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Die Nelke

Die Nelke, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 76)
19:56

Das Wichtigste in Kürze

Ein Prinz, dessen Wünsche wahr werden, eine eingemauerte Königin und eine Geliebte in Blumengestalt: „Die Nelke“ ist eines der komplexesten und am wenigsten gelesenen KHM-Märchen (KHM 76).

  • Zwei sehr verschiedene Fassungen: Die Erstauflage von 1812 folgt einer Erzählung der Familie Hassenpflug mit anderem Anfang. Ab 1819 verwenden die Grimms die heute bekannte, deutlich komplexere Version.
  • ATU 652, ein seltener Typ: Klassifiziert als „Der Prinz, dessen Wünsche stets in Erfüllung gehen“. International kaum verbreitet, mit Schwerpunkten in Italien, Südosteuropa und Flandern.
  • Die eingemauerte Mutter: Das Motiv der zu Unrecht des Kindsmords bezichtigten Königin verbindet das Märchen mit Jungfrau Maleen und Der Drache, und war nach Lutz Röhrich in Teilen an realer mittelalterlicher Rechtspraxis orientiert.
  • Starke christliche Überformung: Engel als Tauben, ein Teufelspudel und eine Blume mit Marien-Symbolik zeigen, wie tief religiöse Motivik den älteren Erzählstoff durchdringt.
  • Kein Happy End ohne Verlust: Die Königin stirbt drei Tage nach ihrer Befreiung, ein für Grimm-Märchen ungewöhnlich bitterer Schlussakkord.

Inhalt

  1. Publikationsgeschichte: Zwei Fassungen, ein Märchen
  2. Quellengeschichte und Gewährsleute
  3. ATU 652: Ein seltener Märchentyp
  4. Der Originaltext: Die Verkündigung
  5. Strukturanalyse: Drei Wunschkreise
  6. Figurenanalyse
  7. Symboltabelle: Nelke, Taube, Pudel, Turm
  8. Tiefenpsychologische Deutung
  9. Kulturhistorischer Vergleich
  10. Rechtsgeschichte und Geschlechterrollen
  11. Rezeptionsgeschichte
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Publikationsgeschichte: Zwei Fassungen, ein Märchen

„Die Nelke“ erschien bereits 1812 im ersten Band der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen und blieb bis zur letzten von den Grimms betreuten Auflage 1857 im Bestand. Damit gehört es zu den Märchen, die über die gesamte Sammlungsgeschichte hinweg Bestand hatten, allerdings nicht unverändert. Die Fassung von 1812 folgt einer Erzählung der Familie Hassenpflug und beginnt anders als die heute bekannte Version: Ein neugieriger Gärtner schleicht sich zur Taufe in die Kirche, belauscht die Gabe, die der Pate dem Kind verleiht, und raubt es anschließend, um es bei einem Jäger aufziehen zu lassen. Der Sohn kehrt später als Jägergeselle zurück, mit der Jägerstochter als Nelke und dem Gärtner als Pudel im Schlepptau.

Ab der zweiten Auflage von 1819 ersetzten die Grimms diesen Anfang durch die heute geläufige Fassung: die kinderlose Königin, die Verkündigung durch einen Engel, der neidische Koch statt des Gärtners, der Turm statt des bloßen Kirchenraubs. Diese zweite Fassung ist erkennbar stärker christlich durchformt, mit Engeln in Taubengestalt und einer expliziten Gottesanrufung der Königin. Für die Textgeschichte der Sammlung ist dieser Wechsel aufschlussreich: Er zeigt, wie die Grimms zwischen 1812 und 1819 zunehmend Fassungen bevorzugten, die sich stilistisch und motivisch stärker in ihr Gesamtbild einer christlich grundierten deutschen Volksüberlieferung einpassten, auch wenn beide Varianten letztlich literarisch vermittelt sind.

Quellengeschichte und Gewährsleute

Die Familie Hassenpflug, hugenottischer Herkunft und eng mit den Grimms befreundet, gehörte neben der Familie Wild zu den wichtigsten Quellen der frühen Sammlung. Marie Hassenpflug etwa steuerte unter anderem Fassungen von Schneewittchen und Dornröschen bei, und ihr frankophoner Hintergrund erklärt, warum sich in vielen ihrer Erzählungen Spuren der Perrault-Tradition finden. Die zweite, ab 1819 verwendete Fassung von „Die Nelke“ lässt sich dagegen eher in die Nähe der hessischen mündlichen Überlieferung rücken, wie sie auch Dorothea Viehmann vermittelte, die Frau eines Schneiders aus Zwehrn bei Kassel, deren Erzählungen für Band 2 der Sammlung prägend wurden.

Wusstest du?

Die uns heute bekannte Version von „Die Nelke“ ist nicht die Erstfassung des Märchens. Wer nur die Ausgabe letzter Hand von 1857 kennt, kennt eine völlig andere Geschichte als die Leserinnen und Leser der Erstauflage von 1812.

Weiterführend auf Märchenbrause
Wer waren die Gebrüder Grimm? Porträt und Biografie

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ATU 652: Ein seltener Märchentyp

Der Aarne-Thompson-Uther-Index klassifiziert „Die Nelke“ als ATU 652, „Der Prinz, dessen Wünsche stets in Erfüllung gehen“. Stith Thompson selbst hielt fest, dass dieser Typ international vergleichsweise selten belegt ist. Wo er auftaucht, konzentriert sich die Überlieferung auf Italien, den südslawischen Raum, Tschechien und Flandern. Innerhalb der Grimm-Sammlung ist das Märchen zudem eines von nur zwei KHM-Texten, in denen ein Mädchen in eine Blume verwandelt wird, das andere ist „Das Rätsel“ (KHM 22), wo die Verwandlung allerdings eine untergeordnete Rolle spielt und eher als Rätselmotiv funktioniert.

Ältere Typenverzeichnisse ordneten „Die Nelke“ gelegentlich auch in die Nähe von ATU 313, „Die magische Flucht“, ein, der Typ von Märchen wie „Der Liebste Roland“ oder „Fundevogel“. Diese Zuordnung bezieht sich auf motivische Überschneidungen, etwa die Flucht mit Verwandlungen, und nicht auf die Haupthandlung. Nach heutigem Forschungsstand, wie ihn Hans-Jörg Uthers Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen dokumentiert, ist ATU 652 die maßgebliche Klassifikation.

Fassung Erscheinung Kernunterschied
1. Auflage (1812) Nach Familie Hassenpflug Gärtner belauscht die Taufe und raubt das Kind zu einem Jäger; kein Turm, keine Verkündigung durch Engel
Ab 2. Auflage (1819) Bis zur Ausgabe letzter Hand (1857) Engel verkündet die Gabe, Koch statt Gärtner, Turmhaft der Königin, starke Christianisierung

Der Originaltext: Die Verkündigung

Der Anfang der ab 1819 gültigen Fassung etabliert das zentrale Motiv des Märchens, die wünschlichen Gedanken, in wenigen Sätzen und mit auffälliger biblischer Diktion, die an die Verkündigungsszenen des Alten und Neuen Testaments erinnert.

Es war eine Königin, die hatte unser Herrgott verschlossen, daß sie keine Kinder gebar. Da ging sie alle Morgen in den Garten und bat zu Gott im Himmel, er möchte ihr einen Sohn oder eine Tochter bescheren. Da kam ein Engel vom Himmel und sprach „gib dich zufrieden, du sollst einen Sohn haben mit wünschlichen Gedanken, denn was er sich wünscht auf der Welt, das wird er erhalten.“

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 76. München 1977, S. 397.

Bemerkenswert ist, wie knapp die Gabe formuliert wird, kein Zauberspruch, keine Bedingung, keine Warnung. Genau diese Bedingungslosigkeit wird zum strukturellen Problem der gesamten Handlung: Eine uneingeschränkte Wunschmacht in den Händen eines Kindes ist ein offenes Einfallstor für jeden, der sie zu lenken versteht, und genau das tut der Koch.

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Strukturanalyse: Drei Wunschkreise

Die Handlung von „Die Nelke“ lässt sich als eine Kette von drei Wunschkreisen lesen, in denen sich die Wunschmacht des Königssohns jeweils verschiebt: vom Objekt zur Person, von der Person zur eigenen Identität des Gegners, und schließlich zur Wiederherstellung der ursprünglichen Ordnung.

  1. 1Der Koch instrumentalisiert das Kind, das zunächst nur Objekte wünscht: Schloss, Garten, später eine Gefährtin. Die Wunschmacht dient in dieser Phase fremden Interessen.
  2. 2Mit der gewünschten Gefährtin entsteht eine echte Bindung. Der Koch erkennt die Gefahr und versucht, die Beziehung durch einen Mordauftrag zu zerstören. Das Mädchen verweigert den Gehorsam, ohne den Koch offen herauszufordern, eine List statt einer Konfrontation.
  3. 3Erst als Erwachsener wendet der Sohn seine Wunschmacht offensiv gegen den Koch: Verwandlung in den Pudel, dann Rückverwandlung zur Entlarvung. Die Wunschmacht wird zum Instrument der Gerechtigkeit, nicht mehr der Bequemlichkeit.

Diese Abfolge ist als Reifungslogik lesbar: Die Gabe bleibt technisch identisch, aber ihre moralische Funktion verändert sich mit dem Charakter dessen, der über sie verfügt. Auffällig ist zudem die strenge Parallelführung von Mutter- und Sohnschicksal: Während der Sohn seine Macht entwickelt, verharrt die Mutter passiv im Turm, versorgt allein durch göttlichen Beistand. Erst die Rückkehr des Sohnes bringt beide Handlungsstränge zusammen, wobei die Auflösung der einen Not, der falschen Anklage, nicht mehr ausreicht, um den bereits angerichteten Schaden rückgängig zu machen.

Figurenanalyse

Der Königssohn

Als Träger der Wunschmacht ist er zugleich die naivste und die mächtigste Figur der Erzählung. Seine Sozialisation durch den Koch prägt ihn zunächst zum unbedarften Werkzeug, seine spätere Rückkehr an den Hof zeigt jedoch strategisches Denken: Er verkleidet sich als Jäger, testet den König mit einer beiläufigen Frage nach der Mutter und inszeniert die Entlarvung des Kochs als öffentliches Gerichtstheater.

Die Königin

Die Königin ist über weite Strecken des Märchens eine reine Leidensfigur ohne Handlungsmacht, vergleichbar mit der Mutterfigur in „Jungfrau Maleen“ oder „Der Drache“. Ihre einzige aktive Handlung, das Gebet im Garten zu Beginn, setzt die gesamte Kette in Gang, doch danach ist sie ausschließlich Objekt fremder Entscheidungen, des Königs wie des Kochs. Ihr Tod nach nur drei Tagen Freiheit markiert einen der bittersten Schlüsse im gesamten KHM-Korpus.

Der König

Der König fungiert als Instanz eines fehlgeleiteten Rechtsempfindens: Er urteilt allein aufgrund eines Indizes, des Blutflecks, ohne Anhörung, ohne Untersuchung. Diese Vorschnelligkeit korrespondiert mit vergleichbaren Vater- und Ehemannfiguren in anderen KHM-Texten mit dem Motiv der fälschlich beschuldigten Frau.

Der Koch

Der Koch ist die eigentliche Antriebskraft der Handlung, ein Intrigant, dessen Motivation, anders als bei vielen Grimm-Bösewichten, nicht Gier nach Reichtum, sondern Angst vor Kontrollverlust ist. Er fürchtet die Wunschmacht des Kindes von Anfang an und handelt durchgehend aus Selbstschutz. Seine Strafe, als feuerfressender Pudel zu enden, korrespondiert sinnbildlich mit seinem Charakter: ein Wesen, das sich selbst verzehrt.

Die Jungfrau / Nelke

Sie ist die einzige Figur, die dem Koch aktiv widersteht, indem sie den Mordauftrag verweigert und ihn zugleich täuscht. Ihre Verwandlung in eine Blume ist keine Strafe, sondern ein Schutzmechanismus, den der Sohn wählt, um sie unauffällig bei sich zu tragen, ein Bild von Nähe, das zugleich Unsichtbarkeit bedeutet.

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Symboltabelle: Nelke, Taube, Pudel, Turm

Motiv Deutung
Die Nelke In der christlichen Symbolik mit Maria und der Passion Christi verbunden; zugleich Bild der verborgenen, geschützten Geliebten
Weiße Tauben Engel, göttlicher Beistand in existenzieller Not, klassisches Symbol des Heiligen Geistes und des Friedens
Der schwarze Pudel Traditionelles Erscheinungsbild des Teufels in der deutschen Volksüberlieferung, später literarisch etwa bei Goethes Faust aufgegriffen
Der lichtlose Turm Isolation und symbolisches Grab; verwandtes Motiv zu Rapunzels Turm, jedoch ohne dessen erlösendes Fenster nach außen
Wünschliche Gedanken Bild kindlicher Allmachtsphantasie, deren moralische Bewertung von der Reife des Trägers abhängt

Tiefenpsychologische Deutung

Aus jungianischer Perspektive lässt sich die Wunschmacht des Königssohns als Bild der kindlichen Omnipotenzphantasie lesen, jenes frühen psychischen Zustands, in dem innerer Wunsch und äußere Realität noch nicht klar getrennt sind. Der Koch übernimmt in dieser Lesart die Funktion eines Schattens, der die Gabe des Kindes für eigene, unbewusst bleibende Zwecke kapert, solange das Ich noch zu schwach ist, die eigene Macht selbst zu steuern. Erst mit der Begegnung der Jungfrau beginnt eine Individuationsbewegung: Die Beziehung zwingt den Königssohn, seine Wünsche erstmals auf einen anderen Menschen statt auf Objekte zu richten.

Die Verwandlung der Geliebten in eine Nelke lässt sich als Bild einer noch nicht vollständig integrierten Anima verstehen, im Sinne Marie-Louise von Franz’ Deutung weiblicher Nebenfiguren in Märchen: Sie existiert, wird geschützt und getragen, tritt aber erst am Hof des Vaters, also im Moment der öffentlichen Anerkennung, in ihre volle, sichtbare Gestalt. Bruno Bettelheims Ansatz, Märchen als Bearbeitung kindlicher Entwicklungsängste zu lesen, passt insofern auf die Turmepisode der Mutter: Die grundlose Bestrafung einer unschuldigen Elternfigur durch eine fehlgeleitete Autorität spiegelt eine kindliche Urangst, für etwas verantwortlich gemacht zu werden, das man nicht getan hat, verstärkt durch die Ohnmacht, sich nicht wehren zu können.

Kulturhistorischer Vergleich

Für das Motiv der wunscherfüllenden Gabe verweist die Forschung auf Clemens Brentanos Kunstmärchen „Das Märchen von dem Myrtenfräulein“, das ähnliche Elemente literarisch verarbeitet und zeigt, wie eng Volksüberlieferung und romantische Kunstmärchenproduktion im frühen 19. Jahrhundert ineinandergriffen. Hans-Jörg Uther wiederum hat auf Anklänge an „Esmoreit“ hingewiesen, ein mittelniederländisches Reimpaardrama aus dem 14. Jahrhundert, was auf eine deutlich ältere, überregionale Stoffgeschichte des Motivkomplexes schließen lässt.

Das Motiv der zu Unrecht des Kindsmordes bezichtigten und eingemauerten Mutter verbindet „Die Nelke“ mit „Jungfrau Maleen“ (KHM 198), „Der Drache“ und dem niederdeutschen „De drei Vügelkens“. Das Bild der eingemauerten oder eingeturmten Frau reicht mythologisch bis zur Danaë-Sage und zur Legende der Heiligen Barbara zurück, zwei Erzählstoffe, die europaweit als Referenzpunkte für das Turmmotiv gelten. Innerhalb der KHM-Sammlung selbst korrespondiert der Turm der Königin mit dem Turm Rapunzels, wenn auch mit gegensätzlicher Funktion: Rapunzels Turm isoliert eine junge Frau präventiv, der Turm der Königin bestraft sie nachträglich für eine nie begangene Tat.

Weiterführend auf Märchenbrause
Rapunzel: Originaltext, Bedeutung und Analyse

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Rechtsgeschichte und Geschlechterrollen

Der Volkskundler Lutz Röhrich nennt die Vierteilung des Kochs am Ende des Märchens, gemeinsam mit einer vergleichbaren Strafe in „Der gelernte Jäger“ (KHM 111), als Beispiel dafür, wie reale mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechtspraxis in Märchen einfließt. Die Vierteilung war eine historisch belegte Form der Hinrichtung für schwerste Verbrechen, insbesondere Hochverrat. Ihr Auftauchen im Märchen ist kein erzählerisches Ornament, sondern Spur einer Zeit, in der Zuhörerinnen und Zuhörer solche Strafen nicht als Fantasie, sondern als bekannte Rechtswirklichkeit verstanden.

Gleichzeitig zeigt das Märchen ein bemerkenswert eindimensionales Bild weiblicher Handlungsmacht: Die Königin bleibt passiv, ihre einzige Ressource ist das Gebet, ihre Rettung kommt ausschließlich von außen, durch Gott und den Sohn. Die Jungfrau immerhin handelt aktiv, wenn sie den Mordauftrag mit einer List umgeht, doch auch sie bleibt letztlich von der Entscheidung des Königssohns abhängig, wann und ob sie ihre wahre Gestalt zeigen darf. Eine emanzipatorische Lesart im Sinne Jack Zipes’ muss diese doppelte Passivität benennen, statt sie zu glätten: „Die Nelke“ ist kein Märchen, das weibliche Selbstermächtigung erzählt, sondern eines, das weibliches Überleben unter Bedingungen fremdbestimmter Gewalt schildert.

Rezeptionsgeschichte

Im Vergleich zu Märchen wie „Aschenputtel“ oder „Rotkäppchen“ ist „Die Nelke“ in der breiten Populärkultur kaum präsent. Es fehlt an prominenten Verfilmungen oder literarischen Weiterschreibungen, was der Komplexität der Handlung und der ungewöhnlich düsteren Schlusswendung geschuldet sein dürfte, einem Ende, das sich schlecht für ein klassisches Happy End im Kinderfilm eignet. In der Forschung dagegen ist das Märchen als Beispiel für die Textgeschichte der Grimm-Sammlung von einigem Interesse, gerade weil sich Erst- und Spätfassung so grundlegend unterscheiden und damit exemplarisch zeigen, wie stark redaktionelle Eingriffe der Brüder Grimm den vermeintlich authentischen Volksmärchenstoff geprägt haben.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 76), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Clemens Brentano, Das Märchen von dem Myrtenfräulein

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU 652 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Tiefenpsychologie: Marie-Louise von Franz, Interpretation of Fairy Tales (1970) · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954)

Gesellschaft und Rechtsgeschichte: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Lutz Röhrich, Aufsätze zu Rechtspraxis und Strafmotiven im Märchen

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Für Schule und Unterricht · Klasse 7–13

  • Klasse 7–8: Die drei Wunschkreise als Schaubild darstellen und beschreiben, wie sich die Wunschmacht des Königssohns über die Handlung hinweg verändert.
  • Klasse 9–10: Die Fassungen von 1812 und ab 1819 vergleichen und begründen, welche erzählerischen und weltanschaulichen Gründe für den Wechsel sprechen könnten.
  • Oberstufe: Die Passivität der Königin im Vergleich zu anderen KHM-Müttern (Jungfrau Maleen, Aschenputtel) analysieren und eine begründete Position zur Frage entwickeln, ob und wie das Märchen weibliche Handlungsmacht darstellt.
  • Oberstufe / Seminar: Röhrichs These zur Vierteilung als Spur realer Rechtsgeschichte anhand weiterer KHM-Beispiele überprüfen und diskutieren.

Häufige Fragen zu Die Nelke

Ein Königssohn wird mit der Gabe geboren, dass sich jeder seiner Wünsche erfüllt. Der neidische Koch raubt ihn als Kleinkind und beschuldigt die Königin des Kindsmordes, woraufhin sie eingemauert wird. Der Sohn wächst beim Koch auf, wünscht sich Schloss und Geliebte herbei, entlarvt schließlich den Koch, befreit seine Mutter und heiratet die Geliebte, die er zu ihrem Schutz zeitweise in eine Nelke verwandelt hatte.
Die Nelke ist als ATU 652 klassifiziert, „Der Prinz, dessen Wünsche stets in Erfüllung gehen“. Der Typ ist international selten, aber belegt, mit Schwerpunkten in Italien, unter Südslawen, in Tschechien und Flandern.
Die erste Auflage von 1812 folgt einer Fassung der Familie Hassenpflug. Ab der zweiten Auflage 1819 verwendeten die Grimms eine andere, heute bekannte Fassung, an der auch hessische Erzählelemente beteiligt waren, die der Überlieferung Dorothea Viehmanns nahestehen.
Die Nelke trägt in der christlichen Symbolik Bezüge zu Maria und zur Passion. Die Verwandlung schützt die Geliebte vor dem Koch und macht sie zugleich zu einem verborgenen, tragbaren Teil des Helden, was sich tiefenpsychologisch als Bild einer noch nicht integrierten Anima lesen lässt.
Der Koch inszeniert mit Hühnerblut den Anschein, wilde Tiere hätten das Kind der Königin geraubt und sie getötet. Der König glaubt der Intrige ohne Prüfung und lässt seine Frau sieben Jahre lang in einem lichtlosen Turm einmauern, wo sie nur durch zwei Engel in Taubengestalt am Leben bleibt.
Der Königssohn kehrt als Jäger verkleidet an den Hof zurück, lässt den Koch als feuerfressenden Pudel und dann wieder in Menschengestalt erscheinen und deckt die Intrige auf. Der Koch wird gevierteilt, die Königin wird aus dem Turm geholt, stirbt aber nach drei Tagen. Der Sohn heiratet die Jungfrau, die er als Nelke bei sich getragen hatte.
Das Märchen eignet sich ab Klasse 7 für den Einstieg in Erzählstruktur und Motivvergleich, ab Klasse 9 für Fassungsvergleiche und ab der Oberstufe für tiefenpsychologische und rechtshistorische Interpretationsansätze.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 76. München 1977, S. 397–401.