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Daumerlings Wanderschaft

Daumerlings Wanderschaft | Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 45)
10:42

Das Wichtigste in Kürze

Was steckt hinter „Daumerlings Wanderschaft", und warum ist dieser kleine Held so anders als der typische Märchenheld?

  • KHM Nr. 45, ein Schwankmärchen: Daumerlings Wanderschaft ist kein Zaubermärchen mit Gut und Böse, Prüfung und Belohnung. Es ist ein Schwank: eine Kette komischer Abenteuer, in denen ein frecher Außenseiter die Welt zur eigenen Belustigung auf den Kopf stellt.
  • Der Held als Trickster: Daumerling ist kein Tugendheld. Er beschwert sich frech beim Meister, hilft Räubern, petzt die Mägde an und verspottet Wachen. Seine einzige Waffe ist Cleverness. Seine einzige Motivation ist, die Welt zu sehen und sich darin zu behaupten.
  • Ein internationaler Stoff: Der daumengroße Held ist in der europäischen Märchentradition weit verbreitet: Tom Thumb in England, Petit Poucet bei Perrault, Däumelinchen bei Andersen. Alle teilen das Grundmotiv, aber sie erzählen es sehr verschieden. Daumerling ist der frechste von allen.
  • Körperlichkeit als Thema: Das Märchen ist auffällig körperbetont: Daumerling reist durch einen Schornstein, übersteht eine Schlachtung, steckt in einer Blutwurst. Sein Körper ist winzig, aber unverwüstlich. Das Groteske und das Komische liegen hier sehr nah beieinander.

Inhalt

  1. Originaltext
  2. Zusammenfassung
  3. Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
  4. Tiefenanalyse: Abenteuer, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
  5. Für Schule und Unterricht
  6. FAQ

Originaltext

Der folgende Text gibt die Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 45. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.

Ein Schneider hatte einen Sohn, der war klein geraten und nicht größer als ein Daumen, darum hieß er auch der Daumerling. Er hatte aber Courage im Leibe und sagte zu seinem Vater »Vater, ich soll und muß in die Welt hinaus.« »Recht, mein Sohn,« sprach der Alte, nahm eine lange Stopfnadel und machte am Licht einen Knoten von Siegellack daran, »da hast du auch einen Degen mit auf den Weg.« Nun wollte das Schneiderlein noch einmal mitessen und hüpfte in die Küche, um zu sehen, was die Frau Mutter zu guter Letzt gekocht hätte. Es war aber eben angerichtet, und die Schüssel stand auf dem Herd. Da sprach es »Frau Mutter, was gibts heute zu essen?« »Sieh du selbst zu,« sagte die Mutter. Da sprang Daumerling auf den Herd und guckte in die Schüssel: weil er aber den Hals zu weit hineinstreckte, faßte ihn der Dampf von der Speise und trieb ihn zum Schornstein hinaus. Eine Weile ritt er auf dem Dampf in der Luft herum, bis er endlich wieder auf die Erde herabsank.

Nun war das Schneiderlein draußen in der weiten Welt, zog umher, ging auch bei einem Meister in die Arbeit, aber das Essen war ihm nicht gut genug. »Frau Meisterin, wenn sie uns kein besser Essen gibt,« sagte Daumerling, »so gehe ich fort und schreibe morgen früh mit Kreide an ihre Haustüre: Kartoffel zu viel, Fleisch zu wenig, adies, Herr Kartoffelkönig.« »Was willst du wohl, Grashüpfer?« sagte die Meisterin, ward bös, ergriff einen Lappen und wollte nach ihm schlagen: mein Schneiderlein kroch behende unter den Fingerhut, guckte unten hervor und streckte der Frau Meisterin die Zunge heraus. Sie hob den Fingerhut auf und wollte ihn packen, aber der kleine Daumerling hüpfte in die Lappen, und wie die Meisterin die Lappen auseinanderwarf und ihn suchte, machte er sich in den Tischritz. »He, he, Frau Meisterin,« rief er und steckte den Kopf in die Höhe, und wenn sie zuschlagen wollte, sprang er in die Schublade hinunter. Endlich aber erwischte sie ihn doch und jagte ihn zum Haus hinaus.

Das Schneiderlein wanderte und kam in einen großen Wald: da begegnete ihm ein Haufen Räuber, die hatten vor, des Königs Schatz zu bestehlen. Als sie das Schneiderlein sahen, dachten sie »so ein kleiner Kerl kann durch ein Schlüsselloch kriechen und uns als Dietrich dienen.« »Heda,« rief einer, »du Riese Goliath, willst du mit zur Schatzkammer gehen? du kannst dich hineinschleichen und das Geld herauswerfen.« Der Daumerling besann sich, endlich sagte er »ja« und ging mit zu der Schatzkammer. Da besah er die Türe oben und unten, ob kein Ritz darin wäre. Nicht lange, so entdeckte er einen, der breit genug war, um ihn einzulassen. Er wollte auch gleich hindurch, aber eine von den beiden Schildwachen, die vor der Tür standen, bemerkte ihn und sprach zu der andern »was kriecht da für eine häßliche Spinne? ich will sie tottreten.« »Laß das arme Tier gehen,« sagte die andere, »es hat dir ja nichts getan.«

Nun kam der Daumerling durch den Ritz glücklich in die Schatzkammer, öffnete das Fenster, unter welchem die Räuber standen, und warf ihnen einen Taler nach dem andern hinaus. Als das Schneiderlein in der besten Arbeit war, hörte es den König kommen, der seine Schatzkammer besehen wollte, und verkroch sich eilig. Der König merkte, daß viele harte Taler fehlten, konnte aber nicht begreifen, wer sie sollte gestohlen haben, da Schlösser und Riegel in gutem Zustand waren, und alles wohl verwahrt schien. Da ging er wieder fort und sprach zu den zwei Wachen »habt acht, es ist einer hinter dem Geld.« Als der Daumerling nun seine Arbeit von neuem anfing, hörten sie das Geld drinnen sich regen und klingen klipp, klapp, klipp, klapp. Sie sprangen geschwind hinein und wollten den Dieb greifen. Aber das Schneiderlein, das sie kommen hörte, war noch geschwinder, sprang in eine Ecke und deckte einen Taler über sich, so daß nichts von ihm zu sehen war, dabei neckte es noch die Wachen und rief »hier bin ich.« Die Wachen liefen dahin, wie sie aber ankamen, war es schon in eine andere Ecke unter einen Taler gehüpft und rief »he, hier bin ich.« Die Wachen sprangen eilends herbei, Daumerling war aber längst in einer dritten Ecke und rief »he, hier bin ich.« Und so hatte es sie zu Narren und trieb sie so lange in der Schatzkammer herum, bis sie müde waren und davongingen. Nun warf es die Taler nach und nach alle hinaus: den letzten schnellte es mit aller Macht, hüpfte dann selber noch behendiglich darauf und flog mit ihm durchs Fenster hinab. Die Räuber machten ihm große Lobsprüche, »du bist ein gewaltiger Held,« sagten sie, »willst du unser Hauptmann werden?« Daumerling bedankte sich aber und sagte, er wollte erst die Welt sehen. Sie teilten nun die Beute, das Schneiderlein aber verlangte nur einen Kreuzer, weil es nicht mehr tragen konnte.

Darauf schnallte es seinen Degen wieder um den Leib, sagte den Räubern guten Tag und nahm den Weg zwischen die Beine. Es ging bei einigen Meistern in Arbeit, aber sie wollte ihm nicht schmecken: endlich verdingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof. Die Mägde aber konnten es nicht leiden, denn ohne daß sie ihn sehen konnten, sah er alles, was sie heimlich taten, und gab bei der Herrschaft an, was sie sich von den Tellern genommen und aus dem Keller für sich weggeholt hatten. Da sprachen sie »wart, wir wollen dirs eintränken,« und verabredeten untereinander, ihm einen Schabernack anzutun. Als die eine Magd bald hernach im Garten mähte, und den Daumerling da herumspringen und an den Kräutern auf- und abkriechen sah, mähte sie ihn mit dem Gras schnell zusammen, band alles in ein großes Tuch und warf es heimlich den Kühen vor. Nun war eine große schwarze darunter, die schluckte ihn mit hinab, ohne ihm weh zu tun. Unten gefiels ihm aber schlecht, denn es war da ganz finster und brannte auch kein Licht. Als die Kuh gemelkt wurde, da rief er

„Strip, strap, stroll,
ist der Eimer bald voll?"

Doch bei dem Geräusch des Melkens wurde er nicht verstanden. Hernach trat der Hausherr in den Stall und sprach »morgen soll die Kuh da geschlachtet werden.« Da war dem Daumerling angst, daß er mit heller Stimme rief »laßt mich erst heraus, ich sitze ja drin.« Der Herr hörte das wohl, wußte aber nicht, wo die Stimme herkam. »Wo bist du?« fragte er. »In der schwarzen,« antwortete er, aber der Herr verstand nicht, was das heißen sollte, und ging fort.

Am andern Morgen ward die Kuh geschlachtet. Glücklicherweise traf bei dem Zerhacken und Zerlegen den Daumerling kein Hieb, aber er geriet unter das Wurstfleisch. Wie nun der Metzger herbeitrat und seine Arbeit anfing, schrie er aus Leibeskräften »hackt nicht zu tief, hackt nicht zu tief, ich stecke ja drunter.« Von dem Lärmen der Hackmesser hörte das kein Mensch. Nun hatte der arme Daumerling seine Not, aber die Not macht Beine, und da sprang er so behend zwischen den Hackmessern durch, daß ihn keins anrührte und er mit heiler Haut davonkam. Aber entspringen konnte er auch nicht: es war keine andere Auskunft, er mußte sich mit den Speckbrocken in eine Blutwurst hinunterstopfen lassen. Da war das Quartier etwas enge, und dazu ward er noch in den Schornstein zum Räuchern aufgehängt, wo ihm Zeit und Weile gewaltig lang wurde. Endlich im Winter wurde er heruntergeholt, weil die Wurst einem Gast sollte vorgesetzt werden. Als nun die Frau Wirtin die Wurst in Scheiben schnitt, nahm er sich in acht, daß er den Kopf nicht zu weit vorstreckte, damit ihm nicht etwa der Hals mit abgeschnitten würde: endlich ersah er seinen Vorteil, machte sich Luft und sprang heraus.

In dem Hause aber, wo es ihm so übel ergangen war, wollte das Schneiderlein nicht länger mehr bleiben, sondern begab sich gleich wieder auf die Wanderung. Doch seine Freiheit dauerte nicht lange. Auf dem offenen Feld kam es einem Fuchs in den Weg, der schnappte es in Gedanken auf. »Ei, Herr Fuchs,« riefs Schneiderlein, »ich bins ja, der in Eurem Hals steckt, laßt mich wieder frei.« »Du hast recht,« antwortete der Fuchs, »an dir habe ich doch so viel als nichts; versprichst du mir die Hühner in deines Vaters Hof, so will ich dich loslassen.« »Von Herzen gern,« antwortete der Daumerling, »die Hühner sollst du alle haben, das gelobe ich dir.« Da ließ ihn der Fuchs wieder los und trug ihn selber heim. Als der Vater sein liebes Söhnlein wiedersah, gab er dem Fuchs gern alle die Hühner, die er hatte. »Dafür bring ich dir auch ein schön Stück Geld mit,« sprach der Daumerling und reichte ihm den Kreuzer, den er auf seiner Wanderschaft erworben hatte.

»Warum hat aber der Fuchs die armen Piephühner zu fressen kriegt?« »Ei, du Narr, deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber sein als die Hühner auf dem Hof.«

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 45. München 1977, S. 250-257.

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Zusammenfassung

Ein Schneiderssohn namens Daumerling, kaum größer als ein Daumen, will in die Welt hinaus. Der Vater gibt ihm eine Stopfnadel mit Siegellackknoten als Degen mit. Beim letzten Blick in den Kochtopf wird Daumerling vom Dampf in den Schornstein gezogen und landet draußen in der Welt.

Er arbeitet kurz bei einem Meister, beschwert sich frech über das Essen und wird hinausgeworfen. Im Wald schließt er sich Räubern an, die ihn als lebendigen Dietrich für die königliche Schatzkammer nutzen wollen. Er schleicht sich durch eine Ritze, wirft Taler heraus und verspottet die Wachen, die ihn nicht fangen können. Die Räuber wollen ihn zum Hauptmann machen. Er lehnt ab, nimmt nur einen Kreuzer und zieht weiter.

Nach weiteren Meisterstellen verdingt er sich als Hausknecht in einem Gasthof. Dort verärgert er die Mägde, indem er ihre kleinen Diebstähle an die Herrschaft meldet. Als Rache mähen die Mägde ihn mit dem Gras zusammen und verfüttern ihn an eine Kuh. Er sitzt im Kuhbauch, ruft beim Melken einen Reim, wird nicht gehört, und übersteht am nächsten Tag knapp die Schlachtung. Er landet unter dem Wurstfleisch, steckt in einer Blutwurst, hängt monatelang im Räucherofen und springt erst im Winter heraus, als die Wurst aufgeschnitten wird.

Auf der nächsten Wanderschaft schnappt ihn ein Fuchs. Daumerling verspricht dem Fuchs die Hühner des Vaters gegen seine Freiheit. Der Fuchs trägt ihn heim. Der Vater gibt die Hühner gerne her. Daumerling überreicht den selbst verdienten Kreuzer. Der Erzähler kommentiert am Ende: Natürlich war dem Vater das Kind lieber als die Hühner.

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Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen

„Daumerlings Wanderschaft" ist kein Zaubermärchen. Es gibt keine übernatürliche Prüfung, keine Prinzessin, keine moralische Bewährungsstrobe. Es ist ein Schwankmärchen: eine Kette komischer Abenteuer, in der ein körperlich benachteiligter Held durch Cleverness, Frechheit und pures Glück überlebt. Das Märchen hat keine tiefere Moral. Es hat Tempo, Witz und das Vergnügen an der Unverwüstlichkeit des Kleinen.

Daumerling als Trickster

In der Märchenforschung wird die Figur des Tricksters als Gegenentwurf zum Tugendhelden beschrieben: Der Trickster überlebt nicht durch Güte oder Gerechtigkeit, sondern durch List, Frechheit und das Ausnutzen von Schwächen anderer. Daumerling ist ein klassischer Trickster. Er beschwert sich frech beim Meister. Er hilft Räubern beim Diebstahl, ohne groß zu zögern. Er petzt die Mägde an. Er verspottet die Wachen. Er verspricht dem Fuchs die Hühner des Vaters, ohne den Vater zu fragen.

Das Märchen wertet das nicht. Es gibt keine Konsequenz für den Diebstahl, keine Strafe für das Petzen, keine Reue für die Hühner des Vaters. Daumerling ist sympathisch, weil er unverwüstlich ist und weil seine Gegner alle größer und plumper sind als er. Die Sympathie des Lesers liegt beim Kleinen gegen die Großen, unabhängig von der moralischen Bewertung seiner Handlungen.

Der Abgang durch den Schornstein: ein komischer Aufbruch

Das erste Abenteuer ist bezeichnend für den Ton des gesamten Märchens: Daumerling will vor der großen Reise noch einmal nachsehen, was es zum Essen gibt. Er streckt den Hals zu weit in den Topf, und der Dampf trägt ihn durch den Schornstein hinaus in die Welt. Das ist kein heroischer Aufbruch. Das ist ein Abgang durch Unvorsichtigkeit und Neugier. Er landet draußen in der Welt, weil er nicht aufgepasst hat.

Das ist im Ton des Schwanks: Der Held ist nicht grandios, er ist einfach in der richtigen Position, um von den Ereignissen mitgezogen zu werden. Die Welt tut mit ihm, was sie will, und er macht das Beste daraus.

Die Schatzkammer-Episode: Trickster im besten Sinne

Die Schatzkammer-Episode ist die stärkste des Märchens. Daumerling schleicht sich durch eine Ritze, wirft Taler durchs Fenster und verspottet die Wachen mit „hier bin ich" aus wechselnden Ecken. Die Wachen laufen ihm nach, bis sie erschöpft aufgeben. Er fliegt auf dem letzten Taler durchs Fenster.

Bemerkenswert ist die Szene an der Tür: Eine Wache will ihn als Spinne zertreten. Die andere sagt: „Laß das arme Tier gehen, es hat dir ja nichts getan." Daumerling rettet sich hier nicht durch eigene Cleverness, sondern durch die Güte einer Wache, die ihn für ein harmloses Tier hält. Das ist ein seltener Moment im Märchen: Mitgefühl als zufällige Rettung, nicht als moralische Belohnung.

Kuh, Schlachtung, Blutwurst: das groteske Körpermärchen

Die längste und dunkelste Episode des Märchens ist die in der Gastwirtschaft: Mägde mähen ihn mit dem Gras zusammen, eine Kuh schluckt ihn. Er ruft im Kuhbauch. Die Kuh wird geschlachtet. Er springt zwischen Hackmessern hindurch. Er steckt in einer Blutwurst. Er hängt Monate im Räucherofen. Er springt aus der aufgeschnittenen Wurst.

Das ist Komik auf der Grenze des Makaberen. Daumerling übersteht buchstäblich den Schlachthof, den Metzger und den Räucherofen. Sein Körper ist winzig, aber absolut unverwüstlich. Das ist das eigentliche Thema dieser Episode: Kein Ort ist zu klein, kein Schicksal zu grausam, um ihn zu überwältigen. Er übersteht alles, nicht durch Kraft oder Klugheit, sondern durch die bloße Tatsache, dass er klein genug ist, durch die Lücken zu schlüpfen.

Der Reim beim Melken, „Strip, strap, stroll, ist der Eimer bald voll?", ist ein Moment schwarzen Humors: Er ruft aus dem Kuhbauch nach Hilfe, aber sein Ruf wird nicht gehört, weil der Lärm der Melkeimer ihn übertönt. Die Absurdität ist vollständig.

Der Schlusssatz als nachträglicher Kommentar

Das Märchen endet mit einem Schlussdialog zwischen einer unbenannten Stimme und einem ebenso unbenannten „Narren": „Warum hat aber der Fuchs die armen Piephühner zu fressen kriegt?" „Ei, du Narr, deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber sein als die Hühner auf dem Hof." Dieser Satz ist, wie die Grimm-Forschung weiß, ein späterer Zusatz: Er ist in Jacob Grimms Handschrift quer vermerkt, also nicht Teil der ursprünglichen Erzählung. Er soll die merkwürdige Logik des Endes erklären, in dem der Vater die Hühner gibt, ohne zu zögern. Aber er erklärt nichts, was nicht schon klar wäre. Er ist eher ein Kommentar über das offensichtliche, ein Erzähler-Augenzwinkern.

Kausalkette: Wie funktioniert das Märchen?

  1. 1Daumerling will in die Welt, bekommt eine Stopfnadel als Degen, landet durch Unvorsichtigkeit im Schornstein.
  2. 2Beim Meister: Essen zu schlecht, frech beschwert, hinausgeworfen.
  3. 3Räuber: Hilft beim Ausrauben der Schatzkammer, verspottet Wachen, nimmt nur einen Kreuzer.
  4. 4Gasthof: Petzt die Mägde, wird als Rache mit dem Gras gemäht und an die Kuh verfüttert.
  5. 5Kuh wird geschlachtet: Übersteht Hackmesser, steckt in Blutwurst, hängt im Räucherofen, springt im Winter heraus.
  6. 6Fuchs schnappt ihn. Daumerling handelt Freiheit gegen Vaters Hühner aus.
  7. 7Heimkehr: Vater gibt die Hühner, Daumerling gibt den Kreuzer. Erzähler-Kommentar.

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Tiefenanalyse: Abenteuer, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung

Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Daumerlings Wanderschaft" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.

Die Abenteuer im Überblick: Stationen der Wanderschaft

Station Was passiert Wie kommt er davon
Elternhaus Zu tief in den Topf geguckt, Dampf trägt ihn fort Landet draußen in der Welt, ungeplant
Beim Meister Beschwert sich über Essen, Meisterin jagt ihn Flieht unter Fingerhut, in Lappen, in Tischritze
Schatzkammer Wirft Taler raus, verspottet Wachen Fliegt auf dem letzten Taler durchs Fenster
Gasthof Petzt Mägde, wird mit Gras verfüttert Kuh wird geschlachtet, landet im Wurstfleisch
Schlachthof / Blutwurst Zwischen Hackmessern, in Blutwurst, im Räucherofen Springt beim Aufschneiden der Wurst heraus
Offenes Feld Fuchs schnappt ihn Handelt Freiheit gegen Vaters Hühner aus

KHM 45 und KHM 37: zwei Daumengroße, zwei verschiedene Welten

Die Grimms haben in ihrer Sammlung zwei Märchen über daumengroße Helden aufgenommen, und sie betonen selbst, dass beide „zur selben Klasse" gehören. Aber sie sind grundverschieden im Ton.

In KHM 37 „Daumesdick" stammt der Held aus einer kinderlosen Bauernfamilie, die sich ein Kind gewünscht hat, „und wenns auch nur so groß wäre wie ein Daumen". Er hilft dem Vater bei der Arbeit, wird von zwei Männern als Schauobjekt gekauft und kehrt schließlich zurück. Seine Geschichte ist ruhiger, familiärer, stärker auf das Verhältnis zu den Eltern ausgerichtet.

Daumerling in KHM 45 ist freiwillig aufgebrochen. Er hat Courage im Leibe. Er ist frecher, selbstständiger, weniger auf Rückkehr ausgerichtet. Wo Daumesdick ein Kind ist, das sich bewährt, ist Daumerling ein junger Mann, der die Welt sehen will. Der Abschluss, der Kreuzer, den er dem Vater mitbringt, ist kein Liebesbeweis, sondern ein Rechenschaftsbericht: Er war draußen, er hat gearbeitet, er hat verdient.

Der internationale Tom-Thumb-Stoff

Der daumengroße Held ist in der europäischen Volksüberlieferung außergewöhnlich weit verbreitet. Alle Varianten teilen das Grundmotiv: Ein kleiner Mensch überlebt eine große Welt durch Witz und Zufall. Aber sie erzählen es sehr verschieden.

Tom Thumb in der englischen Tradition ist sanftmütiger, weniger frech. Er wird von König Arthur an den Hof gebracht und dort gefeiert. Charles Perraults „Petit Poucet" ist cleverer und strategischer: Er besiegt einen Menschenfresser, stiehlt seine Zauberstiefel und rettet seine Brüder. Hans Christian Andersens „Däumelinchen" ist ein kleines Mädchen, das romantisch und weltabgewandt ist, kein Trickster, sondern eine zarte Heldin, die am Ende mit dem Elfenkönig ihr Glück findet.

Daumerling in KHM 45 ist von allen die frechste Version. Er ist kein Held, der ein Problem löst. Er ist ein Wanderer, der von einem Abenteuer ins nächste fällt, meistens durch eigene Schuld, und immer irgendwie davonkommt. Das ist die typisch schwankhafte deutsche Variante des Stoffs.

Herkunft und Überlieferung

Jacob Grimm hat das Märchen von Marie Hassenpflug aufgeschrieben, einer der wichtigsten Erzählerinnen für die Grimm-Sammlung, die aus einer französisch-hugenottischen Familie stammte. Das Märchen stand seit der ersten Auflage von 1812 in der Sammlung, zunächst unter dem Titel „Des Schneiders Daumerling Wanderschaft", ab der dritten Auflage verkürzt zu „Daumerlings Wanderschaft".

Erst in der zweiten Auflage wurden Elemente des Schneiderspotts und des Handwerkerschwanks hinzugefügt: die Drohung „Kartoffel zu viel, Fleisch zu wenig, adies, Herr Kartoffelkönig" stammt aus anderen Quellen, die nachträglich eingeflochten wurden. Der Schlusssatz des Erzählers ist in Jacob Grimms Handschrift quer vermerkt, was auf einen spontanen Zusatz hinweist.

Für Seminar und Hausarbeit

Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008); Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature unter ATU 700 (Tom Thumb); zur englischen Variante: Benjamin Tabart, The Life and Adventures of Tom Thumb (1818); zur französischen Variante: Charles Perrault, Le Petit Poucet (1697); zur romantischen Variante: Hans Christian Andersen, Däumelinchen (1835).

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Für Schule und Unterricht · Klasse 2-12

  • Klasse 2-3: Die Stationen der Wanderschaft nacherzählen. Welche war die gefährlichste? Welche die lustigste? Den Kuh-Reim gemeinsam sprechen.
  • Klasse 4-5: Vergleich mit KHM 37 „Daumesdick": Welcher Held ist mutiger, welcher sympathischer? Was ist der Unterschied zwischen den beiden Figuren?
  • Klasse 6-7: Daumerling hilft Räubern und petzt Mägde. Ist er ein Held oder ein Schurke? Diskussion über moralische Graubereiche im Märchen.
  • Klasse 8-9: Vergleich der internationalen Varianten: Daumerling (Grimm), Tom Thumb (England), Petit Poucet (Perrault), Däumelinchen (Andersen). Was sagt die jeweilige Version über die Kultur aus, aus der sie stammt?
  • Klasse 10-12: Das Schwankmärchen als Gattung: Was unterscheidet es strukturell vom Zaubermärchen? Analyse anhand von KHM 45 und einem weiteren Schwank.
  • Kreativaufgabe: Schreibe eine weitere Station der Wanderschaft. Wo landet Daumerling als nächstes, und wie kommt er wieder heraus?

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Häufige Fragen zu „Daumerlings Wanderschaft" (KHM 45)

Ein daumengroßer Schneiderssohn zieht in die Welt, landet durch einen Topfdampf im Schornstein, arbeitet bei Meistern, hilft Räubern beim Ausrauben der Schatzkammer, übersteht einen Aufenthalt im Kuhbauch, eine Schlachtung, eine Blutwurst und einen Räucherofen, und kehrt schließlich mit einem selbst verdienten Kreuzer zum Vater zurück.
Beide sind daumengroße Helden vom Typ ATU 700. Daumesdick stammt aus einer Bauernfamilie, wird verkauft und zurückgekauft, seine Geschichte kreist um Familie und Rückkehr. Daumerling ist der Sohn eines Schneiders, bricht freiwillig auf, ist deutlich frecher und selbstständiger, und kehrt mit einem selbst verdienten Kreuzer zurück. Daumerling ist der Trickster, Daumesdick der Hausjunge.
Weder noch, er ist ein Trickster. Er hilft Räubern beim Diebstahl, petzt die Mägde und verspricht dem Fuchs die Hühner des Vaters, ohne zu fragen. Das Märchen wertet das nicht. Es liegt in der Natur des Schwankmärchens, dass Moral und Heldentum keine Rolle spielen. Entscheidend ist, wer kleiner, cleverer und überlebenstüchtiger ist. Das ist Daumerling.
Die Mägde im Gasthof rächen sich für seine Petze-Aktionen: Eine mäht ihn beim Gartenmähen mit dem Gras zusammen, wickelt alles in ein Tuch und verfüttert es an die Kühe. Eine schwarze Kuh schluckt ihn. Er sitzt im Kuhbauch, ruft beim Melken seinen Reim, wird nicht gehört, und erfährt am Abend, dass die Kuh am nächsten Morgen geschlachtet werden soll.
Beide gehören zum Märchentyp ATU 700 und teilen das Grundmotiv: ein daumengroßer Held überlebt eine große Welt. Tom Thumb ist die englische Variante: sanftmütiger, höfischer, weniger frech. Perraults Petit Poucet ist cleverer und strategischer. Andersens Däumelinchen ist ein kleines Mädchen, das romantisch endet. Daumerling ist die freche, schwankhafte deutsche Version, die weniger Zaubermärchen als Abenteuerschwank ist.
Der Schlussdialog, in dem ein „Narr" fragt, warum der Fuchs die Hühner bekam, und die Antwort folgt, dem Vater sei das Kind lieber als Hühner, ist ein nachträglicher Zusatz: Er ist in Jacob Grimms Handschrift quer vermerkt. Er erklärt das Naheliegende und funktioniert als Augenzwinkern des Erzählers, nicht als moralischer Kommentar.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 45. München 1977, S. 250-257.