Skip to content
Alle Märchen

Der alte Sultan

Der alte Sultan | Originaltext, Bedeutung & Analyse
4:42

Das Wichtigste in Kürze

Treue, List und die Frage nach dem Wert gelebten Dienstes: KHM 48 ist eines der klügsten Tiermärchen der Grimms.

  • Ein Tiermärchen mit sozialer Sprengkraft: Der alte Sultan handelt von einem Hund, der trotz jahrelangen Dienstes weggeschafft werden soll. Das Thema „Wer ist noch nützlich?“ trifft einen gesellschaftlichen Nerv weit über das 19. Jahrhundert hinaus.
  • Ältester Beleg für eine Motivkombination: Die Grimms Fassung von 1812 verbindet ATU 101 (alter Hund rettet Kind) und ATU 103 (Krieg der Tiere) erstmals schriftlich und gilt bis heute als frühster Nachweis dieser Kombination in Mittel- und Osteuropa.
  • Treue gegen Dankbarkeit: Sultan verrät den Wolf, der ihm das Leben gerettet hat, weil er seinem Herrn loyal bleibt. Das Märchen stellt die ethische Frage offen: Welche Schuld wiegt schwerer?
  • Die Schwachen siegen durch List: Der Schluss mit der dreibeinigen Katze ist eine der komischsten Szenen der KHM. Schein und Wirklichkeit, Furcht und Stärke werden hier mit feiner Ironie gegeneinandergestellt.

Inhalt

  1. Originaltext: Der alte Sultan (KHM 48)
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehung und Überlieferungsgeschichte
  4. Analyse: Struktur, Motive und Symbole
  5. Figurenanalyse
  6. Tiefenpsychologische und sozialkritische Lesart
  7. Rezeptionsgeschichte
  8. Für Schule und Unterricht
  9. Für Seminar und Hausarbeit
  10. FAQ

✦ ✦ ✦

Originaltext: Der alte Sultan (KHM 48)

Es hatte ein Bauer einen treuen Hund, der Sultan hieß, der war alt geworden und hatte alle Zähne verloren, so daß er nichts mehr fest packen konnte. Zu einer Zeit stand der Bauer mit seiner Frau vor der Haustüre und sprach „den alten Sultan schieß ich morgen tot, der ist zu nichts mehr nütze.“ Die Frau, die Mitleid mit dem treuen Tiere hatte, antwortete „da er uns so lange Jahre gedient hat und ehrlich bei uns gehalten, so könnten wir ihm wohl das Gnadenbrot geben.“ „Ei was,“ sagte der Mann, „du bist nicht recht gescheit: er hat keinen Zahn mehr im Maul, und kein Dieb fürchtet sich vor ihm, er kann jetzt abgehen. Hat er uns gedient, so hat er sein gutes Fressen dafür gekriegt.“

Der arme Hund, der nicht weit davon in der Sonne ausgestreckt lag, hatte alles mit angehört und war traurig, daß morgen sein letzter Tag sein sollte. Er hatte einen guten Freund, das war der Wolf, zu dem schlich er abends hinaus in den Wald und klagte über das Schicksal, das ihm bevorstände. „Höre, Gevatter,“ sagte der Wolf, „sei gutes Mutes, ich will dir aus deiner Not helfen. Ich habe etwas ausgedacht. Morgen in aller Frühe geht dein Herr mit seiner Frau ins Heu, und sie nehmen ihr kleines Kind mit, weil niemand im Hause zurückbleibt. Sie pflegen das Kind während der Arbeit hinter die Hecke in den Schatten zu legen: lege dich daneben, gleich als wolltest du es bewachen. Ich will dann aus dem Walde herauskommen und das Kind rauben: du mußt mir eifrig nachspringen, als wolltest du mir es wieder abjagen. Ich lasse es fallen, und du bringst es den Eltern wieder zurück, die glauben dann, du hättest es gerettet, und sind viel zu dankbar, als daß sie dir ein Leid antun sollten: im Gegenteil, du kommst in völlige Gnade, und sie werden es dir an nichts mehr fehlen lassen.“

Der Anschlag gefiel dem Hund, und wie er ausgedacht war, so ward er auch ausgeführt. Der Vater schrie, als er den Wolf mit seinem Kinde durchs Feld laufen sah, als es aber der alte Sultan zurückbrachte, da war er froh, streichelte ihn und sagte „dir soll kein Härchen gekrümmt werden, du sollst das Gnadenbrot essen, solange du lebst.“ Zu seiner Frau aber sprach er „geh gleich heim und koche dem alten Sultan einen Weckbrei, den braucht er nicht zu beißen, und bring das Kopfkissen aus meinem Bette, das schenk ich ihm zu seinem Lager.“ Von nun an hatte es der alte Sultan so gut, als er sichs nur wünschen konnte.

Bald hernach besuchte ihn der Wolf und freute sich, daß alles so wohl gelungen war. „Aber Gevatter,“ sagte er, „du wirst doch ein Auge zudrücken, wenn ich bei Gelegenheit deinem Herrn ein fettes Schaf weghole. Es wird einem heutzutage schwer, sich durchzuschlagen.“ „Darauf rechne nicht,“ antwortete der Hund, „meinem Herrn bleibe ich treue, das darf ich nicht zugeben.“ Der Wolf meinte, das wäre nicht im Ernste gesprochen, kam in der Nacht herangeschlichen und wollte sich das Schaf holen. Aber der Bauer, dem der treue Sultan das Vorhaben des Wolfes verraten hatte, paßte ihm auf und kämmte ihm mit dem Dreschflegel garstig die Haare. Der Wolf mußte ausreißen, schrie aber dem Hund zu „wart du schlechter Geselle, dafür sollst du büßen.“

Am andern Morgen schickte der Wolf das Schwein, und ließ den Hund hinaus in den Wald fordern, da wollten sie ihre Sache ausmachen. Der alte Sultan konnte keinen Beistand finden als eine Katze, die nur drei Beine hatte, und als sie zusammen hinausgingen, humpelte die arme Katze daher und streckte zugleich vor Schmerz den Schwanz in die Höhe. Der Wolf und sein Beistand waren schon an Ort und Stelle, als sie aber ihren Gegner daherkommen sahen, meinten sie, er führte einen Säbel mit sich, weil sie den aufgerichteten Schwanz der Katze dafür ansahen. Und wenn das arme Tier so auf drei Beinen hüpfte, dachten sie nicht anders, als es höbe jedesmal einen Stein auf, wollte damit auf sie werfen. Da ward ihnen beiden angst: das wilde Schwein verkroch sich ins Laub, und der Wolf sprang auf einen Baum. Der Hund und die Katze, als sie herankamen, wunderten sich, daß sich niemand sehen ließ. Das wilde Schwein aber hatte sich im Laub nicht ganz verstecken können, sondern die Ohren ragten noch heraus. Während die Katze sich bedächtig umschaute, zwinste das Schwein mit den Ohren: die Katze, welche meinte, es regte sich da eine Maus, sprang darauf zu und biß herzhaft hinein. Da erhob sich das Schwein mit großem Geschrei, lief fort und rief „dort auf dem Baum, da sitzt der Schuldige.“ Der Hund und die Katze schauten hinauf und erblickten den Wolf, der schämte sich, daß er sich so furchtsam gezeigt hatte, und nahm von dem Hund den Frieden an.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 48. München 1977, S. 273–275.

✦ ✦ ✦

Inhaltsangabe

Ein alter Bauer will seinen Hund Sultan erschießen lassen, weil der Hund durch Altersschwäche alle Zähne verloren hat und keinen Dieb mehr vertreiben kann. Sultan belauscht dieses Gespräch und flüchtet abends zu seinem Freund, dem Wolf. Der Wolf entwirft einen Plan: Er raubt zum Schein das Baby des Bauern, Sultan holt es zurück, und der Bauer glaubt, sein alter Hund habe das Kind gerettet. Der Plan gelingt. Sultan lebt fortan im Wohlstand, bekommt Weckbrei, den er nicht zu beißen braucht, und das Kopfkissen des Bauern als Schlafplatz.

Als der Wolf kurz darauf erwartet, im Gegenzug ein Schaf stehlen zu dürfen, verweigert Sultan nicht nur die Duldung, sondern verrät den Plan dem Bauern. Der Wolf wird verprügelt und fordert Genugtuung: Er schickt das Schwein als Sekundanten und lässt Sultan zum Duell in den Wald laden. Sultan findet keinen anderen Beistand als eine dreibeinige Katze. Als die beiden Schwachen durch den Wald humpeln, halten Wolf und Schwein den aufgerichteten Katzenschwanz für einen Säbel und das Hinken für das Aufheben von Wurfsteinen. Sie verstecken sich in Panik. Die Katze beißt das Schwein in die Ohren, das Schwein flieht und verrät den Wolf auf dem Baum. Beschämt macht der Wolf Frieden.

✦ ✦ ✦

Entstehung und Überlieferungsgeschichte

KHM 48 erschien bereits in der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812 und blieb seitdem fester Bestandteil der Sammlung. Für die Zweitauflage von 1819 überarbeiteten die Grimms den Text erheblich: Die knappe Erstfassung wurde ausgebaut, vor allem der zweite Teil mit dem Duell und der dreibeinigen Katze gewann an Ausführlichkeit und literarischer Plastizität.

Wusstest du?

Die Grimms nannten in ihren Anmerkungen zwei Quellen: eine Erzählung „aus Niederhessen“ von Johann Friedrich Krause und eine zweite „aus dem Paderbörnischen“ aus dem Umfeld der Familie von Haxthausen. In der paderbörnischen Variante treten Fuchs und Bär an die Stelle von Wolf und Schwein. Damit zeigt sich bereits in der direkten Quellenarbeit, wie variabel die Tierrollen in der mündlichen Überlieferung waren.

Das Märchen verbindet zwei eigenständige Erzähltypen, die im internationalen Klassifikationssystem von Stith Thompson und Hans-Jörg Uther unter ATU 101 („Der alte Hund als Retter des Kindes“) und ATU 103 („Krieg zwischen wilden Tieren und Haustieren“) geführt werden. Uther überführte das frühere AT 104 in ATU 103. Die Grimms Fassung von 1812 gilt als ältester schriftlicher Beleg für die Kombination beider Motive in einem einzigen Text, die sonst vor allem in Mittel- und Osteuropa mündlich verbreitet war.

Der Stoff selbst ist älter: In Heinrich Steinhöwels Fabelsammlung des 15. Jahrhunderts findet sich ein verwandtes Motiv, in dem ein Hund einem Wolf dreimal das Schafstehlen gestattet, um besseres Fressen zu erhalten, das vierte Mal aber aus Treue verweigert. Dieses Grundmotiv der Treue, die stärker ist als persönliche Schuld und gegenseitige Dankbarkeit, ist antiker Herkunft und lässt sich bis in die äsopische Fabeltradition zurückverfolgen.

Weiterführend auf Märchenbrause
Wer waren die Gebrüder Grimm? Porträt und Biografie

✦ ✦ ✦

Analyse: Struktur, Motive und Symbole

Strukturanalyse: Zwei Handlungsteile, zwei Typen

Der alte Sultan ist kein einheitlicher Erzählbogen, sondern ein Doppelmärchen aus zwei verbundenen Episoden. Diese Struktur entspricht der Kombination zweier ATU-Typen und ist in der Forschung gut dokumentiert (Köhler-Zülch in der Enzyklopädie des Märchens, Bd. 6, 1990; Brednich ebd. Bd. 8, 1996).

  1. 1Sultan belauscht sein Todesurteil und sucht Hilfe beim Wolf (Ausgangssituation).
  2. 2Der Scheinraub des Kindes gelingt; Sultan gewinnt das Vertrauen des Bauern zurück (ATU 101).
  3. 3Der Wolf fordert Dankbarkeit in Form von Mitschuld; Sultan verweigert und verrät ihn.
  4. 4Das Duell im Wald: Wolf und Schwein gegen Sultan und Katze (ATU 103).
  5. 5Die Schwachen siegen durch Missverständnis und List; der Wolf macht Frieden (Auflösung).

Symboltabelle: Tiere und Motive

Symbol / Motiv Bedeutung im Märchen Kulturhistorischer Hintergrund
Der alte zahnlose Hund Altersschwäche als Wertlosigkeit; gelebter Dienst ohne Zukunftswert Reales Schicksal von Arbeitstieren im bäuerlichen Alltag des 19. Jahrhunderts
Das Gnadenbrot Gnadenakt statt Recht; Versorgung als Gunst, nicht als Pflicht Verbreiteter Begriff für die kärgliche Versorgung von Alten und Ausgedienten in vorindustrieller Zeit
Der Wolf als Gevatter Freundschaft über die Grenze zwischen zahmer und wilder Welt hinweg; List als gemeinsame Ressource der Schwachen „Gevatter“ (lat. compater) bezeichnet in der Volkssprache einen engen Vertrauten; der Wolf als Freund widerspricht dem üblichen Feindbild
Der Scheinraub des Kindes Inszenierte Heldentat; der Wert eines Wesens wird durch eine einzige spektakuläre Leistung neu definiert Parodiert die Logik des Nutzenkalkül: Der Hund war immer treu, wird aber erst durch einen inszenierten Akt wieder wertgeschätzt
Die dreibeinige Katze Doppelte Schwäche als unfreiwillige Stärke; Schein überwindet Sein Klassisches Motiv des „Kriegs der Tiere“ (ATU 103): Die Schwachen siegen, weil die Starken mehr Angst vor dem Unbekannten haben als vor tatsächlicher Gefahr
Der Dreschflegel Bäuerliche Gewalt; das Werkzeug der Arbeit wird zur Waffe Symbol der sozialen Ordnung, die sich mit ihren eigenen Mitteln verteidigt

Sprachliche Besonderheiten

Der Text ist in einem knappen, parataktischen Stil gehalten, der für die Grimms Tiermärchen charakteristisch ist. Direkte Rede dominiert und verleiht den Tieren Persönlichkeit und soziale Kontur. Die Anrede „Gevatter“ für Wolf und Hund betont die Nähe zwischen Wild- und Hauswelt und signalisiert zugleich eine ironische Distanz zur Standesordnung. Dialektale Einflüsse aus dem Hessischen sind stilistisch geglättet, aber die volkssprachliche Direktheit ist erhalten: „Er kann jetzt abgehen“ steht für das Töten, „die Haare kämmen“ für das Verprügeln. Solche Euphemismen sind sprachliche Marker des mündlichen Erzählens, das Gewalt verhüllt, ohne sie zu verschweigen.

✦ ✦ ✦

Figurenanalyse

Sultan: Treue als Überlebensstrategie

Sultan ist die moralisch komplexeste Figur des Märchens. Er ist kein passiver Held, der auf magische Hilfe wartet, sondern ein aktiver Akteur, der einen Plan mitträgt, den er selbst nicht ersonnen hat. Dabei nimmt er in Kauf, dass dieser Plan auf Täuschung beruht: Der gerettete Bauer glaubt, sein Hund habe das Kind aus echter Überzeugung verteidigt, nicht aus einem abgekarteten Spiel heraus.

Die eigentliche charakterliche Probe kommt erst danach. Als der Wolf seine Gegenleistung einfordert, verweigert Sultan nicht nur, sondern verrät aktiv den Freund. Das ist keine Undankbarkeit im naiven Sinne, sondern eine bewusste Entscheidung für eine höhere Loyalität: die Treue gegenüber dem Herrn. Das Märchen stellt diese Entscheidung ohne moralisches Kommentar hin. Es bewertet sie nicht als richtig oder falsch, es beschreibt sie als das, was Sultan ist: ein treuer Hund, dessen Treue keine Ausnahmen kennt.

Darauf rechne nicht. Meinem Herrn bleibe ich treu, das darf ich nicht zugeben.

Sultan an den Wolf, KHM 48

Der Wolf: List ohne Moral

Der Wolf ist in KHM 48 ungewöhnlich dargestellt. Er ist kein Verfolger, kein Fresser, kein Bösewicht im üblichen Sinn. Er ist Sultans Gevatter, ein Freund, der hilft, weil er kann. Doch seine Hilfe ist keine selbstlose: Er erwartet im Gegenzug Straffreiheit beim Schafdiebstahl. Als diese Erwartung enttäuscht wird, reagiert er mit verletzter Ehre und fordert ein Duell. Seine Niederlage im Duell ist beschämend, nicht schmerzhaft: Er sitzt auf dem Baum, gesehen und erkannt, und muss Frieden machen. In dieser Beschämung liegt die eigentliche Strafe.

Der Bauer und seine Frau: Das Nutzenkalkül

Die Eingangsdebatte zwischen Bauer und Frau verdichtet eine grundlegende soziale Logik auf wenige Zeilen. Der Bauer denkt in Tauschverhältnissen: Dienst gegen Futter, kein Dienst mehr, kein Futter mehr. Die Frau denkt in Kategorien von Dankbarkeit und Pietät: Ein Wesen, das lange gedient hat, hat einen Anspruch auf Fürsorge. Beide Positionen sind authentische Haltungen, die sich im bäuerlichen Alltag des 19. Jahrhunderts tatsächlich gegenüberstanden. Dass am Ende die Frau die moralische Autorität behält, ist strukturell typisch für Grimms Tiermärchen: Die mitfühlende Stimme hat zwar nicht das letzte Wort, aber sie hat den richtigen Impuls.

Die dreibeinige Katze: Die Stärke der Schwachen

Die Katze ist die komödiantischste Figur des Märchens. Sie hat keinen Plan, keine Strategie, keine Absicht. Sie humpelt, streckt aus Schmerz den Schwanz in die Höhe und beißt instinktiv in das, was sich bewegt. Dass diese drei Handlungen den Wolf in die Flucht schlagen, ist reine Komik, aber auch ein ernsthafter Strukturpunkt: Stärke ist in diesem Märchen nie absolute Kraft, sondern immer relative Wahrnehmung. Wer den Schwanz als Säbel und das Hinken als Wurfgestus liest, hat bereits verloren, ohne dass eine Waffe gezogen wurde.

✦ ✦ ✦

Tiefenpsychologische und sozialkritische Lesart

Alter und Nützlichkeit: Ein archetypisches Dilemma

KHM 48 ist kein Zaubermärchen. Es gibt keine Fee, keinen verwunschenen Prinzen, kein übernatürliches Eingreifen. Das macht es für eine tiefenpsychologische Lektüre im Sinne von C.G. Jung und Marie-Louise von Franz ungewöhnlicher als die großen Symbolmärchen, aber nicht weniger aufschlussreich. Das Märchen arbeitet mit einem Archetypen, der in fast allen Kulturen bekannt ist: dem Alten, der seinen Platz verteidigen muss.

In der Jungschen Terminologie könnte Sultan als Figuration des „puer aeternus“ gelesen werden, der in das Stadion des „senex“ eingetreten ist: Er ist nicht mehr der kraftvolle Hüter, aber noch nicht aufgegeben. Sein Weg zurück in die Gemeinschaft gelingt nicht durch Wiedergewinnung von Stärke, sondern durch eine einzige symbolische Leistung, die den früheren Wert in Erinnerung ruft. Bruno Bettelheim hätte in dieser Struktur die therapeutische Funktion des Märchens erkannt: Es zeigt Kindern, dass Schwäche kein endgültiger Zustand sein muss, wenn man klug handelt.

Das Sozialkritische: Leistung, Loyalität und Lohn

Jack Zipes hat in seinen Analysen der Grimm-Märchen immer wieder auf die sozialen Machtverhältnisse hingewiesen, die in scheinbar harmlosen Tiermärchen codiert sind. In KHM 48 ist diese Codierung besonders deutlich: Das Dienstverhältnis zwischen Hund und Bauer ist kein freiwilliges Verhältnis, es ist ein ökonomisch erzwungenes. Der Hund muss nützlich sein, um zu überleben. Hört die Nützlichkeit auf, hört das Recht auf Existenz auf, zumindest in der Logik des Bauern.

Zum Nachdenken

  • Schuldete Sultan dem Wolf Loyalität, weil der Wolf ihm das Leben gerettet hatte?
  • Hat der Bauer ein Recht, seinen Hund zu erschießen, wenn er nicht mehr nützlich ist?
  • Ist Sultans Treue bewundernswert oder naiv?
  • Was sagt die List des Wolfs über die Grenzen von Freundschaft aus?

Die Frage, die das Märchen am Ende offen lässt, ist die des Verrats: Sultan verrät den Wolf, der ihm sein Leben gerettet hat. Das Märchen bestraft diesen Verrat nicht. Es zeigt ihn als konsequente Fortsetzung von Sultans Wesen. Ob das eine Tugend oder eine Tragödie ist, entscheidet jede Leserin und jeder Leser selbst.

Der Vergleich mit den Bremer Stadtmusikanten

KHM 27, die Bremer Stadtmusikanten, beginnt mit demselben Motiv: Ein ausgedienter Esel soll getötet werden, weil er nicht mehr nützlich ist. Auch Hund, Katze und Hahn sind Varianten dieser Ausgangslage. Doch während die Bremer Stadtmusikanten die Freiheit wählen und dem Dienstverhältnis entkommen, kehrt Sultan zu ihm zurück. Er ist kein Rebell, sondern ein Loyalist. Diese Differenz macht beide Märchen zu Komplementärstücken: Sie stellen dieselbe Ausgangsfrage und geben entgegengesetzte Antworten.

Weiterführend auf Märchenbrause
Die Bremer Stadtmusikanten (KHM 27): OriginaltextDer alte Sultan (KHM 48), Bedeutung und Analyse

✦ ✦ ✦

Rezeptionsgeschichte

Der alte Sultan gehört nicht zu den bekanntesten Märchen der Grimms und hat entsprechend weniger Aufmerksamkeit in der populären Rezeption erfahren als etwa Schneewittchen oder Aschenputtel. Dennoch ist das Märchen in der Forschung gut dokumentiert: Ines Köhler-Zülch behandelt es in der Enzyklopädie des Märchens (Bd. 6, 1990) und Rolf Wilhelm Brednich analysiert das Motiv des „Kriegs der Tiere“ im selben Werk (Bd. 8, 1996).

In der Bilderbuch- und Kinderbuchliteratur wurde das Märchen mehrfach illustriert, unter anderem von Philip Grot Johann für die Deutsche Verlags-Anstalt (1893), Walter Crane und Charlotte Dematons. In der DDR erschien es im Rahmen der Augsburger Puppenkiste-Reihe „Kater Mikesch“ (1964, s/w, 6 Folgen), wo der Hund ebenfalls den Namen „alter Sultan“ trägt. 1987 verfilmte die japanische Zeichentrickserie „Gurimu Meisaku Gekijo“ das Märchen in Folge 19.

Die bekannteste Parodie stammt von Janosch: In seiner Version schleicht der treue Hund nachts um den Hof, weil er Heimweh hat, und will den Bauern vor einem Feuer warnen. Doch niemand hört auf ihn, und alle verbrennen. Janosch dreht damit die Logik des Originals um: Treue führt nicht zur Rettung, sondern zur Tragödie, weil die Herrschaft nicht zuhört.

Ludwig Bechstein nahm ein verwandtes Motiv in sein Neues deutsches Märchenbuch auf, dort unter dem Titel „Undank ist der Welt Lohn“. Der Titelzusatz macht deutlich, was im Grimms Original implizit bleibt: Die Undankbarkeit des Bauern wird im Volksglauben als systemisch angesehen, nicht als Ausnahme.

✦ ✦ ✦

Für Schule und Unterricht · Klasse 5–13

  • Klasse 5–6: Nacherzählung aus Sultans Perspektive; Diskussion: War Sultans Entscheidung richtig?
  • Klasse 7–8: Vergleich mit den Bremer Stadtmusikanten: Welche Antwort auf dieselbe Ausgangssituation überzeugt mehr? Aufsatz oder Podiumsdiskussion.
  • Klasse 9–10: Das Tiermärchen als Sozialkritik: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts spiegelt KHM 48? Analyse des Nutzenkalkül-Arguments des Bauern.
  • Klasse 11–12: ATU-Klassifikation und Gattungsfrage: Tiermärchen, Tierfabel oder Schwank? Vergleich mit äsopischen Fabeln und Steinhöwels „Wolf und der hungrige Hund“.
  • Klasse 13 / Seminar: Editionsgeschichte 1812–1819: Welche Veränderungen nahmen die Grimms vor, und was sagt das über ihre Bearbeitungspraxis aus? Arbeit mit Rölleke (Reclam) und der Wikisource-Erstfassung.

✦ ✦ ✦

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 48), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Erstfassung 1812 bei Wikisource: Der alte Sultan (1812)

Textgeschichte und Klassifikation: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008), S. 114–115 · ATU 101, 103 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Spezialliteratur: Ines Köhler-Zülch, „Hund: Der alte H.“, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 6 (1990), S. 1340–1343 · Rolf Wilhelm Brednich, „Krieg der Tiere“, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 8 (1996), S. 430–436

Tiefenpsychologie und Gesellschaft: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · Marie-Louise von Franz, Interpretation of Fairy Tales (1970) · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954)

Vergleichstexte: Ludwig Bechstein, „Undank ist der Welt Lohn“, in: Neues deutsches Märchenbuch · Janosch, Janosch erzählt Grimms Märchen (1983), S. 138–139 (Parodie)

✦ ✦ ✦

Häufige Fragen zu Der alte Sultan (KHM 48)

Das Märchen hat keine einfache Moral. Es zeigt Sultan als Figur, die Treue gegenüber dem Herrn über die Dankbarkeit gegenüber dem Wolf stellt. Ob das tugendhaft oder naiv ist, bleibt offen. Gleichzeitig zeigt der Schluss, dass die Schwachen durch List siegen können, was ein zweites, komödiantisches Thema neben der Treuefrage einführt.
Der alte Sultan verbindet ATU 101 (Der alte Hund als Retter des Kindes) und ATU 103 (Krieg zwischen wilden Tieren und Haustieren). Hans-Jörg Uther führte das frühere AT 104 mit ATU 103 zusammen. Die Grimms Fassung von 1812 gilt als ältester Beleg für diese Kombination in der europäischen Überlieferung.
Die Grimms nannten als Quellen Johann Friedrich Krause aus Niederhessen sowie eine Variante aus dem Paderbörnischen aus dem Umfeld der Familie von Haxthausen. Der Stoff selbst ist älter und in der äsopischen Fabeltradition sowie in Heinrich Steinhöwels Fabelsammlung des 15. Jahrhunderts verwandt dokumentiert.
Die dreibeinige Katze verkörpert das Motiv der unfreiwilligen Stärke. Ihr aufgerichteter Schwanz wird vom Wolf für einen Säbel gehalten, ihr Hinken für das Aufheben von Wurfsteinen. Das Märchen zeigt: Stärke ist eine Frage der Wahrnehmung, nicht der tatsächlichen Kraft. Es gehört zum klassischen Motiv des „Kriegs der Tiere“ (ATU 103), in dem die Schwachen durch Mißverständnisse siegen.
Beide Märchen beginnen mit demselben Motiv: ein ausgedienter Hund soll getötet werden. Während die Bremer Stadtmusikanten das Dienstverhältnis verlassen und Freiheit suchen, kehrt Sultan in die Loyalität zum Herrn zurück. Die beiden Märchen sind Gegenstücke: dieselbe Ausgangssituation, entgegengesetzte Antworten.
Die Erstfassung von 1812 war kürzer und einfacher. Für die Zweitauflage 1819 überarbeiteten die Grimms den Text erheblich. Vor allem der zweite Teil mit dem Duell und der dreibeinigen Katze wurde ausgebaut und erhält in der Endfassung seine literarische Prägnanz.
Das Märchen eignet sich ab Klasse 5 für Nacherzählung und erste ethische Diskussionen. In den Klassen 7–10 bietet sich der Vergleich mit den Bremer Stadtmusikanten und eine sozialkritische Lektüre an. Für Oberstufe und Seminar sind Editionsgeschichte, ATU-Klassifikation und die Fabeltr adition geeignete Themen.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 48. München 1977, S. 273–275. Kritische Ausgabe: Heinz Rölleke (Hg.), Reclam, Stuttgart 1994.