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Schneewittchen (Sneewittchen)

Schneewittchen | Vollständiger Märchentext
19:05

 

Das Wichtigste in Kürze

Was ist Schneewittchen – und warum lesen es Millionen Menschen noch heute?

  • Vollständiger Originaltext der Gebrüder Grimm (1812) auf dieser Seite – inklusive der ursprünglichen Schreibweise »Sneewittchen«
  • Kernthemen: Neid, Schönheit als gesellschaftlicher Druck, Individuation – und die Frage, was Mütter und Töchter einander antun können
  • Drei Mordversuche der Stiefmutter: Schnürriemen, vergifteter Kamm, Giftapfel – jeder gescheitert durch die sieben Zwerge
  • Urfassung 1812: Die Mörderin war die leibliche Mutter – eine Entscheidung, die die Grimms 1819 aus gesellschaftlichem Druck heraus korrigierten

Was steht im Originaltext von Schneewittchen? (Vollständige Fassung)

Der folgende Text gibt die Fassung der Gebrüder Grimm wieder – inklusive der alten Schreibweise Sneewittchen, die auf Niederdeutsch »Schneeweißchen« bedeutet. Für Eltern beim Vorlesen und Kinder ab Klasse 3.

"

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich »hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.« Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und ward darum das Sneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig, und konnte nicht leiden, daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie

»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«

so antwortete der Spiegel

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.«

Da war sie zufrieden, denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit sagte.

Sneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als es sieben Jahre alt war, war es so schön wie der klare Tag, und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte

»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«

so antwortete er

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.«

Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so haßte sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach »bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.«

Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Sneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen und sprach »ach, lieber Jäger, laß mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heim kommen.« Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleid und sprach »so lauf hin, du armes Kind.«

Und als gerade ein junger Frischling dahergesprungen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus, und brachte sie als Wahrzeichen der Königin mit. Der Koch mußte sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie auf und meinte, sie hätte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen.

Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelig allein, und ward ihm so angst, daß es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wußte, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, solange nur die Füße noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen.

In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, daß es nicht zu sagen ist. Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblein, und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Sneewittchen aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs und Brot, und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein. Hernach legte es sich in ein Bettchen, aber keins paßte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war: und darin blieb es liegen und schlief ein.

Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Häuslein ward, sahen sie, daß jemand darin gewesen war.

Der erste sprach »wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?« — Der zweite »wer hat von meinem Tellerchen gegessen?« — Der dritte »wer hat von meinem Brötchen genommen?« — Der vierte »wer hat von meinem Gemüschen gegessen?« — Der fünfte »wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?« — Der sechste »wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?« — Der siebente »wer hat aus meinem Becherlein getrunken?«

Der siebente Zwerg erblickte Sneewittchen, das in seinem Bett lag und schlief. Nun rief er die andern, die kamen herbeigelaufen, und schrien vor Verwunderung. »Ei, du mein Gott! was ist das Kind so schön!« riefen sie, und hatten so große Freude, daß sie es nicht aufweckten.

Als es Morgen war, erwachte Sneewittchen und erschrak. Die Zwerge aber waren freundlich: »willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, so kannst du bei uns bleiben.« »Ja,« sagte Sneewittchen, »von Herzen gern.« — Sie warnten es: »hüte dich vor deiner Stiefmutter; laß ja niemand herein.«

Die Königin trat vor ihren Spiegel und sprach

»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«

Da antwortete der Spiegel

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Sneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.«

Da erschrak sie, und sann aufs neue, wie sie es umbringen wollte. Sie verkleidete sich als alte Krämerin, ging über die sieben Berge und schnürte Sneewittchen mit einem buntseidenen Schnürriemen so fest, daß dem Sneewittchen der Atem verging, und es für tot hinfiel. — Nicht lange darauf kamen die sieben Zwerge nach Haus, schnitten den Schnürriemen entzwei, und Sneewittchen ward wieder lebendig.

Das böse Weib sann aufs neue und machte mit Hexenkünsten einen giftigen Kamm. Als sie ihn Sneewittchen in die Haare steckte, wirkte das Gift, und das Mädchen fiel ohne Besinnung nieder. Auch diesmal retteten die Zwerge sie.

»Sneewittchen soll sterben,« rief die Königin, »und wenn es mein eignes Leben kostet.« Darauf machte sie einen giftigen Apfel – äußerlich schön, weiß mit roten Backen, aber wer davon aß, mußte sterben. Nur die rote Hälfte war vergiftet. Als Sneewittchen einen Bissen davon aß, fiel es tot zur Erde nieder.

»Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken.«

Und als sie daheim den Spiegel befragte, antwortete er endlich

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.«

Die Zwerglein fanden Sneewittchen tot. Sie ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf. Nun lag Sneewittchen lange lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus, als wenn es schliefe.

Es geschah aber, daß ein Königssohn in den Wald geriet. »Ich kann nicht leben, ohne Sneewittchen zu sehen,« sprach er, und die guten Zwerglein gaben ihm den Sarg. Da geschah es, daß seine Diener über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr der giftige Apfelgrütz aus dem Hals. Sneewittchen öffnete die Augen und war wieder lebendig. »Komm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden.« Und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet.

Zu dem Fest wurde auch Sneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Der Spiegel hatte ihr gesagt

»Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.«

Und wie sie hineintrat, erkannte sie Sneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.

Die archaischen Wurzeln von Sneewittchen
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Die archaischen Wurzeln von Sneewittchen
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Was bedeutet Schneewittchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen

Schneewittchen erzählt auf der Oberfläche von einem schönen Mädchen, einer bösen Königin und sieben Zwergen. Darunter liegt eine Geschichte über Neid, Macht und die Frage, wie weit Menschen gehen, wenn ihr Selbstbild bedroht wird. Diese zweite Ebene macht das Märchen bis heute wirksam; im Kinderzimmer genauso wie im Literaturkurs.

Welche Kernthemen trägt das Märchen?

  • Neid als Triebkraft: Die Königin verliert nicht durch äußere Feinde, sondern durch ihre eigene Obsession: ein Mechanismus, den Kinder intuitiv verstehen
  • Schönheit als Währung: Im Märchen ist Schönheit nicht Geschenk, sondern Machtfaktor und damit Bedrohung
  • Naivität hat Konsequenzen: Schneewittchen ignoriert dreimal dieselbe Warnung: das Märchen verurteilt sie dafür nicht, zeigt aber die Folgen
  • Gemeinschaft rettet: Die Zwerge sind keine Kulisse, sie sind die eigentliche Schutzstruktur, die Schneewittchen zweimal das Leben rettet
  • Gerechtigkeit ist nicht sanft: Das Ende – die glühenden Eisenpantoffeln – ist für heutige Leser fremd, war 1812 aber eine funktionale Strafe, die das moralische Gleichgewicht wiederherstellt

Was sind die drei Mordversuche, und warum scheitern die ersten beiden, der dritte aber nicht?

Die Struktur der drei Versuche ist kein Zufall. Sie folgt dem Märchenprinzip der Wiederholung mit Steigerung: Jedes Werkzeug greift tiefer in Schneewittchens Körper ein, jedes nutzt eine andere Schwäche aus.

  1. 1Der Schnürriemen: Äußerliche Einengung, der Körper wird von außen kontrolliert. Die Zwerge schneiden den Riemen durch: die Rettung ist physisch und sofort. Schneewittchens Schwäche: Eitelkeit und Vertrauen in Fremde.
  2. 2Der vergiftete Kamm: Das Gift dringt über den Kopf ein, die Schwelle zur Innenwelt. Die Zwerge ziehen den Kamm heraus: noch reversibel. Schneewittchens Schwäche: Neugier trotz Verbot.
  3. 3Der Giftapfel: Das Gift kommt durch den Mund; von innen. Kein äußerlicher Eingriff kann es rückgängig machen. Nur der Zufall (das Stolpern) rettet sie. Schneewittchens Schwäche: Sie wird trotz aller Erfahrungen wieder übertölpelt.

Was lernen Kinder aus Schneewittchen?

  • Neid vergiftet zuerst den Neider: Die Königin verliert alles; nicht durch Schneewittchens Handeln, sondern durch ihr eigenes
  • Warnungen haben einen Grund: Die Zwerge warnen dreimal und dreimal hört Schneewittchen nicht. Das Märchen straft sie dafür, ohne sie zu verurteilen
  • Hilfe annehmen ist keine Schwäche: Schneewittchen überlebt, weil sie bei den Zwergen Schutz sucht und findet
  • Schönheit schützt nicht: Schneewittchens Schönheit macht sie nicht sicher; sie macht sie zur Zielscheibe

Für den Unterricht · Klasse 3–6

Ein guter Einstieg für Grundschule und Orientierungsstufe: »Warum lässt Schneewittchen die alte Frau dreimal herein, obwohl die Zwerge gewarnt haben?«

 

Diese Frage öffnet Gespräche über Vertrauen, Neugier und Konsequenzen, ohne moralisierend zu werden.

Archetypen, Magie und gesellschaftliche Bedeutung

Der folgende Teil richtet sich an alle, die Schneewittchen als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen; Studierende der Germanistik, Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft sowie literarisch interessierte Erwachsene.

Warum war die Antagonistin in der Urfassung 1812 die leibliche Mutter, und was ändert das?

Die erste gedruckte Fassung der Kinder- und Hausmärchen von 1812 zeigt eine fundamentale Abweichung vom heute bekannten Text: Die Frau, die Sneewittchen töten lässt, ist nicht die Stiefmutter, sondern die leibliche Mutter. Diese Entscheidung war den Grimms bewusst und ihre Rücknahme in der Ausgabe von 1819 war es ebenfalls.

Die Gründe für die Änderung sind dokumentiert: Wilhelm Grimm wollte das bürgerliche Ideal der »heiligen Mutter« schützen. Die Urfassung aber ist psychologisch radikaler. Sie thematisiert den Ur-Konflikt zwischen der nährenden und der verschlingenden Mutter; ein Motiv, das in zahlreichen Kulturen auftaucht und das C. G. Jung als Kernbestandteil des kollektiven Unbewussten beschreibt. Die biologische Mutter-Tochter-Beziehung verleiht dem Konflikt eine Dimension des Unheimlichen, die in der Stiefmutter-Variante strukturell entschärft wird: Eine böse Stiefmutter erklärt sich quasi von selbst. Eine leibliche Mutter, die ihre Tochter hasst und töten lässt, das ist eine narrative Provokation.

Textkritische Einordnung

Die früheste handschriftliche Fixierung datiert auf 1808 (die sog. »Ölenberger Handschrift«). Dort fehlt der Jäger noch vollständig. Die Mutter setzt das Kind im Wald aus, in der Hoffnung, es würde von wilden Tieren gefressen. Zwischen der Handschrift 1808, der Erstausgabe 1812 und der kanonischen Fassung 1857 liegen drei grundlegend verschiedene Texte, die jeweils andere kulturelle Annahmen spiegeln.

Version Jahr Antagonistin Wiederbelebung
Ölenberger Handschrift 1808 Leibliche Mutter, kein Jäger Nicht dokumentiert
Erstausgabe KHM 1812 Leibliche Mutter Schlag eines wütenden Dieners
Überarbeitung 1819 Stiefmutter Stolpern der Diener
Ausgabe letzter Hand 1857 Stiefmutter (kanonisch) Stolpern → »Kuss« (populäre Rezeption)

Was symbolisiert der Spiegel und warum ist er keine Nebenfigur?

Der Spiegel ist die einzige Figur im Märchen, die nicht lügt. Er ist der Antagonist der Königin, nicht Schneewittchen: Indem er unbestechlich die Wahrheit ausspricht, zerstört er den narzisstischen Wahn, den die Königin zur Grundlage ihrer Identität gemacht hat. Die tägliche Befragung »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?« ist kein Ritual der Eitelkeit, sondern ein Akt der Selbstvergewisserung. Ohne diese externe Bestätigung existiert die Königin nicht als Subjekt.

In der Forschung wird der Spiegel häufig als Vorwegnahme dessen gelesen, was die Sozialpsychologie später den »Male Gaze« nennen würde: Der Blick, der Frauen ihren Wert zuweist, ist nicht ihr eigener, sondern ein internalisierter fremder Blick, hier buchstäblich als Objekt materialisiert. Die Königin hat diesen Blick so vollständig verinnerlicht, dass sie ihn täglich befragen muss, um sich ihrer selbst zu versichern.

Welche Rolle spielt Magie im Märchen und was sagt sie über Schönheit?

Die Magie in Schneewittchen ist ausschließlich Werkzeug der Antagonistin. Schneewittchen selbst besitzt keine übernatürlichen Fähigkeiten, ihre »Kraft« ist passive Schönheit und passive Güte. Die böse Königin hingegen beherrscht Verkleidung, Giftmischerei und Hexenkünste. Das ist strukturell bedeutsam: Magie steht hier für die aktive, aber moralisch korrumpierte Handlungsmacht.

Die drei vergifteten Gegenstände sind alle Objekte der Verschönerung oder Versorgung: Schnürriemen, Kamm, Apfel. Die Königin nutzt die Sphäre des Weiblichen (Kleidung, Haarpflege, Nahrung) als Waffenkammer. Das ist keine zufällige Wahl: Es ist eine Perversion der häuslichen Fürsorge, die als Mutterfigur verkleidet daherkommt.

Wie spiegelt Schneewittchen gesellschaftliche Erwartungen an Frauen wider?

Das Märchen konstruiert zwei komplementäre Frauenbilder, die beide scheitern oder leiden: die aktive, machtbewusste Frau (Königin), die zerstört wird, und die passive, schöne Frau (Schneewittchen), die gerettet werden muss. Diese Dichotomie ist kein Fehler des Textes, sondern sein Spiegel: Er zeigt, was die Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts Frauen abverlangte und wozu es führte.

Bemerkenswert ist die Szene bei den Zwergen: Schneewittchens Aufnahme in die Haushaltsgemeinschaft ist an eine Bedingung geknüpft: sie soll kochen, waschen, nähen, für Ordnung sorgen. Schutz wird gegen Hausarbeit getauscht. In der Märchenforschung wird dies als Darstellung der bürgerlichen Sozialisation des 19. Jahrhunderts gelesen: Die Prinzessin wird zur Dienstmagd, bevor sie zur Königin werden darf.

Archetypen: Was Jung, Lüthi und Bettelheim in Schneewittchen sehen

Aus der Perspektive der tiefenpsychologischen Märchenforschung ist Schneewittchen ein Individu­ations­drama. C. G. Jung würde die Königin als den »negativen Mutterkomplex« beschreiben: die verschlingende, neidische Mutter als Schatten des Weiblichen, der die Tochter an ihrer Entwicklung hindert. Sneewittchen durchläuft in dieser Lesart eine klassische Heldenreise: Sie verlässt die Kindheit (das Schloss), durchquert das Unbewusste (den Wald), findet vorübergehend Schutz in einer Gemeinschaft (die Zwerge), erlebt eine symbolische Nahtoderfahrung (der Glassarg) und tritt schließlich als gereiftete Person wieder in die Welt ein.

Max Lüthi, der bedeutendste europäische Märchenforscher des 20. Jahrhunderts, beschreibt den Glassarg als Beispiel des »Schönheitsschocks«: Das Mädchen wird in ihrem passivsten Zustand (dem Scheintod) zum Objekt des Begehrens. Der Prinz in der Erstausgabe von 1812 zeigt dabei eine Obsession, die in späteren Fassungen getilgt wurde: Er lässt den Sarg überallhin tragen, wohin er geht. Erst der Schlag eines genervten Dieners, keine Magie, kein Kuss, befreit Schneewittchen in der Urfassung aus ihrem Zustand. Diese »Entzauberung durch Banalität« ist charakteristisch für die rohe Textgestalt von 1812.

Bruno Bettelheim schließlich sieht in den drei Mordversuchen eine Reifungsgeschichte: Jeder Angriff trifft eine andere Schicht: Körper, Geist, Seele. Erst wenn alle drei Schichten attackiert wurden, ist die Transformation vollständig. Der vergiftete Apfel ist in dieser Lesart nicht nur ein Mordwerkzeug, sondern ein Symbol für die Verführung durch äußeren Schein. Ein Motiv, das bis in die heutige Medienkultur nachwirkt.

Warum ist Schneewittchen heute noch relevant?

Die Fragen, die Schneewittchen aufwirft, sind strukturell dieselben geblieben: Wie viel Selbstwert knüpfen Menschen an äußere Bestätigung? Was passiert, wenn diese Bestätigung ausbleibt? Wie werden Frauen bewertet und von wem? Der Spiegel der Königin ist heute ein Algorithmus, der Likes zählt. Die Logik ist identisch.

Gleichzeitig lädt die Urfassung dazu ein, das Märchen neu zu lesen, nicht als harmlose Gute-Nacht-Geschichte, sondern als Dokument gesellschaftlicher Zustände: der Konstruktion von Weiblichkeit, der Angst vor dem Altern, der Frage, was Mütter ihren Töchtern vererben. Dass diese Fragen von den Grimms 1812 noch schärfer gestellt wurden als später, macht die Urfassung zu einem literarischen Fund, der weit über den Kinderzimmerkontext hinausweist.

Für Seminar und Hausarbeit

Einschlägige Primär- und Sekundärliteratur: Jacob & Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812, Faksimile-Ausgabe); Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947); Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1975); Jack Zipes, The Brothers Grimm: From Enchanted Forests to the Modern World (1988); sowie die kritisch-historische Edition von Heinz Rölleke.

Originaltext nach: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Ausgabe 1812/1819, Nr. 53. Vollständige digitale Ausgabe bei Zeno.org.