Das kluge Gretel
Das Wichtigste in Kürze
Kein Volksmärchen, sondern eine Predigtgeschichte: Warum „Das kluge Gretel“ der ungewöhnlichste Text der ganzen Sammlung ist.
- →Keine mündliche Quelle: Die Grimms übernahmen den Text fast wörtlich aus einem katholischen Predigtbuch von 1710. Wilhelm Grimms Abschrift der Vorlage ist erhalten, ein Sonderfall in der gesamten Sammlung.
- →Erst ab 1819 dabei: In der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812 fehlt der Text vollständig. Er kam erst zwei Jahre später in die Sammlung.
- →Ein Schwank, kein Zaubermärchen: ATU 1741 ordnet den Text in eine internationale Gruppe von Erzählungen über listige Dienerinnen ein, die ihre Herrschaft überlisten.
- →Zwei „kluge“ Frauen, zwei Ausgänge: Neben Gretel trägt nur eine weitere Grimm-Figur den Beinamen „klug“ im Titel, die kluge Else. Nur Gretel kommt am Ende ungeschoren davon.
- →Ungewöhnlich unmoralisch: Gretel wird für Diebstahl, Lüge und Trunkenheit nicht bestraft, ein seltener Fall in einer Sammlung, die sonst meist Tugenden wie Fleiß und Gehorsam belohnt.
Inhalt
- Publikationsgeschichte: Ein Spätzugang zur Sammlung
- Herkunft: Ein Prediger statt einer Erzählerin
- Der Originaltext
- Schwank statt Zaubermärchen: Die ATU-Typologie
- Erzähllogik: Wiederholung als Motor der Komik
- Figurenanalyse: Drei Rollen, ein Machtgefälle
- Symbolik: Schuhe, Wein, Hühner, Ohren
- Die Trickster-Lesart
- Gretel und Else: Zwei „kluge“ Frauen
- Dienstboten, Herrschaft und die Angst vor der Küche
- Rezeptionsgeschichte
- FAQ
Publikationsgeschichte: Ein Spätzugang zur Sammlung
In der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812 sucht man „Das kluge Gretel“ vergeblich. Der Text fehlt vollständig und wurde erst für die zweite Auflage von 1819 aufgenommen, damals noch unter der Schreibweise „Das kluge Grethel“. Seither steht er unverändert an Position 77 der Sammlung und blieb bis zur letzten von Wilhelm Grimm redigierten Auflage von 1857 nur sprachlich geglättet, inhaltlich aber unverändert. Diese Spätaufnahme ist kein Zufall: Sie fällt in eine Phase, in der die Brüder Grimm ihr Corpus systematisch erweiterten und dabei zunehmend auf gedruckte Quellen zurückgriffen, nicht nur auf mündliche Gewährsleute wie Dorothea Viehmann oder die Familie Hassenpflug.
Für die Einordnung des Textes ist diese späte Aufnahme wichtig. Die Grimms sortierten ihre Sammlung nicht nach Erzähltyp, sondern nach Reihenfolge des Erwerbs, weshalb ein Schwank wie dieser unmittelbar neben Zaubermärchen wie „Die Nelke“ oder „Der alte Großvater und der Enkel“ steht. Wer die Sammlung als homogenes Ganzes liest, übersieht leicht, wie unterschiedlich die einzelnen Texte in Ton, Herkunft und Absicht tatsächlich sind.
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Herkunft: Ein Prediger statt einer Erzählerin
Die Textgeschichte von „Das kluge Gretel“ ist ein Sonderfall in der gesamten Sammlung. Während die meisten KHM-Texte auf mündliche Erzählungen zurückgehen, die von Gewährsleuten wie Marie Hassenpflug oder Dorothea Viehmann an die Grimms weitergegeben wurden, stammt dieser Text nachweislich aus einer gedruckten Quelle: Andreas Strobls Predigtsammlung „Ovum paschale novum oder neugefärbte Oster-Ayr“, erschienen 1710 in Salzburg. Strobl war katholischer Prediger, und sein Buch versammelt sogenannte Predigtexempel, kleine Erzählungen, die Geistliche in ihre Osterpredigten einbauten, um moralische Punkte zu illustrieren. Die Geschichte der essenden Köchin trägt bei Strobl den Titel „Oster-Märl“ und endet ursprünglich mit einer expliziten Moralisierung, die den Zuhörern die Lehre der Geschichte einschärft.
Wilhelm Grimm fertigte eine handschriftliche Abschrift von Strobls Text an, die bis heute erhalten ist. Sie erlaubt einen seltenen direkten Vergleich zwischen Quelle und Endfassung. Die Grimms kürzten die ausschweifenden Beschreibungen der Vorlage, strichen den belehrenden Schluss vollständig und fügten eigene Elemente hinzu, allen voran Gretels kunstvolle Ausreden für den fehlenden Braten. Aus einer moralischen Warnung an die Gemeinde wurde damit eine pointierte Schwankerzählung ohne erhobenen Zeigefinger. Diese Bearbeitung zeigt, wie aktiv die Brüder Grimm in ihre Quellen eingriffen, ein Befund, der dem verbreiteten Bild von den Grimms als bloßen Sammlern widerspricht.
Perrault und Basile bieten für diesen Text keine direkten Parallelen. Anders als bei Motiven wie Aschenputtel oder Dornröschen, die sich bis ins Pentamerone von 1634 oder in Perraults Contes von 1697 zurückverfolgen lassen, gehört „Das kluge Gretel“ zu einer eigenen europäischen Erzähltradition komischer Dienstbotengeschichten, die eher in Predigtliteratur und Schwanksammlungen als in höfischer Märchenliteratur überliefert wurde.
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Der Originaltext
Die folgende Fassung entspricht der letzten von Wilhelm Grimm redigierten Ausgabe von 1857 und ist damit die Version, die seither als kanonischer Text der Sammlung gilt.
Es war eine Köchin, die hieß Gretel, die trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, so drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich und dachte „du bist doch ein schönes Mädel.“ Und wenn sie nach Hause kam, so trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein, und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach „die Köchin muß wissen, wies Essen schmeckt.“
Es trug sich zu, daß der Herr einmal zu ihr sagte „Gretel, heut abend kommt ein Gast, richte mir zwei Hühner fein wohl zu.“ „Wills schon machen, Herr,“ antwortete Gretel. Nun stachs die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spieß, und brachte sie, wies gegen Abend ging, zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen. Da rief Gretel dem Herrn „kommt der Gast nicht, so muß ich die Hühner vom Feuer tun, ist aber Jammer und Schade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind.“ Sprach der Herr „so will ich nur selbst laufen und den Gast holen.“ Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte „so lange da beim Feuer stehen macht schwitzen und durstig, wer weiß, wann die kommen! derweil spring ich in den Keller und tue einen Schluck.“ Lief hinab, setzte einen Krug an, sprach „Gott gesegnes dir, Gretel,“ und tat einen guten Zug. „Der Wein hängt aneinander,“ sprachs weiter, „und ist nicht gut abbrechen,“ und tat noch einen ernsthaften Zug. Nun ging es und stellte die Hühner wieder übers Feuer, strich sie mit Butter und trieb den Spieß lustig herum. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Gretel „es könnte etwas fehlen, versucht muß er werden!“ schleckte mit dem Finger und sprach „ei, was sind die Hühner so gut! ist ja Sünd und Schand, daß man sie nicht gleich ißt!“ Lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käm, aber es sah niemand: stellte sich wieder zu den Hühnern, dachte „der eine Flügel verbrennt, besser ists, ich eß ihn weg.“ Also schnitt es ihn ab und aß ihn auf, und er schmeckte ihm, und wie es damit fertig war, dachte es „der andere muß auch herab, sonst merkt der Herr, daß etwas fehlt.“ Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging es wieder und schaute nach dem Herrn und sah ihn nicht. „Wer weiß,“ fiel ihm ein, „sie kommen wohl gar nicht und sind wo eingekehrt.“ Da sprachs „hei, Gretel, sei guter Dinge, das eine ist doch angegriffen, tu noch einen frischen Trunk und iß es vollends auf, wenns all ist, hast du Ruhe: warum soll die gute Gottesgabe umkommen?“ Also lief es noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk, und aß das eine Huhn in aller Freudigkeit auf. Wie das eine Huhn hinunter war und der Herr noch immer nicht kam, sah Gretel das andere an und sprach „wo das eine ist, muß das andere auch sein, die zwei gehören zusammen: was dem einen recht ist, das ist dem andern billig; ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte mirs nicht schaden.“ Also tat es noch einen herzhaften Trunk, und ließ das zweite Huhn wieder zum andern laufen.
Wie es so im besten Essen war, kam der Herr dahergegangen und rief „eil dich, Gretel, der Gast kommt gleich nach.“ „Ja, Herr, wills schon zurichten,“ antwortete Gretel. Der Herr sah indessen, ob der Tisch wohl gedeckt war, nahm das große Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang. Indem kam der Gast, klopfte sittig und höflich an der Haustüre. Gretel lief und schaute, wer da war, und als es den Gast sah, hielt es den Finger an den Mund und sprach „still! still! macht geschwind, daß Ihr wieder fortkommt, wenn Euch mein Herr erwischt, so seid Ihr unglücklich; er hat Euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anders im Sinn, als Euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur, wie er das Messer dazu wetzt.“ Der Gast hörte das Wetzen und eilte, was er konnte, die Stiegen wieder hinab. Gretel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief „da habt Ihr einen schönen Gast eingeladen!“ „Ei, warum, Gretel? was meinst du damit?“ „Ja,“ sagte es, „der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen.“ „Das ist feine Weise!“ sprach der Herr, und ward ihm leid um die schönen Hühner, „wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir was zu essen geblieben wäre.“ Er rief ihm nach, er sollte bleiben, aber der Gast tat, als hörte er es nicht. Da lief er hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie „nur eins! nur eins!“ und meinte, der Gast sollte ihm nur ein Huhn lassen und nicht alle beide nehmen: der Gast aber meinte nicht anders, als er sollte eins von seinen Ohren hergeben, und lief, als wenn Feuer unter ihm brennte, damit er sie beide heim brächte.
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 77. München 1977, S. 401–403.
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Schwank statt Zaubermärchen: Die ATU-Typologie
„Das kluge Gretel“ gehört zur Gattung des Schwanks, nicht zum Zaubermärchen. Der Unterschied ist mehr als eine formale Randnotiz. Ein Zaubermärchen wie „Aschenputtel“ oder „Dornröschen“ funktioniert über eine Heldenreise mit übernatürlichen Helfern, Prüfungen und einer symbolischen Reifung der Hauptfigur. Ein Schwank dagegen bleibt in der diesseitigen, alltäglichen Welt, kennt keine Magie und löst seinen Konflikt allein durch List, Sprachwitz oder Dummheit einer Figur. International wird der Text als ATU 1741 klassifiziert, einem Typ, der in der Forschung unter Bezeichnungen wie „Trickster Wives and Maids“ oder „The Guest Flees to Save His Ears“ geführt wird. Varianten dieses Typs finden sich in zahlreichen europäischen Traditionen, meist mit derselben Grundkonstellation: Eine Dienerin verschlingt heimlich das für einen Gast bestimmte Essen und rettet sich durch eine Lüge, die den Gast in Panik versetzt.
Diese Typenzugehörigkeit hat unmittelbare Konsequenzen für die Interpretation. Wo Zaubermärchen sich als Ausdruck seelischer Entwicklungsprozesse lesen lassen, funktionieren Schwänke über die Freude am Regelbruch selbst. Die komische Wirkung entsteht nicht aus einer Reifung der Figur, sondern aus der Diskrepanz zwischen dem, was die Hauptfigur tut, und dem, was gesellschaftliche Normen von ihr erwarten würden.
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Erzähllogik: Wiederholung als Motor der Komik
Der Text folgt keiner Dreizahl-Struktur, wie sie für Zaubermärchen typisch ist, sondern einer eskalierenden Kausalkette aus Rechtfertigungen. Jede Handlung Gretels erzeugt eine neue Notlage, die wiederum eine neue, noch dreistere Rechtfertigung nötig macht:
- 1Gretel trinkt Wein, weil das Warten durstig macht.
- 2Sie probiert einen Flügel, weil der Braten so gut riecht.
- 3Sie isst den zweiten Flügel, damit der erste nicht auffällt.
- 4Sie isst das ganze erste Huhn, weil es „angegriffen“ ist.
- 5Sie isst das zweite Huhn, weil beide zusammengehören.
Jeder Schritt argumentiert mit derselben scheinbaren Logik wie der vorherige, wodurch der Text seine eigene Rhetorik der Rechtfertigung offenlegt und ironisiert. Die eigentliche Pointe folgt erst danach, wenn Gretel dieselbe rhetorische Geschicklichkeit einsetzt, um nicht nur sich selbst, sondern auch noch den Gast zu manipulieren. Das Schlussbild, in dem Herr und Gast aneinander vorbeireden, weil beide das Wort „eins“ unterschiedlich verstehen, funktioniert als klassisches Missverständnis-Finale, wie es auch aus der Stegreifkomödie bekannt ist: eine geschlossene Dreieckskonstellation aus Herrschaft, Dienerin und Außenstehendem, in der die Auflösung durch Sprachverwirrung statt durch Erkenntnis erfolgt.
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Figurenanalyse: Drei Rollen, ein Machtgefälle
Gretel
Gretel ist keine passive Dienerin, sondern eine Figur mit eigenem Vergnügen an ihrer Position: Sie trägt Schuhe mit roten Absätzen, tanzt beim Nachhausegehen vor sich hin und formuliert für jede ihrer Handlungen eine eigene, in sich stimmige Rechtfertigung. Anders als etwa Aschenputtel oder Goldmarie in „Frau Holle“, deren Tugend in Fleiß und Selbstlosigkeit besteht, definiert sich Gretel über Genuss und Selbstfürsorge. Sie handelt nie aus Not, sondern aus Lust, und sie wird für dieses Verhalten am Ende nicht bestraft, sondern belohnt.
Der Herr
Der namenlose Hausherr fungiert als Autoritätsfigur, die durchweg zu spät kommt und zu langsam begreift. Sein zentraler Fehler ist sprachlicher Natur: Seine verzweifelte Formulierung „nur eins! nur eins!“ ist objektiv eindeutig gemeint, wird aber vom fliehenden Gast im schlimmstmöglichen Sinn verstanden. Der Herr verliert nicht durch eine Fehlentscheidung, sondern durch die Doppeldeutigkeit der eigenen Sprache, die die um ihn herum agierenden Figuren gegen ihn wenden.
Der Gast
Der Gast tritt erst spät auf und bleibt vollkommen passiv gegenüber Gretels Behauptungen. Seine Funktion ist rein strukturell: Er liefert die Zielscheibe für Gretels zweite Lüge und die komische Pointe des Textes. Seine überstürzte Flucht, motiviert durch die bloße Behauptung einer drohenden Verstümmelung, macht ihn zur eigentlich lächerlichsten Figur der Geschichte, obwohl er selbst gar nichts falsch gemacht hat.
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Symbolik: Schuhe, Wein, Hühner, Ohren
| Symbol | Textstelle | Deutung |
|---|---|---|
| Rote Schuhabsätze | Eröffnungssatz | Eitelkeit und Selbstgenuss außerhalb der Dienstpflicht, ein untypischer Zug für eine Magdfigur der Sammlung |
| Wein | Wiederkehrend | Enthemmung als Auslöser für jede weitere Regelverletzung, jeder Schluck rechtfertigt den nächsten Übergriff |
| Die zwei Hühner | Zentrales Motiv | Statussymbol der Gastgeberpflicht; ihr Verschwinden bedroht das soziale Ansehen des Herrn, nicht seinen Hunger |
| Das gewetzte Messer | Schlussszene | Harmloses Küchenwerkzeug, das durch Gretels Behauptung zur Bedrohung uminterpretiert wird, reine Bedeutungsverschiebung ohne reale Gefahr |
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Die Trickster-Lesart
Bruno Bettelheims tiefenpsychologisches Modell, das Zaubermärchen als Bewältigung kindlicher Entwicklungskrisen liest, greift bei diesem Text nicht. Gretel durchläuft keine Reifung, löst keinen inneren Konflikt und steht am Ende nicht klüger da als zu Beginn, sie hat lediglich mehr gegessen und niemanden zur Rechenschaft gezogen. Passender ist die Trickster-Figur, wie sie C.G. Jung in seinem Kommentar zu Paul Radins Studie über nordamerikanische Schelmenmythen beschreibt: eine amoralische Gestalt, die gesellschaftliche Ordnungen durch List, Appetit und Regelbruch unterläuft, ohne dafür bestraft zu werden, weil sie außerhalb der moralischen Kategorien operiert, die für andere Figuren gelten.
Ein Schwank braucht keine Läuterung seiner Hauptfigur. Er braucht nur einen Moment, in dem die Ordnung kippt, und jemanden, der geschickt genug ist, dort stehen zu bleiben, wo sie gekippt ist.
Diese Lesart erklärt auch, warum die Grimms den moralisierenden Schluss der Vorlage strichen. Ein Trickster-Schwank verliert seine Pointe, sobald er in eine Lehre übersetzt wird. Gretels Ungestraftheit ist keine Nachlässigkeit der Erzählung, sondern ihre eigentliche Aussage.
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Gretel und Else: Zwei „kluge“ Frauen
Von den mehr als zweihundert Texten der Kinder- und Hausmärchen tragen nur zwei den Beinamen „klug“ im Titel und beziehen ihn auf eine weibliche Hauptfigur: „Das kluge Gretel“ und „Die kluge Else“ (KHM 34). In beiden Fällen ist der Titel ironisch gemeint, denn keine der beiden Frauen handelt vorausschauend im wörtlichen Sinn. Die entscheidende Differenz liegt im Ausgang. Else verliert am Ende ihre Identität, weil sie sich in einem albernen Verwechslungsspiel selbst nicht mehr erkennt und schließlich aus dem eigenen Leben vertrieben wird. Gretel dagegen verliert nichts. Sie isst, lügt, trinkt und entkommt jeder Konsequenz allein durch ihre Zungenfertigkeit.
Dieser Gegensatz macht beide Texte zu einem aufschlussreichen Paar: Wo Else für ihre Verwirrung büßt, wird Gretel für dieselbe rhetorische Grundfähigkeit, nämlich eine Situation im eigenen Sinn umzudeuten, nicht bestraft, sondern belohnt. Der Unterschied liegt weniger im Charakter der beiden Frauen als in der Funktion, die ihnen die jeweilige Erzählung zuweist: Else dient als Witzfigur über Selbsttäuschung, Gretel als Trickster-Figur, die Konsequenzen aktiv abwendet.
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Dienstboten, Herrschaft und die Angst vor der Küche
Unter der komischen Oberfläche verhandelt der Text eine reale soziale Angst des 18. und 19. Jahrhunderts: das Misstrauen von Herrschaften gegenüber ihrem Dienstpersonal, insbesondere gegenüber Köchinnen, die unbeaufsichtigten Zugang zu Vorräten und Speisen hatten. Die Erzählung bestätigt dieses Misstrauen, indem sie es in seiner extremsten Form durchspielt, verweigert der Geschichte aber die erwartete moralische Bestrafung. Genau diese Verweigerung macht den Text bemerkenswert. Die Literaturwissenschaftlerin Ruth B. Bottigheimer hat in ihrer Untersuchung zur Geschlechterordnung der Grimm-Märchen darauf hingewiesen, dass weibliche Figuren in der Sammlung überwiegend für Tugenden wie Schweigsamkeit, Geduld und Selbstlosigkeit belohnt werden. Gretel bricht mit diesem Muster vollständig: Sie schweigt nicht, ist nicht geduldig und handelt konsequent im eigenen Interesse, ohne dass die Erzählung sie dafür maßregelt.
Diese hedonistisch-subversive Ader innerhalb einer sonst überwiegend moralisierenden Sammlung lässt sich auch politisch einordnen. Jacob und Wilhelm Grimm gehörten später zu den „Göttinger Sieben“, die 1837 aus politischen Gründen ihrer Professuren enthoben wurden, weil sie gegen eine Verfassungsaufhebung protestierten. Diese Haltung passt zu einer Sammlungspraxis, die neben Erzählungen über pflichtbewusste Dienerinnen wie Goldmarie in „Frau Holle“ auch Material aufnahm, das genau diese Pflichterfüllung unterläuft, offenbar um festzuhalten, was „das Volk“ sich tatsächlich erzählte, nicht nur, was es sich erzählen sollte.
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Rezeptionsgeschichte
Anders als die großen Zaubermärchen der Sammlung hat „Das kluge Gretel“ nie eine breite Verfilmungstradition entwickelt. Der Text lebt vor allem in der Illustration weiter: Arthur Rackham bebilderte ihn 1900 für seine englische Grimm-Ausgabe, und Otto Ubbelohde nahm ihn Anfang des 20. Jahrhunderts in seine vielfach nachgedruckte deutsche Ausgabe auf. Beide Illustratoren konzentrieren sich auf denselben Moment, die trinkende oder essende Gretel am Herd, was zeigt, wie sehr der Text über sein zentrales komisches Bild und weniger über eine Handlungsspannung funktioniert. In jüngerer Zeit erschien der Stoff auch als eigenständige bibliophile Bilderbuchausgabe, ein Hinweis darauf, dass der Text trotz fehlender Verfilmungen im Illustrationskanon der Grimm-Rezeption fest verankert bleibt.
Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13
- →Klasse 6–7: Die Kausalkette von Gretels Ausreden in eigenen Worten nacherzählen und begründen, warum jede Ausrede zur nächsten führt.
- →Klasse 8–10: Das Missverständnis um das Wort „eins“ als Beispiel für Kommunikationsstörungen analysieren und mit einem selbst erlebten Missverständnis vergleichen.
- →Klasse 11–13: „Das kluge Gretel“ und „Die kluge Else“ vergleichend auf ihre Geschlechterrollen und Straf- beziehungsweise Belohnungslogik hin untersuchen.
- →Oberstufe/Seminar: Wilhelm Grimms Abschrift von Andreas Strobls Predigtexempel als Fallbeispiel für die redaktionelle Arbeitsweise der Brüder Grimm untersuchen.
Für Seminar und Hausarbeit
Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 77), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Quelltext: Andreas Strobl, Ovum paschale novum oder neugefärbte Oster-Ayr (Salzburg, 1710)
Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU-Typennummer 1741 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature
Schwank- und Tricksterforschung: Lutz Röhrich, Der Witz. Figur und Prinzip der komischen Weltbetrachtung (1977) · Paul Radin, Der göttliche Schelm (1954), mit Kommentar von C.G. Jung zur Psychologie der Trickstergestalt
Gesellschaft und Feminismus: Ruth B. Bottigheimer, Grimms’ Bad Girls and Bold Boys: The Moral and Social Vision of the Tales (1987) · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983)
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Häufige Fragen zu Das kluge Gretel
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 77. München 1977, S. 401–403.