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Von dem Machandelboom

Von dem Machandelboom | Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 47)
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Das Wichtigste in Kürze

Was macht „Von dem Machandelboom" zum reichsten und dunkelsten Märchen der Grimm-Sammlung?

  • KHM Nr. 47, auf Plattdeutsch: Als einziges großes Märchen der Sammlung ist es vollständig auf Plattdeutsch überliefert, in der Form, die der Maler Philipp Otto Runge aufschrieb und an die Grimms schickte. Die Sprache ist Teil des Märchens, nicht nur seine Hülle.
  • Kannibalismus, Mord und Wiedergeburt: Das Märchen zeigt einen Sohn, der von der Stiefmutter geköpft, vom Vater gegessen und von der liebenden Stiefschwester als Vogel wiedergeboren wird. Es vereint die grausamsten und schönsten Bilder der gesamten Sammlung in einem einzigen Text.
  • Das singende Lied als Gericht: Der Vogel singt dasselbe Lied dreimal an drei verschiedenen Orten und sammelt dafür Kette, Schuhe und Mühlstein. Das Lied ist Anklage, Zeugnis und Todesurteil in einem. Goethe hat es in den Faust aufgenommen.
  • Marlenchens Tränen als strukturelle Achse: Die Tränen des Schwesterchenss beim Sammeln der Knochen parallelisieren die Blutstropfen der ersten Mutter unter dem Wacholderbaum. Das ist keine zufällige Ähnlichkeit, sondern die strukturelle Mitte des Märchens: Was mit Blut und Wunsch begann, wird mit Tränen und Sorgfalt vollendet.

Inhalt

  1. Originaltext (Plattdeutsch)
  2. Inhalt auf Hochdeutsch
  3. Das Lied des Vogels
  4. Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen
  5. Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung
  6. Für Schule und Unterricht
  7. FAQ

Originaltext

Das Märchen ist vollständig auf Plattdeutsch überliefert, in der Fassung von Philipp Otto Runge. Es ist das einzige große Märchen der Grimm-Sammlung in niederdeutscher Mundart. Das Lied des Vogels ist ab der fünften Auflage auf Hochdeutsch gedruckt, der Rest blieb plattdeutsch.

Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Johr, do wöör dar en ryk Mann, de hadd ene schöne frame Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, un de Fru bedd'd so veel dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen keen. Vör erem Huse wöör en Hof, dorup stünn en Machandelboom, ünner dem stünn de Fru eens im Winter un schelld sik enen Appel, un as se sik den Appel so schelld, so sneet se sik in'n Finger, un dat Blood feel in den Snee. »Ach,« säd de Fru, un süft'd so recht hoog up, un seg dat Blood vör sik an, un wöör so recht wehmödig, »hadd ik doch en Kind, so rood as Blood un so witt as Snee.«

Un as se dat säd, so wurr ehr so recht fröhlich to Mode: ehr wöör recht, as schull dat wat warden. Do güng se to dem Huse, un't güng een Maand hen, de Snee vorgüng: un twe Maand, do wöör dat gröön: und dre Maand, do kömen de Blömer uut der Eerd: un veer Maand, do drungen sik alle Bömer in dat Holt, un de grönen Twyge wören all in eenanner wussen: door süngen de Vögelkens, dat dat ganße Holt schalld, un de Blöiten felen von den Bömern: do wörr de fofte Maand wech, un se stünn ünner dem Machandelboom, de röök so schön, do sprüng ehr dat Hart vör Freuden, un se füll up ere Knee un kunn sik nich laten: un as de soste Maand vorby wöör, do wurren de Früchte dick un staark, do wurr se ganß still: un de söwde Maand, do greep se na den Machandelbeeren un eet se so nydsch, do wurr se trurig un krank: do güng de achte Maand hen, un se reep eren Mann un weend un säd »wenn ik staarw, so begraaf my ünner den Machandelboom.« Do wurr se ganß getrost, un freude sik, bet de neegte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee un so rood as Blood, un as se dat seeg, so freude se sik so, dat se stürw.

Do begroof ehr Mann se ünner den Machandelboom, un he füng an to wenen so sehr: ene Tyd lang, do wurr dat wat sachter, un do he noch wat weend hadd, do hüll he up, un noch en Tyd, do nöhm he sik wedder ene Fru.

Mit de tweden Fru kreeg he ene Dochter, dat Kind awerst von der eersten Fru wöör en lüttje Sähn, un wöör so rood as Blood un so witt as Snee. Wenn de Fru ere Dochter so anseeg, so hadd se se so leef, awerst denn seeg se den lüttjen Jung an, un dat güng ehr so dorch't Hart, un ehr düchd, as stünn he ehr allerwegen im Weg, un dachd denn man jümmer, wo se ehr Dochter all dat Vörmägent towenden wull, un de Böse gaf ehr dat in, dat se dem lüttjen Jung ganß gramm wurr un stödd em herüm von een Eck in de anner, un buffd em hier un knuffd em door, so dat dat aarme Kind jümmer in Angst wöör.

Eens wöör de Fru up de Kamer gaan, do köhm de lüttje Dochter ook herup un säd »Moder, gif my enen Appel.« »Ja, myn Kind,« säd de Fru un gaf ehr enen schönen Appel uut der Kist; de Kist awerst hadd einen grooten sworen Deckel mit en groot schaarp ysern Slott. »Moder,« säd de lüttje Dochter, »schall Broder nich ook enen hebben?« Dat vördrööt de Fru, doch säd se »ja, wenn he uut de School kummt.« Un as se uut dat Fenster wohr wurr, dat he köhm, so wöör dat recht, as wenn de Böse äwer ehr köhm, un se grappst to un nöhm erer Dochter den Appel wedder wech und säd »du schalst nich ehr enen hebben as Broder.« Do smeet se den Appel in de Kist un maakd de Kist to: do köhm de lüttje Jung in de Döhr, do gaf ehr de Böse in, dat se fründlich to em säd »myn Sähn, wullt du enen Appel hebben?« un seeg em so hastig an. »Moder,« säd de lüttje Jung, »wat sühst du gräsig uut! ja, gif my enen Appel.« Do wöör ehr, as schull se em toreden. »Kumm mit my,« säd se un maakd den Deckel up, »hahl dy enen Appel heruut.« Un as sik de lüttje Jung henin bückd, so reet ehr de Böse, bratsch! slöögt se den Deckel to, dat de Kopp afflöög un ünner de roden Appel füll.

Da äwerleep ehr dat in de Angst, un dachd »kunn ich dat von my bringen!« Da güng se bawen na ere Stuw na erem Draagkasten un hahl uut de bäwelste Schuuflad enen witten Dook, un sett't den Kopp wedder up den Hals un bünd den Halsdook so üm, dat'n niks sehn kunn, un sett't em vör de Döhr up enen Stohl un gaf em den Appel in de Hand.

Do köhm doorna Marleenken to erer Moder in de Kääk, de stünn by dem Führ un hadd enen Putt mit heet Water vör sik, den röhrd se jümmer üm. »Moder,« säd Marleenken, »Broder sitt vör de Döhr un süht ganz witt uut un hett enen Appel in de Hand, ik heb em beden, he schull my den Appel gewen, awerst he antwöörd my nich, do wurr my ganß grolich.« »Gah nochmaal hen,« säd de Moder, »un wenn he dy nich antworden will, so gif em eens an de Oren.« Da güng Marleenken hen und säd »Broder, gif my den Appel.« Awerst he sweeg still, do gaf se em eens up de Oren, do feel de Kopp herünn, doräwer vörschrock se sik un füng an to wenen un to roren, un löp to erer Moder un säd »ach, Moder, ik hebb mynen Broder den Kopp afslagen,« un weend un weend un wull sik nich tofreden gewen. »Marleenken,« säd de Moder, »wat hest du dahn! awerst swyg man still, dat et keen Mensch markt, dat is nu doch nich to ännern; wy willen em in Suhr kaken.« Da nöhm de Moder den lüttjen Jung un hackd em in Stücken, ded de in den Putt un kaakd em in Suhr. Marleenken awerst stünn daarby un weend un weend, un de Tranen füllen all in den Put, un se bruukden gorr keen Solt.

Da köhm de Vader to Huus und sett't sik to Disch un säd »wo is denn myn Sähn?« Da droog de Moder ene groote groote Schöttel up mit Swartsuhr, un Marleenken weend un kunn sich nich hollen. Do säd de Vader wedder »wo is denn myn Sähn?« »Ach,« säd de Moder, »he is äwer Land gaan, na Mütten erer Grootöhm: he wull door wat blywen.« »Wat dait he denn door? un heft my nich maal adjüüs sechd!« »O he wull geern hen un bed my, of he door wol sos Wäken blywen kunn; he is jo woll door uphawen.« »Ach,« säd de Mann, »my is so recht trurig, dat is doch nich recht, he hadd my doch adjüüs sagen schullt.« Mit des füng he an to äten und säd »Marleenken, wat weenst du? Broder wart wol wedder kamen.« »Ach, Fru,« säd he do, »wat smeckt my dat Äten schöön! Gif my mehr!« Un je mehr he eet, je mehr wull he hebben, un säd »geeft my mehr, gy schöhlt niks door af hebben, dat is, as wenn dat all myn wör.« Un he eet un eet, un de Knakens smeet he all ünner den Disch, bet he allens up hadd.

Marleenken awerst güng hen na ere Kommod und nöhm ut de ünnerste Schuuf eren besten syden Dook, un hahl all de Beenkens und Knakens ünner den Disch heruut un bünd se in den syden Dook und droog se vör de Döhr un weend ere blödigen Tranen. Door läd se se ünner den Machandelboom in dat gröne Gras, un as se se door henlechd hadd, so war ehr mit eenmal so recht licht, un weend nich mer. Do füng de Machandelboom an sik to bewegen, un de Twyge deden sik jümmer so recht von eenanner, un denn wedder tohoop, so recht as wenn sik eener so recht freut un mit de Händ so dait. Mit des so güng dar so'n Newel von dem Boom, un recht in dem Newel, dar brennd dat as Führ, un uut dem Führ, dar flöög so'n schönen Vagel heruut, de süng so herrlich und flöög hoog in de Luft, un as he wech wöör, do wöör de Machandelboom, as he vörhen west wör, un de Dook mit de Knakens wöör wech. Marleenken awerst wöör so recht licht un vörgnöögt, recht as wenn de Broder noch leewd.

De Vagel awerst flöög wech un sett't sik up enen Goldsmidt syn Huus un füng an to singen

„Mein Mutter, der mich schlacht,
mein Vater, der mich aß,
mein Schwester, der Marlenichen,
sucht alle meine Benichen,
bind't sie in ein seiden Tuch,
legts unter den Machandelbaum.
Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!"

De Goldsmidt hört den Vagel un gifft em de golln Kede. Do flöög de Vagel wech na enem Schooster un süng dat Leed nochmaal. De Schooster gifft em rode Schö. De Vagel flöög wech na ene Mähl, wo twintig Mählenburßen hackden. De Vagel süng dat Leed, un Vers för Vers höörden de Burßen up to hacken, bit de lezte ook still wöör. De Vogel kreeg den Mählensteen.

Un as he uutsungen hadd, do deed he de Flünk von eenanner, un hadd in de rechte Klau de Kede un in de linke de Schö un üm den Hals den Mählensteen, un floog wyt wech na synes Vaders Huse. In de Stuw seet de Vader, de Moder un Marleenken by Disch. De Vagel sett't sik up den Machandelboom un süng.

„Mein Mutter, der mich schlacht,
mein Vater, der mich aß,
mein Schwester, der Marlenichen,
sucht alle meine Benichen,
bind't sie in ein seiden Tuch,
legts unter den Machandelbaum.
Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!"

Dem Vader wurr wohl. De Moder wurr angst, de Täne klappern ehr, un dat is ehr as Führ in den Adern. De Vagel laat de golln Kede fallen, se feel dem Mann jüst um'n Hals. Marleenken güng henuut, de Vagel smeet ehr de rode Schö herünn, do wurr ehr so licht un fröhlich, se truck de Schö an un danßd herin. De Moder güng ook henuut: bratsch! smeet ehr de Vagel den Mählensteen up den Kopp, dat se ganß tomatscht wurr.

Do güng en Damp un Flamm un Führ up von der Städ, un as dat vorby wöör, do stünn de lüttje Broder door, un he nöhm synen Vader un Marleenken by der Hand, un wören all dre so recht vergnöögt un güngen in dat Huus by Disch, un eeten.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 47. München 1977, S. 260-273.

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Inhalt auf Hochdeutsch

Da das Märchen vollständig auf Plattdeutsch ist, folgt hier eine inhaltliche Nacherzählung auf Hochdeutsch.

Vor langer Zeit lebt ein reicher Mann mit einer frommen, guten Frau. Sie wünschen sich sehnlichst ein Kind. Eines Wintertags steht die Frau unter dem Wacholderbaum im Hof, schält einen Apfel, schneidet sich in den Finger. Das Blut fällt in den Schnee. Sie seufzt: „Hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee." Von diesem Moment an ist ihr froh zumute. Über neun Monate verfolgt der Erzähler sie, Monat für Monat, durch die erwachende Natur, die Blütezeit, die Ernte. Im siebenten Monat isst sie Wacholderbeeren und wird traurig. Im achten bittet sie den Mann, sie unter dem Baum zu begraben, wenn sie stirbt. Im neunten Monat bringt sie einen Jungen zur Welt, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee, und stirbt vor Freude. Der Mann begräbt sie unter dem Wacholderbaum.

Nach der Trauerzeit heiratet er erneut. Die zweite Frau bekommt eine Tochter, Marlenchen. Den Stiefsohn hasst sie, denn er steht ihrer Tochter im Weg beim Erbe. Eines Tages lockt sie den Jungen, einen Apfel aus einer Truhe zu holen. Als er sich bückt, lässt sie den schweren Deckel fallen. Der Junge ist geköpft. Sie setzt den Kopf wieder auf, bindet ein Tuch darum und stellt ihn auf einen Stuhl vor der Tür mit einem Apfel in der Hand.

Marlenchen, die nichts weiß, gibt dem Bruder einen Klaps, weil er nicht antwortet. Der Kopf fällt ab. Sie weint sich die Augen aus. Die Mutter erklärt ihr, es sei ihre Schuld, befiehlt ihr zu schweigen, und kocht den Jungen in Sauerbraten. Der Vater kommt heim, fragt nach dem Sohn, bekommt die Lüge, der Junge sei verreist. Er isst und isst, findet es köstlich, bis die Knochen auf dem Boden liegen.

Marlenchen sammelt heimlich alle Knochen unterm Tisch auf, wickelt sie in ihr schönstes Seidentuch und legt sie weinend unter den Wacholderbaum. Im selben Augenblick wird ihr leicht. Der Baum bewegt sich, Nebel steigt auf, im Nebel ein Feuer, aus dem Feuer fliegt ein schöner Vogel, singt herrlich und fliegt fort. Die Knochen im Tuch sind verschwunden.

Der Vogel fliegt zum Haus eines Goldschmieds und singt sein Lied. Der Goldschmied gibt ihm eine goldene Kette. Er fliegt zum Schuster und singt. Der Schuster gibt ihm rote Schuhe. Er fliegt zur Mühle, wo zwanzig Müllerknechte Steine behauen. Vers für Vers hören sie auf zu arbeiten, bis der letzte ruhig ist. Sie geben dem Vogel den Mühlstein.

Der Vogel fliegt zum Vaterhaus zurück, setzt sich auf den Wacholderbaum und singt. Dem Vater wird wohl ums Herz. Er geht hinaus, der Vogel wirft ihm die goldene Kette um den Hals. Marlenchen geht hinaus, der Vogel wirft ihr die roten Schuhe zu. Sie ist so froh, dass sie tanzend ins Haus läuft. Die Mutter geht hinaus: Der Vogel wirft ihr den Mühlstein auf den Kopf. Sie ist tot. Aus Dampf und Flamme ersteht der Junge. Die drei setzen sich zu Tisch und essen.

Das Lied des Vogels

Das Lied ist die dramatische Mitte des Märchens. Es ist im Originaltext auf Hochdeutsch (mit einer plattdeutschen Schlusszeile), als einziger Teil inmitten des plattdeutschen Fließtexts. Es wird dreimal gesungen, einmal beim Goldschmied, einmal beim Schuster, einmal beim Müllerknecht, und dann ein letztes Mal auf dem Wacholderbaum vor dem Vaterhaus.

„Mein Mutter, der mich schlacht,
mein Vater, der mich aß,
mein Schwester, der Marlenichen,
sucht alle meine Benichen,
bind't sie in ein seiden Tuch,
legts unter den Machandelbaum.
Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!"

Das Lied benennt vier Menschen: die Mörderin, den unwissenden Esser, die liebende Sammlerin und den Baum. Jeder bekommt einen Vers. Jeder Vers ist ein Teil der Anklage oder der Würdigung. Das letzte Wort gehört dem Vogel selbst: „Was für ein schöner Vogel bin ich!" Das ist kein Triumph, das ist Staunen über die eigene Existenz nach dem Tod.

Johann Wolfgang von Goethe hat das Lied in seinen Faust I aufgenommen: Gretchen singt es in abgewandelter Form, als sie im Kerker sitzt. Das zeigt, welche Wirkungsmacht diesem kurzen Text schon früh zugeschrieben wurde.

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Was bedeutet das Märchen? Inhalt, Botschaft und Kernthemen

„Von dem Machandelboom" ist das reichste und vielschichtigste Märchen der Grimm-Sammlung. Es enthält Motive aus der christlichen Symbolik, aus der germanischen Mythologie, aus dem antiken Totenglauben und aus der europäischen Volkserzählung. Es ist brutal und zärtlich gleichzeitig. Und es ist so vollständig wie kaum ein anderes Märchen: Es geht vom ersten Wunsch bis zur letzten Auferstehung, von Schnee und Blut bis zu Dampf und Flamme.

Die Spiegelstruktur: Blut und Tränen

Das Märchen beginnt mit einem Bild: Blut im Schnee unter dem Wacholderbaum. Es endet mit einem Bild: Feuer und Dampf über dem Wacholderbaum. Dazwischen liegt eine präzise Spiegelstruktur. Die fromme erste Mutter schneidet sich in den Finger, das Blut fällt in den Schnee, sie wünscht sich ein Kind. Marlenchen sammelt die Knochen des Bruders, weint dabei, und ihre Tränen fallen in das Seidentuch. Sie brauchen kein Salz für den Sauerbraten, heißt es, denn Marlenchens Tränen salzen ihn genug.

Blut und Tränen sind die zwei Flüssigkeiten, die das Märchen zusammenhalten. Beide fließen unter dem Wacholderbaum. Beide sind Ausdruck von Liebe: der Wunsch der Mutter, die Trauer des Schwesterchenss. Und beide werden vom Baum verwandelt: Der Wunsch wird Wirklichkeit, die Knochen werden Vogel.

Marlenchen: die eigentliche Heldin

Der Bruder ist das Zentrum des Märchens, aber Marlenchen ist seine Heldin. Sie trägt unbewusst zum Tod des Bruders bei (sie gibt ihm den Klaps), wird von der Mutter zur Mitschuldigen gemacht und schweigt in Angst. Dann handelt sie aus dem einzigen Motiv, das bleibt: Liebe. Sie sammelt jede Knochen auf. Sie wickelt sie in ihr bestes Seidentuch. Sie legt sie weinend unter den Wacholderbaum.

Das ist kein strategischer Plan, keine List. Es ist eine Geste der Sorgfalt und Würde gegenüber dem Toten. Und diese Geste löst die Wiedergeburt aus. Nicht Magie, nicht Wunsch, nicht Gebet. Sondern das vollständige Sammeln, das Zusammenfügen, das Ablegen an der richtigen Stelle.

Marlenchen parallelisiert damit die erste Mutter: Die Mutter hat durch Wunsch und Blut das Kind herbeigerufen. Marlenchen ruft es durch Trauer und Sorgfalt zurück. Beide handeln unter dem Wacholderbaum. Der Baum erinnert sich an beides.

Der Vater: unwissendes Opfer und unwissender Täter

Der Vater isst seinen Sohn, ohne es zu wissen. Das ist das schwerste Motiv des Märchens. Er fragt nach dem Kind, bekommt eine Lüge, isst und findet das Essen köstlich. Er wirft die Knochen unter den Tisch. Er fragt noch einmal nach dem Sohn. Die Stiefmutter lügt noch einmal.

Der Vater ist keine böse Figur. Er ist schwach und blind. Er trauert um seinen Sohn, glaubt die Lüge, isst unwissentlich das Fleisch. Das Märchen bestraft ihn nicht. Im Gegenteil: Der Vogel wirft ihm die goldene Kette um den Hals, ein Geschenk. Vielleicht weil er unwissend war. Vielleicht weil er dem Sohn treu geblieben ist in seiner Trauer. Das Märchen unterscheidet präzise zwischen Schuld und Unwissenheit.

Die Stiefmutter: Böses als Struktur, nicht als Charakterfehler

Die Stiefmutter tötet den Jungen nicht aus spontaner Grausamkeit. Sie tötet ihn, weil er ihrer Tochter im Weg steht bei der Erbschaft. Das ist eine rationale Überlegung. Das Märchen sagt, „der Böse" habe ihr eingegeben, den Jungen zu töten, also der Teufel. Das entlastet sie nicht, aber es erklärt den Mechanismus: Das Böse im Märchen ist keine Persönlichkeitsstörung, es ist eine externe Kraft, die Schwäche und Gier ausnutzt.

Der Mühlstein, mit dem sie getötet wird, ist das letzte Glied in der Kette der Gerechtigkeit: Das Werkzeug, das Steine mahlt und zermalmt, das schwerste aller Objekte, das der Vogel getragen hat, fällt auf sie. Es ist eine biblische Strafe: Mehrere Stellen im Neuen Testament erwähnen den Mühlstein als Zeichen der endgültigen Vernichtung.

Kausalkette: Wie funktioniert das Märchen?

  1. 1Erste Mutter wünscht Kind unter dem Wacholderbaum, stirbt bei der Geburt, wird dort begraben.
  2. 2Stiefmutter tötet den Jungen mit dem Kistendeckel, macht Marlenchen zur unwissenden Mitschuldigen.
  3. 3Vater isst unwissentlich seinen Sohn als Sauerbraten.
  4. 4Marlenchen sammelt die Knochen, legt sie unter den Wacholderbaum. Vogel ersteht aus Feuer und Nebel.
  5. 5Vogel sammelt durch dreifaches Singen Kette, Schuhe und Mühlstein.
  6. 6Vogel singt auf dem Wacholderbaum: Kette für den Vater, Schuhe für Marlenchen, Mühlstein für die Mutter.
  7. 7Stiefmutter tot. Aus Dampf und Flamme ersteht der Junge. Drei setzen sich zu Tisch und essen.

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Tiefenanalyse: Symbole, Figurenstruktur und kulturhistorische Einordnung

Der folgende Teil richtet sich an alle, die „Von dem Machandelboom" als literarischen und kulturhistorischen Text ernst nehmen: Studierende der Germanistik, literarisch interessierte Erwachsene und Lehrkräfte der Sekundarstufe.

Symboltabelle: die zentralen Objekte und ihre Bedeutung

Symbol / Objekt Bedeutung im Märchen
Der Wacholderbaum (Machandelboom) Achse des Märchens und des Lebens: Geburtsort, Grabstätte der Mutter, Auferstehungsort des Sohnes, Hinrichtungsort der Stiefmutter. Der Wacholder galt in germanischer und nordischer Überlieferung als heilige Schutzpflanze und als Verbindung zwischen den Welten.
Blut im Schnee Wunsch und Opfer. Das Blut bringt das Kind, aber kostet die Mutter das Leben. Parallele zu Schneewittchen (rood as Blood, witt as Snee). Blut ist im Märchen immer Zeuge und Ursprung.
Marlenchens Tränen Strukturelle Entsprechung der Blutstropfen. Beide fließen unter dem Baum, beide sind Ausdruck von Liebe, beide lösen eine Verwandlung aus. Die Tränen salzen den Sauerbraten: das Grausamste und das Zärtlichste fallen in einem Bild zusammen.
Das seidene Tuch Würde und Sorgfalt gegenüber dem Toten. Marlenchen gibt dem Bruder das Beste, was sie hat. Das vollständige Sammeln der Knochen und das Einwickeln ist die Bedingung der Wiedergeburt: Ganzheit muss erst wiederhergestellt werden.
Der singende Vogel Totenvogel und Richter. Er sammelt die Mittel seiner Gerechtigkeit durch Gesang: Die Schönheit seiner Stimme ist sein Kapital. Das Lied ist Anklage und Klage zugleich. Parallelen: Der singende Knochen (KHM 28), Fundevogel.
Goldkette, rote Schuhe, Mühlstein Drei Geschenke, drei Empfänger, drei Reaktionen. Kette für den Vater: Würde und Verbindung. Schuhe für Marlenchen: Freude und Tanz. Mühlstein für die Mutter: Tod. Das Gericht ist proportional zur Schuld.
Dampf, Flamme, Feuer Verwandlung in beide Richtungen: Aus Feuer kommt der Vogel, aus Feuer kehrt der Junge zurück. Feuer ist im Märchen das Element der Transformation, nicht der Vernichtung, außer für die Schuldige.

Der Wacholder: heilige Pflanze zwischen den Welten

Der Wacholder (plattdeutsch: Machandel, auch Queckholder) ist in der germanischen und nordischen Überlieferung eine der bedeutendsten Schutzpflanzen. Man räucherte mit Wacholderholz gegen böse Geister, pflanzte Wacholder an Hauseingänge und Gräber, und glaubte, er verbinde die Welt der Lebenden mit der der Toten. Der Name „Queckholder" enthält das althochdeutsche Wort für „lebendig" (quec, vgl. neuhochdeutsch quicklebendig): Der Baum ist der lebendige Halter, der, der Lebenskraft hält und gibt.

Im Märchen ist der Wacholderbaum buchstäblich der Mittelpunkt der gesamten Handlung. Unter ihm beginnt alles (der Wunsch der Mutter), und unter ihm endet alles (die Auferstehung des Sohnes). Er ist Grabstein, Lebensachse und Gerichtsstätte zugleich.

Das Knochensammeln: von Osiris bis Orpheus

Das Motiv des Sammelns von Knochen und des Wiederbelebens durch vollständiges Zusammenfügen ist in vielen Mythologien der Welt belegt. Die Grimms selbst verweisen in ihrer Anmerkung auf Osiris, den ägyptischen Totengott, dessen Körper von seiner Schwester Isis zusammengesucht wird, nachdem er von Seth zerstückelt wurde. Sie verweisen auf Thor, der seine aufgezehrten Böcke aus den Knochen wiederbelebt. Und auf die deutsche Sage vom ertrunkenen Kind.

Das Motiv hat einen gemeinsamen Kern: Leben setzt Ganzheit voraus. Wer die Knochen vollständig sammelt und ordentlich ablegt, gibt dem Toten seine Form zurück. Die Form ist die Voraussetzung der Seele. Das ist keine abstrakte Theologie, das ist archaischer Totenglaube, und er lebt im Märchen weiter.

Das Lied als Gericht: die Stufenstruktur des Singens

Das Lied wird dreimal gesungen, bevor es das vierte und letzte Mal auf dem Wacholderbaum erklingt. Jedes Mal erhält der Vogel ein Objekt dafür. Die drei Orte (Goldschmied, Schuster, Mühle) sind gesellschaftliche Stationen: Handwerk, Handwerk, schwere Arbeit. Das Lied wirkt auf alle. Bei der Mühle ist die Wirkung am stärksten beschrieben: Vers für Vers hören die zwanzig Knechte auf zu hämmern, einer nach dem anderen, bis vollständige Stille herrscht.

Das Lied macht die Wahrheit öffentlich. Jeder, der es hört, weiß danach, was passiert ist. Mord, Kannibalismus, die liebende Sammlung. Der Vogel hat keine Macht, außer seiner Stimme. Aber die Stimme ist genug. Sie holt sich die Mittel der Gerechtigkeit aus der Welt und trägt sie zurück.

Philipp Otto Runge und die literarische Herkunft

Das Märchen geht auf den Maler Philipp Otto Runge zurück, einen der bedeutendsten deutschen Romantiker. Er schrieb die plattdeutsche Fassung nieder und schickte sie an die Brüder Grimm. Erstmals veröffentlicht wurde sie 1808 in Achim von Arnims „Zeitung für Einsiedler". Runge notiert in seiner Begleitnotiz, er habe das Märchen „nach der Volkserzählung aufgeschrieben", also eine mündliche Überlieferung fixiert. Zusammen mit dem Fischer und seiner Frau ist es das einzige plattdeutsche Märchen in der Grimm-Sammlung.

Runge war kein folkloristischer Sammler, er war Künstler. Das erklärt die außerordentliche Qualität der Sprache, die rhythmischen neun Monate, das Lied, die Präzision der Bilder. „Von dem Machandelboom" ist nicht nur Volksmärchen, es ist auch Literatur.

Für Seminar und Hausarbeit

Einschlägige Literatur: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (1812 ff.); Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008), S. 112; Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature unter ATU 720 (My Mother Slew Me); W. Burkert, „Vom Nachtigallenmythos zum Machandelboom", in: Mythos in unseren Märchen (1984); zum Wacholderglauben: Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1835); zum Goethe-Bezug: J. W. von Goethe, Faust I, Kerkerszene.

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Für Schule und Unterricht · Klasse 6-13

  • Klasse 6-7: Das Lied des Vogels lesen und besprechen: Wer wird im Lied benannt? Was sagt das Lied über jeden von ihnen? Warum singt der Vogel überhaupt?
  • Klasse 8-9: Vergleich mit Schneewittchen: Beide Märchen beginnen mit Blut im Schnee und einer frommen Mutter. Was sind Gemeinsamkeiten, was Unterschiede in der Struktur?
  • Klasse 9-10: Die Rolle des Vaters: Er isst unwissentlich seinen Sohn. Wird er bestraft? Warum nicht? Diskussion über Schuld, Unwissen und Mitverantwortung.
  • Klasse 10-11: Das Märchen auf Plattdeutsch: Lektüre ausgewählter Abschnitte im Original. Warum ist die Sprache ein Teil der Bedeutung? Was geht in der Hochdeutsch-Übersetzung verloren?
  • Klasse 12-13: Das Lied des Vogels in Goethes Faust I (Kerkerszene): Gretchen singt es, als sie im Kerker sitzt. Welche Funktion hat es dort? Was verbindet Gretchen und Marlenchen?
  • Kreativaufgabe: Schreibe das Märchen aus der Perspektive des Wacholderbaums. Was hat er gesehen, was hat er gespürt, und was hat er getan?

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Häufige Fragen zu „Von dem Machandelboom" (KHM 47)

Machandelboom ist das plattdeutsche Wort für Wacholderbaum. Der Wacholder (auch Machandel, Queckholder) galt als heilige Schutzpflanze, die böse Geister vertrieb und Verbindung zwischen Lebenden und Toten stiftete. Im Märchen ist er Geburts- und Grabstätte der Mutter, Auferstehungsort des Sohnes und Hinrichtungsort der Stiefmutter.
Das Märchen geht auf den Maler Philipp Otto Runge zurück, der es in plattdeutscher Mundartfassung aufschrieb und an die Grimms schickte. Erstmals erschien es 1808 in Achim von Arnims Zeitung für Einsiedler. Die Grimms haben es in dieser Form beibehalten, weil die Sprache ein wesentlicher Teil der Überlieferung war. Nur das Lied des Vogels wurde ab der fünften Auflage auf Hochdeutsch gedruckt.
Das Lied benennt in vier Versen alle vier Hauptfiguren: die mordende Mutter, den unwissend essenden Vater, die liebende Marlenchen und den Wacholderbaum. Es ist Anklage, Zeugnis und Würdigung in einem. Johann Wolfgang von Goethe hat es in den Faust I aufgenommen: Gretchen singt es im Kerker. Das zeigt, welche Wirkungsmacht dem Lied früh zugeschrieben wurde.
Der Vater isst unwissentlich seinen Sohn. Er fragt zweimal nach ihm, bekommt Lügen, und isst in Unwissenheit. Das Märchen unterscheidet präzise zwischen Schuld und Unwissen: Der Vater bekommt die Goldkette, ein Geschenk. Die Stiefmutter, die wissentlich gemordet und gelogen hat, bekommt den Mühlstein. Die Gerechtigkeit des Märchens ist proportional.
Das Motiv des Knochensammelns und Wiederbelebens durch vollständiges Zusammenfügen ist uralt: Die Grimms verweisen selbst auf Osiris und Thor. Der gemeinsame Kern: Leben setzt Ganzheit voraus. Wer die Knochen vollständig sammelt und würdevoll ablegt, gibt dem Toten seine Form zurück. Die Form ist die Bedingung der Seele. Das ist archaischer Totenglaube, der im Märchen weiterlebt.
Barbara Comyns hat das Märchen 1985 in „The Juniper Tree" realistisch ins modernen England übertragen. Regina Scheer hat es 2014 in ihrem Roman „Machandel" verarbeitet. Philip Glass und Robert Moran schufen 1985 eine Oper. Franz Fühmann schrieb 1988 ein Hörspiel. Das Märchen gehört zu den am meisten rezipierten Texten der Grimm-Sammlung in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 47. München 1977, S. 260-273.