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De Gaudeif un sien Meester

De Gaudeif un sien Meester, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 68)
24:40

Das Wichtigste in Kürze

Ein Verhörer, ein Zaubermeister und eine Verwandlungsjagd bis aufs Blut: KHM 68 ist das plattdeutsche Lehrstück der Grimm-Sammlung über Macht und List.

  • ATU 325, Der Zauberer und sein Schüler: Das Motiv der Verwandlungsjagd verbindet das Märchen mit Erzählungen von Ovid bis Straparola und weltweiten Parallelen.
  • Eine ungewöhnliche Gewährsperson: Überliefert wurde der Text von Jenny von Droste zu Hülshoff, der älteren Schwester der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.
  • Sprache als Programm: Der Text steht im Münsterländer Platt und beginnt mit einem Verhörer, der die ganze Handlung in Gang setzt.
  • Kein Goethe-Verwandter: Trotz ähnlichem Titel hat das Märchen keine direkte Beziehung zu Goethes „Zauberlehrling“.

Inhalt

  1. Inhaltsangabe
  2. Originaltext auf Platt
  3. Entstehungsgeschichte
  4. ATU-Typologie und internationale Herkunft
  5. Strukturanalyse
  6. Figurenanalyse
  7. Symboltabelle
  8. Tiefenpsychologische Lesart
  9. Sozialkritische Lesart
  10. Internationale Parallelen
  11. Rezeptionsgeschichte
  12. Sprachliche Besonderheiten
  13. Für Schule und Unterricht
  14. FAQ

Inhaltsangabe

Jan möchte seinem Sohn ein Handwerk lernen lassen und betet in der Kirche um eine Eingebung. Hinter dem Altar hört er den Küster etwas rufen, das wie „dat Gaudeifen“ klingt, das Gaunern. Jan hält das für einen göttlichen Wink und macht sich mit seinem Sohn auf die Suche nach einem Meister dieser Kunst. Im Wald finden Vater und Sohn eine alte Frau, deren Sohn tatsächlich ein Meester im Gaudeifen ist. Der Zaubermeister erklärt sich bereit, den Jungen ein Jahr lang zu unterrichten, unter einer Bedingung: Erkennt der Vater nach Ablauf des Jahres seinen Sohn wieder, zahlt er nichts. Erkennt er ihn nicht, muss er zweihundert Taler zahlen.

Als die Frist abläuft, geht Jan verzweifelt umher, weil er fürchtet, seinen verwandelten Sohn nicht zu erkennen. Ein kleines Männchen rät ihm, ein Stück Schwarzbrot vor einen Korb am Kamin zu werfen. Aus dem Korb schaut ein Vögelchen, das sich als der Sohn entpuppt. Der Zaubermeister, um sein Geld gebracht, unterstellt dem Vater teuflische Hilfe. Vater und Sohn treten den Heimweg an.

Unterwegs verwandelt sich der Sohn zunächst in einen Windhund, den der Vater teuer an einen vornehmen Herrn verkauft, und entwischt durch das Kutschenfenster. Auf dem nächsten Markt verwandelt er sich in ein Pferd, das ausgerechnet der Zaubermeister kauft. Der Vater vergisst jedoch, dem Käufer den Zaum abzunehmen, den er laut Abmachung hätte lösen müssen, damit der Sohn sich zurückverwandeln kann. Als eine Magd im Stall den Zaum dennoch löst, beginnt eine wilde Verwandlungsjagd: Sperling gegen Sperling, Fisch gegen Fisch, bis der Meester sich zuletzt in einen Hahn verwandelt und der Sohn als Fuchs siegt, indem er ihm den Kopf abbeißt.

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Originaltext auf Platt

Der folgende Text folgt der letztgültigen Fassung der Kinder- und Hausmärchen. Die Münsterländer Mundart wurde bewusst nicht ins Hochdeutsche übertragen, da der Klang der Erzählung untrennbar mit ihrer Herkunft verbunden ist.

Jan wull sien Sohn en Handwerk lehren loeten, do gonk Jan in de Kerke un beddet to ussen Herrgott, wat üm wull selig (zuträglich) wöre: do steit de Köster achter dat Altar und seg „dat Gaudeifen, dat Gaudeifen (gaudieben).“ Do geit Jan wier to sien Sohn, he möst dat Gaudeifen lehren, dat hedde em usse Herrgott segt. Geit he met sienen Sohn und sögt sik enen Mann, de dat Gaudeifen kann. Do goht se ene ganze Tied, kummt in so’n graut Wold, do steit so’n klein Hüsken mot so’ne olle Frau derin; seg Jan „wiet ji nich enen Mann, de dat Gaudeifen kann?“ „Dat känn ji hier wull lehren,“ seg de Frau, „mien Sohn is en Meester dervon.“ Do kührt (spricht) he met den Sohn, of he dat Gaudeifen auk recht könne? De Gaudeifsmeester seg „ick willt juen Sohn wull lehren, dann kummt övern Johr wier, wann ji dann juen Sohn noch kennt, dann wil ick gar kien Lehrgeld hebben, un kenne ji em nig, dann müge ji mi twe hunnert Dahler giewen.“

De Vader geit wier noh Hues, un de Sohn lehret gut hexen und gaudeifen. Asse dat Johr um is, geit de Vader alle un grient, wu he dat anfangen will, dat he sienen Sohn kennt. Asse he der so geit un grient, do kümmt em so’n klein Männken in de Möte (entgegen), dat seg „Mann, wat grien ji? ji sind je so bedröft.“ „O,“ seg Jan, „ick hebbe mienen Sohn vör en Johr bi en Gaudeifsmeester vermet, do sede de mig, ick söll övert Johr wier kummen, un wann ick dann mienen Sohn nich kennde, dann söll ick em twe hunnert Dahler giewen, und wann ick em kennde, dann höf ick nix to giewen; nu sin ick so bange, dat ick em nig kenne, un ick weet nig, wo ick dat Geld her kriegen sall.“ Do seg dat Männken, he söll en Körsken Braut met niemen, un gohen unner den Kamin stohen: „do up den Hahlbaum steit en Körfken, do kiekt en Vügelken uht, dat is jue Sohn.“

Do geit Jan hen un schmit en Körsken Schwatbraut vör den Korf, do kümmt dat Vügelken daruht un blickt der up. „Holla, mien Sohn, bist du hier?“ seg de Vader. Do freude sick de Sohn, dat he sienen Vader sog; awerst de Lehrmeester seg „dat het ju de Düvel in giewen, wu könn ji sus juen Sohn kennen?“ „Vader, loet us gohn,“ sede de Junge.

Do will de Vader met sienen Sohn nach Hues hengohn, unnerweges kümmt der ne Kutske anföhren, do segd de Sohn to sienen Vader „ick will mie in enen grauten Windhund maken, dann künn ji viel Geld met mie verdienen.“ Do röpt de Heer uht de Kutske „Mann, will ji den Hund verkaupen?“ „Jau,“ sede de Vader. „Wu viel Geld will ji den vör hebben?“ „Dertig Dahler.“ „Je, Mann, dat is je viel, men wegen dat et so’n eislicke rohren Ruen (gewaltig schöne Rüde) is, so will ick en behollen.“ De Heer nimmt en in siene Kutske, asse de en lück (wenig) wegföhrt is, da sprinkt de Hund uht den Wagen dör de Glase, und do was he kien Windhund mehr und was wier bie sienen Vader.

Do goht sie tosamen noh Hues. Den annern Dag is in dat neigste Dorb Markt, do seg de Junge to sienen Vader „ick will mie nu in en schön Perd maken, dann verkaupet mie; averst wann ji mie verkaupet, do möt ji mi den Taum uttrecken, süs kann ick kien Mensk wier weren.“ Do treckt de Vader met dat Perd noh’t Markt, do kümmt de Gaudeifsmeester un köft dat Perd för hunnert Dahler, un de Vader verget un treckt em den Taum nig uht. Do treckt de Mann met das Perd noh Hues, un doet et in en Stall. Asse de Magd öwer de Dehle geit, do segt dat Perd „tüh mie den Taum uht, tüh mie den Taum uht.“ Do steiht de Magd un lustert „je, kannst du kühren?“ Geit hen un tüht em den Taum uht, do werd dat Perd en Lüning (Sperling), un flügt öwer de Döre, un de Hexenmeester auk en Lüning und flügt em noh. Do kümmt se bie ene (zusammen), un bietet sick, averst de Meester verspielt un mäk sick in’t Water un is en Fisk. Do werd de Junge auk en Fisk, un se bietet sick wier, dat de Meester verspielen mot. Do mäk sick de Meester in en Hohn, un de Junge werd en Voß und bitt den Meester den Kopp af; do is he storwen un liegt daut bes up düssen Dag.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 68. München 1977, S. 380–382.

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Entstehungsgeschichte

„De Gaudeif un sien Meester“ fehlt in der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812. Dort stand an Position 68 noch ein anderes Märchen, „Von dem Sommer- und Wintergarten“, das die Brüder Grimm später wieder aus der Sammlung entfernten. Erst mit der zweiten Auflage von 1819 rückte das plattdeutsche Verwandlungsmärchen an diese Stelle und blieb dort bis zur letzten von Wilhelm Grimm besorgten Auflage von 1857 unverändert stehen.

Als Gewährsperson gilt Jenny von Droste zu Hülshoff, die ältere Schwester der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Jenny lernte Wilhelm Grimm 1813 auf Schloss Bökerhof kennen, dem Sitz der mit ihrer Familie verwandten Freiherren von Haxthausen, einer Familie, die den Grimms bereits mehrere wichtige Erzählerinnen und Erzähler vermittelt hatte. Aus dieser Begegnung entstand eine jahrzehntelange Brieffreundschaft, in deren Verlauf Jenny den Grimms mehrere Märchen aus dem Münsterland zutrug, darunter neben diesem Text auch „Der Fuchs und das Pferd“, „Die zertanzten Schuhe“ und „De drei schwatten Prinzessinnen“. In ihrer eigenhändigen Handschrift, die sich im Nachlass der Brüder Grimm erhalten hat, trägt das Märchen noch den ursprünglichen Titel „Jan un sien Sohn“.

Wusstest du?

Zwischen Jenny von Droste zu Hülshoff und Wilhelm Grimm bestand offenbar mehr als eine gewöhnliche Brieffreundschaft. Auffällige Lücken in der Korrespondenz, die genau mit Wilhelm Grimms späterer Verlobung zusammenfallen, sowie Einträge in Jennys Tagebuch legen eine unerfüllte Zuneigung nahe. Jenny heiratete 1834 den Germanisten Joseph von Laßberg und zog mit ihm in die Schweiz, der Kontakt zu Wilhelm Grimm riss jedoch nie ganz ab.

Die Herkunft „aus dem Münsterischen“ erklärt auch, warum die Brüder Grimm den Text bewusst in der Mundart beließen. Anders als bei vielen hochdeutsch geglätteten Fassungen wollten sie hier den Klang der mündlichen Vorlage bewahren, ein Verfahren, das sie bei mehreren Märchen aus norddeutschen und westfälischen Quellen anwandten.

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ATU-Typologie und internationale Herkunft

„De Gaudeif un sien Meester“ ist im Aarne-Thompson-Uther-Index als Typ ATU 325 klassifiziert, „Der Zauberer und sein Schüler“. Kennzeichnend für diesen Typ ist eine Lehrzeit bei einem mächtigen Magier, gefolgt von einer Probe der Wiedererkennung und einer abschließenden Verwandlungsjagd, bei der Verfolger und Verfolgter sich fortlaufend in neue Gestalten wandeln, bis eine Seite die entscheidende Form findet.

Hans-Jörg Uther ordnet das Märchen in seinem Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in eine lange Traditionslinie ein. Bereits die Brüder Grimm selbst verwiesen in ihren eigenen Anmerkungen auf Parallelen wie eine walisische Sage von Ceridwen, eine Episode aus dem „Simplicissimus“, eine Geschichte um den Zauberer Malagis sowie auf ungarische und böhmische Fassungen. Als ältere Vorläufer gelten Giovanni Francesco Straparolas Novelle 8,5 aus den „Piacevoli notti“ (1550er Jahre), die isländische Jóns biskups saga Ögmundarsonar, eine Episode aus Ovids „Metamorphosen“ (Buch VIII, die Geschichte der gestaltwandelnden Mestra) sowie eine Rahmenerzählung des mongolischen Siddhi-Kür-Zyklus. Lutz Röhrich ordnet das Motiv der Verwandlungsjagd in seinem Werk „Märchen und Wirklichkeit“ in den weiteren Kontext magischer Wettkämpfe und Fluchtmärchen ein, in denen Verwandlungsfähigkeit zum entscheidenden Kampfmittel wird.

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Strukturanalyse

Die Handlung folgt einer klaren dreiteiligen Kausalkette, die von einem Missverständnis ausgeht und in einer Verwandlungsjagd kulminiert.

  1. 1Der Verhörer: Jan deutet den Zuruf des Küsters als göttlichen Auftrag und setzt damit unwissentlich die gesamte Handlung in Gang.
  2. 2Die Lehrzeit und die Erkennungsprobe: Der Sohn lernt beim Meester das Verwandeln, der Vater muss ihn nach einem Jahr in Tiergestalt wiedererkennen.
  3. 3Die Verkaufskette: Der Sohn verwandelt sich zweimal in ein Verkaufstier (Windhund, Pferd), um seinem Vater Geld zu verschaffen, und entkommt beim ersten Mal problemlos.
  4. 4Der Fehler: Der vergessene Zaum liefert den Sohn seinem alten Meester aus und macht aus dem sicheren Handel eine lebensgefährliche Falle.
  5. 5Die Verwandlungsjagd: Eine Kette aus drei Gestaltpaaren (Sperling, Fisch, Huhn/Fuchs) entscheidet den Machtkampf endgültig zugunsten des Schülers.

Auffällig ist die doppelte Dreizahl der Erzählung: Zunächst drei Verkaufsversuche im weiteren Sinn (die missverstandene Berufswahl, der Windhund, das Pferd), dann drei Verwandlungspaare in der Schlussjagd. Diese Verdopplung des typischen Märchenschemas verstärkt den Eindruck eines Wettstreits, der erst in der dritten Runde entschieden wird, ein Strukturprinzip, das sich in zahlreichen Märchen der Sammlung wiederfindet.

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Figurenanalyse

Jan, der Vater: Jan handelt aus Armut und Sorge um die Zukunft seines Sohnes, wird aber durch sein Verhören zum unfreiwilligen Auslöser der gesamten Handlung. Seine wiederkehrende Vergesslichkeit, zuerst beim Missverstehen des Küsters, dann beim Vergessen des Zaums, macht ihn zur tragikomischen Figur: ein einfacher Mann, dessen gute Absicht seinen Sohn wiederholt in Gefahr bringt.

Der Sohn: Der namenlose Sohn ist die eigentliche Hauptfigur und ein klassischer Trickster: gelehrig, listenreich und seinem Meister am Ende überlegen. Er nutzt seine neu erworbenen Fähigkeiten zunächst im Dienst der Familie, beweist dann aber in der Verwandlungsjagd, dass er die Kunst des Meesters vollständig verinnerlicht und sogar übertroffen hat.

Der Gaudeifsmeester: Der Zaubermeister verkörpert eine ambivalente Autorität, Lehrer und Gegner zugleich. Er vermittelt Wissen, das er selbst gegen seinen Schüler einzusetzen versucht, sobald sich die Gelegenheit bietet. Seine Niederlage in Hahnengestalt gegen den Fuchs markiert den endgültigen Rollentausch zwischen Lehrer und Schüler.

Das kleine Männchen: Als klassischer Helfer aus der Zwischenwelt tritt das Männchen genau im Moment größter Not auf und ermöglicht Jan das Bestehen der Erkennungsprobe, ohne selbst weiter an der Handlung beteiligt zu sein, eine typische Funktionsfigur des Zaubermärchens.

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Symboltabelle

Motiv Funktion in der Handlung Deutungsebene
Der Wald Ort der Lehrzeit, außerhalb der gewohnten sozialen Ordnung Schwellenraum zwischen Kindheit und Erwachsenwerden
Das Vögelchen im Korb Erste sichtbare Verwandlung, entscheidet die Erkennungsprobe Verletzlichkeit des Schülers, noch abhängig vom Erkanntwerden
Windhund und Pferd Verwandlung in verkäufliche Ware zur Beschaffung von Geld Kommerzialisierung des Körpers, Abhängigkeit von ökonomischer Not
Der Zaum Vergessenes Objekt, das die Verwandlungsjagd auslöst Symbol der Fremdbestimmung, erst durch fremde Hand gelöst
Sperling, Fisch, Huhn Fortlaufende Fluchtgestalten in der Verwandlungsjagd Eskalation des Machtkampfs zwischen Schüler und Meister
Der Fuchs Letzte und entscheidende Gestalt, tötet den Meester Endgültiger Sieg der List über die Autorität des Lehrers

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Tiefenpsychologische Lesart

Für eine eigene, ausführliche tiefenpsychologische Spezialliteratur zu genau diesem Märchen liegen kaum gesicherte Quellen vor, entsprechend bleibt die folgende Lesart bewusst allgemein gehalten und stützt sich auf etablierte Grundlinien der Jungschen Märchendeutung. In diesem Rahmen lässt sich die Geschichte als Ablösungserzählung lesen: Der Sohn verlässt das väterliche Haus, unterwirft sich einer fremden Autorität und erwirbt dabei Fähigkeiten, die ihn am Ende über seinen Lehrer hinauswachsen lassen. Die wiederholten Verwandlungen können als Bilder eines Ich, das noch keine feste Gestalt gefunden hat, verstanden werden, ein Zustand, der typisch für Übergangsphasen der persönlichen Entwicklung ist.

Bemerkenswert ist, dass die entscheidende Verwandlung nicht vom Schüler selbst, sondern von einer unbeteiligten Magd ausgelöst wird, die den Zaum löst, ohne die Tragweite ihrer Handlung zu kennen. Erst danach beginnt der eigentliche Machtkampf, den der Schüler in eigener Regie führt und gewinnt. Die Erzählung markiert damit einen Punkt, an dem äußere Zufälligkeiten enden und die eigene Handlungsfähigkeit beginnt, ein Motiv, das sich in vielen Reifungserzählungen der Märchentradition wiederfindet, ohne dass daraus eine auf dieses Märchen zugeschnittene Fachliteratur zitiert werden könnte.

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Sozialkritische Lesart

Das Märchen beginnt mit einer sozialen Notlage: Jan kann seinem Sohn kein reguläres Handwerk finanzieren und greift ein missverstandenes Zeichen auf, weil ihm die üblichen Wege verschlossen scheinen. Die Ausbildung beim Zaubermeister funktioniert dabei wie eine überzeichnete Zunftlehre: eine feste Lehrzeit von einem Jahr, eine Prüfung am Ende, eine vertraglich fixierte Bezahlung. Anders als in einer regulären Lehre steht jedoch das Leben beziehungsweise die Freiheit des Sohnes auf dem Spiel, nicht nur Geld.

Die anschließende Verkaufskette liest sich als Kommentar zur Ökonomie der Armut: Der Körper des Sohnes wird buchstäblich zur Ware, die der Vater auf Jahrmärkten verkauft, um die Familie zu versorgen. Dass ausgerechnet der ehemalige Lehrmeister den Sohn in Pferdegestalt aufkauft, und dabei auf die Feinheiten des vereinbarten Handels spekuliert, verweist auf ein Machtgefälle zwischen Meister und ehemaligem Schüler, das erst durch die eigene Geschicklichkeit des Sohnes aufgehoben wird. Das Märchen erzählt damit auch von der Befreiung aus einem Abhängigkeitsverhältnis, in dem Wissen und Macht ungleich verteilt waren, bis der ehemals Unterlegene die Oberhand gewinnt.

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Internationale Parallelen

Das Motiv des Zauberlehrlings, der seinen Meister im Verwandlungswettstreit besiegt, gehört zu den am weitesten verbreiteten Erzählstoffen überhaupt und findet sich von der Antike bis in außereuropäische Traditionen.

Quelle Herkunft / Zeit Gemeinsamkeit
Ovid, Metamorphosen VIII Römische Antike Mestra wird von ihrem Vater wiederholt verkauft und verwandelt sich zur Flucht
Straparola, Piacevoli notti 8,5 Italien, 16. Jh. Lehrzeit bei einem Zauberer mit anschließender Verwandlungsflucht
Jóns biskups saga Ögmundarsonar Island, Mittelalter Frühe Version des Zauberlehrling-Motivs im nordischen Raum
Tausendundeine Nacht Arabischer Raum Geschichte des zweiten Bettelmönchs mit Verwandlungswettkampf
KHM 129, Die vier kunstreichen Brüder Grimm-Sammlung Verwandte Erwerbung magischer Fertigkeiten im Erzählkontext der Grimms
KHM 192, Der Meisterdieb Grimm-Sammlung Thematische Nähe über die Listfigur des Diebes als Titelhelden

Hinweis zur Einordnung

Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“ (1797) wird häufig mit diesem Märchentyp assoziiert, geht jedoch auf eine ganz andere Quelle zurück, eine Erzählung des antiken Satirikers Lukian von Samosata. Eine direkte Textbeziehung zwischen Goethes Gedicht und KHM 68 ist nicht belegt, auch wenn beide Stoffe lose demselben internationalen Motivkreis des außer Kontrolle geratenen Zauberlehrlings angehören.

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Rezeptionsgeschichte

Im Vergleich zu populären Grimm-Märchen wie „Aschenputtel“ oder „Rotkäppchen“ führt „De Gaudeif un sien Meester“ in der Rezeption ein Nischendasein, was vor allem an der plattdeutschen Sprachform liegen dürfte, die den Text für ein breites Publikum weniger zugänglich macht. Bekannt ist das Märchen vor allem über die Illustrationen von Otto Ubbelohde, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die gesamte KHM-Sammlung mit Zeichnungen versah und auch für dieses Märchen mehrere Szenen der Verwandlungsjagd bildlich festhielt.

Verfilmungen oder größere literarische Bearbeitungen speziell dieses Märchens sind nicht zuverlässig belegt, weshalb an dieser Stelle bewusst auf Spekulationen verzichtet wird. Der zugrunde liegende Erzähltyp selbst, der Zauberlehrling, der seinen Meister übertrifft, ist hingegen ein populäres kulturelles Muster geblieben, etwa in der breiten Rezeption von Goethes Ballade, die allerdings, wie oben ausgeführt, einer eigenen literarischen Tradition entstammt und nicht mit diesem Grimm-Märchen verwechselt werden sollte.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text ist im Münsterländer Platt gehalten, erkennbar unter anderem an charakteristischen Formen wie „wull“ (wollte), „loeten“ (lassen), „kummt“ (kommt) oder „sögt“ (sucht). Die Brüder Grimm drücken in Klammern gelegentlich hochdeutsche Erläuterungen ein, etwa bei „gauwe (flink, behände)“ oder „Möte (entgegen)“, ein Verfahren, das den Text auch für hochdeutsche Leserinnen und Leser der damaligen Zeit zugänglich machen sollte, ohne die Mundart selbst zu glätten.

Besonders markant ist der Auslöser der gesamten Handlung: ein Verhörer. Jan versteht den Ruf des Küsters als göttlichen Auftrag zum „Gaudeifen“, obwohl der Küster vermutlich etwas ganz anderes meinte oder rezitierte. Solche Verhör- und Mißverständnismotive sind ein gängiges Stilmittel mündlicher Erzähltradition und dienen häufig dazu, eine an sich absurde Handlung plausibel in Gang zu setzen, hier zusätzlich mit einem leisen antiklerikalen Unterton, da eine kirchliche Autoritätsperson unfreiwillig zum Auslöser einer Gaunergeschichte wird.

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Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Die Schülerinnen und Schüler stellen die Verwandlungskette (Vögelchen, Windhund, Pferd, Sperling, Fisch, Fuchs) als Bildergeschichte dar und markieren, wer jeweils gewinnt.
  • Klasse 8–9: Vergleich des plattdeutschen Originaltexts mit einer hochdeutschen Nacherzählung, Schülerinnen und Schüler untersuchen, welche Nuancen bei der Übertragung verloren gehen.
  • Klasse 10–11: Erarbeitung des ATU-Systems anhand von KHM 68, Vergleich mit einer weiteren Verwandlungsjagd, etwa in KHM 129 oder KHM 192.
  • Klasse 12–13: Untersuchung der Rolle mündlicher Gewährspersonen am Beispiel Jenny von Droste zu Hülshoffs, Diskussion der Autorschaftsfrage bei volksliterarischen Sammlungen.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 68), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Ovid, Metamorphosen, Buch VIII

Textgeschichte: Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008), S. 162–163 · Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · ATU 325 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Erzählforschung: Lutz Röhrich, Märchen und Wirklichkeit, 3. Aufl. (1974), S. 90–91

Gewährsperson: Karl Schulte Kemminghausen (Hg.), Briefwechsel zwischen Jenny von Droste-Hülshoff und Wilhelm Grimm, Aschendorff (1978)

Gesellschaft und Deutung: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983)

Häufige Fragen zu „De Gaudeif un sien Meester“

„Gaudeifen“ ist ein plattdeutsches Verb zu „gauwe“ (flink, behände) und bedeutet gaunern oder gaudieben, also mit List und Verwandlungskunst stehlen und täuschen. Jan verhört sich beim Küster und hält das Wort für einen göttlichen Auftrag.
Das Märchen ist als ATU 325, „Der Zauberer und sein Schüler“, klassifiziert. Kennzeichnend ist eine Verwandlungsjagd, bei der sich Schüler und Meister mehrfach in Tiere verwandeln, um sich gegenseitig zu überlisten.
Die Fassung stammt von Jenny von Droste zu Hülshoff, der älteren Schwester der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Sie lernte Wilhelm Grimm 1813 über die mit ihr verwandte Familie von Haxthausen kennen und lieferte ihm mehrere Märchen aus dem Münsterland, darunter dieses unter dem ursprünglichen Titel „Jan un sien Sohn“.
Nicht direkt. Goethes Ballade von 1797 geht auf eine Erzählung des antiken Autors Lukian zurück. KHM 68 gehört zwar zum selben großen Erzähltyp vom Zauberlehrling, folgt aber der eigenständigen Tradition der Verwandlungsjagd und hat keine direkte Textbeziehung zu Goethe.
Als Verwandlungsjagd bezeichnet die Erzählforschung eine Szene, in der Verfolgter und Verfolger sich fortlaufend in verschiedene Tiere oder Dinge verwandeln, wobei jede Gestalt eine andere kontert, bis eine Seite die entscheidende Form findet. In KHM 68 endet die Kette, als der Sohn als Fuchs den Meester in Hahnengestalt tötet.
Der plattdeutsche Text eignet sich ab Klasse 6 als Sprachvergleich, ab Klasse 9 für Struktur- und Motivanalysen und in der Oberstufe für Fragen zur Erzählforschung, Mündlichkeit und Machtverhältnissen zwischen Meister und Lehrling.
Die Brüder Grimm ließen mehrere Märchen bewusst in der Mundart ihrer Gewährsleute abdrucken, weil sie den dialektalen Klang als Beleg für die Ursprünglichkeit der Überlieferung ansahen. Jenny von Droste zu Hülshoff stammte aus dem Münsterland, entsprechend ist der Text im dortigen Platt gehalten.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 68. München 1977, S. 380–382.