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Jorinde und Joringel

Jorinde und Joringel, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 69)
23:36

Das Wichtigste in Kürze

Ein Märchen ohne Gewährsperson: Wie ein Zauberschloss im Wald, ein Käfig voller Nachtigallen und eine blutrote Blume aus einem Erweckungsroman den Weg in die Kinder- und Hausmärchen fanden.

  • Literarische statt mündliche Quelle: Anders als die meisten KHM-Texte stammt Jorinde und Joringel nicht von einer Erzählerin, sondern aus Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie „Heinrich Stillings Jugend“ von 1777.
  • Seltener Märchentyp: ATU 405 ist international kaum verbreitet und findet sich fast ausschließlich im deutschen Sprachraum, mit nur wenigen Parallelen weltweit.
  • Dichte Vogelsymbolik: Turteltaube, Nachtigall und Nachteule bilden ein Bildfeld aus Liebe, Sehnsucht und Bedrohung, das den gesamten Text durchzieht.
  • Erlösung ohne Helfer: Anders als in vielen anderen KHM-Texten muss Joringel die rettende Blume ganz allein finden, ohne Zauberer, Fee oder Tiergehilfen.

Inhalt

  1. Inhaltsangabe
  2. Originaltext
  3. Entstehungsgeschichte
  4. ATU-Typologie
  5. Strukturanalyse und Symbolik
  6. Figurenanalyse
  7. Tiefenpsychologische Lesart
  8. Sozialkritische Lesart
  9. Internationale Parallelen
  10. Rezeptionsgeschichte
  11. Sprachliche Besonderheiten
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Inhaltsangabe

In einem alten Schloss mitten im Wald lebt eine Erzzauberin, die sich tagsüber in eine Katze oder Nachteule verwandelt und nachts wieder Menschengestalt annimmt. Jede Jungfrau, die dem Schloss zu nahe kommt, verwandelt sie in einen Vogel und sperrt sie in einen von siebentausend Körben. Als das Brautpaar Jorinde und Joringel bei einem Spaziergang versehentlich in die Nähe des Schlosses gerät, wird Jorinde in eine Nachtigall verwandelt, während Joringel wie versteinert dasteht und zusehen muss, wie die Zauberin die Vogel mitnimmt.

Nach seiner Erlösung durch die Zauberin selbst irrt Joringel monatelang als Schäfer umher, bis ihm im Traum eine blutrote Blume mit einer Perle in der Mitte erscheint, die jeden Bann löst. Neun Tage lang sucht er, bis er die Blume findet. Mit ihrer Hilfe gelangt er unbehelligt bis ins Schloss, entdeckt die Vogelzauberin bei der Arbeit und erkennt im entscheidenden Moment das Körbchen mit Jorinde. Er berührt Körbchen und Zauberin mit der Blume, wodurch der Bann bricht: Jorinde steht wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt vor ihm. Anschließend befreit Joringel auch alle anderen verwandelten Jungfrauen, und das Paar kehrt gemeinsam nach Hause zurück.

Originaltext

Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sies, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahekam, so mußte er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann in einen Korb ein, und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle anderen Mädchen. Die und dann ein gar schöner Jüngling, namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren.

„Hüte dich,“ sagte Joringel, „daß du nicht so nahe ans Schloß kommst.“ Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte; Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen: sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang. Jorinde sang

mein Vöglein mit dem Ringlein rot
singt Leide, Leide, Leide:
es singt dem Täubelein seinen Tod,
singt Leide, Lei – zucktüth, zicktüth, zicktüth.

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang „zicktüth, zicktüth.“ Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal „schu, hu, hu, hu.“ Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme „grüß dich, Zachiel, wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund.“ Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie sagte, er sollte sie nie wiederhaben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. „Uu, was soll mir geschehen?“ Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf: da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei.

Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei: auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände: er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schlosse. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schlosse kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähme: endlich hörte ers.

Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden? Indem er so zusah, merkte er, daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib: nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 69. München 1977, S. 382–384.

Entstehungsgeschichte

Jorinde und Joringel nimmt unter den Kinder- und Hausmärchen eine Sonderstellung ein. Während die meisten Grimm-Texte auf mündliche Erzählerinnen aus dem Umfeld der Brüder zurückgehen, hat dieses Märchen eine literarische Quelle: Es stammt aus der 1777 erschienenen Autobiografie Heinrich Stillings Jugend von Johann Heinrich Jung, der unter dem Namen Jung-Stilling bekannt wurde. Jung-Stilling, ein pietistisch geprägter Arzt und Schriftsteller aus dem Siegerland, hatte die Geschichte in seine Lebenserinnerungen eingeflochten, dort verwandelt sich die Zauberin nicht nur in Katze und Nachteule, sondern in seiner Fassung auch in einen Hasen.

Die Brüder Grimm übernahmen den Stoff bereits für die Erstauflage von 1812 an Position 69 und behielten diesen Platz in allen späteren Auflagen bei. Anders als bei vielen anderen Texten der Sammlung veränderte sich die Fassung zwischen den Auflagen kaum grundlegend, was auf die bereits literarisch gefestigte Textgrundlage zurückzuführen ist. Wilhelm Grimm glättete Sprache und Reim leicht, übernahm aber Handlung, Figurenkonstellation und den charakteristischen Zauberspruch der Alten fast unverändert aus der Vorlage.

Wusstest du?

Jorinde und Joringel ist eines der wenigen KHM-Märchen ohne eine identifizierbare mündliche Gewährsperson. Statt aus dem Erzählkreis um Dorothea Viehmann oder die Familien Wild und Hassenpflug stammt der Text direkt aus einem gedruckten Buch, das den Grimms bereits vorlag.

ATU-Typologie

Jorinde und Joringel wird in der internationalen Märchenforschung als ATU 405 klassifiziert, ein eigener Typ, der nach diesem Grimm-Text benannt ist. Er gehört zur großen Gruppe der Zaubergattenmärchen und Erlösungsmärchen (ATU 300–459), in denen ein Liebespartner durch Verwandlung oder Bannzauber getrennt und am Ende durch die Ausdauer des anderen erlöst wird. Charakteristisch für ATU 405 sind die Verwandlung der weiblichen Hauptfigur in einen Vogel, die vorübergehende Bewegungsunfähigkeit des männlichen Helden und die Lösung des Bannes durch ein magisches Objekt, das der Held ohne fremde Hilfe finden muss.

Der Typ ist im internationalen Vergleich auffallend selten belegt. Das unterscheidet Jorinde und Joringel deutlich von vielen anderen KHM-Texten, für die sich enge Parallelen bei Perrault oder Basile finden lassen. Hier fehlt eine solche europäische Verbreitungslinie fast vollständig, was für die Vergleichende Märchenforschung besonders interessant ist, siehe dazu Abschnitt zu den internationalen Parallelen.

Strukturanalyse und Symbolik

Die Handlung folgt einer klaren Kausalkette aus Trennung, Prüfung und Wiedervereinigung, wobei die klassische Heldenreise hier in verkürzter Form auftritt: Es gibt keine Helfer, keine Tiergehilfen und keine Zauberer, die Joringel unterstützen. Seine Erlösungstat beruht allein auf Ausdauer und einem Traum, was den Text von vielen anderen KHM-Märchen mit Zauberhelfern deutlich abhebt.

  1. 1Ausgangslage: Ein Brautpaar in glücklicher Zweisamkeit gerät bei einem Spaziergang unabsichtlich in den Bannkreis eines Zauberschlosses.
  2. 2Trennung: Jorinde wird in eine Nachtigall verwandelt, Joringel erstarrt und kann nicht eingreifen.
  3. 3Isolation: Joringel lebt monatelang als Schäfer in der Fremde, ohne Ziel und ohne Wissen um einen Ausweg.
  4. 4Offenbarung im Traum: Die rettende blutrote Blume erscheint ihm im Schlaf als inneres Bild, nicht als äußerer Hinweis.
  5. 5Suche: Neun Tage systematisches Durchqueren von Berg und Tal, bis die Blume gefunden ist.
  6. 6Erlösung: Joringel erkennt Jorinde unter Hunderten Nachtigallen und löst mit der Blume den Bann, sowohl an ihr als auch an allen anderen Gefangenen.

Auffällig ist die Zahl neun als Suchdauer, die im Unterschied zur sonst in Märchen dominanten Dreizahl auf eine besonders lang andauernde, fast meditative Prüfung verweist. Auch die Zahl siebentausend für die Körbe im Schloss übertreibt bewusst ins Unüberschaubare und unterstreicht, wie aussichtslos Joringels Suche zunächst erscheint.

Symboltabelle

Symbol Deutung
Wald und Schloss Klassischer Ort des Unbewussten und der Gefahr, hier zugleich Ort verbotener Nähe und magischer Bindung
Turteltaube Symbol für Reinheit, Treue und junge Liebe, kündigt die Trennung durch ihren klagenden Gesang bereits an
Nachtigall Steht ebenfalls für Liebe, jedoch in einer sinnlicheren, melancholischeren Färbung als die Turteltaube
Nachteule Erscheinungsform der Zauberin bei Nacht, Symbol für Bedrohung, aber traditionell auch für Weisheit und Scharfsicht
Maibuche Nach westfälischer Volksglaube ein Fruchtbarkeitssymbol, verstärkt die erotische Grundspannung der Szene
Versteinerung Joringels Bild für Ohnmacht und Lähmung angesichts eines Verlusts, den man nicht verhindern kann
Rote Blume mit Perle Häufig als erotisches Symbol gedeutet, zugleich Bild für innere Reife, die erst erarbeitet werden muss
Siebentausend Körbe Bild für die schier unendliche Masse an Schicksalen, aus denen der Held das eine erkennen muss

Figurenanalyse

Jorinde ist zu Beginn eine handelnde Figur, die singt und klagt, wird aber mit der Verwandlung in die Nachtigall vollständig zum Objekt: Sie kann während des gesamten Mittelteils weder sprechen noch handeln und wartet passiv auf ihre Befreiung. Diese Passivierung ist für den Erzählverlauf zentral, denn sie verschiebt die gesamte Handlungslast auf Joringel.

Joringel durchläuft die klassische Bewegung vom hilflosen Zuschauer zum ausdauernden Sucher. Seine anfängliche Lähmung, die im Text wörtlich als Versteinerung beschrieben wird, steht in scharfem Kontrast zur späteren zielstrebigen neuntägigen Suche. Bemerkenswert ist, dass er ohne jede äußere Hilfe agiert, allein ein Traumbild treibt ihn an.

Die Erzzauberin ist eine der komplexeren Figuren der Sammlung. Sie ist zugleich Katze, Nachteule und Menschenfrau, Sammlerin und Bewahrerin siebentausend gefangener Jungfrauen, und sie zeigt an einer Stelle unerwartete Milde, als sie Joringel aus der eigenen Erstarrung löst, obwohl sie ihm Jorinde verweigert. Diese Ambivalenz zwischen Grausamkeit und Gnade macht sie zu einer Figur, die sich nicht auf eine einfache Böse-Hexe-Rolle reduzieren lässt.

Tiefenpsychologische Lesart

In der analytischen Psychologie wird Jorinde und Joringel häufig als Märchen über Symbiose und Ablösung gelesen. Die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast widmet dem Text in ihrem Buch Wege aus Angst und Symbiose ein eigenes Kapitel und deutet die Zauberin als Verkörperung einer symbiotischen, bindenden Macht, die die junge Liebe zwischen Jorinde und Joringel bedroht, indem sie Jorinde in einen passiven, sprachlosen Zustand versetzt. Joringels Erstarrung liest sich in dieser Perspektive als jener Moment, in dem eine Beziehung von einer äußeren oder inneren Macht übermannt wird und der Partner zunächst keine Handlungsfähigkeit mehr besitzt.

Die Erlösung durch die selbst gefundene Blume lässt sich als Reifungsprozess deuten: Joringel muss, bevor er Jorinde zurückgewinnen kann, zunächst allein durch eine Phase der Isolation und des Suchens gehen. Erst diese innere Arbeit, symbolisiert durch die Traumblume, ermöglicht die Wiedervereinigung. Eine solche Lesart schließt an Bruno Bettelheims allgemeine These an, dass Märchen Kindern und Jugendlichen helfen, innere Konflikte in symbolischer Form zu bearbeiten, ohne sie beim Namen zu nennen. Die Erstarrung des Liebenden angesichts des Verlusts der Geliebten ist eines der eindringlichsten Bilder dafür, wie Ohnmacht eine Beziehung lähmen kann, bis ein eigener, selbst erarbeiteter Weg zurück zur Handlungsfähigkeit gefunden wird. Die Erstarrung des Liebenden angesichts des Verlusts der Geliebten ist eines der eindringlichsten Bilder dafür, wie Ohnmacht eine Beziehung lähmen kann, bis ein eigener, selbst erarbeiteter Weg zurück zur Handlungsfähigkeit gefunden wird.

Sozialkritische Lesart

Aus feministischer Perspektive fällt vor allem die radikale Passivierung Jorindes auf: Sie hat, sobald sie verwandelt ist, keinerlei Handlungsmöglichkeit mehr und ist vollständig auf die Initiative Joringels angewiesen. Das Märchen reproduziert damit ein klassisches Muster, in dem die weibliche Figur zum passiven Objekt einer Rettungshandlung wird, während der männliche Held die gesamte Handlungslast trägt, eine Konstellation, die sich in Texten wie Dornröschen oder Sneewittchen ähnlich findet.

Gleichzeitig lässt sich die Zauberin als eine Figur außerhalb patriarchaler Ordnung lesen: Sie lebt allein, ohne Ehemann, ohne Familie, und verfügt über eigene Macht über Leben, Verwandlung und Raum. Diese Unabhängigkeit wird im Text jedoch ausschließlich negativ konnotiert, als Bedrohung für junge Liebe und als etwas, das am Ende überwunden werden muss. Eine kritische Lektüre kann hier fragen, welches Frauenbild ein Märchen entwirft, in dem weibliche Autonomie außerhalb der Ehe fast zwangsläufig mit Zauberei und Gefahr gleichgesetzt wird.

Internationale Parallelen

Anders als die meisten KHM-Texte hat Jorinde und Joringel keine direkte Entsprechung bei Charles Perrault oder Giambattista Basile. ATU 405 ist ein vergleichsweise isolierter Typ, der fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum belegt ist. Diese geografische Enge macht das Märchen für die vergleichende Erzählforschung besonders interessant, da sie zeigt, dass nicht jeder KHM-Stoff Teil eines gesamteuropäischen Motivnetzes ist. Vereinzelt wird auf außerdeutsche Belege verwiesen, etwa auf eine skandinavische Fassung, ohne dass sich dazu Näheres wie Sammler, Erscheinungsjahr oder genauer Fundort sicher rekonstruieren ließe. Diese Angabe sollte daher mit Vorsicht behandelt werden.

Deutlich besser dokumentiert ist ein Fund aus den Appalachen: Die Folkloristin Marie Campbell notierte in Kentucky eine Fassung unter dem Titel „The Flower of Dew", die dem Grimm-Text in Handlung und Symbolik, insbesondere der rettenden Blume, deutlich ähnelt. Vermutlich gelangte der Stoff über deutschstämmige Einwanderergemeinden in die dortige mündliche Erzähltradition.

 

Rezeptionsgeschichte

Innerhalb der Grimm-Sammlung selbst hat Jorinde und Joringel Spuren hinterlassen: Das spätere Märchen KHM 123, Die Alte im Wald, greift Motive der Vogelverwandlung und des Zauberschlosses im Wald auf und gilt als von Jorinde und Joringel mitgeprägt. Auch der charakteristische Gesang des Märchens findet ein Echo in KHM 179, Die Gänsehirtin am Brunnen.

In der DDR wurde der Stoff populär genug, um 1969 eine eigene Briefmarkenserie der Deutschen Post zu inspirieren. Die bekannteste filmische Umsetzung ist der DEFA-Spielfilm von 1986 unter der Regie von Wolfgang Hübner. Er verlegt die Handlung in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs und inszeniert den Stoff als nachdenklichen Antikriegsfilm, in dem der Zauberin eine deutlich ambivalentere, teils sogar moralisch positive Rolle zukommt als im Grimm-Text. 2011 folgte eine leichtere Neuverfilmung für die ARD-Reihe Sechs auf einen Streich unter der Regie von Bodo Fürneisen, mit Katja Flint als enttäuschter Zauberin, die den Stoff in eine komödiantischere Richtung verschiebt und mit einem versöhnlichen Ende versieht.

Tipp für Märchenbrause-Leser

Der Vergleich der DEFA-Verfilmung von 1986 mit der ARD-Neuverfilmung von 2011 zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich ein und derselbe Stoff je nach politischem und gesellschaftlichem Kontext gedeutet werden kann, vom nachdenklichen Antikriegsfilm bis zur leichten Familienunterhaltung.

Sprachliche Besonderheiten

Der Text trägt deutliche Spuren seiner literarischen, mittelhessisch gefärbten Herkunft. Formen wie „sies“ für „sie es“, „einsmalen“ für „einmal“ oder die Verkleinerungsformen „Möndel“ und „Körbel“ im Zauberspruch der Alten weisen auf eine regionale, umgangssprachlich gefärbte Erzähltradition hin, die Wilhelm Grimm bewusst stehen ließ, um dem Text seine volkstümliche Klangfärbung zu erhalten. Der Zauberspruch selbst, „grüß dich, Zachiel, wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund“, ist im Reim und Rhythmus deutlich von der umgebenden Prosa abgesetzt und markiert damit sprachlich den Moment magischer Handlung.

Auch Jorindes Gesang folgt einem eigenen, liedhaften Versmaß mit Endreim, das sich klar vom erzählenden Duktus abhebt. Diese bewusste Vermischung von Prosa, Reimspruch und Lied ist für KHM-Texte nicht untypisch, hier jedoch besonders kunstvoll eingesetzt, um den Moment der Verwandlung als musikalischen Höhepunkt der Szene hervorzuheben.

Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Erstellt eine Bildergeschichte zu den wichtigsten Stationen der Handlung und benennt, welche Gefühle Jorinde und Joringel an welcher Stelle erleben.
  • Klasse 8–9: Vergleicht die Rolle der Zauberin mit anderen Grimm-Hexenfiguren, etwa aus Hänsel und Gretel, und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus.
  • Klasse 10–11: Untersucht, wie das Märchen Passivität und Aktivität auf Jorinde und Joringel verteilt, und diskutiert, welches Rollenbild damit vermittelt wird.
  • Klasse 12–13: Erarbeitet anhand der Entstehungsgeschichte, welche Konsequenzen es hat, dass ein KHM-Text auf einer literarischen statt einer mündlichen Quelle beruht, und diskutiert den Sammlerbegriff der Brüder Grimm kritisch.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 69), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Quellentext: Johann Heinrich Jung-Stilling, Heinrich Stillings Jugend (1777)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den KHM (2008) · ATU-Typennummer 405 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Tiefenpsychologie: Verena Kast, Wege aus Angst und Symbiose. Märchen psychologisch gedeutet (1982) · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954)

Gesellschaft und Feminismus: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Rudolf Müller, Weisheit im Märchen: Jorinde und Joringel

Häufige Fragen zu Jorinde und Joringel

Nein, das ist eine Ausnahme unter den Grimm-Märchen. Jorinde und Joringel stammt nicht von einer mündlichen Gewährsperson, sondern aus der 1777 erschienenen Autobiografie Heinrich Stillings Jugend von Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling. Die Grimms übernahmen den Text literarisch und bearbeiteten ihn sprachlich.
Das Märchen entspricht ATU 405. Dieser Typ ist ungewöhnlich selten belegt: Er findet sich fast ausschließlich im deutschen Sprachraum, mit vereinzelten Parallelen in Schweden und einer nordamerikanischen Variante aus Kentucky.
Die Nachtigall gilt als Symbol für Liebe mit einer melancholischen, sinnlichen Note. Zusammen mit der Turteltaube, die zu Beginn der Szene singt, und der roten Blume mit dem Tautropfen am Ende, zieht sich ein Bildfeld von Liebe, Reinheit und erwachender Sinnlichkeit durch das gesamte Märchen.
Die blutrote Blume mit der Perle in der Mitte gilt in tiefenpsychologischen und motivgeschichtlichen Deutungen häufig als erotisches Symbol. Joringel muss sie sich in einer neuntägigen Suche selbst erarbeiten, ohne Hilfe von Zauberern oder Feen, bevor er Jorinde befreien kann.
Die bekannteste deutsche Verfilmung stammt von der DEFA (1986, Regie Wolfgang Hübner), die den Stoff als nachdenklichen Antikriegsfilm im Dreißigjährigen Krieg inszeniert und der Zauberin eine ambivalente Rolle gibt. 2011 folgte eine leichtere Neuverfilmung für die ARD-Reihe Sechs auf einen Streich mit Katja Flint als Zauberin.
Aufgrund seiner kompakten Form und klaren Symbolik eignet sich das Märchen bereits für die Mittelstufe ab Klasse 6, während sich in der Oberstufe vertiefte Fragen zur Textgeschichte, Symbolik und Gattungszugehörigkeit anschließen lassen.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 69. München 1977, S. 382–384.