Skip to content
Alle Märchen

Das Bürle

Das Bürle, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 61)
31:56

Das Wichtigste in Kürze

Das Bürle (KHM 61): Wie ein armer Bauer die Reichen mit reiner Redegewandtheit überlistet

  • Kein Zaubermärchen, sondern Schwank: Ohne jede Magie gewinnt das Bürle durch List, Frechheit und Wortwitz gegen Hirte, Müller und Schultheiß, klassisch für die Gattung des Volksschwanks.
  • ATU 1535, Der reiche und der arme Bauer: Das Märchen gehört zu einem der international am weitesten verbreiteten Schwanktypen, mit Wurzeln im mittelalterlichen Gedicht vom Unibos.
  • Von Dorothea Viehmann erzählt: Die Hauptfassung stammt aus Zwehrn und wurde den Grimms von ihrer wichtigsten Gewährsfrau vermittelt.
  • Vorbild für Andersen: Hans Christian Andersen griff die Erzählung für Der kleine Klaus und der große Klaus auf und machte sie europaweit bekannt.
  • Klassenkonflikt als Pointe: Die Erzählung endet damit, dass die habgierigen reichen Bauern kollektiv ertrinken, eine der drastischsten sozialkritischen Schlusspointen im gesamten KHM-Korpus.

Inhalt

  1. Originaltext: Das Bürle
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehungsgeschichte und Überlieferung
  4. ATU-Typologie und Motivgeschichte
  5. Strukturanalyse und Symbolik
  6. Figurenanalyse
  7. Tiefenpsychologische Lesart: Der Trickster
  8. Sozialkritische Lesart
  9. Internationale Parallelen
  10. Rezeptionsgeschichte
  11. Sprachliche Besonderheiten
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Originaltext: Das Bürle

Es war ein Dorf, darin saßen lauter reiche Bauern und nur ein armer, den nannten sie das Bürle (Bäuerlein). Er hatte nicht einmal eine Kuh und noch weniger Geld, eine zu kaufen, und er und seine Frau hätten so gern eine gehabt. Einmal sprach er zu ihr: „Hör, ich habe einen guten Gedanken, da ist unser Gevatter Schreiner, der soll uns ein Kalb aus Holz machen und braun anstreichen, daß es wie ein anderes aussieht, mit der Zeit wirds wohl groß und gibt eine Kuh.“ Der Frau gefiel das auch, und der Gevatter Schreiner zimmerte und hobelte das Kalb zurecht, strich es an, wie sichs gehörte, und machte es so, daß es den Kopf herabsenkte, als fräße es.

Wie die Kühe des andern Morgens ausgetrieben wurden, rief das Bürle den Hirt herein und sprach: „Seht, da hab ich ein Kälbchen, aber es ist noch klein und muß noch getragen werden.“ Der Hirt sagte: „Schon gut,“ nahms in seinen Arm, trugs hinaus auf die Weide und stellte es ins Gras. Das Kälblein blieb da immer stehen wie eins, das frißt, und der Hirt sprach: „Das wird bald selber laufen, guck einer, was es schon frißt!“ Abends, als er die Herde wieder heimtreiben wollte, sprach er zu dem Kalb: „Kannst du da stehen und dich satt fressen, so kannst du auch auf deinen vier Beinen gehen, ich mag dich nicht wieder auf dem Arm heimschleppen.“ Das Bürle stand aber vor der Haustüre und wartete auf sein Kälbchen: als nun der Kuhhirt durchs Dorf trieb und das Kälbchen fehlte, fragte er danach. Der Hirt antwortete: „Das steht noch immer draußen und frißt, es wollte nicht aufhören und nicht mitgehen.“ Bürle aber sprach: „Ei was, ich muß mein Vieh wiederhaben.“ Da gingen sie zusammen nach der Wiese zurück, aber einer hatte das Kalb gestohlen, und es war fort. Sprach der Hirt: „Es wird sich wohl verlaufen haben.“ Das Bürle aber sagte: „Mir nicht so!“ und führte den Hirten vor den Schultheiß, der verdammte ihn für seine Nachlässigkeit, daß er dem Bürle für das entkommene Kalb mußte eine Kuh geben.

Nun hatte das Bürle und seine Frau die lang gewünschte Kuh; sie freuten sich von Herzen, hatten aber kein Futter und konnten ihr nichts zu fressen geben, also mußte sie bald geschlachtet werden. Das Fleisch salzten sie ein, und das Bürle ging in die Stadt und wollte das Fell dort verkaufen, um für den Erlös ein neues Kälbchen zu bestellen. Unterwegs kam er an eine Mühle, da saß ein Rabe mit gebrochenen Flügeln, den nahm er aus Erbarmen auf und wickelte ihn in das Fell. Weil aber das Wetter so schlecht ward, und Wind und Regen stürmte, konnte er nicht weiter, kehrte in die Mühle ein und bat um Herberge. Die Müllerin war allein zu Haus und sprach zu dem Bürle: „Da leg dich auf die Streu,“ und gab ihm ein Käsebrot. Das Bürle aß und legte sich nieder, sein Fell neben sich, und die Frau dachte: „Der ist müde und schläft.“ Indem kam der Pfaff, die Frau Müllerin empfing ihn wohl und sprach: „Mein Mann ist aus, da wollen wir uns traktieren.“ Bürle horchte auf, und wies von traktieren hörte, ärgerte es sich, daß es mit Käsebrot hätte vorlieb nehmen müssen. Da trug die Frau herbei und trug viererlei auf, Braten, Salat, Kuchen und Wein.

Wie sie sich nun setzten und essen wollten, klopfte es draußen. Sprach die Frau: „Ach Gott, das ist mein Mann!“ Geschwind versteckte sie den Braten in die Ofenkachel, den Wein unters Kopfkissen, den Salat aufs Bett, den Kuchen unters Bett und den Pfaff in den Schrank auf dem Hausehrn. Danach machte sie dem Mann auf und sprach: „Gottlob, daß du wieder hier bist! Das ist ein Wetter, als wenn die Welt untergehen sollte!“ Der Müller sahs Bürle auf dem Streu liegen und fragte: „Was will der Kerl da?“ „Ach,“ sagte die Frau, „der arme Schelm kam in dem Sturm und Regen und bat um ein Obdach, da hab ich ihm ein Käsebrot gegeben und ihm die Streu angewiesen.“ Sprach der Mann: „Ich habe nichts dagegen, aber schaff mir bald etwas zu essen.“ Die Frau sagte: „Ich habe aber nichts als Käsebrot.“ „Ich bin mit allem zufrieden,“ antwortete der Mann, „meinetwegen mit Käsebrot,“ sah das Bürle an und rief: „Komm und iß noch einmal mit.“ Bürle ließ sich das nicht zweimal sagen, stand auf und aß mit. Danach sah der Müller das Fell auf der Erde liegen, in dem der Rabe steckte, und fragte: „Was hast du da?“ Antwortete das Bürle: „Da hab ich einen Wahrsager drin.“ „Kann der mir auch wahrsagen?“ sprach der Müller.

„Warum nicht?“ antwortete das Bürle, „er sagt aber nur vier Dinge, und das fünfte behält er bei sich.“ Der Müller war neugierig und sprach: „Laß ihn einmal wahrsagen.“ Da drückte Bürle dem Raben auf den Kopf, daß er quakte und „krr krr“ machte. Sprach der Müller: „Was hat er gesagt?“ Bürle antwortete: „Erstens hat er gesagt, es steckte Wein unterm Kopfkissen.“ „Das wäre des Kuckucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Wein. „Nun weiter,“ sprach der Müller. Das Bürle ließ den Raben wieder quaksen und sprach: „Zweitens, hat er gesagt, wäre Braten in der Ofenkachel.“ „Das wäre des Kuckucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Braten. Bürle ließ den Raben noch mehr weissagen und sprach: „Drittens, hat er gesagt, wäre Salat auf dem Bett.“ „Das wäre des Kuckucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Salat. Endlich drückte das Bürle den Raben noch einmal, daß er knurrte, und sprach: „Viertens, hat er gesagt, wäre Kuchen unterm Bett.“ „Das wäre des Kuckucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Kuchen.

Nun setzten sich die zwei zusammen an den Tisch, die Müllerin aber kriegte Todesängste, legte sich ins Bett und nahm alle Schlüssel zu sich. Der Müller hätte auch gern das fünfte gewußt, aber Bürle sprach: „Erst wollen wir die vier andern Dinge ruhig essen, denn das fünfte ist etwas Schlimmes.“ So aßen sie, und danach ward gehandelt, wieviel der Müller für die fünfte Wahrsagung geben sollte, bis sie um dreihundert Taler einig wurden. Da drückte das Bürle dem Raben noch einmal an den Kopf, daß er laut quakte. Fragte der Müller: „Was hat er gesagt?“ Antwortete das Bürle: „Er hat gesagt, draußen im Schrank auf dem Hausehrn, da steckte der Teufel.“ Sprach der Müller: „Der Teufel muß hinaus,“ und sperrte die Haustür auf, die Frau aber mußte den Schlüssel hergeben, und Bürle schloß den Schrank auf. Da lief der Pfaff, was er konnte, hinaus, und der Müller sprach: „Ich habe den schwarzen Kerl mit meinen Augen gesehen, es war richtig.“ Bürle aber machte sich am andern Morgen in der Dämmerung mit den dreihundert Talern aus dem Staub.

Daheim tat sich das Bürle allgemach auf, baute ein hübsches Haus, und die Bauern sprachen: „Das Bürle ist gewiß gewesen, wo der goldene Schnee fällt und man das Geld mit Scheffeln heim trägt.“ Da ward Bürle vor den Schultheiß gefordert, es sollte sagen, woher sein Reichtum käme. Antwortete es: „Ich habe mein Kuhfell in der Stadt für dreihundert Taler verkauft.“ Als die Bauern das hörten, wollten sie auch den großen Vorteil genießen, liefen heim, schlugen all ihre Kühe tot und zogen die Felle ab, um sie in der Stadt mit dem großen Gewinn zu verkaufen. Der Schultheiß sprach: „Meine Magd muß aber vorangehen.“ Als diese zum Kaufmann in die Stadt kam, gab er ihr nicht mehr als drei Taler für ein Fell, und als die übrigen kamen, gab er ihnen nicht einmal soviel und sprach: „Was soll ich mit all den Häuten anfangen?“

Nun ärgerten sich die Bauern, daß sie vom Bürle hinters Licht geführt waren, wollten Rache an ihm nehmen und verklagten es wegen des Betrugs bei dem Schultheiß. Das unschuldige Bürle ward einstimmig zum Tod verurteilt und sollte in einem durchlöcherten Faß ins Wasser gerollt werden. Bürle ward hinausgeführt und ein Geistlicher gebracht, der ihm eine Seelenmesse lesen sollte. Die andern mußten sich alle entfernen, und wie das Bürle den Geistlichen anblickte, so erkannte es den Pfaffen, der bei der Frau Müllerin gewesen war. Sprach es zu ihm: „Ich hab Euch aus dem Schrank befreit, befreit mich aus dem Faß.“ Nun trieb gerade der Schäfer mit einer Herde Schafe daher, von dem das Bürle wußte, daß er längst gerne Schultheiß geworden wäre, da schrie es aus allen Kräften: „Nein, ich tus nicht! Und wenns die ganze Welt haben wollte, nein, ich tus nicht!“ Der Schäfer, der das hörte, kam herbei und fragte: „Was hast du vor? Was willst du nicht tun?“ Bürle sprach: „Da wollen sie mich zum Schultheiß machen, wenn ich mich in das Faß setze, aber ich tus nicht.“ Der Schäfer sagte: „Wenns weiter nichts ist, um Schultheiß zu werden, wollte ich mich gleich in das Faß setzen.“ Bürle sprach: „Willst du dich hineinsetzen, so wirst du auch Schultheiß.“ Der Schäfer wars zufrieden, setzte sich hinein, und das Bürle schlug den Deckel drauf, dann nahm es die Herde des Schäfers für sich und trieb sie fort. Der Pfaff aber ging zur Gemeinde und sagte, die Seelenmesse wäre gelesen. Da kamen sie und rollten das Faß nach dem Wasser hin. Als das Faß zu rollen anfing, rief der Schäfer: „Ich will ja gerne Schultheiß werden.“ Sie glaubten nicht anders, als das Bürle schrie so, und sprachen: „Das meinen wir auch, aber erst sollst du dich da unten umsehen,“ und rollten das Faß ins Wasser hinein.

Darauf gingen die Bauern heim, und wie sie ins Dorf kamen, so kam auch das Bürle daher, trieb eine Herde Schafe ruhig ein und war ganz zufrieden. Da erstaunten die Bauern und sprachen: „Bürle, wo kommst du her? Kommst du aus dem Wasser?“ „Freilich,“ antwortete das Bürle, „ich bin versunken tief, tief, bis ich endlich auf den Grund kam: ich stieß dem Faß den Boden aus und kroch hervor, da waren schöne Wiesen, auf denen viele Lämmer weideten, davon bracht ich mir die Herde mit.“ Sprachen die Bauern: „Sind noch mehr da?“ „O ja,“ sagte das Bürle, „mehr, als ihr brauchen könnt.“ Da verabredeten sich die Bauern, daß sie sich auch Schafe holen wollten, jeder eine Herde, der Schultheiß aber sagte: „Ich komme zuerst.“ Nun gingen sie zusammen zum Wasser, da standen gerade am blauen Himmel kleine Flockwolken, die man Lämmerchen nennt, die spiegelten sich im Wasser ab, da riefen die Bauern: „Wir sehen schon die Schafe unten auf dem Grund.“ Der Schulz drängte sich hervor und sagte: „Nun will ich zuerst hinunter und mich umsehen, wenns gut ist, will ich euch rufen.“ Da sprang er hinein, „plump“ klang es im Wasser. Sie meinten nicht anders, als er riefe ihnen zu: „Kommt!“ und der ganze Haufe stürzte in einer Hast hinter ihm drein. Da war das Dorf ausgestorben, und Bürle als der einzige Erbe ward ein reicher Mann.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 61. München 1977, S. 358–362.

✦ ✦ ✦

Inhaltsangabe

Ein armer Bauer, von den reichen Dorfbewohnern spöttisch das Bürle genannt, besitzt nicht einmal eine Kuh. Mit einem hölzernen, braun angestrichenen Scheinkalb erschleicht er sich beim Hirten den Verdacht der Fahrlässigkeit und erstreitet vor dem Schultheiß eine echte Kuh als Schadensersatz für das angeblich verlorene Tier. Da Futter fehlt, muß die Kuh geschlachtet werden, und das Bürle zieht mit dem Fell in die Stadt, um es zu verkaufen. Unterwegs nimmt es einen verletzten Raben auf und gerät bei einem Gewitter in eine Mühle, wo es unbemerkt beobachtet, wie die Müllerin ihren Liebhaber, einen Pfarrer, mit einem üppigen Mahl bewirtet und beim Klopfen des heimkehrenden Müllers Essen, Wein und Geistlichen hastig versteckt.

Das Bürle gibt den Raben als Wahrsager aus und deckt dem ahnungslosen Müller nacheinander die vier versteckten Genüsse auf, wofür es sich zusehends besser bewirten läßt. Für die fünfte, angeblich bedrohliche Weissagung handelt es dreihundert Taler aus und enttarnt scheinbar den Teufel im Wandschrank, tatsächlich den fliehenden Pfarrer. Mit dem Geld baut das Bürle zu Hause ein neues Haus. Als die neidischen Bauern seine Erklärung, es habe ein Kuhfell für dreihundert Taler verkauft, wörtlich nehmen, schlachten sie reihenweise ihr Vieh und werden von den Stadthändlern für ihre Felle nur mit einem Bruchteil abgespeist.

Um Rache betrogen, klagen die Bauern das Bürle wegen Betrugs an, und der Schultheiß verurteilt es zum Tod im durchlöcherten Faß. Im letzten Moment erkennt das Bürle im vermeintlichen Beichtvater denselben Pfarrer aus der Mühle und erpresst dessen Hilfe. Ein vorbeiziehender, amtsgieriger Schäfer läßt sich überreden, an Bürles Stelle ins Faß zu steigen, und ertrinkt anstelle des Bürle. Mit der erbeuteten Schafherde kehrt das Bürle unbeschadet ins Dorf zurück und behauptet, unter Wasser liege eine unerschöpfliche Weide voller Lämmer. Die gierigen Bauern, angeführt vom Schultheiß, springen daraufhin selbst ins Wasser und ertrinken vollständig, während das Bürle als einziger Erbe des Dorfes zurückbleibt.

✦ ✦ ✦

Entstehungsgeschichte und Überlieferung

Das Bürle steht erst seit der zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1819 an der Stelle KHM 61. In der Erstauflage von 1812 stand hier noch eine andere, kürzere Erzählung, Von dem Schneider, der bald reich wurde, die als KHM 61a im Anhang der historisch-kritischen Ausgabe erhalten ist. Grimms eigene Anmerkung nennt als Hauptquelle eine Fassung aus Zwehrn bei Kassel, vermittelt durch Dorothea Viehmann, die den Grimms auch zahlreiche andere Schwänke und Zaubermärchen erzählte. Ergänzend verweisen die Brüder auf eine zweite, unvollständigere Version aus Hessen, die in die endgültige Textgestalt einfloss.

Wusstest du?

Dorothea Viehmann, geborene Pierson, entstammte einer hugenottischen Gastwirtsfamilie in der Nähe von Kassel. Sie gilt als eine der wichtigsten Gewährspersonen der Grimms überhaupt und lieferte auffällig viele Schwänke mit pointierter, dialogreicher Erzählweise, ein Stilmerkmal, das sich auch im Bürle deutlich zeigt.

Wilhelm Grimm überarbeitete den Text zwischen den Auflagen mehrfach sprachlich, ohne die Handlungsstruktur zu verändern. Auffällig ist die Zusammenfügung mehrerer, ursprünglich eigenständiger Schwankmotive zu einer fortlaufenden Erzählung: das Motiv vom untergeschobenen Kalb, die Episode vom Wahrsager-Raben und schließlich die Episode vom Faß im Wasser. Diese Kombinatorik ist typisch für die Redaktionsarbeit der Grimms, die verwandte mündliche Einzelschwänke zu einer geschlossenen Heldenbiographie verketteten.

✦ ✦ ✦

ATU-Typologie und Motivgeschichte

Das Bürle wird in Hans-Jörg Uthers Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen und in der internationalen Klassifikation vor allem dem Typ ATU 1535, Der reiche und der arme Bauer (englisch The Rich and the Poor Peasant), zugeordnet. Daneben verbindet die Erzählung Elemente der Typen ATU 1358C und ATU 1358A, beide um das Motiv des ertappten heimlichen Liebhabers, sowie ATU 1297*, das die Erpressungslist mit dem angeblichen Wahrsager betrifft. Diese Kombination mehrerer Schwanktypen in einem Erzählfaden ist charakteristisch für die europäische Trickstertradition des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit.

Der Kern der Handlung, ein armer Mann bringt reiche Nachbarn durch eine Kette immer gewagterer Listen um Hab und Leben, reicht in seiner ältesten belegten Form bis zum lateinischen Versgedicht Unibos (Der Bauer Einrind) aus dem 11. oder 12. Jahrhundert zurück, das im französischsprachigen Raum entstand und den Grundstock der gesamten europäischen Erzähltradition bildet. Innerhalb der Grimm-Sammlung selbst finden sich verwandte Motive in KHM 61a (Von dem Schneider, der bald reich wurde), KHM 70 (Die drei Glückskinder) und KHM 146 (Die Rübe), während die Episode mit dem Pfarrer im Schrank Parallelen zu KHM 95 (Der alte Hildebrand) aufweist und die generelle Trickster-Konstellation an KHM 192 (Der Meisterdieb) erinnert.

✦ ✦ ✦

Strukturanalyse und Symbolik

Die Handlung ist als dreiteilige Eskalationskette gebaut, in der jede List auf einer höheren materiellen und sozialen Stufe ansetzt als die vorherige. Aus dem Scheinkalb wird eine echte Kuh, aus dem Kuhfell werden dreihundert Taler, aus dem Todesurteil wird eine Schafherde, und aus der Schafherde am Ende das gesamte verlassene Dorf samt seinem Besitz. Diese Struktur folgt keiner klassischen Dreizahl-Heldenreise mit Prüfung und Belohnung, sondern dem Schwankprinzip der sich selbst überbietenden Pointe: Jede Episode endet mit einem materiellen Gewinn, der die nächste, riskantere List erst ermöglicht.

Symbol Funktion in der Handlung Deutung
Das hölzerne Kalb Auslöser der ersten List, verschafft die Startkuh Startkapital aus reiner Erfindungsgabe, ohne jeden materiellen Wert außer dem Anschein
Der Rabe Wird als Wahrsager ausgegeben, deckt versteckte Wahrheit auf Sprache als Waffe: Ein bedeutungsloses Krächzen wird durch Interpretation zur Autorität
Der Pfarrer im Schrank Als Teufel enttarnt, entkommt unerkannt Institutionenkritik: Die geistliche Autorität steht selbst außerhalb der Moral, die sie predigt
Das durchlöcherte Faß Todesurteil, wird zur Falle für den Schäfer Umkehrung von Strafe in Chance, Grundmuster des Trickster-Erzählens
Das Wasser und die Lämmerwolken Vermeintlicher Ort des Reichtums, tatsächlicher Ort des kollektiven Untergangs Habgier als Selbstzerstörung, das Spiegelbild am Himmel wird zur tödlichen Illusion

Bemerkenswert ist die Schlusspointe: Anders als in klassischen Zaubermärchen, in denen am Ende ein Ausgleich zwischen den Figuren steht, endet Das Bürle mit der physischen Vernichtung einer ganzen Dorfgemeinschaft. Diese radikale Konsequenz unterscheidet den Schwank von milderen Varianten desselben Erzähltyps, in denen die Reichen lediglich blamiert, aber nicht getötet werden.

✦ ✦ ✦

Figurenanalyse

Das Bürle ist der einzige durchgehend individualisierte Charakter der Erzählung und bleibt namenlos, was seinen Status als Typusfigur unterstreicht. Es handelt weder aus Bosheit noch aus einem übergeordneten moralischen Antrieb, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit, die sich im Verlauf der Handlung in reine Cleverness und Chuzpe steigert. Seine List wird nie als Sünde markiert, im Gegenteil, das Erzählerurteil steht durchweg auf seiner Seite, selbst wenn er den Schäfer wissentlich in den Tod schickt.

Die reichen Bauern und der Schultheiß fungieren als Kollektivfigur der Gier und Nachahmungssucht. Ihr Fehler liegt nicht in Bosheit, sondern in unreflektierter Habsucht: Sie hören von einem Vorteil und wollen ihn, ohne die zugrundeliegende List zu hinterfragen. Der Schultheiß als Amtsperson versagt doppelt, zunächst als ungerechter Richter im Kuh-Streit, dann als erster Opfer seiner eigenen Gier am Wasser.

Müller, Müllerin und Pfarrer bilden ein satirisches Dreieck bürgerlicher Doppelmoral: Der Ehebruch der Müllerin und die Heuchelei des Geistlichen werden vom Bürle nicht bestraft, sondern nur ausgenutzt, wodurch die Erzählung implizit die moralische Verfehlung der beiden thematisiert, ohne ein Urteil zu fällen.

Der Schäfer erscheint nur kurz, ist aber strukturell entscheidend: Seine unbedachte Amtsgier, Schultheiß werden zu wollen, macht ihn zum austauschbaren Opfer und spiegelt im Kleinen bereits das Schicksal der gesamten Dorfgemeinschaft am Ende der Erzählung vorweg.

✦ ✦ ✦

Tiefenpsychologische Lesart: Der Trickster

Da Das Bürle kein Zaubermärchen, sondern ein Schwank ohne übernatürliche Elemente ist, tragen klassische Motive der Jungschen Märchendeutung wie Individuationsweg oder Schattenintegration hier nur begrenzt. Ergiebiger ist der Zugang über die Archetypenfigur des Tricksters, wie sie C.G. Jung in seiner Einleitung zu Paul Radins Studie über den Schelm im Mythos der nordamerikanischen Winnebago beschrieben hat. Der Trickster steht dort außerhalb geltender Moral, unterläuft Autoritäten durch List statt durch Kraft und bleibt dabei moralisch ambivalent, weder Held noch Schurke im klassischen Sinn.

Das Bürle verkörpert diese Ambivalenz exemplarisch: Es lügt, erpresst und schickt einen Menschen in den sicheren Tod, wird aber vom Erzähler nie verurteilt. Psychologisch gelesen inszeniert der Schwank eine Wunschphantasie der Ohnmächtigen: Wer strukturell unterlegen ist, darf sich in der Fiktion moralische Regeln vorübergehend außer Kraft setzen, um über die Mächtigeren zu triumphieren. Diese Funktion erklärt auch, warum Schwänke wie Das Bürle traditionell besonders beim einfachen, oft selbst mittellosen Erzählpublikum beliebt waren.

Der Trickster gehört zu den ältesten Ausdrucksformen des menschlichen Bewusstseins überhaupt: eine Figur, die gerade dadurch befreiend wirkt, dass sie keiner der etablierten Ordnungen verpflichtet ist.

✦ ✦ ✦

Sozialkritische Lesart

Jack Zipes hat in seinen Studien zur Subversion im Volksmärchen wiederholt betont, dass Schwänke wie Das Bürle Fenster in reale Klassenkonflikte der vorindustriellen Agrargesellschaft öffnen. Die Ausgangssituation, ein einzelner Mittelloser inmitten einer Gemeinschaft wohlhabender Bauern, spiegelt reale Besitzverhältnisse dörflicher Sozialstrukturen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in denen Landbesitz über Status und Überleben entschied.

Die Erzählung nimmt dabei keine reformerische, sondern eine kompensatorische Haltung ein: Statt eine gerechtere Verteilung zu fordern, phantasiert der Schwank die vollständige Auslöschung der reichen Klasse durch deren eigene Gier. Auch die Institution der Rechtsprechung wird zweimal negativ gezeichnet, zunächst durch den fehlurteilenden Schultheiß im Kuh-Streit, dann durch das ungerechte Todesurteil gegen das unschuldige Bürle. Lutz Röhrich hat in seinen Arbeiten zur Erzählforschung darauf hingewiesen, dass gerade die Verquickung von Amtsperson und Opfer sozialer Ungleichheit, hier: derselbe Schultheiß richtet zunächst falsch und ertrinkt am Ende selbst, ein wiederkehrendes Strukturmerkmal des europäischen Schwanks ist.

Auch die Randfigur des Pfarrers trägt sozialkritisches Gewicht: Die satirische Behandlung geistlicher Doppelmoral gehört zur langen Tradition antiklerikaler Schwankliteratur seit dem Spätmittelalter und zeigt, dass die vermeintlich naive Bauernerzählung durchaus scharfe gesellschaftliche Beobachtungsgabe besaß.

✦ ✦ ✦

Internationale Parallelen

Das Bürle gehört zu einer der am weitesten verzweigten Erzähltraditionen Europas. Die älteste bekannte literarische Fassung ist das mittelalterliche lateinische Versgedicht Unibos, Der Bauer Einrind, das die Grundkonstellation eines armen Bauern mit nur einem Ochsen bereits vollständig vorwegnimmt. Giambattista Basile griff verwandte Motive im 17. Jahrhundert in seinem Pentamerone (II,10, Der Gevatter) auf. Die international bekannteste Bearbeitung stammt jedoch von Hans Christian Andersen, dessen Der kleine Klaus und der große Klaus (1835) unmittelbar auf Das Bürle als Vorlage zurückgeht und die Erzählung einem breiten europäischen Publikum außerhalb des deutschen Sprachraums bekannt machte.

Fassung Herkunft Besonderheit
Unibos Lateinisches Versgedicht, 11./12. Jh. Älteste bekannte schriftliche Fassung des Grundmotivs
Basile, Pentamerone II,10 Neapel, 1634/36 Frühneuzeitliche italienische Parallelfassung, Der Gevatter
Andersen, Der kleine Klaus und der große Klaus Dänemark, 1835 Direkte literarische Bearbeitung des Grimm-Schwanks
Baltische Volksüberlieferung u.a. Lettland Variante des Wahrsager-Motivs, bei der auch der Liebhaber selbst entdeckt wird

Auffällig an den internationalen Fassungen ist die Konstanz des Grundmotivs, ein Mittelloser überlistet durch eine mehrgliedrige List seine wohlhabenden Widersacher, bei gleichzeitig großer Variabilität der Einzelepisoden. Diese Kombination aus stabilem Kern und flexibler Ausgestaltung ist typisch für weit gereiste Schwanktypen, die sich über Jahrhunderte und Sprachgrenzen hinweg an lokale Erzählkontexte anpassten.

✦ ✦ ✦

Rezeptionsgeschichte

Die nachhaltigste Wirkung entfaltete Das Bürle über Hans Christian Andersens Bearbeitung Der kleine Klaus und der große Klaus, die den Stoff weit über den deutschsprachigen Raum hinaus verbreitete und bis heute regelmäßig in internationalen Märchensammlungen neben der Grimm-Fassung geführt wird. In der modernen Literatur griff die amerikanische Dichterin Anne Sexton den Stoff in ihrem Gedichtband Transformations (1971) auf, einer Sammlung, die klassische Grimm-Märchen in pointierte, gesellschaftskritische Gedichte für ein erwachsenes Publikum übersetzte.

Innerhalb der Schwankforschung gilt Das Bürle als eines der Standardbeispiele für die Verkettung mehrerer internationaler Erzähltypen zu einer Heldenbiographie und wird regelmäßig in vergleichenden Studien zur europäischen Trickstertradition herangezogen. Anders als viele Zaubermärchen der Grimm-Sammlung hat Das Bürle im deutschsprachigen Raum keine ebenso prominente Filmtradition entwickelt wie etwa Aschenputtel oder Sneewittchen, was mit der für Verfilmungen sperrigen Häufung von Ehebruch-, Todesurteil- und Massenertrinkungsmotiven zusammenhängen dürfte.

✦ ✦ ✦

Sprachliche Besonderheiten

Der Text ist durchgehend dialogisch angelegt und lebt von kurzen, pointierten Wechselreden, ein Stilmerkmal, das sich auf die mündliche Erzählkunst Dorothea Viehmanns zurückführen lässt, deren Vortragsweise die Grimms als besonders lebendig und formvollendet lobten. Auffällig ist die wiederkehrende Ausrufeformel „Das wäre des Kuckucks!“, eine hessische Verwunderungsfloskel, die den naiven Erstaunensreflex des Müllers komisch akzentuiert und mit jeder Wiederholung die Situationskomik steigert.

Die Verkleinerungsform Bürle (von Bauer) markiert sprachlich sofort die soziale Ausgangsposition der Titelfigur und wird im Verlauf der Erzählung nie durch einen Eigennamen ersetzt, wodurch die Typisierung als literarisches Stilmittel unterstrichen wird. Auch die Formel „plump“ beim Sprung des Schultheißen ins Wasser ist ein lautmalerisches Element, das die Situationskomik der Schlusspointe unmittelbar hörbar macht, ein Verfahren, das sich in ähnlicher Form im Sprachwitz anderer Grimm-Schwänke wie Der gute Handel (KHM 7) findet.

✦ ✦ ✦

Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Erstellt ein Comic mit sechs Bildern, das die wichtigsten Listen des Bürle nacherzählt.
  • Klasse 8–9: Diskutiert in Kleingruppen, ob das Bürle als Held oder als Betrüger zu bewerten ist, und begründet eure Position mit Textstellen.
  • Klasse 10–11: Vergleicht die Schlusspointe von Das Bürle mit Andersens Der kleine Klaus und der große Klaus und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Figurenzeichnung heraus.
  • Klasse 12–13: Untersucht die Erzählung mithilfe der ATU-Typologie und ordnet sie in die Tradition der europäischen Trickster-Literatur ein, ausgehend vom Unibos-Gedicht.
  • Fächerübergreifend (Ethik/Religion): Erörtert, inwiefern das Straflosbleiben des Bürle trotz seiner Mitschuld am Tod des Schäfers mit heutigen Gerechtigkeitsvorstellungen vereinbar ist.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 61), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Hans Christian Andersen, Der kleine Klaus und der große Klaus (1835) · Giambattista Basile, Pentamerone II,10 (1634/36)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU 1535, 1358A, 1358C, 1297* bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004)

Trickster und Tiefenpsychologie: C.G. Jung, Einleitung zu Paul Radin, Der göttliche Schelm (1954) · Marie-Louise von Franz, Interpretation of Fairy Tales (1970)

Gesellschaft und Erzählforschung: Jack Zipes, Breaking the Magic Spell (1979) · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Lutz Röhrich, Erzählforschung, Aufsätze zum europäischen Schwank

✦ ✦ ✦

Häufige Fragen zu Das Bürle

Ein armer Bauer, das Bürle, wird durch eine Kette von Listen reich: Er ertauscht sich mit einem hölzernen Scheinkalb eine Kuh, betrügt einen Müller mit einem angeblich wahrsagenden Raben um dreihundert Taler und entkommt später einem Todesurteil, indem er einen neidischen Schäfer an seiner Stelle in ein Faß setzt. Am Ende gehen die habgierigen Dorfbauern selbst im Wasser unter, und das Bürle bleibt als einziger Erbe zurück.
Nein. Das Bürle gehört zur Gattung des Schwanks: Es gibt keine Verzauberung und kein übernatürliches Element, sondern List, Wortwitz und die komische Überlistung Höherstehender stehen im Zentrum. Die Handlung folgt dem internationalen Erzähltyp ATU 1535, dem reichen und armen Bauern.
Als Hauptquelle nennen die Brüder Grimm in ihrer Anmerkung eine Fassung aus Zwehrn, vermittelt durch Dorothea Viehmann, ergänzt um eine weniger vollständige Erzählung aus Hessen.
Die Forschung ordnet Das Bürle vor allem dem internationalen Typ ATU 1535 zu, ergänzt um Motivkomplexe aus ATU 1358C, ATU 1358A und ATU 1297*. Der Kern der Erzählung reicht bis in das mittelalterliche lateinische Gedicht vom Unibos, dem Bauern Einrind, zurück.
Die bekannteste literarische Verwandtschaft besteht zu Hans Christian Andersens Der kleine Klaus und der große Klaus. Weitere Parallelen finden sich in Giambattista Basiles Pentamerone (II,10, Der Gevatter) sowie in baltischen und slawischen Fassungen des Wahrsager-Motivs.
Bürle ist die hessische Verkleinerungsform von Bauer und bedeutet Bäuerlein. Der Spottname, den die reichen Dorfbewohner dem armen Protagonisten geben, wird im Verlauf der Erzählung zum Ehrentitel eines Mannes, der mit Witz zu Wohlstand kommt.
Die neidischen Dorfbauern versuchen, den vermeintlichen Kuhfell-Handel des Bürle nachzuahmen, scheitern jedoch und beschuldigen es des Betrugs. Zum Tode verurteilt, überlistet das Bürle noch einmal einen Schäfer, der an seiner Stelle ertrinkt. Als die Bauern glauben, unter Wasser warte eine Schafherde, ertrinken sie ebenfalls, und das Bürle wird als einziger Überlebender reich.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 61. München 1977, S. 358–362.