in die Kolonialliteratur hinein wiederfindet, ohne dass Die drei Glückskinder selbst einen konkreten historischen Schauplatz benennt.

Eine zweite, eng verwandte Lesart betrifft die Ökonomie des Textes selbst. Reichtum entsteht hier nicht durch Arbeit, Tugend oder Zauberhilfe, sondern durch Informationsasymmetrie: Wer weiß, was der andere nicht weiß, kann daraus Kapital schlagen. Das bringt den Schwank in die Nähe früher Kaufmannserzählungen und lässt sich als kommentarloses Porträt eines beginnenden globalen Handelsdenkens lesen, in dem der Wert eines Guts nicht objektiv, sondern durch Nachfrage und Unwissenheit bestimmt wird, eine Beobachtung, die durchaus auch als leise Marktkritik gelesen werden kann.

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Internationale Parallelen

Das Motiv des dritten Bruders, der eine Katze in ein mäuseverseuchtes, fernes Land verkauft, gehört zu den international am breitesten belegten Schwankmotiven überhaupt. Es ist als ATU 1651 unter dem Namen Whittingtons Katze bekannt, nach der englischen Legende um Dick Whittington, den mehrfachen Bürgermeister von London im 14. und 15. Jahrhundert, dessen sagenhafter Aufstieg zum Vermögen der Überlieferung nach mit dem Verkauf einer Katze begann. Die Kombination aller drei Tiere, Hahn, Sense und Katze, in einer einzigen Rahmenhandlung ist dagegen seltener und findet sich in ähnlicher Form vor allem in einer französischen Fassung.

Land / Tradition Titel Besonderheit
England Dick Whittington and His Cat Bekannteste Fassung des Typs ATU 1651, an eine historische Figur angelehnte Stadtlegende
Frankreich Die drei Brüder, oder die Katze, der Hahn und die Leiter Nahe strukturelle Parallele mit ähnlicher Rahmenhandlung um mehrere Brüder und Tiere
Italien Die Katzen, die ihren Herrn reich machten Variante des Katzenmotivs im italienischen Sammlungsraum
Russland Die drei Kopeken Osteuropäische Variante mit vergleichbarem Handelsmotiv
Philippinen Der arme Mann und seine drei Söhne Belegt die weite Verbreitung des Typs bis in außereuropäische Erzähltraditionen

Nicht zu verwechseln ist dieser Erzähltyp mit Charles Perraults Der gestiefelte Kater (1697), der zwar ebenfalls eine Katze als Vermittlerin von Reichtum zeigt, aber einem anderen ATU-Typ (545B) angehört: Dort handelt die Katze selbst listig und aktiv im Sinne ihres Herrn, während sie in Die drei Glückskinder allein durch ihre natürliche Fähigkeit, Mäuse zu fangen, nützlich wird und am Ende gerade durch ihr artgemäßes Verhalten ein Unglück auslöst.

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Rezeptionsgeschichte

Verglichen mit den großen Zaubermärchen der Sammlung, etwa Aschenputtel oder Sneewittchen, gehört Die drei Glückskinder zu den weniger bekannten und seltener adaptierten Texten der Kinder- und Hausmärchen. Eine große, bildstarke Verfilmungstradition wie bei den klassischen Prinzessinnen- und Zauberstoffen ist für dieses Märchen nicht belegt. Es lebt vor allem in Vorlese- und Hörbuchfassungen, illustrierten Gesamtausgaben und gelegentlichen Bühnenbearbeitungen für ein junges Publikum fort. Konkrete Angaben zu einzelnen Adaptionen sind uneinheitlich dokumentiert und sollten im Einzelfall geprüft werden, bevor sie als gesicherte Rezeptionsgeschichte zitiert werden.

Innerhalb der Forschung wird der Text vor allem als Beispiel für die Schwank-Gattung innerhalb der Grimmschen Sammlung herangezogen, die neben den bekannteren Zaubermärchen einen eigenen, humoristisch geprägten Erzählstrang bildet. Jack Zipes hat in seinen Arbeiten zur sozialen Funktion der Grimm-Märchen wiederholt betont, dass gerade die Schwänke der Sammlung Alltagswissen, ökonomisches Denken und Gesellschaftskritik in unterhaltsamer Form transportieren, eine Beobachtung, die sich gut auf Die drei Glückskinder übertragen lässt.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text der Ausgabe letzter Hand bewahrt einige charakteristische Züge der Grimmschen Erzählsprache des 19. Jahrhunderts. Auffällig ist die häufige Verwendung des Konjunktivs und älterer Verbformen wie „geriets ihm doch“ oder „so ist euer Glück gemacht“, die den Text sprachlich deutlich von moderner Prosa abheben. Der ländlich-handwerkliche Wortschatz rund um Sense, Halm und Ähre verortet die Geschichte in einer bäuerlichen Lebenswelt, während die höfische Szenerie der dritten Episode, mit Rat, Herold und Edelknabe, einen bewussten Kontrast zur einfachen Insel- und Bauernwelt der ersten beiden Episoden setzt.

Der Titel selbst spielt mit der doppelten Bedeutung des deutschen Wortes Glück, das sowohl Zufall und Fügung als auch materiellen Wohlstand bezeichnen kann. Diese Ambivalenz ist Programm: Die Brüder haben nicht einfach Glück im Sinne von Zufall, sie erarbeiten sich ihr Glück im Sinne von Reichtum durch geschicktes Handeln, während der Schluss der Geschichte zeigt, dass auch dieses erarbeitete Glück jederzeit kippen kann.

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Für Schule und Unterricht · Klasse 5–13

  • Klasse 5–6: Die Handlung in eigenen Worten nacherzählen und die drei Episoden in einer kleinen Bildergeschichte darstellen.
  • Klasse 7–8: Die Verkaufsreden der drei Brüder analysieren und mit modernen Werbetexten vergleichen: Welche rhetorischen Mittel nutzen beide?
  • Klasse 9–10: Die ATU-Typologie recherchieren und die englische Legende von Dick Whittington mit der Katzen-Episode vergleichen.
  • Oberstufe / Klasse 11–13: Die Darstellung der Inselbewohner sozial- und diskurskritisch untersuchen und mit Perraults Der gestiefelte Kater als Kontrastfolie vergleichen.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 70), Ausgabe letzter Hand, hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.), Stuttgart 1994

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm, Bd. 3, Reclam 1994, S. 131–132, 473 · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, de Gruyter 2008, S. 168–169 · ATU-Typennummern 1650, 1202, 1281, 1651 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Vergleichstexte: Charles Perrault, Der gestiefelte Kater, in: Contes (1697), ATU 545B · die Legende von Dick Whittington and His Cat (englische Stadtlegende, ATU 1651)

Gesellschaft und Gattung: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Jack Zipes, Breaking the Magic Spell (1979) · zur Herkunft aus dem Haxthausen-Kreis: Heinz Rölleke, Forschungsaufsätze zu den Gewährsleuten der Kinder- und Hausmärchen

Häufige Fragen zu Die drei Glückskinder

Ein sterbender Vater hinterlässt seinen drei Söhnen einen Hahn, eine Sense und eine Katze. Jeder Sohn zieht los, um diese eigentlich alltäglichen Gegenstände zu verkaufen, und wird erst auf einer Insel reich, deren Bewohner Hahn, Sense oder Katze noch nicht kennen. Am Ende sorgt ein Missverständnis um die durstige Katze dafür, dass ein ganzes Schloss niedergeschossen wird.
Nein. Es handelt sich um einen Schwank, eine Gattung der Kinder- und Hausmärchen, die ohne Magie auskommt und stattdessen auf List, Situationskomik und die Ausnutzung von Unwissenheit setzt.
Der Aarne-Thompson-Uther-Index ordnet das Märchen gleich vier Typen zu, ATU 1650, 1202, 1281 und 1651, da mehrere eigenständige Schwankmotive kombiniert werden. Am bekanntesten ist ATU 1651, international auch als Whittingtons Katze bekannt.
Die Brüder Grimm vermerkten als Quelle die Familie von Haxthausen aus dem Paderborner Raum. Das Märchen kam erst mit der zweiten Auflage von 1819 in die Sammlung und ersetzte dort ein Märchen namens Der Okerlo, das in der Erstauflage von 1812 an dieser Stelle stand.
Ja, vor allem zur englischen Legende von Dick Whittington und seiner Katze. Verwandte Fassungen mit denselben drei Tieren, Hahn, Sense und Katze, finden sich unter anderem in Frankreich, weitere Varianten des Katzenmotivs in Italien, Russland und auf den Philippinen.
Der Text eignet sich ab Klasse 5 für Nacherzählung und Werbeanalyse, ab Klasse 9 für ATU-Typologie und Vergleich mit internationalen Fassungen, und in der Oberstufe für sozialkritische und diskursanalytische Lesarten.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 70. München 1977, S. 384–387.