Die Hochzeit der Frau Füchsin
Das Wichtigste in Kürze
Was steckt hinter „Die Hochzeit der Frau Füchsin" und warum gibt es dieses Märchen zweimal?
- →KHM Nr. 38, zwei Fassungen: Die Grimms haben beide Varianten aufgenommen. Im ersten Märchen stellt der alte Fuchs seine Frau auf die Probe und steckt selbst dahinter. Im zweiten ist er wirklich tot und die Witwe sucht einen ebenbürtigen Nachfolger.
- →Die Jungfer Katze als Schlüsselfigur: In beiden Fassungen ist die Katze die eigentliche Vermittlerin. Sie empfängt die Freier, fragt nach, berichtet der Witwe und entscheidet de facto, wer vorgelassen wird.
- →Reimdialoge als Besonderheit: Beide Märchen sind zum Teil in Reimform geschrieben, was sie in der Grimm-Sammlung einzigartig macht. Die Dialoge zwischen Katze und Freiern haben fast balladenhafte Qualität.
- →Zwei verschiedene Aussagen: Das erste Märchen zeigt die Konsequenz von Eifersucht und Misstrauen. Das zweite zeigt eine Witwe, die aufrichtig trauert und trotzdem pragmatisch neu anfängt, wenn der Richtige kommt.
Originaltext: Erstes Märchen
Der folgende Text gibt die erste Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 38. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.
Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der glaubte, seine Frau wäre ihm nicht treu, und wollte er sie in Versuchung führen. Er streckte sich unter die Bank, regte kein Glied und stellte sich, als wenn er mausetot wäre. Die Frau Füchsin ging auf ihre Kammer, schloß sich ein, und ihre Magd, die Jungfer Katze, saß auf dem Herd und kochte. Als es nun bekannt ward, daß der alte Fuchs gestorben war, so meldeten sich die Freier.
Da hörte die Magd, daß jemand vor der Haustüre stand und anklopfte; sie ging und machte auf, und da wars ein junger Fuchs, der sprach
„was macht sie, Jungfer Katze?
schläft se oder wacht se?"
Sie antwortete
„ich schlafe nicht, ich wache.
Will er wissen, was ich mache?
Ich koche warm Bier, tue Butter hinein:
will der Herr mein Gast sein?"
„Ich bedanke mich, Jungfer," sagte der Fuchs, „was macht die Frau Füchsin?" Die Magd antwortete
„sie sitzt auf ihrer Kammer,
sie beklagt ihren Jammer,
weint ihre Äuglein seidenrot,
weil der alte Herr Fuchs ist tot."
„Sag sie ihr doch, Jungfer, es wäre ein junger Fuchs da, der wollte sie gerne freien." „Schon gut, junger Herr."
Da ging die Katz die Tripp die Trapp,
Da schlug die Tür die Klipp die Klapp.
„Frau Füchsin, sind Sie da?" „Ach ja, mein Kätzchen, ja." „Es ist ein Freier draus." „Mein Kind, wie sieht er aus? Hat er denn auch neun so schöne Zeiselschwänze wie der selige Herr Fuchs?" „Ach nein," antwortete die Katze, „er hat nur einen." „So will ich ihn nicht haben."
Die Jungfer Katze ging hinab und schickte den Freier fort. Bald darauf klopfte es wieder an, und war ein anderer Fuchs vor der Türe, der wollte die Frau Füchsin freien; er hatte zwei Schwänze; aber es ging ihm nicht besser als dem ersten. Danach kamen noch andere, immer mit einem Schwanz mehr, die alle abgewiesen wurden, bis zuletzt einer kam, der neun Schwänze hatte wie der alte Herr Fuchs. Als die Witwe das hörte, sprach sie voll Freude zu der Katze
„nun macht mir Tor und Türe auf,
und kehrt den alten Herrn Fuchs hinaus."
Als aber eben die Hochzeit sollte gefeiert werden, da regte sich der alte Herr Fuchs unter der Bank, prügelte das ganze Gesindel durch und jagte es mit der Frau Füchsin zum Haus hinaus.
Originaltext: Zweites Märchen
Die zweite Fassung des Märchens ist strukturell verschieden: Der alte Fuchs ist wirklich tot. Die Freier kommen aus der gesamten Tierwelt, nicht nur Füchse.
Als der alte Herr Fuchs gestorben war, kam der Wolf als Freier, klopfte an die Türe, und die Katze, die als Magd bei der Frau Füchsin diente, machte auf. Der Wolf grüßte sie und sprach
„guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,
wie kommts, daß sie alleine sitzt?
was macht sie Gutes da?"
Die Katze antwortete
„brock mir Wecke und Milch ein:
will der Herr mein Gast sein?"
„Dank schön, Frau Katze," antwortete der Wolf, „die Frau Füchsin nicht zu Haus?" Die Katze sprach
„sie sitzt droben in der Kammer,
beweint ihren Jammer,
beweint ihre große Not,
daß der alte Herr Fuchs ist tot."
Der Wolf antwortete
„will sie haben einen andern Mann,
so soll sie nur herunter gan."
Die Katz, die lief die Trepp hinan,
und ließ ihr Zeilchen rummer gan,
bis sie kam vor den langen Saal:
klopft an mit ihren fünf goldenen Ringen.
„Frau Füchsin, ist sie drinnen? Will sie haben einen andern Mann, so soll sie nur herunter gan." Die Frau Füchsin fragte „hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?" „Nein," antwortete die Katze. „So kann er mir nicht dienen."
Als der Wolf abgewiesen war, kam ein Hund, ein Hirsch, ein Hase, ein Bär, ein Löwe, und nacheinander alle Waldtiere. Aber es fehlte immer eine von den guten Eigenschaften, die der alte Herr Fuchs gehabt hatte, und die Katze mußte den Freier jedesmal wegschicken. Endlich kam ein junger Fuchs. Da sprach die Frau Füchsin „hat der Herr rote Höslein an, und hat er ein spitz Mäulchen?" „Ja," sagte die Katze, „das hat er." „So soll er heraufkommen," sprach die Frau Füchsin, und hieß die Magd das Hochzeitsfest bereiten.
„Katze, kehr die Stube aus,
und schmeiß den alten Fuchs zum Fenster hinaus.
Bracht so manche dicke fette Maus,
fraß sie immer alleine,
gab mir aber keine."
Da ward die Hochzeit gehalten mit dem jungen Herrn Fuchs, und ward gejubelt und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben, so tanzen sie noch.
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Was bedeuten die Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
„Die Hochzeit der Frau Füchsin" ist in zwei Fassungen überliefert, die dasselbe Grundszenario unterschiedlich beleuchten. In beiden geht es um eine Füchsin, die verwitwet (oder vermeintlich verwitwet) ist und von Freiern umworben wird. In beiden spielt die Jungfer Katze die entscheidende Vermittlerrolle. Aber die Aussagen der beiden Texte sind verschieden, fast gegensätzlich.
Der Vergleich beider Fassungen
| Merkmal | Erstes Märchen | Zweites Märchen |
|---|---|---|
| Ist der alte Fuchs tot? | Nein, er stellt sich nur tot | Ja, wirklich gestorben |
| Art der Freier | Nur Füchse, Steigerung nach Schwanzanzahl | Alle Waldtiere, zuletzt ein junger Fuchs |
| Kriterium der Witwe | Neun Schwänze wie der Verstorbene | Rote Hosen und spitzes Mäulchen |
| Ende | Alter Fuchs springt auf, jagt alle hinaus | Hochzeit mit dem jungen Fuchs, fröhliches Ende |
| Kernaussage | Eifersucht und Misstrauen bestrafen sich selbst | Trauer und pragmatischer Neubeginn gehören zusammen |
| Ton | Komisch, satirisch, Ende als Strafe | Humorvoll, freundlich, echtes Happy End |
Welche Kernthemen tragen die Märchen?
- ◆Eifersucht als selbst gestellte Falle (erstes Märchen): Der alte Fuchs misstraut seiner Frau ohne Anlass. Er stellt eine Falle, die er selbst nicht kontrolliert. Sein Misstrauen erschafft die Situation, die er fürchtet: Fast wird er wirklich ersetzt.
- ◆Trauer und Pragmatismus (zweites Märchen): Die Witwe sitzt oben und weint echte Tränen. Aber sie stellt klare Bedingungen an den Nachfolger. Das ist keine Kälte, sondern Realismus: Trauer und das Weiterleben schließen sich nicht aus.
- ◆Die Katze als Gatekeeper: In beiden Fassungen ist die Jungfer Katze die eigentliche Entscheidungsträgerin. Sie fragt, berichtet, urteilt indirekt. Die Witwe oben sitzt und wartet. Die Katze unten regelt. Das ist eine bemerkenswerte Machtverteilung.
- ◆Der alte Fuchs als Kommentierung des Verstorbenen (zweites Märchen): Das Reimlied am Ende ist einer der schärfsten Texte der Sammlung: Der alte Fuchs brachte Mäuse, fraß sie aber selbst. Er war kein guter Ehemann. Der neue Fuchs mit den roten Hosen ist der bessere Mann.
- ◆Reimdialoge als Volkskunst: Die Wechselgesänge zwischen Katze und Freiern haben balladenhafte Qualität. Sie sind zum Mitsprechen gemacht, nicht zum stillen Lesen. Das Märchen trägt die Spuren des mündlichen Vortrags deutlicher als fast jeder andere Text der Sammlung.
Für den Unterricht · Klasse 2-4
Ein guter Einstieg: „Warum schickt die Frau Füchsin alle Freier weg, die nicht genau so sind wie ihr verstorbener Mann?" Diese Frage öffnet ein kindgerechtes Gespräch über Trauer, Erinnerung und Loslassen.
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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Die Hochzeit der Frau Füchsin" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.
Was symbolisieren die zentralen Figuren und Gegenstände?
| Symbol / Figur | Bedeutung im Märchen |
|---|---|
| Die neun Schwänze | In der deutschen Volksüberlieferung ist der Fuchs das Tier der List und Klugheit. Die Schwanzanzahl steht für den Grad dieser Tugend: Neun ist das Maximum, der vollkommene Fuchs. Die Witwe akzeptiert nur einen Ebenbürtigen. Kein Freier mit weniger Schwänzen ist würdig genug. Das ist Treueanspruch, aber auch Standesdünkel. |
| Die roten Hosen und das spitze Mäulchen | Im zweiten Märchen sind es körperliche Eigenschaften statt abstrakter Würdezeichen. Rote Hosen und ein spitzes Mäulchen sind konkrete, sinnliche Erkennungsmerkmale. Sie stehen für die spezifische Anziehungskraft des Verstorbenen: nicht seine Macht, sondern seine Erscheinung. |
| Die Jungfer Katze | Die Katze ist in beiden Märchen die aktivste Figur. Sie ist Türsteherin, Botin, Berichterstatterin und indirekter Richter. Katzen galten in der Volksüberlieferung als klug, unabhängig und loyal zugleich. Hier ist sie beides: Dienerin der Witwe und dennoch eigenständig handelnde Figur. |
| Der alte Fuchs unter der Bank | Die Selbstinszenierung des Todes ist eine Form extremer Eifersucht: Er will wissen, ob seine Frau untreu ist, riskiert dabei aber tatsächlich ersetzt zu werden. Das ist eine komische Selbstfalle. Er testet die Treue seiner Frau und bekommt fast eine Antwort, die er nicht wollte. |
| Das Reimlied am Ende (zweites Märchen) | Das kurze Lied der Frau Füchsin ist einer der aufschlussreichsten Texte der Sammlung. Der verstorbene Mann brachte Mäuse, fraß sie selbst und gab der Frau keine. Das ist eine klare Kritik an einem selbstbezogenen Ehemann. Die Witwe trauert, aber sie macht sich keine Illusionen über ihn. |
| Die Freier aus der Tierwelt | Im zweiten Märchen kommen Wolf, Hund, Hirsch, Hase, Bär, Löwe: die gesamte Hierarchie der Tierwelt. Kein einziger genügt. Das ist nicht Snobismus, sondern Spezifität: Die Witwe will keinen Mächtigeren oder Stärkeren. Sie will jemanden, der dem Verstorbenen ähnelt. Der junge Fuchs ist die einzige Figur der Tierwelt, die das kann. |
Das Märchen als Reflexion über Witwenschaft und Wiederheirat
Beide Fassungen kreisen um eine gesellschaftlich brisante Frage: Darf eine Witwe wieder heiraten, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? In der vorindustriellen Gesellschaft war die Wiederheirat einer Witwe ein sozialer und oft wirtschaftlicher Notfall. Frauen ohne männlichen Versorger waren in vielen Kontexten rechtlich und finanziell schutzlos. Das Märchen spiegelt diese Realität in der Tierwelt.
Die erste Fassung zeigt die Wiederheirat aus der Perspektive des misstrauischen Ehemannes: Er sieht sie als Verrat, den er verhindern muss. Die zweite Fassung zeigt sie aus der Perspektive der Frau: Sie ist berechtigt, wieder zu heiraten, wenn sie jemanden findet, der ihren Ansprüchen genügt. Das ist eine bemerkenswertig selbstbestimmte Haltung für ein Volksmärchen des 19. Jahrhunderts.
Das Reimlied am Ende des zweiten Märchens verstärkt das noch: Die Witwe benennt explizit, was der alte Fuchs ihr verweigert hatte. Sie trauert, aber sie verherrlicht ihn nicht. Das ist ehrliche Trauer, kein sentimentaler Kult des Verstorbenen.
Die Reimstruktur: Überreste des mündlichen Vortrags
Beide Märchen enthalten ausgedehnte Reimdialoge, die in der Grimm-Sammlung einzigartig sind. Die Wechselgesänge zwischen Katze und Freiern, die Treppenlieder der Katze, das Reimlied der Witwe am Ende: Das sind keine nachträglichen Verzierungen, sondern Überreste einer mündlichen Erzähltradition, in der diese Passagen vorgetragen, gesungen oder im Wechsel gesprochen wurden.
Max Lüthi hat betont, dass das Volksmärchen wesentlich auf Mündlichkeit angelegt ist: auf Wiederholung, Rhythmus und Klang. In „Die Hochzeit der Frau Füchsin" ist das ungewöhnlich deutlich sichtbar. Die Reime haben nicht nur dekorative Funktion, sie sind das Gerüst, an dem die Handlung hängt. Wer das Märchen liest, sollte es laut lesen. Wer es mit Kindern teilt, sollte die Reimpassagen gemeinsam sprechen.
Verwandte Märchen und internationale Parallelen
Das Motiv der Witwe, die Freier empfängt und nach einem Vergleichsmerkmal mit dem Verstorbenen auswählt, ist in der europäischen Volkserzählung weit verbreitet. Varianten finden sich in der französischen, englischen und skandinavischen Märchentradition. Stith Thompson führt das Motiv unter T211 (Fidelity in marriage: wife) und T100 (Marriage) mit zahlreichen Unterklassen.
Das Besondere an der Grimm-Version ist die Doppelstruktur: zwei Varianten desselben Grundstoffs, die beide aufgenommen wurden, weil sie verschiedene Aspekte beleuchten. Die Grimms haben damit implizit eine komparatistische Entscheidung getroffen: Beide Sichtweisen sind gültig, beide gehören zum Stoff.
Im deutschen Sprachraum gibt es verwandte Tiergeschichten aus der Fabelüberlieferung, in denen Tiere mit menschlichen Standesmerkmalen ausgestattet werden. Das Motiv des Fuchses als listiger Adeliger geht bis auf den mittelhochdeutschen Reineke Fuchs (14. Jahrhundert) zurück, eine Tierepos-Tradition, die im germanischen Raum außerordentlich lebendig war.
Für Seminar und Hausarbeit
Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947); Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature (1955-1958) unter T211 und B600 (Animal marriage); zur Fuchstradition: Ludo Moritz Hartmann, Reineke Fuchs (mittelhochdeutsche Überlieferung); Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008).
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Häufige Fragen zu „Die Hochzeit der Frau Füchsin" (KHM 38)
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 38. München 1977, S. 233-236.