Sechse kommen durch die ganze Welt
Das Wichtigste in Kürze
Sechs Gefährten, ein betrogener König und ein Held, der auf die Prinzessin verzichtet: Warum KHM 71 aus dem Rahmen fällt.
- →Erst 1819 aufgenommen: Das Märchen fehlt in der Erstausgabe von 1812 vollständig und kommt erst mit der zweiten Auflage in die Sammlung.
- →ATU 513A, Wundergefährten: Der Typ gehört zur internationalen Familie der Zaubergefährten-Märchen und wurde durch die Grimm-Fassung populärer als die verwandte Erzählung Die sechs Diener.
- →Bruch mit der Heiratskonvention: Der Held wählt am Ende bewusst das Gold statt der Königstochter, ein seltener Regelbruch im Grimmschen Erzählschema.
- →Sozialkritischer Kern: Die Handlung beginnt mit der ungerechten Entlassung eines Soldaten, ein Motiv mit direktem Bezug zur napoleonischen Nachkriegszeit.
- →Bis nach Japan verfilmt: Rainer Simons DEFA-Verfilmung von 1972 wurde weit über die DDR hinaus, sogar in Japan und Vietnam, gezeigt.
Inhalt
- Originaltext: Sechse kommen durch die ganze Welt
- Publikationsgeschichte
- Quellengeschichte: Dorothea Viehmann und Zwehrn
- ATU-Typ 513A und internationale Verbreitung
- Sprachliche Besonderheiten
- Strukturanalyse
- Figurenanalyse
- Symboltabelle
- Tiefenpsychologische Lesart
- Kulturhistorischer Vergleich
- Sozialkritische Lesart
- Rezeptionsgeschichte: Von DEFA bis Theater
- Für Schule und Unterricht
- FAQ
Originaltext: Sechse kommen durch die ganze Welt
Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste: er diente im Krieg, und hielt sich brav und tapfer, aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. „Wart“, sprach er, „das laß ich mir nicht gefallen, finde ich die rechten Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes herausgeben.“ Da ging er voll Zorn in den Wald, und sah einen darin stehen, der hatte sechs Bäume ausgerupft, als wären’s Kornhalme. Sprach er zu ihm: „Willst du mein Diener sein und mit mir ziehen?“ „Ja“, antwortete er, „aber erst will ich meiner Mutter das Wellchen Holz heimbringen“, und nahm einen von den Bäumen und wickelte ihn um die fünf andern, hob die Welle auf die Schulter und trug sie fort.
Nach und nach fanden sich vier weitere Gefährten: ein Jäger, der auf zwei Meilen Entfernung einer Fliege das Auge herausschießen wollte, ein Bläser, der mit einem Nasenloch sieben Windmühlen antrieb, ein Läufer, der sich ein Bein abschnallte, um nicht zu schnell zu sein, und ein Mann mit einem Hütchen, das schief sitzen musste, weil sonst ein solcher Frost käme, dass die Vögel erfroren zur Erde fielen. Zu sechst zogen sie in eine Stadt, in der ein König demjenigen seine Tochter versprach, der sie im Wettlauf besiegte, verlöre er aber, sollte er den Kopf verlieren. Der Läufer trat für den Soldaten an, unterlag beinahe durch den Betrug der Königstochter, gewann das Rennen mit Hilfe des scharfsichtigen Jägers am Ende doch. Als der König die sechs Gefährten daraufhin in einer Kammer mit glühendem Eisenboden ersticken lassen wollte, rettete sie der Mann mit dem Hütchen durch einen jähen Frost.
Zuletzt bot der König dem Soldaten Gold an, um sein Recht auf die Königstochter aufzugeben, soviel sein Diener tragen könne. Der Starke ließ einen riesigen Sack nähen und packte den gesamten Schatz des Königreichs hinein, samt siebentausend Wagen und den vorgespannten Ochsen. Als der König daraufhin seine Reiterei aussandte, blies der Bläser zwei Regimenter mit einem Nasenloch in alle Winde. Die sechs zogen mit dem Reichtum heim, teilten ihn unter sich und lebten vergnügt bis an ihr Ende.
Zusammengefasste und gekürzte Wiedergabe. Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 71. München 1977, S. 387–392.
Diese Kurzfassung ersetzt nicht die Lektüre des vollständigen Textes, der in seiner Ausführlichkeit vor allem durch die wörtliche Rede und die formelhafte Wiederholung „wenn wir zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen“ lebt. Für die Analyse im Folgenden wird auf den vollständigen Wortlaut Bezug genommen.
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Publikationsgeschichte
Sechse kommen durch die ganze Welt gehört nicht zum ursprünglichen Bestand der Kinder- und Hausmärchen. In der Erstausgabe von 1812 sucht man das Märchen vergeblich. Erst mit der zweiten Auflage von 1819 nahmen Jacob und Wilhelm Grimm den Text an der Stelle 71 in die Sammlung auf, wo er seither steht. Diese späte Aufnahme ist kein Einzelfall: Die Grimms sammelten über Jahrzehnte weiter und ergänzten spätere Auflagen kontinuierlich um neu erhobenes Material, während sie gleichzeitig ältere Fassungen stilistisch überarbeiteten und, besonders unter Wilhelms Feder, sprachlich glätteten.
Für KHM 71 bedeutet das: Der Text, den heutige Leserinnen und Leser kennen, ist nicht die erste Verschriftlichung, sondern bereits eine redigierte Fassung, die im Vergleich zu Wilhelms früheren Bearbeitungen deutliche Spuren stilistischer Glättung trägt, etwa in der formelhaften Wiederholung der Anwerbesätze, die dem Text seinen charakteristischen Rhythmus gibt. Diese Wiederholungsstruktur ist typisch für die spätere Bearbeitungspraxis der Brüder, die mündliche Vorlagen bewusst in eine für die Lesestube geeignete, klanglich einprägsame Form brachten.
Wusstest du?
Die Brüder Grimm besaßen mit Die sechs Diener (KHM 134) ein zweites, eng verwandtes Märchen mit ganz ähnlichem Personal an Wundergefährten. Nach Hans-Jörg Uther wurde ausgerechnet die spätere Aufnahme, Sechse kommen durch die ganze Welt, im Lauf der Rezeption die deutlich populärere der beiden Fassungen.
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Quellengeschichte: Dorothea Viehmann und Zwehrn
In ihren eigenen Anmerkungen vermerkten die Grimms zu diesem Märchen knapp „Aus Zwehrn“. Zwehrn, ein Dorf nahe Kassel, ist untrennbar mit dem Namen Dorothea Viehmann verbunden, jener Gastwirtstochter mit hugenottischen Wurzeln, die den Brüdern zwischen 1813 und 1815 zahlreiche Erzählungen lieferte und lange als Inbegriff der schlichten, volkstümlichen Erzählerin galt, bis die Forschung ihr tatsächliches bürgerliches und mehrsprachig geprägtes Umfeld genauer rekonstruierte. Auch bei KHM 71 dürfte ihre Fassung die Textgrundlage gebildet haben, wobei die Grimm-Forschung darauf hinweist, dass Viehmanns Erzählungen in Details variierten. So enthielt eine ihr nahestehende, in Paderborn bekannte Version etwa ein zusätzliches Detail, wonach der Läufer sein überschüssiges Tempo nicht nur durch das abgeschnallte Bein, sondern durch eine am Bein befestigte Kanone bremste, ein Motiv, das die Grimms in ihren Anmerkungen festhielten, ohne es in den Haupttext zu übernehmen.
Für die internationale Verbreitung des Stoffes verwiesen die Grimms selbst auf eine französische Parallele in Chavis’ Cabinet des fées, wo die Gefährten unter klangvollen Namen wie Felsenspalter, Saufaus, Scharfaug, Gradaus, Vogelschnell, Starsrücken, Wolkenhascher und Aufbläser auftreten, deutlich zahlreicher als im deutschen Text, aber demselben Grundmuster folgend. Auch bei niederdeutschen und mitteldeutschen Sammlern wie Colshorn, Nr. 105, Peter Bär, oder Meier, Nr. 8, finden sich enge Verwandte der Erzählung, was auf eine breite mündliche Verankerung des Motivs im gesamten deutschsprachigen Raum vor der Verschriftlichung schließen lässt.
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ATU-Typ 513A und internationale Verbreitung
Sechse kommen durch die ganze Welt wird nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index als Typ ATU 513A klassifiziert und gehört damit zur größeren Familie ATU 513, den Erzählungen von den außergewöhnlichen Gefährten. Innerhalb dieser Familie unterscheidet die Forschung insbesondere zwei nahe verwandte Subtypen: ATU 513A, dem die Grimm-Fassung zugeordnet wird, und ATU 513B, dem die verwandte Erzählung Die sechs Diener entspricht. Beide Subtypen teilen das Grundgerüst, ein Held sammelt Gefährten mit einer einzigen, stark übertriebenen Fähigkeit und besteht mit ihrer Hilfe unmögliche Proben, unterscheiden sich aber in Details der Rahmenhandlung und im Ausgang.
Das Motiv der Wundergefährten selbst reicht weit über den europäischen Märchenschatz hinaus zurück. Bereits in der griechischen Argonautensage finden sich Gestalten mit übermenschlichen Einzelfähigkeiten, die gemeinsam ein Ziel erreichen, das keiner von ihnen allein erreichen könnte, ein struktureller Vorläufer des Kooperationsprinzips, das auch KHM 71 trägt. Die Episode der glühenden Eisenkammer wiederum, in der die sechs Gefährten durch übernatürliche Hilfe unversehrt bleiben, während der König sie ersticken will, weist eine auffällige Parallele zum Buch Daniel auf, in dem drei Männer einen Feuerofen unversehrt überstehen. Solche Bezüge deuten nicht auf direkte Abhängigkeit hin, sondern auf ein gemeinsames erzählerisches Grundmuster: die wundersame Rettung Unschuldiger aus tödlicher Bedrängnis durch Verbündete oder höhere Mächte.
| Fassung / Quelle | Herkunft | Besonderheit |
|---|---|---|
| KHM 71 (Grimm) | Zwehrn, wohl Dorothea Viehmann | Sechs Gefährten, Held verzichtet auf die Heirat und wählt Gold |
| Cabinet des fées (Chavis) | Frankreich, orientalisch geprägt | Acht statt sechs Gefährten mit sprechenden Namen |
| Peter Bär (Colshorn Nr. 105) | Niedersachsen | Regionale Parallelfassung desselben Grundmusters |
| Die sechs Diener (KHM 134) | Grimm-Sammlung, ATU 513B | Verwandter Subtyp, in der Rezeption weniger populär |
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Sprachliche Besonderheiten
Der Text trägt deutliche Spuren mündlicher Erzähltradition und mittelhessischer Umgangssprache. Formulierungen wie „das Wellchen Holz“ für ein Bündel Reisig oder die wiederkehrende Anwerbeformel „wenn wir [Zahl] zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen“ zeigen die formelhafte Wiederholungsstruktur, die für mündlich tradierte Erzählungen typisch ist und dem Publikum half, sich den Handlungsverlauf einzuprägen. Die wörtliche Rede dominiert weite Teile des Textes und verleiht den Figuren, trotz ihrer typenhaften Reduktion auf jeweils eine Fähigkeit, eine gewisse Lebendigkeit im Ton, etwa wenn der Herr den Läufer soldatisch anspricht: „du hast dir’s ja bequem gemacht zum Ausruhen“, oder den Mann mit dem Hütchen belehrend zurechtweist: „manierlich! manierlich! häng deinen Hut doch nicht auf ein Ohr, du siehst ja aus wie ein Hans Narr.“
Auffällig ist zudem die knappe, fast beiläufige Erzählweise bei den Wundertaten selbst. Der Starke reißt sechs Bäume aus, als wären es Kornhalme, ohne dass die Erzählung diesem Akt besonderes Gewicht verleiht. Diese Nüchternheit im Umgang mit dem Übernatürlichen ist ein Kennzeichen des Schwank- und Wundermärchens: Die Fähigkeiten der Gefährten werden nicht als Wunder im religiösen Sinn behandelt, sondern als selbstverständliche Gegebenheit, die der komischen und listenreichen Grundstimmung der Erzählung entspricht.
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Strukturanalyse
Die Handlung folgt einer klaren, additiven Kausalkette, die sich in drei Bewegungen gliedert: das Sammeln der Gefährten, die Bewährungsprobe am Königshof und die zweifache Vergeltung, zunächst der versuchte Mord, dann die List mit dem Goldsack. Bemerkenswert ist, dass die Erzählung auf die für Zaubermärchen typische Heldenreise mit Ausgangsmangel, Grenzüberschreitung, Prüfung und Rückkehr mit dem gewonnenen Objekt nur teilweise zutrifft. Der Ausgangsmangel, die ungerechte Entlassung mit kargem Zehrgeld, ist klar benannt, doch die Erzählung endet nicht mit einer Integration des Helden in eine neue soziale Ordnung durch Heirat, sondern mit einer bewussten Verweigerung dieser Integration.
- 1Ungerechte Entlassung: Der Soldat wird nach treuem Dienst mit drei Hellern abgespeist und schwört Vergeltung.
- 2Sammlung der Gefährten: Nacheinander schließen sich Starker, Jäger, Bläser, Läufer und Hütchenmann an, jeder mit genau einer übersteigerten Fähigkeit.
- 3Erste Probe, der Wettlauf: Der Läufer gewinnt trotz des Betrugs der Königstochter dank der Wachsamkeit des Jägers.
- 4Mordversuch: Der König versucht, die Gefährten in der glühenden Eisenkammer zu ersticken, der Hütchenmann rettet sie durch Frost.
- 5Auslösung: Der Soldat verlangt Gold, soviel sein Diener tragen kann, der Starke packt den gesamten Staatsschatz in einen Sack.
- 6Verfolgung und Sieg: Der König schickt Reiterei hinterher, der Bläser zerstreut sie in alle Winde, die sechs ziehen frei davon.
Die Erzählung folgt damit weniger dem Muster der individuellen Reifung als dem des additiven Schwanks: Jede neu gewonnene Fähigkeit löst exakt eine neu auftretende Bedrohung, ohne dass sich die Figuren untereinander oder gegenüber ihrer Aufgabe wesentlich verändern. Diese episodische, geradezu modulare Struktur, in der jede Figur genau eine Funktion erfüllt und die Handlung wie ein Räderwerk aus Einzelteilen zusammensetzt, ist charakteristisch für den Erzähltyp der Wundergefährten und unterscheidet ihn deutlich von den klassischen Einzelheldenmärchen mit Entwicklungsbogen.
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Figurenanalyse
Der namenlose Soldat ist die einzige Figur mit einer erkennbaren inneren Entwicklung, wenn auch eine sehr begrenzte: Aus dem gedemütigten, zornigen Mann zu Beginn wird ein selbstbewusster Anführer, der am Ende sogar auf den ihm zugesprochenen sozialen Aufstieg durch Heirat verzichtet. Er fungiert weniger als Kämpfer denn als Organisator und Verhandlungsführer, seine eigentliche Fähigkeit liegt darin, die richtigen Leute zu erkennen und zusammenzubringen.
Die fünf Gefährten, Starker, Jäger, Bläser, Läufer und der Mann mit dem schiefen Hütchen, sind auf jeweils eine einzige, ins Groteske gesteigerte Fähigkeit reduziert. Diese Typisierung ist kein erzählerischer Mangel, sondern das strukturelle Prinzip des Märchentyps: Jede Figur verkörpert eine Ressource, die genau einmal im Handlungsverlauf gebraucht wird, der Jäger beim Wettlauf, der Hütchenmann in der Eisenkammer, der Bläser bei der Verfolgung, der Starke beim Sack mit dem Gold. Psychologische Tiefe im Sinn individueller Motivation besitzen sie nicht, ihre Funktion ist strukturell, nicht charakterlich.
Die Königstochter nimmt eine für Grimm-Märchen ungewöhnliche Position ein: Sie ist nicht die zu befreiende oder zu gewinnende Figur, sondern eine aktive Gegenspielerin, die den Läufer im Wettlauf hinterlistig betrügt, indem sie seinen Krug ausleert. Ihre Handlung erfolgt in Komplizenschaft mit dem König, nicht als eigenständige Bosheit, sondern als Reaktion auf die drohende Zwangsheirat mit einem sozial niedrigstehenden, abgedankten Soldaten. Der König selbst verkörpert die willkürliche, wortbrüchige Herrschaft: Er stellt die Bedingungen des Wettkampfs auf, versucht sie zu unterlaufen, bricht mit dem Mordversuch offen sein eigenes Wort und wird am Ende doch gezwungen, sich zu fügen.
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Symboltabelle
| Motiv | Deutung |
|---|---|
| Der Wald | Ort außerhalb der höfischen Ordnung, an dem der entlassene Soldat auf Gestalten trifft, die von den Regeln der Gesellschaft nicht erfasst werden |
| Die Windmühlen | Bild für eine Ordnung, die scheinbar aus eigener Kraft läuft, tatsächlich aber von unsichtbarer, unterschätzter Arbeit angetrieben wird |
| Die eiserne Kammer | Falle der höfischen Gastfreundschaft, die sich als tödliche Bedrohung entpuppt, Sinnbild für den Wortbruch der Herrschenden |
| Das schiefe Hütchen | Verborgene, kontrollierte Macht, die absichtlich gedämpft getragen wird, damit sie nicht unkontrolliert Schaden anrichtet |
| Der Goldsack | Materialisierte Wiedergutmachung, die an die Stelle der erwarteten symbolischen Belohnung durch Heirat tritt |
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Tiefenpsychologische Lesart
Bei KHM 71 lohnt sich vorab eine methodische Klarstellung: Die klassische Jungsche oder Bettelheimsche Lesart, die Märchen als Bühne der Individuation oder der kindlichen Reifung versteht, trägt hier nur bedingt. Bruno Bettelheims Modell setzt in der Regel eine zentrale Heldenfigur voraus, die durch Prüfungen eine innere Entwicklung durchläuft und am Ende in Gestalt der Heirat eine neue, reifere Identität gewinnt. Genau dieser Abschluss fehlt: Der Soldat verzichtet bewusst auf die Königstochter, sein Ziel bleibt von Anfang bis Ende dasselbe, Wiedergutmachung in Form von Reichtum, nicht Wandlung.
Sinnvoller lässt sich der Text daher aus der Perspektive der Schwank- und Trickster-Forschung lesen, wie sie etwa in der vergleichenden Erzählforschung zu listenreichen Figuren beschrieben wird. Der Soldat handelt nicht als Held im klassischen Sinn, sondern als kluger Organisator, der mit List und der geschickten Bündelung fremder Fähigkeiten eine übermächtige Instanz überlistet, ein Muster, das der Trickster-Figur näher steht als dem individuierenden Märchenhelden. Wo Marie-Louise von Franz in ihren Arbeiten zur Schattenthematik in Märchen den ungerechten König durchaus als Verkörperung einer destruktiven, unintegrierten Machtfigur lesen würde, bleibt diese Deutung hier auf die gesellschaftliche Ebene beschränkt: Der König wird nicht innerlich gewandelt oder überwunden, sondern schlicht gezwungen, sein Wort zu halten. Die Erzählung interessiert sich weniger für die Psyche ihrer Figuren als für das gerechte Kräfteverhältnis zwischen Einzelnem und Macht, weshalb eine sozial- und machtkritische Lesart der psychologisierenden hier vorgezogen wird.
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Kulturhistorischer Vergleich
Eine direkte Entsprechung bei Charles Perrault fehlt, was für einen genuin deutschen und mitteleuropäischen Erzählkomplex spricht, der stärker im mündlichen Sagen- und Schwankgut Hessens und Niedersachsens verwurzelt ist als in der höfischen Feenmärchentradition Frankreichs des 17. Jahrhunderts. Auch bei Giambattista Basile findet sich kein unmittelbares Pendant, was den Befund stützt, dass der Wundergefährten-Stoff in seiner deutschen Ausprägung eher aus einer eigenständigen, mündlich breit gestreuten Tradition schöpft als aus der literarischen Feenmärchen-Linie Italiens und Frankreichs.
Interessanter ist der Vergleich innerhalb der eigenen Sammlung: Die Nähe zu Die sechs Diener (KHM 134) zeigt, wie die Grimms zwei Varianten desselben internationalen Typs parallel führten, ohne sie zu einer Fassung zu verschmelzen, ein Hinweis auf ihre grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber einer künstlichen Vereinheitlichung des gesammelten Materials. Auch die von den Grimms selbst notierte Verbindung zu Chavis’ Cabinet des fées zeigt, wie orientalisch geprägte Feenmärchen-Sammlungen und mitteleuropäisches Sagengut im frühen 19. Jahrhundert in denselben gelehrten Kreisen rezipiert und miteinander verglichen wurden, lange bevor eine systematische Typenforschung dies mit dem Aarne-Thompson-Index nachträglich ordnete.
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Sozialkritische Lesart
Der Ausgangspunkt der Erzählung, ein Soldat wird nach treuem Dienst mit einem lächerlich geringen Zehrgeld abgespeist, war für ein Publikum der napoleonischen und nachnapoleonischen Zeit alles andere als abstrakt. Die massenhafte Demobilisierung von Soldaten nach den Befreiungskriegen und die oft prekäre wirtschaftliche Lage entlassener Kriegsteilnehmer waren ein reales gesellschaftliches Problem im Hessen der 1810er Jahre, in dem die Grimms sammelten. Vor diesem Hintergrund liest sich die Erzählung, wie es auch in der neueren Forschung zur emanzipatorischen Dimension von Grimm-Märchen diskutiert wird, als Fantasie kollektiver Selbstbehauptung: Ein Einzelner, dem vom Staat übel mitgespielt wurde, verbündet sich mit anderen Außenseitern und erzwingt am Ende genau die Wiedergutmachung, die ihm die Obrigkeit verweigert hatte.
Bezeichnend ist dabei, dass der König gleich zweimal sein Wort bricht, zunächst durch den Versuch, die Gefährten in der Eisenkammer zu ermorden, dann durch den Versuch, ihnen den rechtmäßig gewonnenen Schatz mit der Reiterei wieder abzujagen. Die Erzählung zeichnet damit ein wenig schmeichelhaftes Bild höfischer Herrschaft, die Verträge nur so lange respektiert, wie sie ihr nutzen. In der von Jack Zipes geprägten Forschungsrichtung zur subversiven Funktion von Märchen wird genau dieses Muster, die Entlarvung willkürlicher Macht durch die kollektive List der Beherrschten, als zentrales Element der emanzipatorischen Lesart von Volksmärchen verstanden. Dass der Soldat am Ende bewusst auf die Heirat und damit auf die Integration in die höfische Ordnung verzichtet und stattdessen das Geld unter sich und seinen Gefährten aufteilt, lässt sich in diesem Licht auch als Ablehnung der feudalen Ordnung selbst lesen, nicht nur als deren Überwindung, sondern als bewusste Distanzierung von ihr.
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Rezeptionsgeschichte: Von DEFA bis Theater
Die bekannteste Verfilmung des Stoffes stammt aus der DDR: 1972 inszenierte Rainer Simon für die DEFA den Märchenfilm Sechse kommen durch die Welt mit dem tschechischen Schauspieler Jirí Menzel in der Rolle des Soldaten. Der Film hält sich nur lose an die Grimmsche Vorlage, ergänzt etwa eine zusätzliche weibliche Figur, das Schiefhütchen, und verstärkt die im Originaltext bereits angelegte Kritik an willkürlicher Macht zu einer bewusst ironischen, gesellschaftskritischen Parabel. Zeitgenössische DDR-Kritiken beschrieben den Film teils als schwermütig und die Figuren als mißmutig, was auf die subversiven, auf die eigene Gegenwart anspielenden Untertöne der Inszenierung hindeutet. Ungewöhnlich für eine DEFA-Produktion war der internationale Erfolg des Films: Er lief nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch 1975 in Vietnam und 1977 in Japan.
Noch im selben Jahr 1972 brachte das Theater der Freundschaft in Berlin eine eigene Bühnenfassung des Märchens heraus. Auch danach blieb der Stoff präsent, unter anderem in einer japanischen Zeichentrickadaption der Serie Gurimu Meisaku Gekijō sowie in verschiedenen Hörspiel- und Hörbuchfassungen, die den Originaltext der Grimms weitgehend unverändert vertonen. Diese anhaltende, plattformübergreifende Rezeption unterstreicht, wie gut sich die klar gegliederte, additive Struktur des Märchens für dramatische und filmische Bearbeitungen eignet.
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Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13
- →Klasse 6–7: Erstelle eine Steckbrief-Tabelle für jeden der sechs Gefährten mit Name, Fähigkeit und der Stelle, an der diese Fähigkeit im Text gebraucht wird.
- →Klasse 8–9: Vergleiche den Schluss des Märchens mit einem klassischen Grimm-Märchen deiner Wahl, in dem der Held die Königstochter heiratet. Was verändert sich, wenn der Held stattdessen das Geld wählt?
- →Klasse 10–11: Untersuche, wie der Text die Figur des Königs charakterisiert. Belege anhand konkreter Textstellen, an welchen Punkten er sein Wort bricht.
- →Klasse 12–13: Diskutiere anhand von Jack Zipes’ Konzept der subversiven Funktion von Volksmärchen, inwiefern Sechse kommen durch die ganze Welt als Kritik an feudaler Willkürherrschaft gelesen werden kann. Berücksichtige den historischen Kontext der napoleonischen Nachkriegszeit.
Für Seminar und Hausarbeit
Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 71), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Die sechs Diener (KHM 134)
Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU-Typennummer 513A bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales, auf Stith Thompsons Motif-Index of Folk-Literature aufbauend
Tiefenpsychologie und Erzählforschung: Marie-Louise von Franz, Shadow and Evil in Fairy Tales (1974) · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976), mit kritischer Einordnung seiner Grenzen für Schwankmärchen
Gesellschaft und Sozialgeschichte: Jack Zipes, Breaking the Magic Spell (1979) · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983)
Filmwissenschaft: Ingelore König, Dieter Wiedemann, Lothar Wolf (Hrsg.), Zwischen Marx und Muck. DEFA-Filme für Kinder (1996) · Corinna Alexandra Rader, Von wahren Kunstwelten. Szenographie im DEFA-Märchenfilm (2021)
Häufige Fragen zu Sechse kommen durch die ganze Welt
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 71. München 1977, S. 387–392.