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Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren | Originaltext, Bedeutung & Analyse
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Märchen · Gebrüder Grimm · KHM Nr. 29

Das Wichtigste in Kürze

Was steckt hinter „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" und warum ist es eines der vollständigsten Glücksmärchen der Grimms?

  • KHM Nr. 29: Ein mit einer Glückshaut geborenes Kind soll laut Prophezeiung die Königstochter heiraten. Der König versucht es mehrfach zu töten und scheitert jedes Mal an seinem Glück.
  • Drei Rätsel auf dem Weg: Der Brunnen ohne Wasser, der Baum ohne Früchte, der Fährmann ohne Ablösung. Drei Fragen, die das Glückskind auf seiner Reise sammelt und in der Hölle beantwortet bekommt.
  • Die Ellermutter als Heldin der Hölle: Die Großmutter des Teufels ist keine böse Figur. Sie versteckt den Jungen, reißt dem Teufel die Haare aus und beantwortet nebenbei alle drei Rätsel.
  • Der König fährt für immer: Am Ende sitzt der habgierige König selbst in der Fähre, zur Strafe für seine Sünden. Sein Untergang kommt durch seine eigene Gier, nicht durch Rache.

Was steht im Originaltext? (Vollständige Fassung)

Der folgende Text gibt die Fassung der Gebrüder Grimm aus den Kinder- und Hausmärchen wieder, KHM Nr. 29. Die originale Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten. Geeignet zum Vorlesen ab Klasse 3.

"

Es war einmal eine arme Frau, die gebar ein Söhnlein, und weil es eine Glückshaut umhatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt, es werde im vierzehnten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben. Es trug sich zu, daß der König bald darauf ins Dorf kam, und niemand wußte, daß es der König war, und als er die Leute fragte, was es Neues gäbe, so antworteten sie „es ist in diesen Tagen ein Kind mit einer Glückshaut geboren: was so einer unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus. Es ist ihm auch vorausgesagt, in seinem vierzehnten Jahre solle er die Tochter des Königs zur Frau haben." Der König, der ein böses Herz hatte und über die Weissagung sich ärgerte, ging zu den Eltern, tat ganz freundlich und sagte „ihr armen Leute, überlaßt mir euer Kind, ich will es versorgen." Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schweres Gold dafür bot und sie dachten „es ist ein Glückskind, es muß doch zu seinem Besten ausschlagen," so willigten sie endlich ein und gaben ihm das Kind.

Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weiter, bis er zu einem tiefen Wasser kam: da warf er die Schachtel hinein und dachte „von dem unerwarteten Freier habe ich meine Tochter geholfen." Die Schachtel aber ging nicht unter, sondern schwamm wie ein Schiffchen, und es drang auch kein Tröpfchen Wasser hinein. So schwamm sie bis zwei Meilen von des Königs Hauptstadt, wo eine Mühle war, an dessen Wehr sie hängen blieb. Ein Mahlbursche, der glücklicherweise da stand und sie bemerkte, zog sie mit einem Haken heran und meinte große Schätze zu finden, als er sie aber aufmachte, lag ein schöner Knabe darin, der ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich und sprachen „Gott hat es uns beschert." Sie pflegten den Findling wohl, und er wuchs in allen Tugenden heran.

Es trug sich zu, daß der König einmal bei einem Gewitter in die Mühle trat und die Müllersleute fragte, ob der große Junge ihr Sohn wäre. „Nein," antworteten sie, „es ist ein Findling, er ist vor vierzehn Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche hat ihn aus dem Wasser gezogen." Da merkte der König, daß es niemand anders als das Glückskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und sprach „ihr guten Leute, könnte der Junge nicht einen Brief an die Frau Königin bringen, ich will ihm zwei Goldstücke zum Lohn geben?" „Wie der Herr König gebietet," antworteten die Leute, und hießen den Jungen sich bereit halten. Da schrieb der König einen Brief an die Königin, worin stand „so bald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er getötet und begraben werden, und das alles soll geschehen sein, ehe ich zurückkomme."

Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verirrte sich aber und kam abends in einen großen Wald. In der Dunkelheit sah er ein kleines Licht, ging darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er hineintrat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrak, als sie den Knaben erblickte, und sprach „wo kommst du her und wo willst du hin?" „Ich komme von der Mühle," antwortete er, „und will zur Frau Königin, der ich einen Brief bringen soll: weil ich mich aber in dem Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne übernachten." „Du armer Junge," sprach die Frau, „du bist in ein Räuberhaus geraten, und wenn sie heim kommen, so bringen sie dich um." „Mag kommen, wer will," sagte der Junge, „ich fürchte mich nicht: ich bin aber so müde, daß ich nicht weiter kann," streckte sich auf eine Bank und schlief ein.

Bald hernach kamen die Räuber und fragten zornig, was da für ein fremder Knabe läge. „Ach," sagte die Alte, „es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verirrt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen: er soll einen Brief an die Frau Königin bringen." Die Räuber erbrachen den Brief und lasen ihn, und es stand darin, daß der Knabe sogleich, wie er ankäme, sollte ums Leben gebracht werden. Da empfanden die hartherzigen Räuber Mitleid, und der Anführer zerriß den Brief und schrieb einen andern, und es stand darin, sowie der Knabe ankäme, sollte er sogleich mit der Königstochter vermählt werden. Sie ließen ihn dann ruhig bis zum andern Morgen auf der Bank liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm den Brief und zeigten ihm den rechten Weg.

Die Königin aber, als sie den Brief empfangen und gelesen hatte, tat, wie darin stand, hieß ein prächtiges Hochzeitsfest anstellen, und die Königstochter ward mit dem Glückskind vermählt; und da der Jüngling schön und freundlich war, so lebte sie vergnügt und zufrieden mit ihm. Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloß und sah, daß die Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter vermählt war. „Wie ist das zugegangen?" sprach er, „ich habe in meinem Brief einen ganz andern Befehl erteilt." Da reichte ihm die Königin den Brief und sagte, er möchte selbst sehen, was darin stände. Der König las den Brief und merkte wohl, daß er mit einem andern war vertauscht worden.

Er fragte den Jüngling, wie es mit dem anvertrauten Briefe zugegangen wäre, warum er einen andern dafür gebracht hätte. „Ich weiß von nichts," antwortete er, „er muß mir in der Nacht vertauscht sein, als ich im Walde geschlafen habe." Voll Zorn sprach der König „so leicht soll es dir nicht werden, wer meine Tochter haben will, der muß mir aus der Hölle drei goldene Haare von dem Haupte des Teufels holen; bringst du mir, was ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten." Damit hoffte der König ihn auf immer los zu werden. Das Glückskind aber antwortete „die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht." Darauf nahm er Abschied und begann seine Wanderschaft.

Der Weg führte ihn zu einer großen Stadt, wo ihn der Wächter an dem Tore ausfragte, was für ein Gewerbe er verstände und was er wüßte. „Ich weiß alles," antwortete das Glückskind. „So kannst du uns einen Gefallen tun," sagte der Wächter, „wenn du uns sagst, warum unser Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, trocken geworden ist, und nicht einmal mehr Wasser gibt." „Das sollt ihr erfahren," antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme." Da ging er weiter und kam vor eine andere Stadt, da fragte der Torwächter wiederum, was für ein Gewerb er verstünde und was er wüßte. „Ich weiß alles," antwortete er. „So kannst du uns einen Gefallen tun und uns sagen, warum ein Baum in unserer Stadt, der sonst goldene Äpfel trug, jetzt nicht einmal Blätter hervortreibt." „Das sollt ihr erfahren," antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme." Da ging er weiter, und kam an ein großes Wasser, über das er hinüber mußte. Der Fährmann fragte ihn, was er für ein Gewerb verstände und was er wüßte. „Ich weiß alles," antwortete er. „So kannst du mir einen Gefallen tun," sprach der Fährmann, „und mir sagen, warum ich immer hin- und herfahren muß und niemals abgelöst werde." „Das sollst du erfahren," antwortete er, „warte nur, bis ich wiederkomme."

Als er über das Wasser hinüber war, so fand er den Eingang zur Hölle. Es war schwarz und rußig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber seine Ellermutter saß da in einem breiten Sorgenstuhl. „Was willst du?" sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. „Ich wollte gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf," antwortete er, „sonst kann ich meine Frau nicht behalten." „Das ist viel verlangt," sagte sie, „wenn der Teufel heim kommt und findet dich, so geht dirs an den Kragen; aber du dauerst mich, ich will sehen, ob ich dir helfen kann." Sie verwandelte ihn in eine Ameise und sprach „kriech in meine Rockfalten, da bist du sicher." „Ja," antwortete er, „das ist schon gut, aber drei Dinge möchte ich gerne noch wissen, warum ein Brunnen, aus dem sonst Wein quoll, trocken geworden ist, jetzt nicht einmal mehr Wasser gibt: warum ein Baum, der sonst goldene Äpfel trug, nicht einmal mehr Laub treibt: und warum ein Fährmann immer herüber- und hinüberfahren muß und nicht abgelöst wird." „Das sind schwere Fragen," antwortete sie, „aber halte dich nur still und ruhig, und hab acht, was der Teufel spricht, wann ich ihm die drei goldenen Haare ausziehe."

Als der Abend einbrach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er eingetreten, so merkte er, daß die Luft nicht rein war. „Ich rieche rieche Menschenfleisch," sagte er, „es ist hier nicht richtig." Dann guckte er in alle Ecken und suchte, konnte aber nichts finden. Die Ellermutter schalt ihn aus, „eben ist erst gekehrt," sprach sie, „und alles in Ordnung gebracht, nun wirfst du mirs wieder untereinander; immer hast du Menschenfleisch in der Nase! Setze dich nieder und iß dein Abendbrot." Als er gegessen und getrunken hatte, war er müde, legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte, sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte.

Da faßte die Alte ein goldenes Haar, riß es aus und legte es neben sich. „Autsch!" schrie der Teufel, „was hast du vor?" „Ich habe einen schweren Traum gehabt," antwortete die Ellermutter, „da hab ich dir in die Haare gefaßt." „Was hat dir denn geträumt?" fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?" „He, wenn sies wüßten!" antwortete der Teufel, „es sitzt eine Kröte unter einem Stein im Brunnen, wenn sie die töten, so wird der Wein schon wieder fließen." Die Ellermutter lauste ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte, daß die Fenster zitterten. Da riß sie ihm das zweite Haar aus. „Hu! was machst du?" schrie der Teufel zornig. „Nimms nicht übel," antwortete sie, „ich habe es im Traum getan." „Was hat dir wieder geträumt?" fragte er. „Mir hat geträumt, in einem Königreiche ständ ein Obstbaum, der hätte sonst goldene Äpfel getragen und wollte jetzt nicht einmal Laub treiben. Was war wohl die Ursache davon?" „He, wenn sies wüßten!" antwortete der Teufel, „an der Wurzel nagt eine Maus, wenn sie die töten, so wird er schon wieder goldene Äpfel tragen, nagt sie aber noch länger, so verdorrt der Baum gänzlich. Aber laß mich mit deinen Träumen in Ruhe, wenn du mich noch einmal im Schlafe störst, so kriegst du eine Ohrfeige." Die Ellermutter sprach ihn zu gut und lauste ihn wieder, bis er eingeschlafen war und schnarchte. Da faßte sie das dritte goldene Haar und riß es ihm aus. Der Teufel fuhr in die Höhe, schrie und wollte übel mit ihr wirtschaften, aber sie besänftigte ihn nochmals und sprach „wer kann für böse Träume!" „Was hat dir denn geträumt?" fragte er, und war doch neugierig. „Mir hat von einem Fährmann geträumt, der sich beklagte, daß er immer hin- und herfahren müßte, und nicht abgelöst würde. Was ist wohl schuld?" „He, der Dummbart!" antwortete der Teufel, „wenn einer kommt und will überfahren, so muß er ihm die Stange in die Hand geben, dann muß der andere überfahren, und er ist frei."

Da die Ellermutter ihm die drei goldenen Haare ausgerissen hatte und die drei Fragen beantwortet waren, so ließ sie den alten Drachen in Ruhe, und er schlief, bis der Tag anbrach. Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus der Rockfalte, und gab dem Glückskind die menschliche Gestalt zurück. „Da hast du die drei goldenen Haare," sprach sie, „was der Teufel zu deinen drei Fragen gesagt hat, wirst du wohl gehört haben." „Ja," antwortete er, „ich habe es gehört und wills wohl behalten." „So ist dir geholfen," sagte sie „und nun kannst du deiner Wege ziehen." Er bedankte sich bei der Alten für die Hilfe in der Not, verließ die Hölle und war vergnügt, daß ihm alles so wohl geglückt war.

Als er zu dem Fährmann kam, sollte er ihm die versprochene Antwort geben. „Fahr mich erst hinüber," sprach das Glückskind, „so will ich dir sagen, wie du erlöst wirst," und als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt war, gab er ihm des Teufels Rat „wenn wieder einer kommt und will übergefahren sein, so gib ihm nur die Stange in die Hand." Er ging weiter und kam zu der Stadt, worin der unfruchtbare Baum stand, und wo der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hatte, „tötet die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so wird er wieder goldene Äpfel tragen." Da dankte ihm der Wächter und gab ihm zur Belohnung zwei mit Gold beladene Esel, die mußten ihm nachfolgen. Zuletzt kam er zu der Stadt, deren Brunnen versiegt war. Da sprach er zu dem Wächter, wie der Teufel gesprochen hatte, „es sitzt eine Kröte im Brunnen unter einem Stein, die müßt ihr aufsuchen und töten, so wird er wieder reichlich Wein geben." Der Wächter dankte und gab ihm ebenfalls zwei mit Gold beladene Esel.

Endlich langte das Glückskind daheim bei seiner Frau an, die sich herzlich freute, als sie ihn wiedersah und hörte, wie wohl ihm alles gelungen war. Dem König brachte er, was er verlangt hatte, die drei goldenen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel mit dem Golde sah, ward er ganz vergnügt und sprach „nun sind alle Bedingungen erfüllt und du kannst meine Tochter behalten. Aber, lieber Schwiegersohn, sage mir doch, woher ist das viele Gold? das sind ja gewaltige Schätze!" „Ich bin über einen Fluß gefahren," antwortete er, „und da habe ich es mitgenommen, es liegt dort statt des Sandes am Ufer." „Kann ich mir auch davon holen?" sprach der König und war ganz begierig. „So viel Ihr nur wollt," antwortete er, „es ist ein Fährmann auf dem Fluß, von dem laßt Euch überfahren, so könnt Ihr drüben Eure Säcke füllen."

Der habsüchtige König machte sich in aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluß kam, so winkte er dem Fährmann, der sollte ihn übersetzen. Der Fährmann kam und hieß ihn einsteigen, und als sie an das jenseitige Ufer kamen, gab er ihm die Ruderstange in die Hand und sprang davon. Der König aber mußte von nun an fahren zur Strafe für seine Sünden.

„Fährt er wohl noch?" „Was denn? es wird ihm niemand die Stange abgenommen haben."

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Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen

„Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" ist eines der vollständigsten Märchen der Grimm-Sammlung. Es hat alles: eine Prophezeiung, zwei Mordversuche, einen Briefaustausch durch Räuber, eine Höllenreise, drei Rätsel, eine listige alte Frau und einen König, der am Ende selbst in die Falle tappt. Das Märchen ist nicht eines einzigen Themas, sondern ein ganzes Bündel: Schicksal, Gier, Gunst des Glücks und die Frage, ob man dem Verhängnis entkommen kann.

Welche Kernthemen trägt das Märchen?

  • Das Glück als Naturkraft: Das Glückskind wird nicht aktiv gerettet. Es schläft im Räuberhaus, der Brief wird ausgetauscht. Es schläft in der Hölle als Ameise, die Ellermutter erledigt alles. Das Glück arbeitet für es, weil es vom Glück geboren wurde. Eigeninitiative ist kaum nötig.
  • Die Ohnmacht des Bösen gegen das Schicksal: Der König ist mächtig, listig und entschlossen. Er versucht zweimal, das Kind zu töten, schickt es mit einem Todesbrief, schickt es schließlich in die Hölle. Jeder Versuch schlägt fehl, nicht weil der Junge ihn überlistet, sondern weil das Schicksal gegen ihn arbeitet.
  • Gier als Selbstfalle: Der König kommt nicht durch Rache zu Fall, sondern durch seine eigene Habgier. Das Glückskind lügt ihn an, indem es sagt, am anderen Flussufer liege Gold. Der König glaubt es sofort und macht sich in „aller Eile" auf den Weg. Er braucht keinen Feind. Er reicht sich selbst.
  • Hilfe kommt von den Unerwarteten: Die Räuber retten den Jungen. Die Großmutter des Teufels hilft ihm in der Hölle. Die Helfer sind nie die Mächtigen oder die Frommen, sondern die Randständigen: Gesetzlose, eine alte Frau in der Unterwelt. Das Märchen zeigt Güte dort, wo man sie nicht erwartet.
  • Wissen als Kapital: Die drei Rätsel, die das Glückskind auf seiner Reise sammelt und beantwortet, bringen ihm vier Esel voll Gold. Es handelt nicht mit Waren, sondern mit Wissen. Wer die richtigen Fragen stellt und die Antworten behält, wird reich.

Was ist die Stationsfolge des Glückskindes?

  1. 1Die Schachtel im Wasser: Der König wirft das Baby ins Wasser. Es schwimmt. Das erste Zeichen, dass das Schicksal nicht aufzuhalten ist.
  2. 2Die Mühle: Der Junge wächst bei Müllersleuten auf, in Tugend, ohne sein Schicksal zu kennen. Der König findet ihn nach vierzehn Jahren zufällig wieder.
  3. 3Der Todesbrief: Der König schickt ihn mit einem Brief, der seinen Tod anordnet. Im Räuberhaus wird er ausgetauscht. Der Junge weiß von nichts und schläft ruhig.
  4. 4Die drei Rätsel unterwegs: Brunnen, Baum, Fährmann. Das Glückskind verspricht Antworten, die es noch nicht hat, und zieht weiter. Es sammelt Fragen wie Aufträge.
  5. 5Die Hölle: Die Ellermutter verwandelt ihn in eine Ameise, versteckt ihn im Rock und reißt dem schlafenden Teufel drei Haare aus. Die Antworten auf alle Fragen kommen nebenbei.
  6. 6Die Rückkehr: Rätsel gelöst, Gold verdient, Haare gebracht. Der König fragt nach dem Gold. Das Glückskind schickt ihn in die Fähre. Der König fährt für immer.

Für den Unterricht · Klasse 3-5

Ein guter Einstieg: „Warum kann der König das Schicksal des Glückskindes nicht aufhalten, obwohl er es dreimal versucht?" Diese Frage öffnet ein Gespräch über Schicksal, freien Willen und die Grenzen von Macht.

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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung

Der folgende Teil richtet sich an alle, die das Märchen als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.

Was symbolisieren die zentralen Figuren und Gegenstände?

Symbol / Figur Bedeutung im Märchen
Die Glückshaut Die Geburtshaube ist ein reales medizinisches Phänomen: eine Membran, die manche Neugeborene über dem Gesicht tragen. In der Volksüberlieferung galt sie als Zeichen besonderer Schicksalsgunst. Wer mit ihr geboren wird, steht unter dem Schutz einer höheren Ordnung. Das Märchen nimmt diese Überlieferung ernst und macht sie zur Prämisse der gesamten Handlung.
Die Schachtel im Wasser Ein klares Echo auf die Mose-Geschichte: Das ausgesetzte Kind im Wasser, das nicht untergeht. Die Schachtel schwimmt „wie ein Schiffchen", kein Wasser dringt ein. Das ist keine Naturkraft, sondern Schutz durch das Schicksal. Das Motiv des im Wasser ausgesetzten und geretteten Kindes ist eines der ältesten Heldenmotive der Welt.
Die Räuber als Helfer Die Räuber tauschen den Todesbrief aus und retten damit das Glückskind. Das ist ein bewusstes Stilmittel: Ausgerechnet die Gesetzlosen handeln moralisch. Das Märchen kehrt die Erwartung um: Der König, der Gute und Mächtige, will morden. Die Räuber, die Schlechten, haben Mitleid. Moralisches Handeln ist keine Frage des Standes.
Die Ellermutter Die Großmutter des Teufels ist die eigentliche Heldin der zweiten Märchenhälfte. Sie ist klug, gütig und listig: Sie versteckt den Jungen, besänftigt den Teufel dreimal, reißt die Haare aus und beantwortet nebenbei alle drei Rätsel. In ihrer Figur verdichtet sich ein uraltes Motiv: die weise alte Frau als Hüterin des verborgenen Wissens, auch in der Unterwelt.
Die drei goldenen Haare Gold steht für das Wertvolle, Unvergängliche, Göttliche. Goldene Haare am Teufel sind eine bewusste Inversion: Das Böse besitzt etwas Kostbares, das dem Helden zugutekommen soll. Jedes Haar ist mit einem Schmerz und einer Antwort verbunden. Die drei Haare sind Schlüssel zu drei Geheimnissen der Welt.
Die drei Rätsel Brunnen, Baum, Fährmann: drei Zustände, die nicht so sein sollten, wie sie sind, und auf eine Ursache warten. Alle drei haben eine kleine, konkrete Lösung: eine Kröte töten, eine Maus töten, eine Stange weitergeben. Das Märchen zeigt: Große Probleme haben oft einfache Ursachen. Man muss sie nur kennen.
Der Fährmann Der Fährmann ist gefangen in einer ewigen Pflicht, die er nur loswerden kann, wenn er sie weitergibt. Das ist eine Form von Fluch, aber auch eine Metapher für Verantwortung: Sie geht nicht einfach weg, sie muss übergeben werden. Am Ende trägt ausgerechnet der König die Stange, als Strafe für seine Sünden.

Das Glückskind als passiver Held: eine strukturelle Besonderheit

In den meisten Grimm-Märchen muss der Held aktiv handeln, kämpfen, entscheiden. Das Glückskind tut das in bemerkenswerter Weise kaum. Es wird als Baby ausgesetzt und schwimmt. Es schläft im Räuberhaus, während der Brief ausgetauscht wird. Es wird in der Hölle in eine Ameise verwandelt und in einen Rock gesteckt, während die Ellermutter die eigentliche Arbeit erledigt. Es hört die Antworten auf die drei Rätsel einfach zu.

Diese Passivität ist kein Fehler, sondern das Thema. Das Märchen erzählt nicht von einem Helden, der durch Stärke oder Klugheit siegt. Es erzählt von jemandem, dem das Schicksal wohlgesonnen ist. Die einzige aktive List des Glückskindes ist am Ende die Lüge über das Gold am Flussufer. Und selbst das funktioniert nicht durch Klugheit, sondern weil der König so gierig ist, dass er keinen Moment zweifelt.

Max Lüthi hat in seiner Märchentheorie das Prinzip der „Eindimensionalität" beschrieben: Märchenfiguren reagieren auf ihre Umwelt, ohne zu zögern, ohne Innenleben zu zeigen. Das Glückskind ist das Paradebeispiel. Es fürchtet sich nicht, zweifelt nicht, erklärt nichts. Es handelt, weil es handeln muss, und es hat Glück, weil es Glück hat.

Mose, Romulus, Sargon: das Motiv des ausgesetzten Kindes

Die Szene, in der das Baby in einer Schachtel ins Wasser geworfen wird und nicht untergeht, gehört zu einem der ältesten Motive der Weltliteratur. Es ist als „Foundling Hero Pattern" (Stith Thompson, Motif S141) bekannt und findet sich in einer bemerkenswerten Reihe von Kulturen.

Der babylonische König Sargon von Akkad (ca. 2300 v. Chr.) wurde nach eigener Überlieferung als Kind in einem Schilfkorb im Fluss ausgesetzt und von einer Wasserträgerin gerettet. Moses im Alten Testament wird von seiner Mutter in einem Korb im Nil ausgesetzt und von der Tochter des Pharaos gefunden. Romulus und Remus, die Gründer Roms, werden im Tiber ausgesetzt und von einer Wölfin gesäugt. In der nordischen Überlieferung findet sich das Motiv in der Geschichte des Sigurd.

Das gemeinsame Prinzip aller dieser Geschichten: Das ausgesetzte Kind überlebt nicht durch menschliche Hilfe, sondern durch eine höhere Ordnung. Das Wasser, das töten soll, rettet. Die Feindschaft der Mächtigen wird durch das Schicksal überwunden. Das Kind ist zum Großen bestimmt, und diese Bestimmung setzt sich durch, egal wie viele Hindernisse aufgebaut werden.

Der Teufel als domestizierte Figur

Der Teufel in diesem Märchen ist auffällig harmlos. Er kommt heim, riecht Menschenfleisch, schimpft, isst, lässt sich lausen und schläft ein. Er wird dreimal von Schmerz geweckt, schimpft dreimal und schläft dreimal wieder ein. Er ist gereizt und müde, aber nicht bedrohlich. Die eigentliche Macht in der Hölle hat die Ellermutter.

Das ist eine sehr alte Figurtradition: der gezähmte Teufel, der überlistet wird. In der mittelalterlichen Volkskultur war der Teufel häufig eine komische Figur, die von klugen Bauersfrauen oder einfachen Handwerkern überlistet wurde. Das Bedrohliche gehörte zur Kirche, das Komische zum Volk. Die Grimms haben diese volkstümliche Teufelsfigur in ihre Sammlung aufgenommen und dabei den Ernst des Theologischen vollständig ausgespart.

Vergleichbar ist das Motiv in Hans Christian Andersens „Des Teufels Großmutter" oder in zahlreichen Schwänken der deutschen und skandinavischen Volksüberlieferung, in denen der Teufel regelmäßig den Kürzeren zieht.

Prophezeiung und Schicksal: kann man dem Verhängnis entkommen?

Das Märchen stellt eine Frage, die in der Antike die Tragödie beschäftigt hat: Was passiert, wenn man versucht, einer Prophezeiung zu entkommen? Bei Sophokles endet Ödipus genau dort, wohin er flieht. Bei den Grimms endet der König genau in der Strafe, die seiner Haltung entspricht.

Der Unterschied zur antiken Tragödie: Das Verhängnis trifft hier nicht den Unschuldigen, sondern den Schuldigen. Der König selbst bringt sich in die Lage, die er fürchtete. Hätte er die Prophezeiung akzeptiert, wäre er wohlhabender Schwiegervater geworden. Stattdessen kämpft er dagegen an, verliert alles und fährt für immer auf einem Fluss.

Das letzte Wort des Märchens ist ungewöhnlich: ein direktes Gespräch zwischen Erzähler und Zuhörer. „Fährt er wohl noch?" „Was denn? es wird ihm niemand die Stange abgenommen haben." Das ist kein epischer Abschluss, sondern ein Augenzwinkern. Das Märchen entlässt den König nicht mit Würde, sondern mit einem schulterzuckenden Witz.

Für Seminar und Hausarbeit

Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947); Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature (1955-1958) unter S141 (Exposure in boat), H1273 (Quest to hell for three hairs from devil's beard), L101 (Unpromising hero); Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1975); zur Teufelstradition: Walter Haug, Literaturtheorie im deutschen Mittelalter (1985).

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Häufige Fragen zu „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" (KHM 29)

Ein als Glückskind geborener Junge soll laut Prophezeiung die Königstochter heiraten. Der König versucht ihn mehrfach zu töten, scheitert aber jedes Mal. Schließlich schickt er ihn in die Hölle, um drei goldene Haare vom Teufel zu holen. Mit Hilfe der Großmutter des Teufels gelingt das. Auf dem Rückweg löst das Glückskind nebenbei drei Rätsel und kehrt reich zurück. Der König tappt in eine selbst gebaute Falle und muss fortan als Fährmann arbeiten.
Die drei goldenen Haare sind die unmögliche Aufgabe des Königs. Jedes Haar wird dem schlafenden Teufel ausgerissen, jeder Ruck verursacht Schmerz und Frage, und jede Antwort enthüllt die Lösung eines der drei Rätsel: den versiegten Brunnen, den unfruchtbaren Baum und den unablösbaren Fährmann.
Die Ellermutter ist die Großmutter des Teufels. Sie ist keine böse Figur, sondern hilft dem Glückskind aus Mitleid. Sie versteckt es als Ameise in ihrem Rock, reißt dem schlafenden Teufel die Haare aus und enthüllt dabei die Lösungen aller drei Rätsel. Sie ist die eigentliche Heldin der zweiten Märchenhälfte.
Der König fragt gierig nach dem Gold des Glückskindes. Dieses schickt ihn zum Fährmann am Fluss. Der Fährmann drückt ihm die Ruderstange in die Hand und springt davon. Der König muss nun für immer fahren, zur Strafe für seine Sünden. Er wird nicht durch Rache gestürzt, sondern durch seine eigene Habgier.
Die Glückshaut (auch Glückshaube oder Geburtshaube) ist eine Membran, die manche Neugeborene über dem Gesicht tragen. In der Volksüberlieferung gilt sie als Zeichen besonderer Schicksalsgunst. Wer mit ihr geboren wird, steht unter dem Schutz einer höheren Ordnung und hat ein Leben lang Glück.
Das Märchen eignet sich gut ab Klasse 3-4. Es ist eines der längeren und reichhaltigsten Grimm-Märchen, mit Spannung, Humor und einer klaren Moral. Die Höllenszene ist nicht gruselig, sondern eher komisch. Die Szene des Todesbriefsist kurz und verständlich gehalten.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 29. München 1977, S. 191-197.