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Die Wichtelmänner

Die Wichtelmänner | Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 39)
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Das Wichtigste in Kürze

Was steckt hinter „Die Wichtelmänner" und warum besteht dieses Märchen aus drei Teilen?

  • KHM Nr. 39, drei Geschichten: Die Grimms haben drei eigenständige Varianten unter einem Titel versammelt. Das erste Märchen zeigt einen Schuster, dem Wichtelmänner aus der Armut helfen. Das zweite führt ein Dienstmädchen in die Anderswelt, wo Zeit anders läuft. Das dritte erklärt, wie man einen Wechselbalg entlarvt.
  • Das Kleidungstabu als Schlüsselmotiv: Im ersten Märchen verschwinden die Wichtelmänner, sobald sie Kleider erhalten. Das ist kein Zufall, sondern ein verbreitetes europäisches Motiv: Hausgeister darf man nicht direkt entlohnen oder bekleiden, weil das das Dienstverhältnis beendet.
  • Zeitverlust in der Geisterwelt: Drei gefühlte Tage im Berg der Wichtelmänner entsprechen sieben echten Jahren. Das Motiv ist in der keltischen, germanischen und weltweiten Märchenüberlieferung gut belegt.
  • Absurdität als Waffe: Im dritten Märchen wird ein uralter Wechselbalg nicht durch Gewalt, sondern durch das Kochen in Eierschalen entlarvt. Das Absurde überlistet das Übernatürliche, ein seltenes Motiv in der Grimm-Sammlung.

Originaltext: Erstes Märchen

Der folgende Text gibt die erste Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 39. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.

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Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein. Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, daß kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte.

Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln. Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand, waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, daß er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die vier Paar fertig; und so gings immer fort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward.

Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, daß er vor Schlafengehen zu seiner Frau sprach »wie wärs, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?« Die Frau wars zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, daß der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.

Am andern Morgen sprach die Frau »die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müßten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.« Der Mann sprach »das bin ich wohl zufrieden,« und abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie sich die Männlein dazu anstellen würden.

Um Mitternacht kamen sie herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen

„Sind wir nicht Knaben glatt und fein?
Was sollen wir länger Schuster sein!"

Dann hüpften und tanzten sie, und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Tür hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm.

Originaltext: Zweites Märchen

Die zweite Fassung führt ein fleißiges Dienstmädchen in die Unterwelt der Wichtelmänner, wo Zeit nach anderen Regeln verläuft.

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Es war einmal ein armes Dienstmädchen, das war fleißig und reinlich, kehrte alle Tage das Haus und schüttete das Kehricht auf einen großen Haufen vor die Türe. Eines Morgens, als es eben wieder an die Arbeit gehen wollte, fand es einen Brief darauf, und weil es nicht lesen konnte, so stellte es den Besen in die Ecke und brachte den Brief seiner Herrschaft, und da war es eine Einladung von den Wichtelmännern, die baten das Mädchen, ihnen ein Kind aus der Taufe zu heben. Das Mädchen wußte nicht, was es tun sollte, endlich auf vieles Zureden, und weil sie ihm sagten, so etwas dürfte man nicht abschlagen, so willigte es ein.

Da kamen drei Wichtelmänner und führten es in einen hohlen Berg, wo die Kleinen lebten. Es war da alles klein, aber so zierlich und prächtig, daß es nicht zu sagen ist. Die Kindbetterin lag in einem Bett von schwarzem Ebenholz mit Knöpfen von Perlen, die Decken waren mit Gold gestickt, die Wiege war von Elfenbein, die Badwanne von Gold. Das Mädchen stand nun Gevatter und wollte dann wieder nach Haus gehen, die Wichtelmännlein baten es aber inständig, drei Tage bei ihnen zu bleiben. Es blieb also und verlebte die Zeit in Lust und Freude, und die Kleinen taten ihm alles zuliebe. Endlich wollte es sich auf den Rückweg machen, da steckten sie ihm die Taschen erst ganz voll Gold und führten es hernach wieder zum Berge heraus.

Als es nach Haus kam, wollte es seine Arbeit beginnen, nahm den Besen in die Hand, der noch in der Ecke stand, und fing an zu kehren. Da kamen fremde Leute aus dem Haus, die fragten, wer es wäre und was es da zu tun hätte. Da war es nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern sieben Jahre bei den kleinen Männern im Berge gewesen, und seine vorige Herrschaft war in der Zeit gestorben.

Originaltext: Drittes Märchen

Der kürzeste der drei Teile zeigt, wie ein Wechselbalg durch eine absurde Probe entlarvt und das gestohlene Kind zurückgewonnen wird.

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Einer Mutter war ihr Kind von den Wichtelmännern aus der Wiege geholt, und ein Wechselbalg mit dickem Kopf und starren Augen hineingelegt, der nichts als essen und trinken wollte. In ihrer Not ging sie zu ihrer Nachbarin und fragte sie um Rat. Die Nachbarin sagte, sie sollte den Wechselbalg in die Küche tragen, auf den Herd setzen, Feuer anmachen und in zwei Eierschalen Wasser kochen: das bringe den Wechselbalg zum Lachen, und wenn er lache, dann sei es aus mit ihm. Die Frau tat alles, wie die Nachbarin gesagt hatte. Wie sie die Eierschalen mit Wasser über das Feuer setzte, sprach der Klotzkopf

„Nun bin ich so alt
wie der Westerwald,
und hab nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht."

Und fing an darüber zu lachen. Indem er lachte, kam auf einmal eine Menge von Wichtelmännerchen, die brachten das rechte Kind, setzten es auf den Herd und nahmen den Wechselbalg wieder mit fort.

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Zusammenfassung

Erstes Märchen: Der dankbare Schuster

Ein redlicher Schuster ist ohne eigene Schuld verarmt. Er schneidet abends Leder zu und findet es morgens fertig gearbeitet. Zwei nackte Wichtelmänner arbeiten nachts unbemerkt und retten ihn aus der Armut. Als er und seine Frau den Wichtelmännern Kleider schenken, ziehen diese sich an, singen ihr Abschiedslied und kommen nie wieder. Der Schuster bleibt trotzdem bis ans Ende seines Lebens vom Glück begünstigt.

Zweites Märchen: Das Dienstmädchen in der Anderswelt

Ein fleißiges Dienstmädchen findet auf dem Kehrichthaufen einen Brief: Einladung der Wichtelmänner als Taufpatin. Obwohl es zögert, geht es mit. Im Inneren des Berges erlebt es prächtigen Reichtum und verweilt, was es für drei Tage hält. Als es zurückkehrt, sind sieben Jahre vergangen, die Herrschaft ist tot, und das Mädchen steht vor einer völlig veränderten Welt.

Drittes Märchen: Der Wechselbalg

Wichtelmänner stehlen ein Baby und legen einen gefräßigen Wechselbalg in die Wiege. Auf Rat der Nachbarin kocht die Mutter Wasser in Eierschalen. Das absurde Bild bringt den uralten Wechselbalg zum Lachen, da er trotz seines hohen Alters noch nie so etwas gesehen hat. Beim Lachen kehren die Wichtelmänner zurück, bringen das echte Kind und holen den Wechselbalg fort.

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Was bedeuten die Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen

„Die Wichtelmänner" ist in drei Teilen überliefert, die dasselbe Grundthema aus verschiedenen Winkeln beleuchten: kleine Geistwesen treten mit Menschen in Berührung. In allen drei Teilen gilt dasselbe Grundprinzip. Die Menschen, denen die Wichtelmänner begegnen, sind nicht reich oder mächtig, sondern schlicht und rechtschaffen: ein redlicher Schuster, ein fleißiges Dienstmädchen, eine hilfesuchende Mutter. Und die Wichtelmänner folgen ihrer eigenen Logik, die weder gut noch böse ist, sondern schlicht anders.

Der Vergleich der drei Teile

Merkmal Erstes Märchen Zweites Märchen Drittes Märchen
Menschliche Figur Schuster und Frau Dienstmädchen Mutter
Rolle der Wichtelmänner Helfer aus der Armut Gastgeber in der Anderswelt Diebe, dann Rückgeber
Schlüsselmotiv Kleidung beendet Dienstverhältnis Zeit in der Geisterwelt Wechselbalg-Probe
Ende Wichtelmänner verschwinden, Schuster bleibt glücklich Rückkehr in veränderte Welt Echtes Kind zurück
Kernaussage Dankbarkeit endet das magische Verhältnis Kontakt mit der Geisterwelt ist irreversibel Das Absurde überlistet das Übernatürliche

Welche Kernthemen tragen die Märchen?

  • Das Kleidungstabu (erstes Märchen): Hausgeister darf man nicht direkt entlohnen oder bekleiden. Kleidung symbolisiert die Zugehörigkeit zur menschlichen Welt. Sobald die Wichtelmänner bekleidet sind, singen sie ihr Abschiedslied und sind keine Naturgeister mehr: „Sind wir nicht Knaben glatt und fein? Was sollen wir länger Schuster sein!" Das Verschwinden ist keine Strafe, sondern eine gegenseitige Befreiung.
  • Zeitverlust in der Anderswelt (zweites Märchen): Drei gefühlte Tage entsprechen sieben echten Jahren. Dieses Motiv ist in der keltischen Feenerzählung (Tír na nÓg), in der isländischen Alfensage und in der japanischen Geschichte von Urashima Tarō belegt. Der Kontakt mit der Geisterwelt lässt sich nicht ungeschehen machen.
  • Der Wechselbalg-Glaube als Erklärungsmodell (drittes Märchen): Kinder mit auffälligen körperlichen Merkmalen oder Entwicklungsstörungen wurden in vorindustriellen Gesellschaften als ausgetauschte Wesen gedeutet. Der Glaube entlastete Eltern und Gemeinschaft von Schuld und Erklärungsnot. Das Eierschalen-Ritual ist historisch belegt.
  • Absurdität als Waffe: Im dritten Märchen wird der Wechselbalg nicht durch Gewalt, sondern durch das Kochen in Eierschalen entlarvt. Das Lachen des uralten Wesens verrät es: es hat in all seinen Jahrhunderten noch nie so etwas Sinnloses gesehen. Ein seltenes Beispiel in der Grimm-Sammlung, wo nicht Stärke, sondern Staunen die Lösung bringt.

Kausalketten: Wie funktionieren die drei Geschichten?

Erstes Märchen:

  1. 1Schuster ist verarmt, bleibt aber redlich und gottvertrauend.
  2. 2Wichtelmänner helfen nachts, ohne gefragt zu werden.
  3. 3Ehepaar beobachtet, wer hilft.
  4. 4Sie bedanken sich mit selbst genähter Kleidung.
  5. 5Wichtelmänner ziehen sich an, tanzen ab, kommen nie wieder.
  6. 6Schuster bleibt trotzdem für immer vom Glück begünstigt.

Zweites Märchen:

  1. 1Dienstmädchen ist fleißig, reinlich, sozial angesehen.
  2. 2Wichtelmänner laden es als Taufpatin in ihre Welt ein.
  3. 3Es besucht die Geisterwelt im hohlen Berg.
  4. 4Drei gefühlte Tage sind sieben echte Jahre.
  5. 5Rückkehr in eine völlig veränderte, fremde Welt.

Drittes Märchen:

  1. 1Wichtelmänner stehlen das Kind und legen Wechselbalg ein.
  2. 2Mutter fragt Nachbarin um Rat statt kapituliert zu resignieren.
  3. 3Eierschalenkochen bringt Wechselbalg zum Lachen.
  4. 4Sein wahres, uraltes Alter wird offenbart.
  5. 5Wichtelmänner holen ihn ab, bringen das echte Kind zurück.

Für den Unterricht · Klasse 2-10

  • Klasse 2-3: Nacherzählen des ersten Märchens. Frage: Warum gehen die Wichtelmänner weg, obwohl der Schuster ihnen etwas Schönes schenkt?
  • Klasse 4-5: Vergleich aller drei Märchen: Was haben sie gemeinsam, wo unterscheiden sie sich? Das Zeitverlust-Motiv des zweiten Märchens als Einstieg.
  • Klasse 6-7: Das Kleidungsmotiv und das Ende des Dienstverhältnisses als Symbol diskutieren. Vergleich mit anderen Hausgeist-Sagen (Brownie, Heinzelmännchen).
  • Klasse 8-10: Der Wechselbalg-Glaube als historisches Erklärungsmodell. Ethische Diskussion über den Umgang mit Andersartigkeit in vorindustriellen Gesellschaften.
  • Kreativaufgabe: Schreibe ein viertes Wichtelmänner-Märchen, das in der heutigen Zeit spielt. Welche Arbeit würden sie heute nachts erledigen?

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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung

Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Die Wichtelmänner" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.

Was symbolisieren die zentralen Figuren und Motive?

Symbol / Motiv Bedeutung im Märchen Teil
Nacktheit der Wichtelmänner Zustand außerhalb der menschlichen Ordnung, Naturhaftigkeit. Wer keine Kleider trägt, gehört nicht zur zivilisierten Welt. 1
Kleidung als Geschenk Einbindung in die menschliche Welt, Auflösung des Dienstverhältnisses. Parallele zum britischen Brownie und zum nordischen Nisse. 1
Mitternacht Schwellenzeit zwischen Mensch- und Geisterwelt. In der Volksmythologie ist Mitternacht der Moment, in dem die Geister ungestört wirken können. 1
Kehrichthaufen mit Brief Kontaktpunkt zwischen den Welten mitten im Alltag. Das Wunderbare erreicht den Menschen nicht im Traum, sondern bei der Morgenarbeit. 2
Hohler Berg Jenseitsort, Anderswelt im Innern der Erde. In der germanischen Überlieferung wohnen Zwerge, Elfen und Geister in Bergen. 2
Zeitverlust (3 Tage = 7 Jahre) Die Geisterwelt folgt anderen Zeitgesetzen. Der Besuch ist nicht umkehrbar, er verändert das Leben des Menschen dauerhaft. 2
Wechselbalg Historisches Erklärungsmodell für Kinder mit Auffälligkeiten. Entlastete Eltern von Schuld und die Gemeinschaft von Erklärungsnot. 3
Eierschalen-Kochen Historisch belegtes Volksritual zur Entlarvung. Das Absurde überlistet das Uralte, weil dieses noch nie Vergleichbares gesehen hat. 3

Hausgeister in Europa: Verwandte Figuren und Traditionen

Die Wichtelmänner gehören zur weitverbreiteten europäischen Tradition der Hausgeister: helfende, unsichtbare Wesen, die im Verborgenen wirken. Der schottische Brownie, der nordische Nisse, der slawische Domovoi und der deutsche Kobold folgen derselben Grundlogik: Sie helfen still, erwarten keine direkte Entlohnung und verschwinden, wenn das Verhältnis zu explizit gemacht wird.

Das Kleidungstabu ist dabei kein Grimm-spezifisches Motiv. Auch der Brownie verlässt das Haus, sobald er Kleidung erhält. In den Sagen der Inselkelten endet das Verhältnis zwischen Mensch und Feenwesen oft durch eine gut gemeinte Geste, die trotzdem als Beleidigung oder Entbindung wirkt. Die Wichtelmänner des ersten Märchens sind damit Teil einer gesamteuropäischen Hausgeist-Überlieferung.

Das Zeitverlust-Motiv in der Weltliteratur

Das irische Märchen von Oisín und Tír na nÓg ist das bekannteste europäische Pendant: Der Held kehrt nach Jahrhunderten zurück, ohne es zu merken. Die japanische Geschichte von Urashima Tarō folgt demselben Muster. Das Motiv taucht in chinesischen, arabischen und nordamerikanischen Überlieferungen auf und verweist auf eine universale Faszination mit dem Verhältnis von subjektiver und kosmischer Zeit.

Der Wechselbalg-Glaube: historische Einordnung

Der Wechselbalg-Glaube erfüllte in vorindustriellen Gesellschaften eine wichtige psychologische Funktion. Kinder mit körperlichen Auffälligkeiten, Entwicklungsstörungen oder unstillbarem Hunger wurden als ausgetauschte Wesen gedeutet. Der Glaube entlastete Eltern von Schuld und gab der Gemeinschaft ein Handlungsmodell. Das Eierschalen-Ritual zur Entlarvung ist historisch in verschiedenen deutschen und englischen Quellen belegt, unter anderem bei Heinrich Kramer (15. Jahrhundert) und in Jakob Grimms Deutschen Sagen.

Für Seminar und Hausarbeit

Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947); Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature (1955-1958) unter F321 (Changeling) und F399 (Helpful fairy); Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008).

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Häufige Fragen zu „Die Wichtelmänner" (KHM 39)

Die Wichtelmänner sind kleine, nackte männliche Naturgeister aus der germanischen Volksüberlieferung. Im Märchen KHM 39 erscheinen sie in drei verschiedenen Rollen: als stille Helfer eines Schusters, als Gastgeber in der Anderswelt und als Diebe eines Kindes. Sie folgen einer eigenen Logik, die weder eindeutig gut noch böse ist.
Das ist ein verbreitetes Motiv in der europäischen Geisterkunde: Hausgeister darf man nicht direkt entlohnen oder bekleiden. Kleidung symbolisiert die Zugehörigkeit zur menschlichen, zivilisierten Welt. Sobald die Wichtelmänner bekleidet sind, singen sie ihr Abschiedslied und kommen nicht mehr wieder. Das Verschwinden ist kein Verlust, sondern eine Art gegenseitiger Befreiung.
Das Dienstmädchen verbringt drei gefühlte Tage bei den Wichtelmännern, kehrt aber nach sieben echten Jahren zurück. Dieses Motiv findet sich in der keltischen Feenerzählung (Tír na nÓg), in der nordischen Alfensage und weltweit. Es symbolisiert, dass der Kontakt mit der Geisterwelt das Leben dauerhaft verändert und nicht einfach rückgängig gemacht werden kann.
Ein Wechselbalg ist laut Volksglauben ein von Geistern ausgetauschtes Kind. Das echte Kind wird gestohlen, ein missgestaltetes, unstillbar hungriges Wesen in die Wiege gelegt. Dieser Glaube diente in vorindustriellen Gesellschaften als Erklärung für Kinder mit körperlichen Auffälligkeiten oder Entwicklungsstörungen.
Das Kochen in Eierschalen ist ein historisch belegtes Volksritual zur Entlarvung von Wechselbälgen. Die Logik: Ein Wechselbalg ist uralt, hat aber noch nie jemanden in Eierschalen kochen sehen. Das Absurde lässt ihn lachen und sein wahres Alter verraten. Mit dem Lachen verliert er seine Tarnung und muss zurückgeholt werden.
Im Wesentlichen ja. „Heinzelmännchen" ist der bekanntere Begriff aus der Kölner Sage von August Kopisch (1836), beschreibt aber dieselbe Tradition kleiner, hilfreicher Hausgeister, die nachts arbeiten und verschwinden, wenn sie beobachtet oder beschenkt werden. Die Grimm'schen Wichtelmänner sind die ältere, breitere Variante des Motivs.
Das erste Märchen eignet sich gut ab Klasse 2-3, das dritte ebenfalls. Das zweite Märchen mit seinem Zeitverlust-Motiv ist eher ab Klasse 4-5 geeignet. Für die Sekundarstufe bieten alle drei Teile zusammen reichen Stoff für literarische und kulturhistorische Analyse.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 39. München 1977, S. 236-239.