Der Herr Gevatter
Das Wichtigste in Kürze
Wer ist der Herr Gevatter wirklich, und warum ist das Haus des Todes zugleich das Haus des Teufels?
- →KHM Nr. 42, ein zweigeteiltes Märchen: Die erste Hälfte erzählt einen klassischen Arzt-und-Tod-Stoff: Ein Armer erhält eine Gabe, um Kranke zu heilen, und muss akzeptieren, dass er nicht alle retten kann. Die zweite Hälfte ist ein Hausbesuch im Reich des Gevatters, der in nichts einem normalen Haus gleicht.
- →Tod und Teufel in einer Figur: Der Gevatter schenkt Macht über Leben und Tod. Er lügt dem Besucher sein Haus schön. Und er hat Hörner. Märchenforscher sprechen von einer bewussten Verschmelzung: Der Herr über den Tod ist in dieser Welt nicht ohne den Teufel zu haben.
- →Die fünf Treppen als Weg ins Jenseits: Jede Treppe zeigt eine Stufe des Übernatürlichen: streitende Werkzeuge, tote Finger, Totenköpfe, sich selbst bratende Fische, Gevatter mit Hörnern. Es ist ein architektonischer Abstieg ins Unheimliche.
- →Ein offener Schluss: Der Mann flieht. Was der Gevatter ihm sonst noch angetan hätte, weiß der Text nicht. Oder will es nicht sagen. Das Märchen endet mit einer Drohung, die unausgesprochen bleibt, und das ist die beunruhigendste aller Möglichkeiten.
Inhalt
- Originaltext
- Zusammenfassung
- Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
- Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
- Für Schule und Unterricht
- FAQ
Originaltext
Der folgende Text gibt die Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 42. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.
Ein armer Mann hatte so viel Kinder, daß er schon alle Welt zu Gevatter gebeten hatte, und als er noch eins bekam, so war niemand mehr übrig, den er bitten konnte. Er wußte nicht, was er anfangen sollte, legte sich in seiner Betrübnis nieder und schlief ein. Da träumte ihm, er sollte vor das Tor gehen und den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Als er aufgewacht war, beschloß er dem Traume zu folgen, ging hinaus vor das Tor, und den ersten, der ihm begegnete, bat er zu Gevatter. Der Fremde schenkte ihm ein Gläschen mit Wasser und sagte »das ist ein wunderbares Wasser, damit kannst du die Kranken gesund machen, du mußt nur sehen, wo der Tod steht. Steht er beim Kopf, so gib dem Kranken von dem Wasser, und er wird gesund werden, steht er aber bei den Füßen, so ist alle Mühe vergebens, er muß sterben.«
Der Mann konnte von nun an immer sagen, ob ein Kranker zu retten war oder nicht, ward berühmt durch seine Kunst und verdiente viel Geld. Einmal ward er zu dem Kind des Königs gerufen, und als er eintrat, sah er den Tod bei dem Kopfe stehen und heilte es mit dem Wasser, und so war es auch bei dem zweitenmal, aber das drittemal stand der Tod bei den Füßen, da mußte das Kind sterben.
Der Mann wollte doch einmal seinen Gevatter besuchen und ihm erzählen, wie es mit dem Wasser gegangen war. Als er aber ins Haus kam, war eine so wunderliche Wirtschaft darin. Auf der ersten Treppe zankten sich Schippe und Besen, und schmissen gewaltig aufeinander los. Er fragte sie »wo wohnt der Herr Gevatter?« Der Besen antwortete »eine Treppe höher.« Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge toter Finger liegen. Er fragte »wo wohnt der Herr Gevatter?« Einer aus den Fingern antwortete »eine Treppe höher.« Auf der dritten Treppe lag ein Haufen toter Köpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe höher. Auf der vierten Treppe sah er Fische über dem Feuer stehen, die britzelten in der Pfanne, und backten sich selber. Sie sprachen auch »eine Treppe höher.«
Und als er die fünfte hinaufgestiegen war, so kam er vor eine Stube und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er den Gevatter, der ein paar lange Hörner hatte. Als er die Türe aufmachte und hineinging, legte sich der Gevatter geschwind aufs Bett und deckte sich zu. Da sprach der Mann »Herr Gevatter, was ist für eine wunderliche Wirtschaft in Eurem Hause? als ich auf Eure erste Treppe kam, so zankten sich Schippe und Besen miteinander und schlugen gewaltig aufeinander los.« »Wie seid Ihr so einfältig,« sagte der Gevatter, »das war der Knecht und die Magd, die sprachen miteinander.« »Aber auf der zweiten Treppe sah ich tote Finger liegen.« »Ei, wie seid Ihr albern! das waren Skorzenerwurzeln.« »Auf der dritten Treppe lag ein Haufen Totenköpfe.« »Dummer Mann, das waren Krautköpfe.« »Auf der vierten sah ich Fische in der Pfanne, die britzelten, und backten sich selber.« Wie er das gesagt hatte, kamen die Fische und trugen sich selber auf. »Und als ich die fünfte Treppe heraufgekommen war, guckte ich durch das Schlüsselloch einer Tür, und da sah ich Euch, Gevatter, und Ihr hattet lange Hörner.« »Ei, das ist nicht wahr.«
Dem Mann wurde angst, und er lief fort, und wer weiß, was ihm der Herr Gevatter sonst angetan hätte.
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 42. München 1977, S. 244-246.
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Zusammenfassung
Ein armer Mann hat so viele Kinder, dass er niemanden mehr als Taufpaten (Gevatter) fragen kann. In seiner Not schläft er ein und träumt, er solle den ersten Fremden vor dem Stadttor bitten. Er folgt dem Traum. Der Fremde schenkt ihm ein Fläschchen mit wunderbarem Wasser und erklärt die Regel: Steht der Tod beim Kopf des Kranken, kann das Wasser heilen. Steht er bei den Füßen, ist nichts zu machen.
Der Mann wird durch diese Gabe berühmt und wohlhabend. Er heilt das Kind des Königs zweimal, aber beim dritten Mal steht der Tod bei den Füßen. Das Kind stirbt. Der Arzt akzeptiert es.
Um dem Gevatter von seinen Erlebnissen zu berichten, besucht er ihn. Das Haus des Gevatters ist voller Rätsel: Auf der ersten Treppe zanken sich Schippe und Besen. Auf der zweiten liegen tote Finger. Auf der dritten Totenköpfe. Auf der vierten braten sich Fische selbst. Auf jeder Etage wird der Mann eine Treppe höher geschickt. Im fünften Stock sieht er durch das Schlüsselloch: Der Gevatter hat lange Hörner. Als der Mann eintritt, legt sich der Gevatter schnell hin und deckt sich zu.
Der Mann berichtet, was er gesehen hat. Der Gevatter erklärt alles weg: Die zankenenden Werkzeuge seien Knecht und Magd. Die toten Finger seien Skorzonerewurzeln. Die Totenköpfe seien Krauthäupter. Die bratenden Fische bestätigen sich selbst, indem sie sich auftragen. Auf die Hörner angesprochen sagt der Gevatter nur: „Ei, das ist nicht wahr." Da bekommt der Mann Angst und flieht. Was der Gevatter ihm sonst noch angetan hätte, lässt der Text offen.
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Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
„Der Herr Gevatter" ist ein zweigeteiltes Märchen. Die erste Hälfte, die Geschichte des Arztes mit der Gabe, den Tod zu sehen, ist ein klassischer europäischer Märchenstoff, der in Dutzenden Varianten überliefert ist. Die zweite Hälfte, der Hausbesuch, ist etwas anderes: ein Abstieg in eine Welt, die sich keiner normalen Logik fügt, und ein Dialog, in dem eine Seite offensichtlich lügt, ohne das zuzugeben. Beide Hälften zusammen ergeben ein Märchen über Grenzen: die Grenze zwischen Heilbarem und Unheilbarem, die Grenze zwischen der menschlichen Welt und der des Gevatters, und die Grenze des Wissens, das ein Mensch ertragen kann.
Wer ist der Gevatter? Tod, Teufel oder beides?
Das Märchen benennt den Gevatter nie. Es sagt nicht: „Das war der Tod" oder „Das war der Teufel." Aber es gibt Hinweise in beide Richtungen, und diese Doppeldeutigkeit ist kein Versehen, sondern die eigentliche Aussage.
Die Gabe des Gevatters, den Tod am Kopf oder den Füßen des Kranken zu sehen, verbindet ihn mit dem Tod. Er kennt die Stunde des Sterbens. Er entscheidet, wen das Wasser retten darf und wen nicht. In der Parallelerzählung KHM 44 „Der Gevatter Tod" ist diese Figur ausdrücklich der personifizierte Tod. KHM 42 ist die dunklere, zweideutigere Variante desselben Grundstoffs.
Die Hörner, die der Mann durch das Schlüsselloch sieht, verweisen dagegen unverkennbar auf den Teufel. Hörner sind in der christlichen Ikonografie das Zeichen des Teufels, nicht des Todes. Die Märchenforscherin Hedwig von Beit hat diese Ambivalenz präzise beschrieben: Im Herrn Gevatter fallen Tod und Teufel in einer Figur zusammen. Der Herr über das Sterben ist in dieser Welt nicht von der Macht des Bösen zu trennen. Angesichts des ständigen Leids erscheint der Herr der Welt zugleich als Teufel.
Der Gevatter legt sich hin und deckt sich zu, als der Besucher eintritt. Er verbirgt die Hörner. Er lügt. Ein personifizierter Tod in anderen Märchen tut das nicht: Er ist, was er ist, und er sagt es. Dieser Gevatter verbirgt seine wahre Natur. Das macht ihn gefährlicher als den offen benannten Tod.
Die Gabe: Grenzen akzeptieren als Voraussetzung für Heilkunst
Die Gabe des Gevatters ist keine uneingeschränkte Macht. Es ist eine Gabe mit eingebautem Limit: Heile, wenn der Tod am Kopf steht. Tue nichts, wenn er an den Füßen steht. Der Arzt in diesem Märchen hält sich daran, was ihn von seinem Pendant in KHM 44 unterscheidet. Dort dreht der Arzt den sterbenden König im Bett um, um den Tod an den Kopf zu bringen und so die Regel zu umgehen. Dafür stirbt er am Ende selbst.
In KHM 42 ist der Arzt weniger dramatisch und gleichzeitig weiser: Er akzeptiert, dass das Königskind beim dritten Mal sterben muss. Er kämpft nicht dagegen an. Diese Akzeptanz ist das eigentliche Geschenk, das der Gevatter ihm mitgegeben hat: nicht nur ein Heilmittel, sondern die Fähigkeit, die Grenzen der Heilkunst zu erkennen und zu respektieren. Der Gevatter ist der Tod, dessen Freund der Arzt sein muss, um die Frist zu nutzen, die er uns lässt.
Die fünf Treppen: ein Abstieg ins Unheimliche
Der Hausbesuch ist strukturell eine Steigerungserzählung. Jede Treppe zeigt etwas Rätselhafteres als die vorherige, und jede verweist auf den Tod, ohne ihn direkt zu benennen. Schippe und Besen können noch als Haushaltsgegenstände durchgehen. Tote Finger sind bereits beunruhigend. Totenköpfe lassen keinen anderen Gedanken mehr zu. Sich selbst bratende Fische zeigen, dass in diesem Haus die normale Weltordnung außer Kraft gesetzt ist. Und im fünften Stock wartet die eigentliche Enthüllung: der Gevatter mit Hörnern.
Die Zahl fünf ist in der Symbolik bedeutsam. Das fünfte Stockwerk verweist auf die Zahl der Stofflichkeit, auf die materielle Welt in ihrer extremsten, vergänglichsten Form. Das Haus des Gevatters ist zugleich ein Haus voller Todeszeichen und ein Haus, das lebt, das spricht, das sich selbst versorgt. Es ist die Kehrseite der Welt, die der Arzt in seiner Praxis kennt.
Bemerkenswert ist auch, dass der Mann auf jeder Treppe fragt und eine Antwort bekommt. Die toten Gegenstände und Köpfe sprechen. Die Fische sprechen. Das Haus kommuniziert mit dem Besucher, es weist ihn nach oben. Das ist keine feindliche Atmosphäre, eher eine beunruhigend höfliche. Alles führt ihn zum Gevatter hin, als hätte das Haus seinen Besuch erwartet.
Die Erklärungen des Gevatters: Lüge als Machtdemonstration
Der Gevatter liefert für alles eine rationale Erklärung. Schippe und Besen seien Knecht und Magd. Tote Finger seien Skorzonerewurzeln. Totenköpfe seien Krauthäupter. Diese Erklärungen sind offensichtlich falsch. Der Mann hat tote Finger gesehen, keine Wurzeln. Er hat Totenköpfe gesehen, keine Kohlköpfe. Und der Gevatter weiß, dass er lügt, und der Mann weiß, dass er lügt, und trotzdem geht die Szene so weiter.
Was der Gevatter demonstriert, ist keine Überzeugungsarbeit, sondern Macht. Er muss den Mann nicht überzeugen, er muss nur deutlich machen, dass er die Deutungshoheit über sein Haus besitzt. Was hier passiert, entscheidet der Gevatter. Was die Dinge im Haus bedeuten, entscheidet der Gevatter. Der Besucher hat nichts zu sagen. Die Lüge ist kein Täuschungsversuch, sie ist eine Demonstration von Kontrolle.
Erst bei den Hörnern weicht das Muster. Auf alle anderen Fragen gibt der Gevatter eine falsche Antwort. Auf die Hörner sagt er nur: „Ei, das ist nicht wahr." Keine Erklärung, kein alternatives Bild, nur eine bloße Verneinung. Das ist der Moment, in dem die Lüge nicht mehr funktioniert. Und genau das macht dem Mann Angst. Nicht die Hörner, sondern die plötzliche Hilflosigkeit des Gevatters bei dieser einen Frage.
Der offene Schluss: Was wäre sonst noch passiert?
„Und wer weiß, was ihm der Herr Gevatter sonst angetan hätte." Dieser letzte Satz ist das Gegenstück zum letzten Satz von „Herr Korbes": Dort wird eine Tat nachträglich legitimiert. Hier wird eine Drohung formuliert, ohne sie einzulösen. Der Text weiß die Antwort nicht, oder er will sie nicht sagen.
In einer älteren Variante des Stoffes, die in Aurbachers „Büchlein für die Jugend" überliefert ist, ist der Schluss drastischer: Dort ist der Schluss noch drastischer, die neugierige Frau wird erschlagen. Die Grimm-Version ist milder, aber gerade durch diese Mildheit beunruhigender. Ein explizites Ende hätte die Spannung aufgelöst. Der offene Schluss hält sie offen. Der Mann ist entkommen. Für jetzt.
Kausalkette: Wie funktioniert das Märchen?
- 1Armer Mann hat zu viele Kinder, kann niemanden mehr als Gevatter bitten. Traum weist ihn an, den ersten Fremden zu fragen.
- 2Fremder schenkt Wunderwasser mit Regel: Tod am Kopf, heile. Tod an den Füßen, lass es.
- 3Mann wird berühmter Arzt. Heilt das Königskind zweimal. Beim dritten Mal muss es sterben.
- 4Mann besucht den Gevatter. Fünf Treppen, jede rätselhafter als die vorherige.
- 5Er sieht den Gevatter mit Hörnern durch das Schlüsselloch.
- 6Gevatter erklärt alles weg. Bei den Hörnern versagt die Erklärung: „Das ist nicht wahr."
- 7Mann flieht. Was ihm der Gevatter sonst noch angetan hätte, bleibt offen.
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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Der Herr Gevatter" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.
Was symbolisieren die Erscheinungen auf den fünf Treppen?
| Treppe | Was der Mann sieht | Erklärung des Gevatters | Symbolische Lesart |
|---|---|---|---|
| 1 | Zankenende Schippe und Besen | „Knecht und Magd, die sprachen miteinander" | Tote Dinge beleben sich: Das Haus des Gevatters unterliegt anderen Gesetzen als die Welt der Menschen |
| 2 | Tote Finger | „Skorzenerwurzeln" (Heilpflanzen) | Körperteile als Überreste: der Tod hinterlässt materielle Spuren. Die Erklärung als Heilpflanze ist zynisch: Heilung und Tod sind im Haus des Gevatters dasselbe |
| 3 | Totenköpfe | „Krautköpfe" | Der direkteste Todeshinweis. Die Verniedlichung als Gemüse macht die Lüge besonders deutlich |
| 4 | Sich selbst bratende Fische | Keine Erklärung, Fische tragen sich selbst auf | Der Gevatter kann beleblose Gegenstände aktivieren. Fische gelten in der Traumpsychologie als Inhalte des Unbewussten. Das Haus versorgt sich selbst |
| 5 | Gevatter mit langen Hörnern | „Das ist nicht wahr" | Hörner als ikonografisches Zeichen des Teufels. Hier versagt die Deutungshoheit des Gevatters. Er kann die Hörner nicht wegdefinieren |
KHM 42 und KHM 44: zwei Varianten desselben Grundstoffs
„Der Herr Gevatter" (KHM 42) und „Der Gevatter Tod" (KHM 44) teilen denselben Ausgangsstoff: Ein armer Mann mit zu vielen Kindern findet einen übernatürlichen Gevatter, der ihm eine Gabe verleiht, mit der er als Arzt Karriere macht. Die Grenze seiner Macht liegt in der Position des Todes am Krankenbett.
Die Unterschiede sind entscheidend. In KHM 44 ist der Gevatter ausdrücklich der Tod. Er ist unzweideutig, er stellt sich vor, er erklärt seine Regeln klar. Der Arzt in KHM 44 verstößt gegen die Regeln, dreht den König im Bett um, und stirbt dafür. Das ist ein Märchen über Hybris und ihre Konsequenzen.
In KHM 42 bleibt der Gevatter namenlos und zweideutig. Der Arzt hält sich an die Regeln, das Königskind stirbt, und das ist das Ende des Arzt-Handlungsstrangs. Dann kommt der Hausbesuch, der in KHM 44 nicht vorkommt. KHM 42 ist weniger ein Märchen über den Arzt als ein Märchen über den Gevatter selbst: Wer ist er, was ist sein Haus, was verbirgt er, und was hätte er dem Besucher angetan?
Der Traum als göttliche Weisung und seine Ironie
Das Märchen beginnt mit einem Traum. Der Mann soll hinausgehen und den ersten Fremden als Gevatter bitten. Der Traum wird als verlässliche Weisung behandelt, der Mann folgt ihm ohne Zögern. In der Märchenwelt ist das normal: Träume sind Botschaften, keine Zufälle.
Die Ironie liegt darin, dass der Traum ihm rät, den erstbesten Fremden zu nehmen, und dieser Erstbeste sich als übernatürliches Wesen mit Hörnern herausstellt. Die göttliche oder übernatürliche Weisung führt ihn nicht zu einem guten Christen oder einem weisen Alten, sie führt ihn geradewegs zu einer Figur an der Grenze zwischen Tod und Teufel. Der Traum hat recht gehabt, es hat funktioniert, der Mann ist wohlhabend geworden. Aber er hat damit einen Pakt mit etwas abgeschlossen, dessen wahre Natur er erst beim Hausbesuch sieht.
Herkunft und Überlieferung
Das Märchen stammt ursprünglich aus einer Erzählung von Amalie Hassenpflug, die den Brüdern Grimm als eine ihrer Quellen diente, und ist seit der ersten Auflage von 1812 in der Sammlung enthalten. In Aurbachers Version ist der Schluss drastischer: Die neugierige Frau wird erschlagen. Die Grimm-Version mildert das Ende, ohne die Bedrohung aufzulösen.
Der Märchentyp ATU 332 (Godfather Death) ist einer der am weitesten verbreiteten Märchenstoffe Europas. Varianten finden sich in der spanischen, französischen, italienischen, skandinavischen und slawischen Überlieferung. Allen gemeinsam ist der Arzt mit der übernatürlichen Gabe und die Regel über Kopf und Füße. Was die deutschen Varianten auszeichnet, ist die Frage nach der Identität des Gevatters: ob er Gott, Teufel oder Tod ist, variiert je nach Version und verändert die moralische Aussage grundlegend.
Für Seminar und Hausarbeit
Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008), S. 101-103; Hedwig von Beit, Symbolik des Märchens, 4. Aufl. Bern 1971, S. 114-116; Eugen Drewermann, Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, dtv 2004, S. 253-282; Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature unter ATU 332 (Godfather Death) und ATU 334 (Household of the Witch).
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Für Schule und Unterricht · Klasse 4-13
- →Klasse 4-5: Was sieht der Mann auf jeder Treppe? Warum glaubt er dem Gevatter nicht? Gespräch über den Unterschied zwischen dem, was man sieht, und dem, was jemand behauptet.
- →Klasse 6-7: Vergleich mit KHM 44 „Der Gevatter Tod": Welcher Gevatter ist gefährlicher? Welcher ehrlicher? Was passiert mit dem Arzt, der die Regeln bricht, und was mit dem, der sie einhält?
- →Klasse 8-9: Analyse der Erklärungen des Gevatters: Warum lügt er so offensichtlich? Was demonstriert er damit? Einführung in den Begriff „Deutungshoheit".
- →Klasse 10-11: Die Verschmelzung von Tod und Teufel in einer Figur: Was sagt das über das Verhältnis von Sterben und Böse in der volkstümlichen Vorstellung des 19. Jahrhunderts aus?
- →Klasse 12-13: Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung: Der Arzt als Freund des Todes. Was bedeutet das für das Verhältnis von Medizin und Sterblichkeit? Vergleich mit modernen bioethischen Fragen.
- →Kreativaufgabe: Schreibe eine sechste Treppe. Was würde der Mann sehen, und was würde der Gevatter diesmal als Erklärung liefern?
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Häufige Fragen zu „Der Herr Gevatter" (KHM 42)
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 42. München 1977, S. 244-246.