Fitchers Vogel
Das Wichtigste in Kürze
Was macht „Fitchers Vogel" zu einem der raffiniertesten Märchen der Grimm-Sammlung, und warum ist die dritte Schwester so einzigartig?
- →KHM Nr. 46, das stärkste Blaubart-Märchen: Fitchers Vogel teilt das Grundmotiv des Blaubart-Stoffs, übertrifft ihn aber in einem entscheidenden Punkt: Die dritte Schwester braucht keine Retter. Sie rettet sich selbst, ihre Schwestern, erweckt Tote zum Leben und vernichtet den Täter durch einen eigens inszenierten Plan.
- →Die dritte Schwester als vollständige Heldin: Sie legt das Ei weg, bevor sie die Kammer betritt. Sie erweckt die Toten. Sie schmuggelt die Schwestern im Goldkorb heraus. Sie täuscht den Hexenmeister mit dem Totenkopf. Sie entkommt als Vogel verkleidet. Jeder dieser Schritte ist selbst erdacht, selbst ausgeführt, ohne Hilfe.
- →Das Ei als Prüfungsobjekt: Wer die Blutkammer betritt, ohne das Ei zu sichern, hinterlässt Blutflecken, die nicht weggewischt werden können. Die dritte Schwester legt es weg. Das Ei bleibt makellos, und der Hexenmeister hat keine Macht mehr über sie.
- →Ein Märchen aus zwei Erzählsträngen: Die Grimms selbst notieren, dass das Märchen aus zwei Quellen zusammengesetzt ist. Das erklärt, warum der sonst so zielstrebige Hexenmeister beim dritten Mädchen naiv wird: Er glaubt ihr alles, trägt den Korb, erkennt den Totenkopf nicht als Totenkopf.
Inhalt
- Originaltext
- Zusammenfassung
- Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
- Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
- Für Schule und Unterricht
- FAQ
Originaltext
Der folgende Text gibt die Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 46. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.
Es war einmal ein Hexenmeister, der nahm die Gestalt eines armen Mannes an, ging vor die Häuser und bettelte, und fing die schönen Mädchen. Kein Mensch wußte, wo er sie hinbrachte, denn sie kamen nie wieder zum Vorschein. Eines Tages erschien er vor der Türe eines Mannes, der drei schöne Töchter hatte, sah aus wie ein armer schwacher Bettler und trug eine Kötze auf dem Rücken, als wollte er milde Gaben darin sammeln. Er bat um ein bißchen Essen, und als die älteste herauskam und ihm ein Stück Brot reichen wollte, rührte er sie nur an, und sie mußte in seine Kötze springen. Darauf eilte er mit starken Schritten fort und trug sie in einen finstern Wald zu seinem Haus, das mitten darin stand. In dem Haus war alles prächtig: er gab ihr, was sie nur wünschte, und sprach »mein Schatz, es wird dir wohl gefallen bei mir, du hast alles, was dein Herz begehrt.«
Das dauerte ein paar Tage, da sagte er »ich muß fortreisen und dich eine kurze Zeit allein lassen, da sind die Hausschlüssel, du kannst überall hingehen und alles betrachten, nur nicht in eine Stube, die dieser kleine Schlüssel da aufschließt, das verbiet ich dir bei Lebensstrafe.« Auch gab er ihr ein Ei und sprach »das Ei verwahre mir sorgfältig und trag es lieber beständig bei dir, denn ginge es verloren, so würde ein großes Unglück daraus entstehen.« Sie nahm die Schlüssel und das Ei, und versprach, alles wohl auszurichten. Als er fort war, ging sie in dem Haus herum von unten bis oben und besah alles, die Stuben glänzten von Silber und Gold, und sie meinte, sie hätte nie so große Pracht gesehen. Endlich kam sie auch zu der verbotenen Tür, sie wollte vorübergehen, aber die Neugierde ließ ihr keine Ruhe. Sie besah den Schlüssel, er sah aus wie ein anderer, sie steckte ihn ein und drehte ein wenig, da sprang die Türe auf. Aber was erblickte sie, als sie hineintrat? ein großes blutiges Becken stand in der Mitte, und darin lagen tote zerhauene Menschen, daneben stand ein Holzblock, und ein blinkendes Beil lag darauf. Sie erschrak so sehr, daß das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte. Sie holte es wieder heraus und wischte das Blut ab, aber vergeblich, es kam den Augenblick wieder zum Vorschein; sie wischte und schabte, aber sie konnte es nicht herunterkriegen.
Nicht lange, so kam der Mann von der Reise zurück, und das erste, was er forderte, war der Schlüssel und das Ei. Sie reichte es ihm hin, aber sie zitterte dabei, und er sah gleich an den roten Flecken, daß sie in der Blutkammer gewesen war. »Bist du gegen meinen Willen in die Kammer gegangen,« sprach er, »so sollst du gegen deinen Willen wieder hinein. Dein Leben ist zu Ende.« Er warf sie nieder, schleifte sie an den Haaren hin, schlug ihr das Haupt auf dem Blocke ab und zerhackte sie, daß ihr Blut auf dem Boden dahinfloß. Dann warf er sie zu den übrigen ins Becken.
»Jetzt will ich mir die zweite holen,« sprach der Hexenmeister, ging wieder in Gestalt eines armen Mannes vor das Haus und bettelte. Da brachte ihm die zweite ein Stück Brot, er fing sie wie die erste durch bloßes Anrühren und trug sie fort. Es erging ihr nicht besser als ihrer Schwester, sie ließ sich von ihrer Neugierde verleiten, öffnete die Blutkammer und schaute hinein, und mußte es bei seiner Rückkehr mit dem Leben büßen. Er ging nun und holte die dritte, die aber war klug und listig. Als er ihr die Schlüssel und das Ei gegeben hatte und fortgereist war, verwahrte sie das Ei erst sorgfältig, dann besah sie das Haus und ging zuletzt in die verbotene Kammer. Ach, was erblickte sie! ihre beiden lieben Schwestern lagen da in dem Becken jämmerlich ermordet und zerhackt. Aber sie hub an und suchte die Glieder zusammen und legte sie zurecht, Kopf, Leib, Arme und Beine. Und als nichts mehr fehlte, da fingen die Glieder an, sich zu regen, und schlossen sich aneinander, und beide Mädchen öffneten die Augen und waren wieder lebendig. Da freuten sie sich, küßten und herzten einander.
Der Mann forderte bei seiner Ankunft gleich Schlüssel und Ei, und als er keine Spur von Blut daran entdecken konnte, sprach er »du hast die Probe bestanden, du sollst meine Braut sein.« Er hatte jetzt keine Macht mehr über sie und mußte tun, was sie verlangte. »Wohlan,« antwortete sie, »du sollst vorher einen Korb voll Gold meinem Vater und meiner Mutter bringen und es selbst auf deinem Rücken hintragen; derweil will ich die Hochzeit bestellen.« Dann lief sie zu ihren Schwestern, die sie in einem Kämmerlein versteckt hatte, und sagte »der Augenblick ist da, wo ich euch retten kann: der Bösewicht soll euch selbst wieder heimtragen; aber sobald ihr zu Hause seid, sendet mir Hilfe.« Sie setzte beide in einen Korb und deckte sie mit Gold ganz zu, daß nichts von ihnen zu sehen war, dann rief sie den Hexenmeister herein und sprach »nun trag den Korb fort, aber daß du mir unterwegs nicht stehen bleibst und ruhest, ich schaue durch mein Fensterlein und habe acht.«
Der Hexenmeister hob den Korb auf seinen Rücken und ging damit fort, er drückte ihn aber so schwer, daß ihm der Schweiß über das Angesicht lief. Da setzte er sich nieder und wollte ein wenig ruhen, aber gleich rief eine im Korbe »ich schaue durch mein Fensterlein und sehe, daß du ruhst, willst du gleich weiter.« Er meinte, die Braut rief ihm das zu, und machte sich wieder auf. Nochmals wollte er sich setzen, aber es rief gleich »ich schaue durch mein Fensterlein und sehe, daß du ruhst, willst du gleich weiter.« Und sooft er stillstand, rief es, und da mußte er fort, bis er endlich stöhnend und außer Atem den Korb mit dem Gold und den beiden Mädchen in ihrer Eltern Haus brachte.
Daheim aber ordnete die Braut das Hochzeitsfest an und ließ die Freunde des Hexenmeisters dazu einladen. Dann nahm sie einen Totenkopf mit grinsenden Zähnen, setzte ihm einen Schmuck auf und einen Blumenkranz, trug ihn oben vors Bodenloch und ließ ihn da hinausschauen. Als alles bereit war, steckte sie sich in ein Faß mit Honig, schnitt das Bett auf und wälzte sich darin, daß sie aussah wie ein wunderlicher Vogel und kein Mensch sie erkennen konnte. Da ging sie zum Haus hinaus, und unterwegs begegnete ihr ein Teil der Hochzeitsgäste, die fragten
„Du Fitchers Vogel, wo kommst du her?"
„Ich komme von Fitze Fitchers Hause her."
„Was macht denn da die junge Braut?"
„Hat gekehrt von unten bis oben das Haus,
und guckt zum Bodenloch heraus."
Endlich begegnete ihr der Bräutigam, der langsam zurückwanderte. Er fragte wie die andern
„Du Fitchers Vogel, wo kommst du her?"
„Ich komme von Fitze Fitchers Hause her."
„Was macht denn da die junge Braut?"
„Hat gekehrt von unten bis oben das Haus,
und guckt zum Bodenloch heraus."
Der Bräutigam schaute hinauf und sah den geputzten Totenkopf, da meinte er, es wäre seine Braut, und nickte ihr zu und grüßte sie freundlich. Wie er aber samt seinen Gästen ins Haus gegangen war, da langten die Brüder und Verwandte der Braut an, die zu ihrer Rettung gesendet waren. Sie schlossen alle Türen des Hauses zu, daß niemand entfliehen konnte, und steckten es an, also daß der Hexenmeister mitsamt seinem Gesindel verbrennen mußte.
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 46. München 1977, S. 257-260.
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Zusammenfassung
Ein Hexenmeister verkleidet sich als armer Bettler, geht von Haus zu Haus und entführt durch bloße Berührung schöne Mädchen in sein Haus im dunklen Wald. Er tut es mit den drei Töchtern eines Mannes, eine nach der anderen.
Das Schema ist immer dasselbe: Er gibt ihr einen Schlüsselbund und ein Ei. Eines der Zimmer ist verboten. Das Ei soll sie immer bei sich tragen. Wenn er zurückkommt, prüft er Schlüssel und Ei auf Blutspuren. Die erste Schwester öffnet die verbotene Kammer, erschrickt beim Anblick des Blutbeckens, lässt das Ei hineinfallen, holt es wieder, wischt, wäscht, aber der Blutfleck bleibt. Beim Zurückkommen des Hexenmeisters wird sie entlarvt und getötet. Die zweite Schwester ergeht es genauso.
Die dritte Schwester ist klug und listig. Sie legt das Ei weg, bevor sie die Kammer öffnet. Drin findet sie die zerhackten Körper ihrer Schwestern. Sie sucht alle Teile zusammen, legt sie ordentlich zurecht, und die Schwestern erwachen zum Leben. Das Ei bleibt makellos. Der Hexenmeister erkennt, dass sie die Probe bestanden hat. Er erklärt sie zu seiner Braut und muss tun, was sie verlangt.
Sie verlangt, er solle einen Korb Gold zu ihren Eltern tragen. Im Korb unter dem Gold sitzen die beiden Schwestern. Unterwegs, wenn der Hexenmeister rasten will, ruft eine Stimme aus dem Korb: „Ich schaue durch mein Fensterlein und sehe, dass du ruhst, willst du gleich weiter." Er glaubt, seine Braut beobachte ihn und geht keuchend durch.
Währenddessen bereitet die dritte Schwester das Ende vor: Sie setzt einen Totenkopf geschmückt ans Bodenloch, lädt die Freunde des Hexenmeisters zur Hochzeit ein, wälzt sich in Honig und Federn und verlässt das Haus als unkenntlicher Vogel. Auf dem Weg begegnet sie Gästen und dem Hexenmeister, alle fragen nach der Braut. Sie antwortet jedes Mal mit demselben Refrainlied und verweist auf den Totenkopf im Fenster. Der Hexenmeister grüßt den Totenkopf und geht ins Haus. Dort warten die Verwandten der Braut. Sie schließen die Türen und zünden das Haus an. Der Hexenmeister verbrennt mit seinem Gesindel.
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Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
„Fitchers Vogel" ist eines der komplexesten und handlungsreichsten Märchen der Grimm-Sammlung. Es verbindet das Blaubart-Motiv der verbotenen Kammer mit dem Motiv der Toten-Erweckung, der Selbstverkleidung und dem inszenierten Racheplan. Die dritte Schwester ist eine der aktivsten und klügsten Heldinnen der gesamten Sammlung. Und die Struktur des Märchens ist bewusst dreiteilig: zwei Mal Scheitern, ein Mal Erfolg. Das Scheitern der ersten beiden macht den Triumph der dritten erst verständlich.
Die dritte Schwester: eine vollständige Heldin
Märchenforscher Hans-Jörg Uther hat darauf hingewiesen, dass die dritte Schwester in den älteren, auf Perrault zurückgehenden Fassungen des Blaubart-Stoffs mehr oder minder freiwillig den reichen Mann heiratet und von anderen gerettet wird. In Fitchers Vogel ist das grundlegend anders: Sie rettet sich selbst, rettet andere, und vernichtet den Täter durch einen eigens geplanten, mehrstufigen Plan.
Was sie konkret tut: Sie sichert das Ei, bevor sie die Kammer betritt. Sie bewahrt ihre Fassung beim Anblick der Toten. Sie erweckt die Schwestern zum Leben. Sie versteckt sie. Sie fordert den Hexenmeister zum Tragen des Korbs auf. Sie täuscht ihn mit dem Totenkopf. Sie verkleidet sich als Vogel. Sie entkommt. Sie sendet ihre Schwestern als Botschaft um Hilfe. Und sie lässt den Hexenmeister ins Haus zurückkehren, damit er eingesperrt und verbrannt werden kann.
Kein einziger dieser Schritte ist ihr geschenkt. Alle sind ihr eigener Plan. Sie ist nicht Opfer, das gerettet wird. Sie ist Regisseurin ihres eigenen Entkkommens und der Vernichtung des Täters.
Das Ei: Probe, Verrat und Selbstkontrolle
Das Ei ist das zentrale Prüfungsobjekt des Märchens. Es funktioniert als Lügendetektor: Wer in Panik gerät und das Ei nicht sichert, hinterlässt Blutspuren, die nicht weggewaschen werden können. Blut lässt sich nicht verbergen. Die ersten beiden Schwestern scheitern nicht, weil sie die Kammer öffnen, sondern weil sie die Kontrolle über sich selbst verlieren. Sie erschrecken, lassen das Ei fallen, handeln im Affekt.
Die dritte Schwester legt das Ei weg, bevor sie handelt. Das ist nicht Kälte, sondern Beherrschung. Sie weiß, dass sie zuerst denken und dann fühlen muss. Sie betritt die Kammer, sieht das Grauen, weint vielleicht, aber das Ei ist schon sicher. Das Blut kommt nicht ans Ei, weil sie es nicht in der Hand hält. Diese eine Entscheidung, das Ei vorher wegzulegen, ist der Unterschied zwischen Tod und Überleben.
Symbolisch steht das makellose Ei für Unversehrtheit und Reinheit, aber hier bedeutet das nicht Naivität oder Unwissen. Die dritte Schwester weiß genau, was in der Kammer ist. Das Ei bleibt rein, weil sie trotz Wissens die Kontrolle behält.
Die Erweckung der Toten: eine seltene Macht im Märchen
Die dritte Schwester sucht die Körperteile der ermordeten Schwestern zusammen, legt sie zurecht, und sie erwachen zum Leben. Diese Fähigkeit, Tote zu erwecken, ist im Märchen außerordentlich selten und wird hier nicht erklärt. Es gibt keine Zauberformel, kein magisches Objekt, keinen Helfer. Sie legt die Körper ordentlich zusammen, und das reicht.
Das verweist auf eine archaische Vorstellung von Ganzheit als Voraussetzung für Leben: Ein Körper, der vollständig ist, kann leben. Zerteilt ist er tot. Die dritte Schwester stellt die Ganzheit wieder her. Das ist eine schamanische Handlung, beschrieben ohne jeden Kommentar, als wäre es selbstverständlich. Die Kraft kommt aus ihr, aus ihrer Sorgfalt, aus ihrer Vollständigkeit.
Der Korbtrick: der Täter als unwissender Helfer
Die dritte Schwester lässt den Hexenmeister seine Opfer eigenhändig nach Hause tragen. Das ist einer der klügsten Züge des Märchens. Sie nutzt seine Gier, seine Machtsymbolik (er muss tun, was sie verlangt, weil sie die Probe bestanden hat) und seine Blindheit aus. Er weiß nicht, was im Korb ist. Er glaubt, die Braut schaue durch ein Fenster. Die Stimme aus dem Korb, die ihn zum Weitergehen treibt, ist die Stimme seiner eigenen Opfer, die er befreit, ohne es zu merken.
Der Täter wird zum Instrument seiner eigenen Niederlage. Das ist eine Struktur, die in anderen Märchen selten so vollständig durchgeführt wird.
Die Vogel-Verkleidung: Verwandlung als Unsichtbarkeit
Honig und Federn machen die dritte Schwester zu einem Wesen, das niemand erkennt. Sie verlässt das Haus als etwas, das keine Bedrohung darstellt, als Tier, als Kuriosität, als Zufallserscheinung. Der Hexenmeister fragt sie, wer sie ist. Sie antwortet mit dem Refrainlied. Er hört die Worte, aber er versteht sie nicht, weil er nicht zuhört. Er schaut zum Fenster hoch, sieht den Totenkopf und grüßt ihn als seine Braut.
Die Verkleidung ist also nicht primär eine optische Tarnung, sondern eine kognitive: Der Hexenmeister sieht, was er sehen will. Er erwartet die Braut am Fenster, also sieht er sie dort. Er erwartet keinen Feind auf dem Weg, also sieht er keinen. Die dritte Schwester nutzt seine eigene Erwartungsstruktur als Waffe gegen ihn.
Kausalkette: Wie funktioniert das Märchen?
- 1Hexenmeister entführt erste Schwester: Sie öffnet die Kammer, verliert Kontrolle über das Ei, wird getötet.
- 2Zweite Schwester: dasselbe Schema, dasselbe Ende.
- 3Dritte Schwester: legt das Ei weg, betritt die Kammer, findet die Schwestern, erweckt sie.
- 4Das makellose Ei gibt ihr Macht über den Hexenmeister. Er muss tun, was sie verlangt.
- 5Schwestern werden im Goldkorb nach Hause getragen: Der Hexenmeister befreit seine Opfer unwissentlich selbst.
- 6Totenkopf ans Fenster, Hochzeitsgäste eingeladen, Vogel-Verkleidung, Flucht.
- 7Hexenmeister kehrt zurück, grüßt den Totenkopf, betritt das Haus. Türen zu, Feuer. Er verbrennt.
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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Fitchers Vogel" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.
Symboltabelle: die zentralen Objekte und ihre Bedeutung
| Symbol / Objekt | Bedeutung im Märchen |
|---|---|
| Das Ei | Prüfungsobjekt und Lügendetektor. Blut am Ei bedeutet Versagen der Selbstkontrolle. Die dritte Schwester sichert es zuerst: Sie trennt Wissen von Affekt. Das makellose Ei überträgt Macht vom Täter auf die Heldin. |
| Das Blut | Unauslöschbares Wissen. Wer die verbotene Kammer betritt, trägt das Blut mit sich. Es lässt sich nicht verbergen. Blut ist Zeuge, Anklage und Beweisstück zugleich. |
| Die verbotene Kammer | Das Verborgene des Täters, seine wahre Natur. Wer hineinsieht, weiß die Wahrheit. Die Kammer macht das Wissen zum Verbrechen: Wer weiß, soll sterben. Die dritte Schwester kehrt das um: Ihr Wissen gibt ihr Macht. |
| Der Goldkorb | Tarnung und Befreiung. Das Gold deckt die Schwestern zu. Der Täter trägt seine eigenen Opfer nach Hause, ohne es zu wissen. Sein Versagen liegt in der Gier: Er denkt, er trägt Gold. |
| Der Totenkopf am Fenster | Die leere Stelle der Braut. Er sieht aus wie sie, weil der Hexenmeister sieht, was er erwartet. Er grüßt ihn, weil er blind ist. Der Totenkopf entlarvt seine Naivität als die entscheidende Schwäche. |
| Honig und Federn | Verwandlung als Tarnung. Die Heldin hört auf, Mensch zu sein, und wird zum Vogel: nicht erkennbar, nicht greifbar, frei. Der Vogel ist das älteste Symbol für Freiheit und Seele. |
| Das Feuer am Ende | Vernichtung ohne Rückkehr. Der Hexenmeister hatte Feuer als Drohung (verbotene Kammer, Tod). Am Ende ist er selbst das Opfer des Feuers. Das Mittel des Täters kehrt gegen ihn zurück. |
Fitchers Vogel und Blaubart: Vergleich zweier Mörderbräutigam-Märchen
Die Grimms haben die Ähnlichkeit zu Perraults Blaubart selbst bemerkt: Sie nahmen Blaubart in der ersten Auflage 1812 als KHM 62 auf, entfernten ihn aber ab der zweiten Auflage, weil die Ähnlichkeit zu Fitchers Vogel zu groß war und das Perrault-Märchen als zu literarisch (nicht volkstümlich genug) galt.
Die strukturellen Parallelen sind offensichtlich: verbotene Kammer, blutig gewordener Schlüssel als Beweisstück, Mörder-Ehemann oder Bräutigam, Rettung im letzten Moment. Aber die entscheidenden Unterschiede liegen in der Rolle der Frau.
Bei Perrault wird Blaubarts Frau von ihren Brüdern gerettet, die rechtzeitig ankommen und den Mörder töten. Die Frau hat selbst nichts getan außer überlebt. Bei Fitchers Vogel ist die dritte Schwester die aktive Retterin: Sie plant die Befreiung, sie führt sie aus, sie organisiert die Vernichtung. Keine Brüder kommen als Helden, sie schickt die Brüder und gibt ihnen ihre Aufgabe.
Hans-Jörg Uther hat dies präzise beschrieben: In den Blaubart-Versionen rettet die Familie die Frau, in Fitchers Vogel rettet die Frau die Familie.
Das Märchen als Verknüpfung zweier Erzählstränge
Die Grimms selbst notieren im Anhang ihrer Ausgabe, dass das Märchen aus zwei Erzählungen zusammengesetzt ist. Dieser Befund erklärt eine Eigenheit, die sonst unverständlich bleibt: Der Hexenmeister, der in der ersten Hälfte als zielstrebiger, gefährlicher Mädchenmörder beschrieben wird, wird in der zweiten Hälfte unglaublich naiv. Er trägt den Korb, ohne nachzuschauen, was drin ist. Er grüßt den Totenkopf. Er geht ins Haus, obwohl er gerade von der Braut weggerufen wurde.
Der erste Erzählstrang beschreibt Entführung, Prüfung und Wiederbelebung (Motive A, B, C in der Grimm'schen Klassifikation). Der zweite beschreibt die Flucht in Vogelverkleidung und die Rache durch Verbrennung (Motive E, F). Im ersten ist der Hexenmeister mächtig. Im zweiten ist er dumm. Das ist kein Widerspruch, das sind zwei Geschichten, die zusammengefügt wurden, weil beide die verbotene Kammer kennen.
Herkunft: Dortchen Wild und Friederike Mannel
Das Märchen stammt aus zwei hessischen Quellen: von Friederike Mannel aus Allendorf an der Landsburg und von Dortchen Wild aus Kassel. Dortchen Wild war eine wichtige Erzählerin für die Grimm-Sammlung und wurde später Wilhelm Grimms Frau. Sie hat zu mehreren bedeutenden Märchen der Sammlung beigetragen. Der Name „Fitze Fitcher" im Refrainlied ist rätselhaft: Ob damit der Hexenmeister selbst benannt wird, bleibt in der Forschung offen.
Für Seminar und Hausarbeit
Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008); Maria Tatar, The Hard Facts of the Grimms' Fairy Tales (1987); Charles Perrault, La Barbe-bleue (1697); Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature unter ATU 311 (Rescue by the Sister) und ATU 312 (Bluebeard). Zur feministischen Märchenforschung: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983).
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Für Schule und Unterricht · Klasse 5-13
- →Klasse 5-6: Warum scheitern die ersten beiden Schwestern und die dritte nicht? Was ist der entscheidende Unterschied zwischen ihnen? Gespräch über Selbstkontrolle und Klugheit.
- →Klasse 7-8: Vergleich mit dem Räuberbräutigam (KHM 40): Beide Märchen zeigen eine Frau, die einen Mörder entlarvt. Welche Heldin handelt aktiver? Was unterscheidet die beiden Rettungsstrategien?
- →Klasse 9-10: Vergleich mit Blaubart (Perrault): Die Frau bei Perrault wird gerettet, die dritte Schwester rettet. Was sagt das über das jeweilige Frauenbild aus? Analyse mit Blick auf Entstehungszeit und Kontext.
- →Klasse 11-12: Das Märchen als zweiteiliges Konstrukt: Erste Hälfte (Entführung, Prüfung, Wiederbelebung) und zweite Hälfte (Flucht, Rache). Welche Nähte sind sichtbar? Wo verändert sich die Figur des Hexenmeisters?
- →Klasse 12-13: Feministische Märchenanalyse nach Jack Zipes: Inwiefern ist Fitchers Vogel eine Subversion der typischen Blaubart-Erzählung? Was macht diese Version politisch anders?
- →Kreativaufgabe: Schreibe das Märchen aus der Perspektive des Hexenmeisters. Was denkt er, als er den Korb trägt? Was, als er den Totenkopf grüßt?
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Häufige Fragen zu „Fitchers Vogel" (KHM 46)
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 46. München 1977, S. 257-260.