Der ATU-Index: Geschichte, System und Kritik der Märchentypologie
Das Wichtigste in Kürze
Eine Nummer für jede Geschichte: Wie der ATU-Index Märchen aus aller Welt vergleichbar macht.
- →Ein internationales Ordnungssystem: Der Aarne-Thompson-Uther-Index katalogisiert Märchen, Schwänke und verwandte Erzählformen nach ihrem wiederkehrenden Handlungsmuster, dem sogenannten Erzähltyp.
- →Drei Forscher, ein Jahrhundert Arbeit: Antti Aarne legte 1910 das Fundament, Stith Thompson erweiterte es 1928 und 1961, Hans-Jörg Uther revidierte das System 2004 grundlegend.
- →Sieben Hauptgruppen: Von Tiermärchen über Zaubermärchen bis zu Schwänken und Kettenmärchen, jede ATU-Nummer verortet eine Geschichte eindeutig im Gesamtsystem.
- →Nützlich, aber nicht unumstritten: Der Index gilt als unverzichtbares Archivwerkzeug, wird aber wegen seines europäischen Ursprungs und methodischer Unschärfen seit Vladimir Propp kritisch diskutiert.
Inhalt
- Was ist der ATU-Index? Erzähltyp und Motiv
- Historische Genese: von den ersten Typenlisten bis Uther
- Systematik: die sieben Hauptgruppen
- Binnendifferenzierung der Zaubermärchen
- Der ATU-Index und die Grimm-Märchen
- Wissenschaftliche Funktion und Nutzen
- Kritik: Eurozentrismus, Gattungsfrage und Propp
- Für Schule und Unterricht
- FAQ
Was ist der ATU-Index? Erzähltyp und Motiv
Der Aarne-Thompson-Uther-Index, kurz ATU-Index, ist das international verbindliche Klassifikationssystem für Volksmärchen, Schwänke, Anekdoten und verwandte Formen der mündlichen und schriftlichen Erzähltradition. Er ordnet Geschichten nicht nach Titeln oder Herkunftsländern, sondern nach ihrem zugrunde liegenden Handlungsmuster. Dahinter steht eine einfache Beobachtung der Erzählforschung: Über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg tauchen dieselben Grundgeschichten immer wieder auf, oft mit anderen Namen, anderen Landschaften und anderen Nebenfiguren, aber mit demselben narrativen Skelett.
Ein Beispiel macht das greifbar. Das benachteiligte Mädchen, das nach dem Tod der Mutter unter einer grausamen Stieffamilie leidet, mit Hilfe eines übernatürlichen Wesens einen Ball oder ein Fest besucht und am Ende durch einen verlorenen Schuh identifiziert wird, findet sich nicht nur im deutschen Aschenputtel. Charles Perrault erzählte die Geschichte 1697 als Cendrillon, Giambattista Basile bereits 1634 als Aschenkatze im Pentamerone, und vergleichbare Fassungen sind aus Vietnam, Ägypten und Schottland dokumentiert. Der ATU-Index fasst all diese Varianten unter einer einzigen Nummer zusammen, ATU 510A, und macht damit sichtbar, dass es sich um denselben Erzähltyp handelt.
Zentral für das Verständnis des Systems ist die Unterscheidung zwischen zwei Ebenen. Der Erzähltyp bezeichnet das gesamte Handlungsgerüst einer Geschichte, die Abfolge von Ausgangslage, Konflikt, Prüfung und Lösung, die trotz regionaler Abweichungen im Kern erhalten bleibt. Das Motiv dagegen ist der kleinste, nicht weiter zerlegbare Erzählbaustein: eine bestimmte Figur wie die neidische Stiefmutter, ein magisches Objekt wie ein Wunschtuch, oder eine einzelne Handlung wie das Lösen einer unmöglichen Aufgabe. Ein Erzähltyp besteht meist aus mehreren Motiven, die in dieser Kombination charakteristisch sind, einzeln aber auch in völlig anderen Typen auftauchen können. Der gläserne Schuh gehört zu Aschenputtel, das Motiv der Wiedererkennung durch ein Kleidungsstück oder Objekt kehrt aber auch in ganz anderen Erzähltypen wieder.
Ein Erzähltyp ist kein einzelner Text, sondern ein abstraktes Handlungsschema, das erst durch die Summe seiner mündlichen und schriftlichen Varianten sichtbar wird.
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Historische Genese: von den ersten Typenlisten bis Uther
Die Idee, Erzählstoffe systematisch zu ordnen, ist älter als der ATU-Index selbst. Bereits 1864 legte der Diplomat und Balkanforscher Johann Georg von Hahn in seiner Sammlung griechischer und albanischer Märchen eine Übersicht aus rund 40 wiederkehrenden Erzählformeln vor. Zwei Jahre später erweiterte der englische Geistliche Sabine Baring-Gould dieses Schema auf 52 Grundmuster, die er als „story radicals“ bezeichnete. In Dänemark entwickelte parallel der Folklorist Svend Grundtvig ein System mit 134 Typen, das später von Astrid Lunding ins Englische übertragen wurde. Diese frühen Versuche blieben regional begrenzt und methodisch uneinheitlich.
Den entscheidenden Schritt zu einem systematischen Verfahren unternahm der finnische Folklorist Antti Aarne, ein Schüler von Julius und Kaarle Krohn. Die von den Krohns begründete historisch-geografische Methode, auch als „Finnische Schule“ bekannt, verfolgte das Ziel, durch den Vergleich möglichst vieler Textvarianten den geografischen Wanderweg und eine hypothetische Urform eines Märchens zu rekonstruieren. Für diese Arbeit brauchte die Forschung ein gemeinsames Ordnungsraster. 1910 veröffentlichte Aarne in den Folklore Fellows Communications sein Verzeichnis der Märchentypen (FFC 3). Seine Materialbasis war allerdings schmal: im Wesentlichen finnische Sammlungen, die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sowie Grundtvigs dänisches Material. Aarne gliederte die Stoffe bereits in drei Grundkategorien, die bis heute nachwirken: Tiermärchen, eigentliche Märchen und Schwänke.
Weil Aarnes Katalog geografisch stark begrenzt war, übernahm der amerikanische Folklorist Stith Thompson die Aufgabe, ihn international zu erweitern. 1928 übersetzte er das Verzeichnis ins Englische und ergänzte zahlreiche neue Typen, die er mit einem Sternchen kennzeichnete. In seiner zweiten, deutlich umfangreicheren Revision von 1961, veröffentlicht unter dem Titel The Types of the Folktale, führte Thompson das bis heute vertraute feste Nummernsystem ein und erweiterte den Bestand auf rund 2.500 Grundtypen, unter Einbeziehung asiatischer, nahöstlicher und außereuropäischer Überlieferungen. Zur feineren Differenzierung ordnete er verwandten Untertypen Großbuchstaben zu, etwa 510A für Aschenputtel und 510B für Allerleirauh. Aus dieser Fassung stammt die bis in die 1990er Jahre gebräuchliche Zitierweise als Aarne-Thompson-Index (AaTh oder AT).
Wusstest du?
Nach vier Jahrzehnten zeigten sich am AaTh-System deutliche Schwächen: veraltete und teils zu eng auf einzelne Textfassungen zugeschnittene Typenbeschreibungen, eine Vernachlässigung schriftlicher Überlieferung gegenüber der mündlichen sowie eine unzureichende Erfassung ost- und südosteuropäischer Erzähltraditionen. Auf dem Kongress der International Society for Folk Narrative Research 1998 in Göttingen wurde deshalb eine grundlegende Neubearbeitung beschlossen.
Mit dieser Aufgabe wurde Hans-Jörg Uther betraut, langjähriger Mitherausgeber der Enzyklopädie des Märchens in Göttingen und Professor für Germanistik an der Universität Duisburg-Essen. 2004 erschien sein dreibändiges Werk The Types of International Folktales (FFC 284 bis 286), mit dem der Index seine heutige Bezeichnung Aarne-Thompson-Uther-Index erhielt. Es handelt sich um die fünfte Revision des Systems seit 1910 und zugleich um dessen bislang tiefgreifendste. Uthers Neubearbeitung brachte mehrere grundlegende Neuerungen mit sich. Die Typenbeschreibungen wurden vollständig neu formuliert und flexibler gefasst, sodass regionale Varianten sich leichter zuordnen lassen, ohne das Handlungsschema zu verzerren. Über 250 neue Erzähltypen kamen hinzu, während Typen mit extrem begrenzter, rein lokaler Verbreitung gestrichen oder mit verwandten Typen zusammengelegt wurden. Vor allem aber gab Uther die scharfe Trennung zwischen mündlicher Volksüberlieferung und schriftlicher Literatur auf und erfasste stattdessen das Wechselspiel zwischen beiden Überlieferungswegen. Jeder Typ wurde zudem mit bibliografischen Nachweisen zur internationalen Verbreitung, mit Verweisen auf einschlägige Monografien sowie auf Thompsons Motif-Index ausgestattet.
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Systematik: die sieben Hauptgruppen
Der ATU-Index gliedert das internationale Erzählgut in ein hierarchisches, rein numerisches Ordnungssystem. Sieben Hauptgruppen bilden das Grundgerüst, innerhalb dessen jede Nummer eine feste inhaltliche Bedeutung hat.
| ATU-Bereich | Hauptgruppe | Schwerpunkte | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 1–299 | Tiermärchen | Sprechende Tiere, List und Rivalität zwischen Wild- und Haustier, Fabelstoffe | ATU 101, Der alte Hund als Retter des Kindes |
| 300–749 | Zaubermärchen | Magie, Verzauberung und Erlösung, übernatürliche Helfer und Gegner, Brautwerbung | ATU 510A, Aschenputtel |
| 750–849 | Religiöse Erzählungen | Göttliche Erscheinungen, Lohn und Strafe, Teufelspakte, Jenseitsvorstellungen | ATU 780, Der singende Knochen |
| 850–999 | Novellenartige Erzählungen | Keine Magie, dafür Klugheit, Treueprüfungen, sozialer Aufstieg | ATU 922, Kaiser und Abt |
| 1000–1199 | Märchen vom dummen Unhold | Der körperlich überlegene, aber geistig beschränkte Riese oder Teufel wird überlistet | ATU 1030, Feldgemeinschaft mit dem Teufel |
| 1200–1999 | Schwänke und Anekdoten | Torheitsgeschichten, Ehestreit, Standessatire, Lügenmärchen | ATU 1200, Schildbürgergeschichten |
| 2000–2399 | Formel- und Kettenmärchen | Aufzählungsreihen, kumulative Wiederholung, feste Schlussformeln | ATU 2021, Vom Tod des Hähnchens |
Innerhalb der Zaubermärchen, mit rund 450 Nummern die umfangreichste und für die Grimm-Rezeption wichtigste Gruppe, richtet sich die Feinzuordnung strikt nach dem dominanten Handlungselement, nicht nach Stimmung oder Thema. Diese Systematik wird im nächsten Abschnitt genauer betrachtet.
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Binnendifferenzierung der Zaubermärchen
Wer sich mit Grimm-Märchen beschäftigt, bewegt sich meistens im Bereich ATU 300 bis 749. Diese Gruppe zerfällt in sieben Untergruppen, die jeweils nach dem Element benannt sind, das die Handlung trägt.
| NR | Untergruppe (ATU) | Merkmal | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 1 | Übernatürliche Gegenspieler (300–399) | Kämpfe gegen Drachen, Riesen, Unholde oder Hexen |
ATU 300, Der Drachentöter · ATU 327, Hänsel und Gretel |
| 2 | Verzauberte Angehörige (400–459) | Erlösung von Ehepartnern oder Geschwistern aus Tier- oder Dämonengestalt, unterteilt nach Erzählungen über die Frau, den Mann und Geschwister |
ATU 425A, Suche nach dem verlorenen Bräutigam · ATU 450, Brüderchen und Schwesterchen |
| 3 | Übernatürliche Aufgaben (460–499) | Das Erfüllen scheinbar unmöglicher Forderungen zur Erlangung von Braut oder Herrschaft | ATU 461, Drei Haare vom Bart des Teufels |
| 4 | Übernatürliche Helfer (500–559) | Wesen oder dankbare Tiere, die dem Helden beistehen | ATU 500, Rumpelstilzchen · ATU 510A, Aschenputtel |
| 5 | Zaubergegenstände (560–649) | Erwerb, Verlust oder Einsatz magischer Requisiten stehen im Zentrum | ATU 563, Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack |
| 6 | Übernatürliches Wissen (650–699) | Besondere Fähigkeiten der Hauptfigur | ATU 670, Das Verstehen der Tiersprache |
| 7 | Andere übernatürliche Geschehnisse (700–749) | Sonderformen wundersamer Schicksale | ATU 700, Däumling |
Diese Feinsystematik zeigt zugleich ein methodisches Problem, das die Kritik am Index seit Jahrzehnten begleitet: Viele Zaubermärchen enthalten mehrere dieser Elemente gleichzeitig. Aschenputtel etwa verbindet einen übernatürlichen Helfer mit magischen Kleidungsstücken. Die Zuordnung zu genau einer Untergruppe folgt dann einer Konvention der Forschung, nicht einer zwingenden inneren Logik der Erzählung selbst. Darauf wird im Abschnitt zur Kritik noch genauer eingegangen.
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Der ATU-Index und die Grimm-Märchen
Für die Beschäftigung mit den Kinder- und Hausmärchen ist der ATU-Index deshalb so wichtig, weil er jede einzelne Erzählung in einen internationalen Zusammenhang stellt. Eine ATU-Nummer beantwortet drei Fragen auf einen Blick: Welchem Grundmuster folgt die Geschichte, welche Parallelfassungen existieren in anderen Ländern und Sprachen, und wie lässt sich die Grimm-Version im Vergleich zu diesen Parallelen einordnen.
| Märchen (KHM) | ATU-Nummer | Internationale Parallele |
|---|---|---|
| Aschenputtel (KHM 21) | 510A | Perraults Cendrillon, Basiles Aschenkatze |
| Sneewittchen (KHM 53) | 709 | Basiles Die junge Sklavin, Varianten aus Italien und Schottland |
| Rumpelstilzchen (KHM 55) | 500 | Ricdin-Ricdon von Marie-Jeanne l’Héritier, Tom Tit Tot (England) |
| Hänsel und Gretel (KHM 15) | 327A | Verwandte Kinderaussetzungsstoffe in ganz Europa |
| Allerleirauh (KHM 65) | 510B | Perraults Peau d’Âne, Basiles Die Bärin |
| Brüderchen und Schwesterchen (KHM 11) | 450 | Verwandte Geschwistererlösungsstoffe in Süd- und Osteuropa |
Diese Beispiele zeigen ein wiederkehrendes Muster: Die Grimms haben mit ihrer Sammlung keine deutschen Sonderstoffe verschriftlicht, sondern regionale Fassungen von Erzähltypen dokumentiert, die zur selben Zeit oder Jahrhunderte früher bereits in Frankreich, Italien oder Skandinavien im Umlauf waren. Für die philologische Arbeit an einzelnen KHM-Texten ist die ATU-Nummer deshalb der erste Anhaltspunkt, um eine Erzählung nicht isoliert, sondern im Kontext ihrer internationalen Überlieferung zu lesen.
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Wissenschaftliche Funktion und Nutzen
Der praktische Wert des ATU-Index liegt zunächst in der Standardisierung der Archivpraxis. Vor der Einführung eines festen Typensystems verwalteten nationale Archive ihre Erzählbestände nach uneinheitlichen, oft rein inhaltlichen Beschreibungen. Der ATU-Index funktioniert dagegen wie ein universeller Bibliothekskatalog: Archive in Göttingen, Bloomington, Kopenhagen oder Rostock erschließen Millionen Manuskripte, Feldforschungsprotokolle und Tonaufnahmen mit denselben Nummern. Ruft die Forschung den Typ ATU 510A auf, steht weltweit fest, dass es sich um die Geschichte der benachteiligten Stiefkind-Heldin handelt, unabhängig davon, ob der konkrete Text aus Hessen, Ägypten oder Vietnam stammt.
Darüber hinaus macht der Index die Erforschung von Kulturtransfer und Erzähldynamik erst möglich. Durch den systematischen Abgleich von Varianten lässt sich rekonstruieren, wie narrative Muster über Handelsrouten, Kolonisierung oder Migrationsbewegungen gewandert sind und sich dabei an lokale Glaubensvorstellungen und Sozialstrukturen angepasst haben. Ein Erzähltyp wie ATU 480, der in den Grimm-Märchen als Frau Holle erscheint, lässt sich über solche Vergleiche bis in ganz andere kulturelle Kontexte zurückverfolgen.
Besonders ertragreich ist die Verzahnung mit Stith Thompsons Motif-Index of Folk-Literature. Während der ATU-Index den großen Handlungsbogen erfasst, zerlegt der Motiv-Index eine Erzählung in ihre kleinsten Bausteine. Eine Geschichte vom Typ ATU 300, Der Drachentöter, verbindet typische Einzelmotive wie den mehrköpfigen Drachen, das Opfer einer Prinzessin und die Wiedererkennung des Helden durch die abgeschnittene Drachenzunge. Erst das Zusammenspiel beider Systeme erlaubt eine Analyse, die sowohl die globale Struktur als auch die feinen Textvariationen einzelner Fassungen erfasst.
Schließlich hat Uthers Revision mit der künstlichen Trennung zwischen mündlicher Volksliteratur und schriftlicher Literatur aufgeräumt. Durch die systematische Erfassung von Frühdrucken, Volksbüchern und literarischen Feenmärchen macht der Index sichtbar, wie mündliches Erzählen und literarische Fixierung über Jahrhunderte in einem fortlaufenden Wechselspiel standen, statt zwei getrennte Traditionen zu bilden.
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Kritik: Eurozentrismus, Gattungsfrage und Propp
So etabliert der ATU-Index heute ist, so kontinuierlich wird er im Fachdiskurs kritisiert. Ein zentraler Einwand betrifft seinen geografischen und historischen Ursprung. Obwohl der Index den Anspruch erhebt, Erzählstoffe weltweit abzubilden, basiert seine Grundstruktur auf europäischem Material. Erzähltraditionen aus Afrika, dem indigenen Amerika oder dem ozeanischen Raum folgen häufig eigenen narrativen Logiken und Figurenkategorien, die sich nicht ohne Verzerrung in ein westeuropäisch geprägtes Raster aus Zauber- und Tiermärchen pressen lassen. Uthers Revision hat diesen Umstand gemildert, aber nicht aufgehoben.
Ein zweiter Einwand betrifft die Gattungsgrenzen des Systems. Der ATU-Index konzentriert sich auf profane Kurzerzählungen wie Märchen, Schwänke und Fabeln. Andere bedeutende Erzählgattungen bleiben weitgehend außen vor. Sagen sind an konkrete Orte, historische Personen oder Ereignisse gebunden und beanspruchen im Unterschied zum zeitlosen Märchen reale Glaubwürdigkeit, sie folgen deshalb anderen strukturellen Regeln. Mythen wiederum besitzen sakralen Charakter und erklären Weltschöpfung oder Götterordnungen, was ihrer profanen, spielerischen Grundhaltung im Märchen entgegensteht. Für diese Gattungen existieren eigene, vom ATU-Index unabhängige Verzeichnisse.
Ein Zaubermärchen kann gleichzeitig durch Zaubergegenstände, übernatürliche Helfer und das Lösen unmöglicher Aufgaben konstituiert werden, wodurch die Zuordnung zu genau einer Untergruppe subjektiv bleibt.
Sinngemäß nach Vladimir Propps Kritik am Aarneschen Typensystem, Morphologie des Märchens, 1928
Die folgenreichste Kritik am Typenindex stammt vom russischen Formalisten Vladimir Propp, der seine Einwände bereits 1928 in der Morphologie des Märchens formulierte, also lange vor Thompsons erster großer Revision. Propp warf Aarnes System vor, methodisch inkonsequent zu sein: Die Kriterien für die Zuordnung zu den Hauptgruppen seien unklar, weil ein und dieselbe Erzählung häufig mehrere der genannten Kategorien gleichzeitig erfüllt, wie im vorigen Abschnitt am Beispiel der Zaubermärchen gezeigt. Propp stellte dem thematischen Typenkatalog seine funktionale Analyse entgegen, die Märchen nicht nach variablen Inhalten, sondern nach den konstanten Handlungsfunktionen ihrer Figuren im Erzählverlauf ordnet, etwa Verbot, Verbotsverletzung, Schädigung oder Belohnung. In der heutigen Forschungspraxis stehen Propps Strukturanalyse und der ATU-Index nicht in Konkurrenz zueinander. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben: der Index dient der bibliografischen Erschließung und dem internationalen Vergleich, Propps Modell der genauen Analyse der Handlungslogik innerhalb eines einzelnen Textes.
Wusstest du?
Die Zaubermärchen-Untergruppen des ATU-Index (300 bis 749) folgen im Kern noch immer der Grobgliederung, die Antti Aarne bereits 1910 vorgeschlagen hatte. Uthers Revision hat diese Struktur präzisiert und erweitert, aber nicht grundlegend ersetzt, weshalb Propps Kritik an der Kategorienbildung bis heute mit Einschränkungen gültig bleibt.
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Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13
- →Klasse 6–7: Sammelt drei euch bekannte Märchen und beschreibt jeweils in eigenen Worten das Grundmuster der Handlung. Findet ihr Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Märchen?
- →Klasse 8–10: Vergleicht Aschenputtel (Grimm) mit Charles Perraults Cendrillon. Welche Motive stimmen überein, welche unterscheiden sich, und was verrät das über die jeweilige Erzählkultur?
- →Klasse 11–13: Erläutert den Unterschied zwischen Erzähltyp und Motiv am Beispiel eines Grimm-Märchens eurer Wahl und ordnet es probeweise einer ATU-Hauptgruppe zu.
- →Oberstufe / Einführungsseminar: Diskutiert Propps Kritik an Aarnes Typensystem anhand eines Märchens, das mehreren Zaubermärchen-Untergruppen zugleich zugeordnet werden könnte. Wo liegt die Grenze zwischen Ordnungssystem und Interpretation?
Für Seminar und Hausarbeit
Grundlagenwerke: Antti Aarne, Verzeichnis der Märchentypen, FFC 3 (1910) · Stith Thompson, The Types of the Folktale (1961) · Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales, FFC 284–286 (2004)
Motiv- und Strukturforschung: Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature · Vladimir Propp, Morphologie des Märchens (1928, dt. 1972)
Grimm-Philologie: Heinz Rölleke, historisch-kritische Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen, Reclam (3 Bde.) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008)
Vergleichende Überlieferung: Charles Perrault, Contes (1697) · Giambattista Basile, Pentamerone (1634/36) · Enzyklopädie des Märchens, hg. von Rolf Wilhelm Brednich u.a., Göttingen
Häufige Fragen zum ATU-Index
Quellen: Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales, FFC 284–286, Helsinki 2004 · Stith Thompson, The Types of the Folktale, 2. Aufl. 1961 · Antti Aarne, Verzeichnis der Märchentypen, FFC 3, 1910 · Vladimir Propp, Morphologie des Märchens, dt. Ausgabe 1972.