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Der Schneider im Himmel

Der Schneider im Himmel | Originaltext, Bedeutung & Analyse
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Das Wichtigste in Kürze

Was steckt hinter „Der Schneider im Himmel" und warum ist es einer der mutigsten Texte in der Grimm-Sammlung?

  • KHM Nr. 35: Ein kleiner Schneider schmuggelt sich mit einer Lüge in den Himmel, setzt sich auf Gottes Thron und wirft den goldenen Fußschemel auf eine diebische alte Frau. Gott schmeißt ihn hinaus.
  • Religiöser Schwank: Das Märchen ist kein frommer Text, sondern ein volkstümlicher Schwank über menschliche Schwächen, in dem Gott, Petrus und ein Schneider gemeinsam auftreten. Der Ton ist eher humorvoll als ehrfürchtig.
  • Die Kernaussage: Nur wer selbst ohne Schuld ist, darf richten. Gott macht dem Schneider klar: Wenn man ihn so gerichtet hätte wie er die alte Frau, wäre der Himmel längst möbellos.
  • Das Ende: Der Schneider zieht nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen. Ein ironischer Schluss, der nirgendwo hinführt und damit alles sagt.

Was steht im Originaltext von „Der Schneider im Himmel"? (Vollständige Fassung)

Der folgende Text gibt die Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 35. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten. Geeignet zum Vorlesen ab Klasse 3.

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Es trug sich zu, daß der liebe Gott an einem schönen Tag in dem himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen mitnahm, also daß niemand mehr im Himmel blieb als der heilige Petrus. Der Herr hatte ihm befohlen, während seiner Abwesenheit niemand einzulassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht lange, so klopfte jemand an. Petrus fragte, wer da wäre und was er wollte. »Ich bin ein armer ehrlicher Schneider,« antwortete eine feine Stimme, »der um Einlaß bittet.« »Ja, ehrlich,« sagte Petrus, »wie der Dieb am Galgen, du hast lange Finger gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt. Du kommst nicht in den Himmel, der Herr hat mir verboten, solange er draußen wäre, irgend jemand einzulassen.« »Seid doch barmherzig,« rief der Schneider, »kleine Flicklappen, die von selbst vom Tisch herabfallen, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen, ich kann unmöglich wieder umkehren. Laßt mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säubern und abwischen, und ihre zerrissenen Kleider flicken.« Der heilige Petrus ließ sich aus Mitleiden bewegen und öffnete dem lahmen Schneider die Himmelspforte so weit, daß er mit seinem dürren Leib hineinschlüpfen konnte. Er mußte sich in einen Winkel hinter die Türe setzen, und sollte sich da still und ruhig verhalten, damit ihn der Herr, wenn er zurückkäme, nicht bemerkte und zornig würde.

Der Schneider gehorchte, als aber der heilige Petrus einmal zur Türe hinaustrat, stand er auf, ging voll Neugierde in allen Winkeln des Himmels herum und besah sich die Gelegenheit. Endlich kam er zu einem Platz, da standen viele schöne und köstliche Stühle und in der Mitte ein ganz goldener Sessel, der mit glänzenden Edelsteinen besetzt war; er war auch viel höher als die übrigen Stühle, und ein goldener Fußschemel stand davor. Es war aber der Sessel, auf welchem der Herr saß, wenn er daheim war, und von welchem er alles sehen konnte, was auf Erden geschah. Der Schneider stand still und sah den Sessel eine gute Weile an, denn er gefiel ihm besser als alles andere. Endlich konnte er den Vorwitz nicht bezähmen, stieg hinauf und setzte sich in den Sessel. Da sah er alles, was auf Erden geschah, und bemerkte eine alte häßliche Frau, die an einem Bach stand und wusch, und zwei Schleier heimlich beiseite tat. Der Schneider erzürnte sich bei diesem Anblicke so sehr, daß er den goldenen Fußschemel ergriff und durch den Himmel auf die Erde hinab nach der alten Diebin warf. Da er aber den Schemel nicht wieder heraufholen konnte, so schlich er sich sachte aus dem Sessel weg, setzte sich an seinen Platz hinter die Türe und tat, als ob er kein Wasser getrübt hätte.

Als der Herr und Meister mit dem himmlischen Gefolge wieder zurückkam, ward er zwar den Schneider hinter der Türe nicht gewahr, als er sich aber auf seinen Sessel setzte, mangelte der Schemel. Er fragte den heiligen Petrus, wo der Schemel hingekommen wäre, der wußte es nicht. Da fragte er weiter, ob er jemand hereingelassen hätte. »Ich weiß niemand,« antwortete Petrus, »der da gewesen wäre, als ein lahmer Schneider, der noch hinter der Türe sitzt.« Da ließ der Herr den Schneider vor sich treten und fragte ihn, ob er den Schemel weggenommen und wo er ihn hingetan hätte. »O Herr,« antwortete der Schneider freudig, »ich habe ihn im Zorne hinab auf die Erde nach einem alten Weibe geworfen, das ich bei der Wäsche zwei Schleier stehlen sah.«

»O du Schalk,« sprach der Herr, »wollt ich richten, wie du richtest, wie meinst du, daß es dir schon längst ergangen wäre? ich hätte schon lange keine Stühle, Bänke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr hier gehabt, sondern alles nach den Sündern hinabgeworfen. Fortan kannst du nicht mehr im Himmel bleiben, sondern mußt wieder hinaus vor das Tor: da sieh zu, wo du hinkommst. Hier soll niemand strafen, denn ich allein, der Herr.«

Petrus mußte den Schneider wieder hinaus vor den Himmel bringen, und weil er zerrissene Schuhe hatte und die Füße voll Blasen, nahm er einen Stock in die Hand, und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen.

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Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen

Auf der Oberfläche ist das Märchen eine komische Geschichte über einen Schneider, der sich in den Himmel schmuggelt und dort Unsinn anstellt. Darunter liegt eine der klarsten theologischen Aussagen der gesamten Grimm-Sammlung: Wer selbst nicht ohne Schuld ist, hat kein Recht zu richten. Das sagt nicht ein Heiliger. Das sagt Gott selbst, direkt, mit einem Argument, das der Schneider nicht widerlegen kann.

Welche Kernthemen trägt das Märchen?

  • Selbstgerechtigkeit als menschliche Grundschwäche: Der Schneider ist selbst ein kleiner Dieb. Er hat Tuchstücke unterschlagen, das weiß Petrus sofort. Trotzdem empört er sich über die alte Frau so sehr, dass er aus dem Fenster des Himmels wirft. Diese Gleichzeitigkeit von eigener Schuld und fremdem Urteil ist der Kern des Textes.
  • Das Richten als Anmaßung: Der Schneider setzt sich nicht nur auf Gottes Thron, sondern übernimmt auch Gottes Funktion. Er sieht, urteilt und straft. Das ist dreifache Anmaßung: der falsche Ort, die falsche Person, das falsche Recht.
  • Gottes Geduld als eigentliche Botschaft: Gott wirft keine Möbel nach Sündern. Das ist seine Aussage: Wäre er so wie der Schneider, wäre der Himmel schon längst leer. Seine Geduld ist nicht Schwäche, sondern Prinzip. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gehören zusammen.
  • Neugierde als Ursünde: Der Schneider hält sich zunächst an die Anweisung. Erst als Petrus kurz die Tür verlässt, überkommt ihn die Neugierde. Es ist nicht Bosheit, die ihn auf den Thron treibt, sondern „Vorwitz": die unbeherrschte Neugier, die ihn ins Verderben bringt.
  • Die Lüge beim Eingang: Der Schneider lügt zweifach: Er nennt sich „ehrlich" und verspricht Arbeit, die er nie leisten wird. Der Himmel wird durch Versprechen betreten, nicht durch Verdienst. Petrus, der es besser weiß, lässt ihn trotzdem herein, aus Mitleid. Auch das ist eine Botschaft.

Was ist die Ereigniskette des Textes?

  1. 1Gott geht spazieren: Der Himmel ist leer bis auf Petrus. Eine kleine Lücke im göttlichen Aufsichtssystem. Der Schneider kommt genau in diesem Moment.
  2. 2Petrus lässt ihn ein: Gegen den ausdrücklichen Befehl, aus Mitleid. Der Schneider verspricht Demut und Fleiß. Petrus glaubt ihm halb, lässt ihn aber herein.
  3. 3Der Thron zieht ihn an: Als Petrus kurz weg ist, kann der Schneider der Neugierde nicht widerstehen. Er setzt sich auf Gottes Thron. Jetzt sieht er alles.
  4. 4Er sieht die Diebin: Die alte Frau stiehlt zwei Schleier beim Waschen. Der Schneider, selbst ein Dieb, empört sich sofort und wirft den Fußschemel nach ihr.
  5. 5Gott fragt nach dem Schemel: Der Schneider gesteht freudig, weil er glaubt, Recht getan zu haben. Das ist das eigentlich Komische: Er ist stolz auf seine Tat.
  6. 6Gott urteilt: Nicht über die alte Frau. Über den Schneider. Wer so richtet wie er, hätte längst keine Möbel mehr. Richten ist Gottes Sache. Der Schneider zieht nach Warteinweil.

Für den Unterricht · Klasse 3-5

Ein guter Einstieg: „Warum darf der Schneider nicht richten, obwohl die alte Frau wirklich gestohlen hat?" Diese Frage öffnet ein Gespräch über den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit, ohne abstrakt zu werden.

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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung

Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Der Schneider im Himmel" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, Theologie oder Kulturwissenschaft, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.

Was symbolisieren die zentralen Figuren und Gegenstände?

Symbol / Figur Bedeutung im Märchen
Der Schneider Steht für den kleinen, unvollkommenen Menschen, der sich durch List einen Vorteil verschafft, dabei aber seine eigenen Grenzen nicht kennt. Er ist nicht grundböse, aber selbstgerecht. Seine Empörung über die alte Frau ist echt, sein Zorn ist menschlich. Genau das macht ihn zum Spiegel für den Leser.
Der heilige Petrus Petrus ist in der volkstümlichen Erzähltradition oft ein gutmütiger, leicht zu überlistender Türwächter. Er kennt die Schwächen des Schneiders, lässt ihn aber trotzdem herein, aus Mitleid. Das ist keine Dummheit, sondern die Spannung zwischen Regel und Barmherzigkeit, die das Märchen von Anfang an thematisiert.
Der goldene Thron Der Thron Gottes ist der Ort der vollständigen Übersicht und des vollständigen Urteils. Wer dort sitzt, sieht alles und kann richten. Der Schneider setzt sich dorthin, weil ihn die Neugierde treibt, nicht weil er richten will. Aber sobald er sitzt, richtet er. Der Ort schafft die Funktion.
Der goldene Fußschemel Das einzige Objekt, das der Schneider als Waffe benutzt. Gottes Werkzeug der Ruhe und Würde wird zum Wurfgeschoss des Zorns. Der Schemel kann nicht zurückgeholt werden: Was im Zorn getan ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Sein Fehlen ist der einzige Beweis gegen den Schneider.
Die alte Frau am Bach Eine kleine Diebin, die zwei Schleier stiehlt. Nicht Monster, nicht große Verbrecherin. Der Maßstab des Schneiders ist vollkommen unverhältnismäßig: Er wirft ein goldenes Möbelstück aus dem Himmel nach einer Frau, die zwei Tücher nimmt. Das ist die Komik und der Ernst des Märchens zugleich.
Warteinweil Ein erfundener Ortsname, der „warte eine Weile" bedeutet. Er verweist auf einen Ort des Schwebens: weder Himmel noch Hölle, nur ein unbestimmtes Weitermachen. Die frommen Soldaten, die dort sitzen und sich lustig machen, sind selbst ein ironisches Bild: Frömmigkeit und Lustigkeit gehören nicht zusammen, hier aber schon.

Religiöser Schwank: eine eigene Gattung

„Der Schneider im Himmel" gehört zu einer Gruppe von Texten in der Grimm-Sammlung, die religiöse Stoffe mit volkstümlichem Humor verbinden. Es sind keine frommen Texte, sondern Schwänke über religiöse Figuren. Gott ist in diesem Märchen nicht unantastbar majestätisch, sondern spricht direkt, fast umgangssprachlich, mit einem kleinen Schneider. Petrus ist leicht überlistbar. Der Himmel ist ein Ort, den man mit Versprechen betreten kann, die man nicht einhält.

Diese Gattung hat eine lange Tradition in der europäischen Volkserzählung. Im Mittelalter gab es zahlreiche Schwänke über Petrus als Himmelspförtner, oft mit derbem Humor. Die Grimms haben diese Texte aufgenommen und dabei einen interessanten Balanceakt vollzogen: Sie haben den humorvollen Ton beibehalten, aber die theologische Botschaft am Schluss deutlich herausgestellt. Das Märchen endet nicht mit einem Gag, sondern mit einem klaren Satz Gottes: „Hier soll niemand strafen, denn ich allein, der Herr."

Das Bibelzitat im Märchen: „Wer unter euch ohne Sünde ist…"

Gottes Rede an den Schneider ist eine volkstümliche Paraphrase einer der bekanntesten Stellen des Neuen Testaments: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" (Johannes 8,7). Die Situation im Märchen ist fast identisch: Ein Mensch, der selbst gesündigt hat, will einen anderen bestrafen. Gott macht die Unverhältnismäßigkeit deutlich: Wäre er so wie der Schneider, hätte er längst alles hinuntergeworfen.

Der Unterschied zum Bibeltext: Im Johannesevangelium richtet sich Jesus an die Ankläger einer Ehebrecherin. Das ist eine ernste Situation. Im Märchen richtet Gott sich an einen kleinen Schneider, der einen Fußschemel nach einer alten Wäscherin geworfen hat. Die Botschaft ist dieselbe, der Ton vollständig verschieden. Das ist das Wesen des religiösen Schwanks: Er macht theologische Aussagen, ohne ernst zu klingen.

Der Schneider als Typus: eine Beobachtung zur Standesironie

In der deutschen Volksüberlieferung ist der Schneider ein wiederkehrender Typus des Schwanks. Er ist klein, dünn, hinkend, moralisch flexibel und doch von seiner eigenen Klugheit überzeugt. Das „tapfere Schneiderlein" (KHM 20) überlistet Riesen. Der Schneider im Himmel überlistet Petrus. In beiden Fällen steht die List über der Kraft.

Die Stände-Satire ist hier unübersehbar: Schneider galten in der vorindustriellen Gesellschaft als handwerkliche Unterschicht, oft mit dem Ruf des kleinen Betrugs (Stoffe unterschlagen, falsch abmessen). Das Märchen nimmt diesen Ruf auf und macht ihn zur Grundlage der Handlung. Petrus weiß sofort, womit der Schneider seinen Lebensunterhalt verdient hat. Das ist kein Vorurteil, das ist Beobachtung.

Petrus als volkstümliche Figur: der Türwächter mit dem weichen Herz

Der heilige Petrus ist in der europäischen Volkserzählung eine der am häufigsten vorkommenden Figuren überhaupt. Er tritt in Hunderten von Schwänken auf, meist als Türwächter des Himmels, fast immer als Figur, die sich überreden lässt. Das entspricht dem Bild des Petrus im Neuen Testament: Er ist impulsiv, loyal, menschlich fehlbar und trotzdem von Christus berufen.

Im Märchen folgt Petrus dem Befehl Gottes nicht. Er lässt den Schneider herein, obwohl er weiß, dass er es nicht soll. Das ist menschliche Barmherzigkeit gegen göttliche Ordnung. Und die Barmherzigkeit scheitert: Der Schneider missbraucht das Vertrauen sofort. Das Märchen stellt damit eine stille Frage: Ist Mitleid immer richtig? Petrus' Fehler ist kein böser Wille, sondern ein Überschuss an Güte.

Was ist Warteinweil und warum endet das Märchen dort?

Warteinweil ist ein fiktiver Ortsname, zusammengesetzt aus „warte" und „eine Weile". Er bezeichnet nirgendwo, ein Ort des unbestimmten Dazwischen. Der Schneider landet weder in der Hölle noch im Himmel, sondern in einem komischen Niemandsland, wo „die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen".

Das ist ein bewusst offener Schluss. Das Märchen verurteilt den Schneider nicht zur Hölle, es lässt ihn einfach gehen, ohne Ziel, ohne Urteil. Das entspricht der Aussage Gottes: Er richtet nicht so streng wie der Schneider. Er weist ihn hinaus, aber er vernichtet ihn nicht. Warteinweil ist das Gegenteil von Strafe: Es ist Aufschub, Schweben, Weitermachen ohne Gewissheit.

Für Seminar und Hausarbeit

Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947); Lutz Röhrich, Gebärde, Metapher, Parodie (1967); zum religiösen Schwank: Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008); zum Bibelzitat: Johannes 8,7; zur Petrus-Figur in der Volksüberlieferung: Rolf Wilhelm Brednich, Enzyklopädie des Märchens (1977 ff.), Artikel „Petrus".

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Häufige Fragen zu „Der Schneider im Himmel" (KHM 35)

Ein Schneider schmuggelt sich durch Versprechen und Mitleid an Petrus vorbei in den Himmel. Als Gott und alle Heiligen fort sind, setzt er sich auf Gottes Thron, sieht eine diebische alte Frau und wirft ihr den goldenen Fußschemel nach. Gott findet den Schemel vermisst, der Schneider gesteht freudig und Gott weist ihn aus dem Himmel: Richten ist Gottes Sache allein.
Die Moral lautet: Wer selbst nicht ohne Schuld ist, darf andere nicht richten. Gott macht dem Schneider klar: Würde er so richten wie er, wäre der Himmel längst möbellos. Selbstgerechtigkeit ist eine der grundlegendsten menschlichen Schwächen, und das Märchen zeigt sie mit feinem Humor.
Nicht für den Tuchdiebstahl aus seinem Leben, sondern für seine Anmaßung im Himmel: Er setzt sich auf Gottes Thron und richtet eigenmächtig über einen anderen Menschen. Das Richten ist Gottes Vorrecht allein. Interessanterweise bestraft Gott ihn nicht streng, sondern weist ihn einfach hinaus.
Warteinweil ist ein ironischer Fantasiename, der „warte eine Weile" bedeutet: ein Ort des Dazwischens, weder Himmel noch Hölle. Dort sitzen die frommen Soldaten und machen sich lustig. Es ist ein offener, leicht spöttischer Schluss ohne klares Urteil über den Schneider.
Es ist ein religiöser Schwank: eine kurze, komische Volkserzählung mit theologischer Botschaft. Es gibt keine Magie im märchentypischen Sinne, keinen Helden und kein Happy End. Die Figuren sind Gott, Petrus und ein kleiner Schneider, der Ton ist volkstümlich und humorvoll.
Das Märchen eignet sich gut ab Klasse 3-4. Die Fragen nach Gerechtigkeit, Selbstgerechtigkeit und dem Recht zu richten sind für Kinder ab ca. 8-9 Jahren gut diskutierbar. Der humorvolle Ton erleichtert den Zugang zu einem eigentlich schweren Thema.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 35. München 1977, S. 213-215.