Unterschiede zwischen Märchen und Fabeln
Inhaltsverzeichnis
- Auf einen Blick
- Für die Grundschule (Klasse 2–4)
- Etymologie & historische Genese
- Das Märchen – Morphologie des Wunderbaren
- Die Fabel – Funktionale Architektur der Vernunft
- Systematischer Vergleich
- Lessing & Fabeltheorie der Aufklärung
- Volksmärchen vs. Kunstmärchen
- Das Antimärchen
- Verwandte Gattungen
- Häufige Fragen (FAQ)
- Aufgaben & Arbeitsthemen nach Stufe / Semester
Einleitung
Auf einen Blick
Kernthese
Beide Gattungen erzählen von Tieren, die sprechen – und sind dennoch grundverschieden. Das Märchen nährt die Hoffnung auf eine gerechte Welt. Die Fabel schärft den Verstand für diese.
| Merkmal | Märchen | Fabel |
|---|---|---|
| Etymologie | mhd. maerlîn (kleine Kunde) | lat. fabula (Geschichte, Gespräch) |
| Ursprung | Mündliche Überlieferung, anonym | Bekannte Autoren (Äsop, Phaedrus, Lessing) |
| Hauptfiguren | Menschen, magische Wesen, Tierwandlungen | Personifizierte Tiere, Pflanzen |
| Handlungsort | Phantasiewelt, abstrakt | Ein einziger, oft abstrakter Ort |
| Zeitrahmen | Unbestimmte Vergangenheit («Es war einmal») | Punktuelle Gegenwart / Situation |
| Magische Elemente | Wesentlich, treibende Kraft | Fehlen; Fokus auf Logik |
| Ende | Fast immer: Happy End | Moralische Lehre (oft schmerzhaft) |
| Figuren-Entwicklung | Held reift durch Prüfungen | Statisch – keine Wandlung |
| Umfang | Länger, ausschmückend | Kurz, auf das Wesentliche reduziert |
| Zielsetzung | Unterhaltung, Wunschdenken, emotionale Tiefe | Belehrung, Sozialkritik, Vernunft |
Für den Unterricht · Klasse 2–4
Für die Grundschule – einfach erklärt
Hinweis für Lehrerinnen und Lehrer
Dieser Abschnitt ist sprachlich vereinfacht. Die Merkmale lassen sich direkt als Tafelanschrieb oder Lückentext verwenden.
Was ist ein Märchen?
Ein Märchen ist eine Geschichte, in der es Zauberei gibt. Es passieren Dinge, die in der echten Welt nicht möglich sind. Am Anfang ist oft alles schlimm – jemand ist arm oder allein. Am Ende wird alles gut.
Bekannte Beispiele
Schneewittchen, Rotkäppchen, Aschenputtel, Hänsel und Gretel, Rapunzel, Das tapfere Schneiderlein
Typische Märchen-Merkmale (Tafelanschrieb):
- Beginnt mit „Es war einmal …"
- Es gibt Magie, Hexen, Zwerge, sprechende Tiere
- Der Gute gewinnt am Ende immer
- Es gibt keine echten Orte oder Daten
- Die Zahlen 3 und 7 kommen oft vor
Was ist eine Fabel?
Eine Fabel ist auch eine Geschichte mit Tieren – aber diese Tiere stehen für Menschen. Der Fuchs ist immer schlau und listig. Der Wolf ist immer gierig. Am Ende lernt man etwas Wichtiges – das nennt man die Moral.
Bekannte Beispiele
Der Rabe und der Fuchs, Der Wolf und das Lamm, Die Grille und die Ameise
Typische Fabel-Merkmale (Tafelanschrieb):
- Tiere handeln wie Menschen
- Am Ende steht eine Lehre (die Moral)
- Die Geschichte ist kurz
- Es gibt keine Magie
- Jedes Tier hat immer dieselbe Eigenschaft
Merksatz für die Klasse
Im Märchen passiert Zauberei – am Ende wird alles gut.
In der Fabel zeigen Tiere, wie Menschen sich benehmen – am Ende lernt man etwas.

Historische Grundlagen
Etymologie & historische Genese
Der Begriff „Märchen" leitet sich als Diminutiv vom mittelhochdeutschen mære ab – ursprünglich „Kunde", „Bericht" oder „Erzählung". Die Verkleinerungsform signalisiert eine Entfernung von seriöser Berichterstattung ins Fiktionale. Historisch handelt es sich um Prosatexte aus fast allen Kulturkreisen, die mündlich überliefert wurden, bevor sie im 19. Jahrhundert – maßgeblich durch die Brüder Grimm – schriftlich fixiert wurden.
Die „Fabel" findet ihren sprachlichen Ursprung im lateinischen fabula (Geschichte, Gespräch). Seit dem 18. Jahrhundert ist sie als Gattungsbegriff für Tiererzählungen mit moralischer Lehre etabliert. Ihre Geschichte reicht bis in die Antike zurück: Äsop (Griechenland) und Phaedrus (Rom) gelten als Gründerväter der Gattung.
Überlieferung im Vergleich
Während das Volksmärchen kollektiv und anonym überliefert wurde, ist die Fabel stärker an namentlich bekannte Autoren gebunden. Diese Einzelautorschaft ermöglichte die theoretische Reflexion der Gattung – etwa durch Lessings Abhandlungen über die Fabel (1759).
Gattungsanalyse
Das Märchen – Morphologie des Wunderbaren
Das Märchen konstruiert eine Welt, in der das Übernatürliche nicht als Bruch mit der Realität gilt, sondern als deren selbstverständlicher Bestandteil. Diese Eindimensionalität führt dazu, dass Figuren im Märchen nicht über Zauberei staunen: Ein sprechendes Tier oder eine Verwandlung wird als gegeben hingenommen.
Strukturelle Konstanten und Formelhaftigkeit
Die formelhafte Sprache ist ein Kernmerkmal des Volksmärchens. Einleitungen wie „Es war einmal…" und Schlüsse wie „…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" entheben die Geschichte einer konkreten zeitlichen Fixierung. Handlungsorte wie „der dunkle Wald" oder „das goldene Schloss" fungieren als Symbole – nicht als geographische Realitäten. Der typische Aufbau folgt einem festen Schema: Mangelsituation → Prüfung → Belohnung.
Figurengestaltung: Typen, keine Charaktere
Märchenfiguren sind Typen, reduziert auf einen einzigen Charakterzug. Diese Polarität ist essenziell: Gut vs. Böse, Schön vs. Hässlich, Klug vs. Dumm. Grauzonen existieren im Volksmärchen kaum. Figuren bleiben oft namenlos: „der Müller", „die Prinzessin", „Aschenputtel".
Zahlensymbolik und magische Requisiten
Die Zahlen 3, 7 und 12 strukturieren Märchenhandlungen rhythmisch und ermöglichten die mündliche Überlieferung. Requisiten – vergiftete Äpfel, gläserne Pantoffeln, sprechende Spiegel – greifen aktiv in die Handlung ein und ermöglichen Wendungen, die in realistischen Erzählformen unmöglich wären.
Gattungsanalyse
Die Fabel – Funktionale Architektur der Vernunft
Im Gegensatz zur expansiven Märchenwelt ist die Fabel eine kondensierte Erzählform mit klarem didaktischem Ziel. Sie will nicht in eine Traumwelt entführen, sondern dem Leser einen Spiegel vorhalten – zur Reflexion über gesellschaftliche Missstände oder persönliche Schwächen.
Der dreigliedrige Aufbau
Schritt 1
Ausgangssituation (Erzählteil)
Figuren und Situation werden knapp eingeführt. Oft treffen zwei Tiere mit gegensätzlichen Eigenschaften aufeinander.
Schritt 2
Konfliktsituation (Dialogteil)
Im Gespräch oder durch Aktion prallen Interessen aufeinander. Die Charaktertypen der Tiere verfestigen sich.
Schritt 3
Lösung und Moral (Epimythion / Promythion)
Der Konflikt wird entschieden. Die Lehre steht am Ende (Epimythion) oder am Anfang (Promythion) – sie muss zwingend aus der Handlung folgen.
Fabeltiere als soziale Masken
Das markanteste Merkmal der Fabel ist die Personifikation von Tieren. Da die Charakterzuschreibungen dem Leser bekannt sind, kann die Fabel auf Beschreibungen verzichten – der Konflikt steht sofort im Vordergrund. Historisch dienten Tiere als Schutzschild, um Kritik an Mächtigen zu üben („Sklavendichtung").
| Tier | Fabelname | Stereotype Eigenschaft |
|---|---|---|
| Fuchs | Reineke | Listig, schlau, durchtrieben |
| Wolf | Isegrim | Gierig, rücksichtslos, böse |
| Löwe | Rex | Stolz, stark, königlich |
| Bär | Meister Petz | Gutmütig, etwas tölpelhaft |
| Rabe | — | Eitel, leichtgläubig |
| Lamm | — | Unschuldig, wehrlos |
Vergleichende Analyse
Systematischer Vergleich
Magie vs. Rationalität
Im Märchen ist Magie treibende Kraft. Die Weltordnung ist moralisch: Das Gute siegt fast zwangsläufig. Die Fabel folgt der Logik sozialer Machtverhältnisse – ohne magische Intervention. Die Fabel lehrt Klugheit in einer oft ungerechten Welt; das Märchen nährt die Hoffnung auf eine gerechte.
Handlungsraum und Zeitstruktur
Das Märchen benötigt Raum für Entwicklung: Der Held zieht in die Welt, bewährt sich, kehrt verwandelt zurück (Wandermotiv). Die Fabel ist extrem verdichtet: ein Moment, ein Ort, keine Nebenhandlung – alles auf den zentralen Konflikt fokussiert.
Die Funktion des Tiers
Tiere im Märchen sind magische Helfer oder verwunschene Menschen. In der Fabel ist das Tier eine Maske für den Menschen – es gibt keine Rückverwandlung, weil das Tier bereits der Mensch ist.
| Vergleichspunkt | Märchen | Fabel |
|---|---|---|
| Magie | Essenziell, Wunder sind normal | Fehlt; Fokus auf Logik |
| Ende | Happy End (Erlösung / Belohnung) | Moralische Lehre (oft schmerzhaft) |
| Entwicklung | Held reift durch Prüfungen | Figuren statisch, keine Wandlung |
| Weltbild | Dualistisch: Gut vs. Böse | Realistisch / satirisch: Klug vs. Dumm |
| Tier-Funktion | Helfer oder verwunschener Mensch | Maske für menschlichen Charakter |
Literaturtheorie · Aufklärung
Lessing und die Fabeltheorie der Aufklärung
Im Zeitalter der Aufklärung erlebte die Fabel durch Gotthold Ephraim Lessing eine theoretische Neufundierung. In seinen Abhandlungen über die Fabel (1759) kritisierte er die zeitgenössische Fabeldichtung als zu verspielt und dekorativ.
Die Fabel ist die Zurückführung eines allgemeinen moralischen Satzes auf einen besonderen Fall. — Gotthold Ephraim Lessing, Abhandlungen über die Fabel (1759)
Abgrenzung von der Poesie
Lessing wandte sich gegen La Fontaine, der Fabeln in kunstvolle Verse kleidete. Für ihn war die Fabel kein poetisches Kunstwerk, sondern ein logisches Konstrukt: Die Moral dürfe nicht nachträglich angehängt sein, sondern die gesamte Handlung müsse zwingend auf sie hinführen.
Anschauende Erkenntnis
Lessings zentrales Konzept: Der Leser soll die Moral unmittelbar erkennen. Wenn ein Wolf ein Lamm angreift, ist das Verhältnis von Tyrannei und Unschuld sofort präsent – ohne weitere Erklärung.
Promythion vs. Epimythion
Promythion: Die Moral steht am Anfang der Fabel – als These, die dann illustriert wird.
Epimythion: Die Moral steht am Ende – als Schlussfolgerung aus der Handlung. Diese Form entspricht eher Lessings Ideal.
Interne Differenzierung
Volksmärchen vs. Kunstmärchen
| Merkmal | Volksmärchen | Kunstmärchen |
|---|---|---|
| Autor | Anonym (Kollektivgut) | Namentlich bekannt |
| Beispiele | Grimm, Perrault | Andersen, Hoffmann, Wilde |
| Psychologie | Keine; flache Typen | Tiefgreifend; Figuren entwickeln sich |
| Sprache | Einfach, formelhaft | Kunstvoll, bildreich, individuell |
| Ende | Immer glücklich | Oft tragisch oder offen |
| Weltanschauung | Wiederherstellung idealer Ordnung | Reflexion persönlicher / philosophischer Fragen |
Moderne Literatur
Das Antimärchen – wenn die Struktur kippt
Das Antimärchen nutzt die Strukturen des klassischen Märchens, kehrt sie aber ins Gegenteil: keine Erlösung, kein Happy End, keine helfende Magie – oft als Ausdruck einer gesellschaftskritischen Weltanschauung.
Büchner: Woyzeck – Das Märchen der Großmutter
Das Märchen der Großmutter beginnt wie ein klassisches Märchen über ein einsames Kind – doch statt auf Helfer zu treffen, findet das Kind nur eine tote, leere Welt vor. Die Himmelskörper entpuppen sich als faules Holz. Keine Erlösung, keine Helferfigur.
Kafka: Die Verwandlung
Das phantastische Element – die Verwandlung in ein Ungeziefer – führt nicht zur Erlösung, sondern zur totalen Isolation und zum Tod. Das Wunder ist umgekehrt: Es entstellt, statt zu befreien.
Gattungsabgrenzung
Verwandte Gattungen im Überblick
| Gattung | Fokus | Wahrheitsanspruch | Typisches Ende |
|---|---|---|---|
| Märchen | Wunderbares Abenteuer | Rein fiktiv | Belohnung / Glücklich |
| Fabel | Moralische Lehre | Beispielhaft-fiktiv | Erkenntnis (oft hart) |
| Sage | Lokale / hist. Erklärung | Beansprucht Realitätskern | Oft tragisch |
| Legende | Religiöses Vorbild | Historisch-religiös | Erbaulich / heilig |
| Parabel | Allgemeine Wahrheit | Modellhaft-gleichnishaft | Offen / rätselhaft |
Fabel vs. Parabel – der feine Unterschied
In der Parabel handeln meist Menschen in modellhaften, realitätsnahen Situationen. Die Übertragung auf eine allgemeine Wahrheit ist schwieriger und oft mehrdeutig – besonders bei modernen Parabeln (z.B. Kafka). Die Fabel bietet eine klarere, direktere Moral.
Häufige Fragen
FAQ
Für Unterricht & Studium
Aufgaben & Arbeitsthemen nach Stufe
Hier findest du nach Klassenstufe gegliederte Unterrichtsaufgaben, Hausaufgaben, Klausurthemen und Seminararbeitsthemen zum Thema Märchen und Fabel.
Unterrichtsaufgaben & Übungen
- Sortier-Übung: Schneide Bilder aus (sprechender Spiegel, Fuchs mit Käse, Hexe, Wolf) aus und lege sie in zwei Stapel: „Märchen" und „Fabel". Begründe deine Wahl mündlich.
- Lückentext: Fülle die Lücken aus: „Ein Märchen beginnt mit ________ und endet meistens _______. In einer Fabel handeln ________ wie Menschen, und am Ende steht die ________."
- Bild zeichnen: Zeichne eine Szene aus einem Märchen und eine aus einer Fabel. Was ist der größte Unterschied in deinen Bildern?
- Klassenrunde: Die Lehrerin liest den Anfang von zwei Texten vor. Die Klasse entscheidet per Handzeichen: Märchen oder Fabel? Warum?
- Mini-Fabel schreiben: Schreibe mit drei Sätzen eine eigene kleine Fabel. Welches Tier tritt auf? Was lernt man am Ende?
Hausaufgaben
- Lies die Fabel „Der Rabe und der Fuchs" und male das Tier, das am Ende verliert. Schreibe darunter: Was hat es falsch gemacht?
- Frage jemanden zu Hause: Was ist dein Lieblingsmärchen? Schreibe auf, ob es Magie gibt und ob es gut endet.
- Erfinde ein Tier für eine Fabel und zeichne es. Welche Eigenschaft hat es immer? (z.B. immer faul, immer tapfer)
Kleine Prüfungsaufgabe (mündlich / schriftlich)
- Nenne zwei Merkmale eines Märchens und zwei Merkmale einer Fabel.
- Ist „Rotkäppchen" ein Märchen oder eine Fabel? Erkläre mit einem Satz warum.
- Was ist die Moral? Erkläre das Wort mit eigenen Worten und nenne ein Beispiel.
Unterrichtsaufgaben & Übungen
- Textvergleich: Lest „Aschenputtel" (Grimm) und „Der Wolf und das Lamm" (Äsop). Erstellt gemeinsam eine Tabelle mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Struktur, Figuren und Botschaft.
- Gattungs-Detektive: Analysiert fünf kurze, unbekannte Texte und entscheidet: Märchen, Fabel, Sage oder Parabel? Begründet mit mindestens zwei Textbelegen pro Text.
- Eigene Fabel schreiben: Schreibt eine Fabel (max. 1 Seite) zu einem aktuellen Thema eurer Wahl (z.B. Social Media, Klimaschutz). Welches Tier steht für welche Haltung?
- Rollenspiel: Spielt eine Fabelszene nach (z.B. Fuchs und Rabe) und diskutiert: Wer hat Recht? Ist die Moral fair?
- Bilderbuch vs. Fabelsammlung: Vergleicht die Sprache in einem Grimm-Märchen mit der in einer Lessing-Fabel. Welche Sätze sind länger? Welcher Text wirkt feierlicher, welcher nüchterner?
Hausaufgaben
- Lies Lessings Fabel „Der Besitzer des Bogens" und schreibe in 3–5 Sätzen: Was ist die Moral, und stimmt ihr ihr zu? Begründe.
- Schreibe das Ende von „Schneewittchen" so um, dass daraus eine Fabel wird: Kein Happy End, stattdessen eine Moral. Was verändert sich?
- Recherchiere eine Fabel aus einer anderen Kultur (z.B. afrikanisch, indisch). Was hat sie mit den europäischen Fabeln gemeinsam, was ist anders?
Klausuraufgaben
- Textanalyse (30 Min.): Analysiert den vorliegenden unbekannten Text: Bestimmt die Gattung, begründet sie mit drei Textmerkmalen und nennt die zentrale Aussage.
- Vergleichsaufgabe: Erklärt in einem strukturierten Text (ca. 200 Wörter) den Unterschied zwischen Märchen und Fabel. Geht auf Figuren, Struktur und Ziel der jeweiligen Gattung ein.
- Kreativaufgabe: Schreibt eine eigene Fabel (max. ½ Seite) und erklärt in zwei Sätzen, welche menschliche Schwäche ihr damit illustrieren wolltet.
Unterrichtsaufgaben & Übungen
- Theorievergleich: Lest Lessings Auszüge aus den Abhandlungen über die Fabel und La Fontaines Vorwort zu seinen Fables. Erstellt eine argumentative Gegenüberstellung: Wessen Fabelkonzept überzeugt euch mehr und warum?
- Antimärchen-Analyse: Analysiert das „Märchen der Großmutter" aus Büchners Woyzeck. Welche Märchenstrukturen werden aufgerufen, welche gezielt gebrochen? Was sagt das über Büchners Gesellschaftskritik aus?
- Kafka lesen: Diskutiert, ob Die Verwandlung als Antimärchen, als Parabel oder als keines von beidem gelten kann. Entwickelt eine gemeinsame Argumentation mit Textbelegen.
- Moderne Fabel schreiben: Verfasst eine Fabel im Sinne Lessings (kurz, trocken, zwingend in der Moral) zu einem gesellschaftspolitischen Thema. Präsentiert und verteidigt eure Tier-Wahl.
- Gattungstheorie anwenden: Ordnet fünf kurze Texte aus dem 20./21. Jh. den Gattungen Märchen, Fabel, Parabel oder Antimärchen zu. Begründet mit gattungstheoretischen Kategorien.
Hausaufgaben
- Lest Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" und argumentiert schriftlich: Handelt es sich um ein Volks- oder Kunstmärchen? Wo liegen die Grenzen der Gattungszuordnung?
- Schreibt eine Parodie auf eine klassische Fabel, die deren Moral bewusst unterläuft. Erläutert in einem Begleittext, welche rhetorischen Mittel ihr eingesetzt habt.
- Recherchiert den Begriff „Sklavendichtung" im Kontext der Fabel. Inwiefern lässt sich dieses Konzept auf moderne politische Satire übertragen?
Klausur- & Abituraufgaben
- Textanalyse und -interpretation: Analysiert den vorliegenden Text (Fabel oder Märchen-Fragment) in Bezug auf Struktur, Figurengestaltung, Sprache und Gattungszugehörigkeit. Nehmt abschließend Stellung zur zentralen Aussage.
- Vergleichende Analyse: Vergleicht Lessings Fabel „Der Löwe und der Hase" mit La Fontaines gleichnamiger Bearbeitung. Inwiefern unterscheiden sich die Erzählhaltungen und die Funktion der Moral?
- Erörterung: „Die Fabel ist keine Dichtung, sondern Logik." Erörtert diese These Lessings unter Einbeziehung eigener Lektüreerfahrungen und nehmt abschließend Stellung.
- Kreativ-Aufgabe mit Reflexion: Verfasst ein Antimärchen (max. 1 Seite) und erläutert in einem Kommentar (ca. 200 Wörter), welche Märchenstrukturen ihr bewusst gebrochen habt und welche Wirkungsabsicht ihr verfolgt.
Seminar- & Übungsaufgaben
- Morphologie-Analyse: Wende Wladimir Propps Morphologie des Märchens auf zwei Grimm-Texte an. Welche seiner 31 Funktionen lassen sich nachweisen? Wo scheitert das Modell?
- Fabeltheorie im Vergleich: Lessing vs. La Fontaine vs. Phaedrus: Erarbeitet im Seminar eine Synopse der drei Fabelpoetiken. Welche Gemeinsamkeiten und Brüche zeigen sich in Bezug auf Funktion, Stil und Moral?
- Intertextualitäts-Analyse: Untersucht, welche Märchenstrukturen in einem modernen Roman eurer Wahl (z.B. Angela Carter: The Bloody Chamber) aufgerufen und dekonstruiert werden.
- Psychoanalytische Lektüre: Lest Bruno Bettelheims Kinder brauchen Märchen und diskutiert: Ist seine psychoanalytische Deutung des Märchens methodisch überzeugend? Welche Kritik lässt sich formulieren?
- Diskursanalyse: Analysiert, wie Märchen im 19. Jahrhundert von den Brüdern Grimm als nationales Kulturgut konstruiert wurden. Welche Texte wurden verändert, weggelassen oder hinzugefügt – und aus welchen Gründen?
Hausarbeitsthemen (BA / MA)
- Die Eindimensionalität des Märchens nach Max Lüthi: Analyse und kritische Überprüfung am Beispiel ausgewählter Grimm-Texte.
- Lessings Fabelpoetik und ihre Rezeption im 18. und 19. Jahrhundert: Zwischen Aufklärungsphilosophie und literarischer Praxis.
- Das Antimärchen als literarische Subversion: Strukturelle Brüche bei Georg Büchner und Franz Kafka im Vergleich.
- Tiere als soziale Masken: Die Funktion der Personifikation in der äsopischen Fabel und ihrer neuzeitlichen Rezeption bei La Fontaine und Lessing.
- Märchen und Gender: Weibliche Figurentypen im Volksmärchen zwischen Passivität und Handlungsmacht – eine feministische Relektüre.
- Volkserzählung und nationale Identität: Die editorische Praxis der Brüder Grimm als kulturpolitisches Projekt.
- Vom Volks- zum Kunstmärchen: Gattungsevolution bei Hans Christian Andersen und E.T.A. Hoffmann im Vergleich.
- Die Parabel als offene Form: Kafkas Gattungsexperiment zwischen Fabel, Märchen und philosophischem Gleichnis.
Klausur- & Prüfungsaufgaben
- Textanalyse (90 Min.): Analysiert den vorliegenden unbekannten Text gattungstheoretisch. Bestimmt Gattung und Subgattung, belegt eure Zuordnung mit strukturellen, sprachlichen und funktionalen Kriterien und diskutiert mögliche Grenzen der Gattungszuordnung.
- Theorieaufgabe: Erläutert Lessings Konzept der „anschauenden Erkenntnis" und diskutiert, inwiefern es sich von einem rhetorischen Verständnis der Fabel als Überzeugungsmittel unterscheidet.
- Vergleichende Analyse: Vergleicht Propps strukturale Märchenanalyse mit Lüthis phänomenologischem Ansatz. Welche Erklärungsreichweite hat jedes Modell, wo stoßen sie an Grenzen?
- Essayaufgabe: Diskutiert die These: „Märchen und Fabel sind nicht zwei Gattungen, sondern zwei Weltanschauungen." Entwickelt eine eigenständige Argumentation unter Bezug auf mindestens zwei Primärtexte und eine literaturtheoretische Position.