Der goldene Vogel
Das Wichtigste in Kürze
Drei Söhne, ein listiger Fuchs und die Frage, wann es klüger ist, der äußeren Vernunft nicht zu trauen.
- →Ein klassisches Heldenreise-Märchen vom Typ ATU 550: Der jüngste Sohn zieht aus, gewinnt mit Hilfe eines sprechenden Fuchses Vogel, Pferd und Prinzessin und überwindet den Verrat seiner Brüder. KHM 57 verbindet ATU 550, ATU 506 und ATU 551 zu einem dichten Suchmärchen.
- →Literarische Vorlage statt mündliche Quelle: Die Brüder Grimm übernahmen das Märchen aus Wilhelm Christoph Günthers Sammlung „Kindermährchen“ (1787), Nr. 26 „Der treue Fuchs“. Eine parallele mündliche Variante kam von Gretchen Wild als „Die weiße Taube“ in die Erstauflage 1812.
- →Die Logik des Kontrastes: Eugen Drewermann las das Märchen als Lehrstück gegen den gesunden Menschenverstand. Der Held muss lernen, dem instinktiven Rat des Fuchses zu folgen statt der Logik des äußeren Glanzes. Goldener Käfig, goldener Sattel und höfischer Abschied führen jedes Mal in die Katastrophe.
- →Der Fuchs als verzauberter Bruder: Die finale Wendung ist tiefenpsychologisch entscheidend. Der Helfer ist kein bloßes Tier, sondern ein erlösungsbedürftiger Mensch. Der Held muss das Hilfreiche so weit in sich integriert haben, dass es seine Tiergestalt ablegen kann.
Inhalt
- Originaltext: Der goldene Vogel (KHM 57)
- Inhaltsangabe
- Entstehung und Überlieferungsgeschichte
- Strukturelle und symbolische Analyse
- Figurenanalyse
- Tiefenpsychologische Lesart: Drewermann, Jung, von Franz
- Gesellschaftskritische und sozialhistorische Lesart
- Internationale Parallelen
- Rezeptionsgeschichte
- Sprachliche Besonderheiten
- Für Schule und Unterricht
- Für Seminar und Hausarbeit
- FAQ
Originaltext: Der goldene Vogel (KHM 57)
Es war vor Zeiten ein König, der hatte einen schönen Lustgarten hinter seinem Schloß, darin stand ein Baum, der goldene Äpfel trug. Als die Äpfel reiften, wurden sie gezählt, aber gleich den nächsten Morgen fehlte einer. Das ward dem König gemeldet, und er befahl, daß alle Nächte unter dem Baume Wache sollte gehalten werden. Der König hatte drei Söhne, davon schickte er den ältesten bei einbrechender Nacht in den Garten; wie es aber Mitternacht war, konnte er sich des Schlafes nicht wehren, und am nächsten Morgen fehlte wieder ein Apfel. In der folgenden Nacht mußte der zweite Sohn wachen, aber dem erging es nicht besser: als es zwölf Uhr geschlagen hatte, schlief er ein, und morgens fehlte ein Apfel. Jetzt kam die Reihe zu wachen an den dritten Sohn, der war auch bereit, aber der König traute ihm nicht viel zu und meinte, er würde noch weniger ausrichten als seine Brüder: endlich aber gestattete er es doch. Der Jüngling legte sich also unter den Baum, wachte und ließ den Schlaf nicht Herr werden. Als es zwölf schlug, so rauschte etwas durch die Luft, und er sah im Mondschein einen Vogel daherfliegen, dessen Gefieder ganz von Gold glänzte. Der Vogel ließ sich auf dem Baume nieder und hatte eben einen Apfel abgepickt, als der Jüngling einen Pfeil nach ihm abschoß. Der Vogel entflog, aber der Pfeil hatte sein Gefieder getroffen, und eine seiner goldenen Federn fiel herab. Der Jüngling hob sie auf, brachte sie am andern Morgen dem König und erzählte ihm, was er in der Nacht gesehen hatte. Der König versammelte seinen Rat, und jedermann erklärte, eine Feder wie diese sei mehr wert als das gesamte Königreich. „Ist die Feder so kostbar,“ erklärte der König, „so hilft mir auch die eine nichts, sondern ich will und muß den ganzen Vogel haben.“
Der älteste Sohn machte sich auf den Weg, verließ sich auf seine Klugheit und meinte den goldenen Vogel schon zu finden. Wie er eine Strecke gegangen war, sah er an dem Rande eines Waldes einen Fuchs sitzen, legte seine Flinte an und zielte auf ihn. Der Fuchs rief „schieß mich nicht, ich will dir dafür einen guten Rat geben. Du bist auf dem Weg nach dem goldenen Vogel, und wirst heut abend in ein Dorf kommen, wo zwei Wirtshäuser einander gegenüberstehen. Eins ist hell erleuchtet, und es geht darin lustig her: da kehr aber nicht ein, sondern geh ins andere, wenn es dich auch schlecht ansieht.“ „Wie kann mir wohl so ein albernes Tier einen vernünftigen Rat erteilen!“ dachte der Königssohn und drückte los, aber er fehlte den Fuchs, der den Schwanz streckte und schnell in den Wald lief. Darauf setzte er seinen Weg fort und kam abends in das Dorf, wo die beiden Wirtshäuser standen: in dem einen ward gesungen und gesprungen, das andere hatte ein armseliges betrübtes Ansehen. „Ich wäre wohl ein Narr,“ dachte er, „wenn ich in das lumpige Wirtshaus ginge und das schöne liegen ließ.“ Also ging er in das lustige ein, lebte da in Saus und Braus, und vergaß den Vogel, seinen Vater und alle guten Lehren.
Als eine Zeit verstrichen und der älteste Sohn immer und immer nicht nach Haus gekommen war, so machte sich der zweite auf den Weg und wollte den goldenen Vogel suchen. Wie dem ältesten begegnete ihm der Fuchs und gab ihm den guten Rat, den er nicht achtete. Er kam zu den beiden Wirtshäusern, wo sein Bruder am Fenster des einen stand, aus dem der Jubel erschallte, und ihn anrief. Er konnte nicht widerstehen, ging hinein und lebte nur seinen Lüsten.
Wiederum verstrich eine Zeit, da wollte der jüngste Königssohn ausziehen und sein Heil versuchen, der Vater aber wollte es nicht zulassen. „Es ist vergeblich,“ sprach er, „der wird den goldenen Vogel noch weniger finden als seine Brüder, und wenn ihm ein Unglück zustößt, so weiß er sich nicht zu helfen; es fehlt ihm am Besten.“ Doch endlich, wie keine Ruhe mehr da war, ließ er ihn ziehen. Vor dem Walde saß wieder der Fuchs, bat um sein Leben und erteilte den guten Rat. Der Jüngling war gutmütig und sagte „sei ruhig, Füchslein, ich tue dir nichts zuleid.“ „Es soll dich nicht gereuen,“ antwortete der Fuchs, „und damit du schneller fortkommst, so steig hinten auf meinen Schwanz.“ Und kaum hatte er sich aufgesetzt, so fing der Fuchs an zu laufen, und da gings über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Als sie zu dem Dorfe kamen, stieg der Jüngling ab, befolgte den guten Rat und kehrte, ohne sich umzusehen, in das geringe Wirtshaus ein, wo er ruhig übernachtete.
Am andern Morgen, wie er auf das Feld kam, saß da schon der Fuchs und sagte „ich will dir weiter sagen, was du zu tun hast. Geh du immer geradeaus, endlich wirst du an ein Schloß kommen, vor dem eine ganze Schar Soldaten liegt, aber kümmre dich nicht darum, denn sie werden alle schlafen und schnarchen: geh mitten durch und geradeswegs in das Schloß hinein, und geh durch alle Stuben, zuletzt wirst du in eine Kammer kommen, wo ein goldener Vogel in einem hölzernen Käfig hängt. Nebenan steht ein leerer Goldkäfig zum Prunk, aber hüte dich, daß du den Vogel nicht aus seinem schlechten Käfig herausnimmst und in den prächtigen tust, sonst möchte es dir schlimm ergehen.“ Nach diesen Worten streckte der Fuchs wieder seinen Schwanz aus, und der Königssohn setzte sich auf: da gings über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Als er bei dem Schloß angelangt war, fand er alles so, wie der Fuchs gesagt hatte. Der Königssohn kam in die Kammer, wo der goldene Vogel in einem hölzernen Käfig saß, und ein goldener stand daneben: die drei goldenen Äpfel aber lagen in der Stube umher. Da dachte er, es wäre lächerlich, wenn er den schönen Vogel in dem gemeinen und häßlichen Käfig lassen wollte, öffnete die Türe, packte ihn und setzte ihn in den goldenen. In dem Augenblick aber tat der Vogel einen durchdringenden Schrei. Die Soldaten erwachten, stürzten herein und führten ihn ins Gefängnis. Den andern Morgen wurde er vor ein Gericht gestellt und, da er alles bekannte, zum Tode verurteilt. Doch sagte der König, er wollte ihm unter einer Bedingung das Leben schenken, wenn er ihm nämlich das goldene Pferd brächte, welches noch schneller liefe als der Wind, und dann sollte er obendrein zur Belohnung den goldenen Vogel erhalten.
Der Königssohn machte sich auf den Weg, seufzte aber und war traurig, denn wo sollte er das goldene Pferd finden? Da sah er auf einmal seinen alten Freund, den Fuchs, an dem Wege sitzen. „Siehst du,“ sprach der Fuchs, „so ist es gekommen, weil du mir nicht gehört hast. Doch sei gutes Mutes, ich will mich deiner annehmen und dir sagen, wie du zu dem goldenen Pferd gelangst. Du mußt geradesweges fortgehen, so wirst du zu einem Schloß kommen, wo das Pferd im Stalle steht. Vor dem Stall werden die Stallknechte liegen, aber sie werden schlafen und schnarchen, und du kannst geruhig das goldene Pferd herausführen. Aber eins mußt du in acht nehmen, leg ihm den schlechten Sattel von Holz und Leder auf und ja nicht den goldenen, der dabeihängt, sonst wird es dir schlimm ergehen.“ Dann streckte der Fuchs seinen Schwanz aus, der Königssohn setzte sich auf, und es ging fort über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Alles traf so ein, wie der Fuchs gesagt hatte, er kam in den Stall, wo das goldene Pferd stand: als er ihm aber den schlechten Sattel auflegen wollte, so dachte er „ein so schönes Tier wird verschändet, wenn ich ihm nicht den guten Sattel auflege, der ihm gebührt.“ Kaum aber berührte der goldene Sattel das Pferd, so fing es an laut zu wiehern. Die Stallknechte erwachten, ergriffen den Jüngling und warfen ihn ins Gefängnis. Am andern Morgen wurde er vom Gerichte zum Tode verurteilt, doch versprach ihm der König das Leben zu schenken und dazu das goldene Pferd, wenn er die schöne Königstochter vom goldenen Schlosse herbeischaffen könnte.
Mit schwerem Herzen machte sich der Jüngling auf den Weg, doch zu seinem Glücke fand er bald den treuen Fuchs. „Ich sollte dich nur deinem Unglück überlassen,“ sagte der Fuchs, „aber ich habe Mitleiden mit dir und will dir noch einmal aus deiner Not helfen. Dein Weg führt dich gerade zu dem goldenen Schlosse: abends wirst du anlangen, und nachts, wenn alles still ist, dann geht die schöne Königstochter ins Badehaus, um da zu baden. Und wenn sie hineingeht, so spring auf sie zu und gib ihr einen Kuß, dann folgt sie dir, und du kannst sie mit dir fortführen: nur dulde nicht, daß sie vorher von ihren Eltern Abschied nimmt, sonst kann es dir schlimm ergehen.“ Dann streckte der Fuchs seinen Schwanz, der Königssohn setzte sich auf, und so ging es über Stock und Stein, daß die Haare im Winde pfiffen. Als er beim goldenen Schloß ankam, war es so, wie der Fuchs gesagt hatte. Er wartete bis um Mitternacht, als alles in tiefem Schlaf lag und die schöne Jungfrau ins Badehaus ging, da sprang er hervor und gab ihr einen Kuß. Sie sagte, sie wollte gerne mit ihm gehen, bat ihn aber flehentlich und mit Tränen, er möchte ihr erlauben, vorher von ihren Eltern Abschied zu nehmen. Er widerstand anfänglich ihren Bitten, als sie aber immer mehr weinte und ihm zu Fuß fiel, so gab er endlich nach. Kaum aber war die Jungfrau zu dem Bette ihres Vaters getreten, so wachte er und alle anderen, die im Schloß waren, auf, und der Jüngling ward festgehalten und ins Gefängnis gesetzt.
Am andern Morgen sprach der König zu ihm „dein Leben ist verwirkt, und du kannst bloß Gnade finden, wenn du den Berg abträgst, der vor meinen Fenstern liegt, und über welchen ich nicht hinaussehen kann, und das mußt du binnen acht Tagen zustande bringen. Gelingt dir das, so sollst du meine Tochter zur Belohnung haben.“ Der Königssohn fing an, grub und schaufelte, ohne abzulassen, als er aber nach sieben Tagen sah, wie wenig er ausgerichtet hatte, und alle seine Arbeit so gut wie nichts war, so fiel er in große Traurigkeit und gab alle Hoffnung auf. Am Abend des siebenten Tags aber erschien der Fuchs und sagte „du verdienst nicht, daß ich mich deiner annehme, aber geh nur hin und lege dich schlafen, ich will die Arbeit für dich tun.“ Am andern Morgen, als er erwachte und zum Fenster hinaussah, so war der Berg verschwunden. Der Jüngling eilte vor Freude zum König und meldete ihm, daß die Bedingung erfüllt wäre, und der König mochte wollen oder nicht, er mußte Wort halten und ihm seine Tochter geben.
Nun zogen die beiden zusammen fort, und es währte nicht lange, so kam der treue Fuchs zu ihnen. „Das Beste hast du zwar,“ sagte er, „aber zu der Jungfrau aus dem goldenen Schloß gehört auch das goldene Pferd.“ „Wie soll ich das bekommen?“ fragte der Jüngling. „Das will ich dir sagen,“ antwortete der Fuchs, „zuerst bring dem Könige, der dich nach dem goldenen Schlosse geschickt hat, die schöne Jungfrau. Da wird unerhörte Freude sein, sie werden dir das goldene Pferd gerne geben und werden dirs vorführen. Setz dich alsbald auf und reiche allen zum Abschied die Hand herab, zuletzt der schönen Jungfrau, und, wenn du sie gefaßt hast, so zieh sie mit einem Schwung hinauf und jage davon: und niemand ist imstande, dich einzuholen, denn das Pferd läuft schneller als der Wind.“
Alles wurde glücklich vollbracht und der Königssohn führte die schöne Jungfrau auf dem goldenen Pferde fort. Der Fuchs blieb nicht zurück und sprach zu dem Jüngling „jetzt will ich dir auch zu dem goldenen Vogel verhelfen. Wenn du nahe bei dem Schlosse bist, wo sich der Vogel befindet, so laß die Jungfrau absitzen, und ich will sie in meine Obhut nehmen. Dann reit mit dem goldenen Pferd in den Schloßhof: bei dem Anblick wird große Freude sein, und sie werden dir den goldenen Vogel herausbringen. Wie du den Käfig in der Hand hast, so jage zu uns zurück und hole dir die Jungfrau wieder ab.“ Als der Anschlag geglückt war und der Königssohn mit seinen Schätzen heimreiten wollte, so sagte der Fuchs „nun sollst du mich für meinen Beistand belohnen.“ „Was verlangst du dafür?“ fragte der Jüngling. „Wenn wir dort in den Wald kommen, so schieß mich tot und hau mir Kopf und Pfoten ab.“ „Das wäre eine schöne Dankbarkeit,“ sagte der Königssohn, „das kann ich dir unmöglich gewähren.“ Sprach der Fuchs „wenn du es nicht tun willst, so muß ich dich verlassen; ehe ich aber fortgehe, will ich dir noch einen guten Rat geben. Vor zwei Stücken hüte dich, kauf kein Galgenfleisch und setze dich an keinen Brunnenrand.“ Damit lief er in den Wald.
Der Jüngling dachte „das ist ein wunderliches Tier, das seltsame Grillen hat. Wer wird Galgenfleisch kaufen! und die Lust, mich an einen Brunnenrand zu setzen, ist mir noch niemals gekommen.“ Er ritt mit der schönen Jungfrau weiter, und sein Weg führte ihn wieder durch das Dorf, in welchem seine beiden Brüder geblieben waren. Da war großer Auflauf und Lärmen, und als er fragte, was da vor wäre, hieß es, es sollten zwei Leute aufgehängt werden. Als er näher hinzukam, sah er, daß es seine Brüder waren, die allerhand schlimme Streiche verübt und all ihr Gut vertan hatten. Er fragte, ob sie nicht könnten frei gemacht werden. „Wenn Ihr für sie bezahlen wollt,“ antworteten die Leute, „aber was wollt Ihr an die schlechten Menschen Euer Geld hängen und sie loskaufen.“ Er besann sich aber nicht, zahlte für sie, und als sie frei gegeben waren, so setzten sie die Reise gemeinschaftlich fort.
Sie kamen in den Wald, wo ihnen der Fuchs zuerst begegnet war, und da es darin kühl und lieblich war und die Sonne heiß brannte, so sagten die beiden Brüder „laßt uns hier an dem Brunnen ein wenig ausruhen, essen und trinken.“ Er willigte ein, und während des Gesprächs vergaß er sich, setzte sich an den Brunnenrand und versah sich nichts Arges. Aber die beiden Brüder warfen ihn rückwärts in den Brunnen, nahmen die Jungfrau, das Pferd und den Vogel, und zogen heim zu ihrem Vater. „Da bringen wir nicht bloß den goldenen Vogel,“ sagten sie, „wir haben auch das goldene Pferd und die Jungfrau von dem goldenen Schlosse erbeutet.“ Da war große Freude, aber das Pferd, das fraß nicht, der Vogel, der pfiff nicht, und die Jungfrau, die saß und weinte.
Der jüngste Bruder war aber nicht umgekommen. Der Brunnen war zum Glück trocken, und er fiel auf weiches Moos, ohne Schaden zu nehmen, konnte aber nicht wieder heraus. Auch in dieser Not verließ ihn der treue Fuchs nicht, kam zu ihm herabgesprungen und schalt ihn, daß er seinen Rat vergessen hätte. „Ich kanns aber doch nicht lassen,“ sagte er, „ich will dir wieder an das Tageslicht helfen.“ Er sagte ihm, er sollte seinen Schwanz anpacken und sich fest daran halten, und zog ihn dann in die Höhe. „Noch bist du nicht aus aller Gefahr,“ sagte der Fuchs, „deine Brüder waren deines Todes nicht gewiß und haben den Wald mit Wächtern umstellt, die sollen dich töten, wenn du dich sehen ließest.“ Da saß ein armer Mann am Weg, mit dem vertauschte der Jüngling die Kleider und gelangte auf diese Weise an des Königs Hof. Niemand erkannte ihn, aber der Vogel fing an zu pfeifen, das Pferd fing an zu fressen, und die schöne Jungfrau hörte Weinens auf. Der König fragte verwundert „was hat das zu bedeuten?“ Da sprach die Jungfrau „ich weiß es nicht, aber ich war so traurig, und nun bin ich so fröhlich. Es ist mir, als wäre mein rechter Bräutigam gekommen.“ Sie erzählte ihm alles, was geschehen war, obgleich die andern Brüder ihr den Tod angedroht hatten, wenn sie etwas verraten würde. Der König hieß alle Leute vor sich bringen, die in seinem Schloß waren, da kam auch der Jüngling als ein armer Mann in seinen Lumpenkleidern, aber die Jungfrau erkannte ihn gleich und fiel ihm um den Hals. Die gottlosen Brüder wurden ergriffen und hingerichtet, er aber ward mit der schönen Jungfrau vermählt und zum Erben des Königs bestimmt.
Aber wie ist es dem armen Fuchs ergangen? Lange danach ging der Königssohn einmal wieder in den Wald, da begegnete ihm der Fuchs und sagte „du hast nun alles, was du dir wünschen kannst, aber mit meinem Unglück will es kein Ende nehmen, und es steht doch in deiner Macht, mich zu erlösen,“ und abermals bat er flehentlich, er möchte ihn totschießen und ihm Kopf und Pfoten abhauen. Also tat ers, und kaum war es geschehen, so verwandelte sich der Fuchs in einen Menschen, und war niemand anders als der Bruder der schönen Königstochter, der endlich von dem Zauber, der auf ihm lag, erlöst war. Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, solange sie lebten.
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 57. München 1977, S. 321–329.
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Inhaltsangabe
Im Lustgarten eines Königs steht ein Baum mit goldenen Äpfeln. Jede Nacht verschwindet eine Frucht. Die beiden älteren Söhne schlafen während ihrer Wache ein. Erst der jüngste hält durch, sieht einen goldenen Vogel und kann ihm eine Feder abschießen. Diese Feder ist mehr wert als das gesamte Königreich. Der König schickt seine Söhne aus, den ganzen Vogel zu holen.
Am Waldrand begegnet jedem Sohn ein sprechender Fuchs, der einen guten Rat gegen sein Leben anbietet. Die beiden älteren wollen ihn erschießen, verfehlen ihn und verspielen ihre Suche in einem lustigen Wirtshaus. Der jüngste verschont den Fuchs, lässt sich auf seinem Schwanz tragen und folgt seinem Rat. So findet er nacheinander den goldenen Vogel, das goldene Pferd und die Königstochter vom goldenen Schloss.
An jeder Station scheitert der Held einmal, weil er der Versuchung folgt, dem Vogel den goldenen Käfig zu geben, dem Pferd den goldenen Sattel oder der Jungfrau den Abschied von den Eltern zu gestatten. Jedes Mal hilft der Fuchs erneut. Die Bedingungen verschärfen sich, bis der Held einen Berg vor dem Fenster eines Königs abtragen soll und der Fuchs ihm im Schlaf die Arbeit abnimmt. Mit allen drei Schätzen kehrt der Held heim.
Auf dem Heimweg bittet der Fuchs darum, ihn totzuschießen und ihm Kopf und Pfoten abzuhauen. Der Held weigert sich. Der Fuchs warnt vor zwei Gefahren: kein Galgenfleisch zu kaufen und sich an keinen Brunnenrand zu setzen. Im Dorf seiner Brüder erkauft der Held diese vom Galgen frei. An einem Brunnen werfen ihn die Brüder hinab und nehmen seine Schätze. Der Fuchs rettet ihn, er kehrt verkleidet zurück, wird erkannt, die Brüder werden hingerichtet, er heiratet die Königstochter. Erst lange danach erfüllt er dem Fuchs seinen Wunsch und erlöst ihn aus dem Zauber: Der Fuchs war der Bruder seiner Frau.
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Entstehung und Überlieferungsgeschichte
Der goldene Vogel steht seit der zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen 1819 an Position 57. In der Erstauflage von 1812 trug das Märchen den Titel „Vom goldnen Vogel“. Die Brüder Grimm haben es nicht aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnet, sondern aus einer gedruckten Vorlage übernommen.
Die Hauptquelle: Günthers „Kindermährchen“ von 1787
Die Vorlage findet sich in der anonym erschienenen Sammlung Kindermährchen aus mündlichen Erzählungen gesammelt von Wilhelm Christoph Günther, Erfurt 1787. Dort steht als Nr. 26 das Märchen „Der treue Fuchs“. Heinz Rölleke hat in seinen Forschungen zur Quellengeschichte der KHM gezeigt, dass die Grimms ein seltenes Exemplar dieser Sammlung besaßen und mehrere Texte daraus aufnahmen.
Wusstest du?
Bis zur zweiten Auflage 1819 schickte der König nicht seine Söhne, sondern die drei Söhne eines Gärtners aus. Der Vater wollte den Jüngsten nicht ziehen lassen, weil er ihn lieb hatte. Wilhelm Grimm hat das Märchen mit jeder Auflage stilistisch geglättet und in die soziale Welt des Adels gehoben. Aus dem Gärtnersohn wurde ein Königssohn, aus der einfachen Erzählung ein literarisch durchgeformter Text.
Die parallele Wild-Variante: „Die weiße Taube“
Bereits 1808 hatte Gretchen Wild den Grimms eine sehr ähnliche Geschichte erzählt. Diese erschien in der Erstauflage 1812 als eigenes Märchen, KHM 64a „Die weiße Taube“. Ab der zweiten Auflage wurde sie zugunsten der Günther-Fassung gestrichen, da beide Texte zum selben Erzähltyp gehören. Die Wild-Familie, befreundet mit den Grimms in Kassel, gehörte zu den wichtigsten frühen Gewährspersonen. Dortchen Wild heiratete 1825 Wilhelm Grimm.
Bukowinische Tradition
Eine weitere wichtige Variante kam aus der Bukowina, gesammelt von Ludwig Adolf Staufe-Simiginowicz und veröffentlicht in Johann Wilhelm Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde, Band 2 (1854/55), S. 389ff. Diese Fassung zeigt, wie weit der Erzähltyp im südosteuropäischen Raum verbreitet war.
ATU-Typologie
Hans-Jörg Uther hat KHM 57 in seinem internationalen Typenkatalog unter ATU 550 „Bird, Horse and Princess“ klassifiziert. Das Märchen ist eine Kombination aus mehreren Typen:
- 1ATU 550 „Bird, Horse and Princess“: der eigentliche Kern, die dreigliedrige Suche nach Vogel, Pferd und Prinzessin.
- 2ATU 506 „The Grateful Dead“: der hilfreiche Fuchs ist ein verzauberter Mensch, der am Ende erlöst wird, eine Spielart des dankbaren Toten.
- 3ATU 551 „Das Wasser des Lebens“: die Heldenreise der drei Brüder, das Versagen der Älteren, der Sieg des Jüngsten, der Verrat am Brunnen.
Ältere literarische Vorläufer
Die Grimms vermuteten in ihrer Vorrede zum zweiten Band 1815 eine Verbindung zum goldhaarigen Vogel der Tristan-Sage, der König Mark das goldene Haar Isoldes bringt. Walter Scherf wies auf den mittelniederländischen Artusroman Roman van Walewein (13. Jahrhundert) hin. Auch Johannes Gobis Predigtexempel Nr. 538 aus dem Scala coeli (14. Jahrhundert) und Giovanni Francesco Straparolas Piacevoli notti 3,2 (1550/53) enthalten verwandte Motive. Der Erzähltyp gehört damit zu den nachweislich ältesten und am weitesten verbreiteten Suchmärchen Europas.
| Auflage | Titel | Besonderheit |
|---|---|---|
| 1812 | Vom goldnen Vogel | Drei Söhne eines Gärtners, parallel KHM 64a Die weiße Taube von Gretchen Wild |
| 1819 | Der goldene Vogel | Aufrückung zur Nr. 57, Söhne nun Königssöhne, Wild-Variante gestrichen |
| 1857 | Der goldene Vogel | Endgültige Fassung der Ausgabe letzter Hand, stilistisch ausgereift |
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Strukturelle und symbolische Analyse
KHM 57 folgt einer streng dreiteiligen Struktur, in der jeder Schritt das vorhergehende übertrifft. Die drei Brüder, drei Wachen, drei Suchaufgaben und drei Käfig-Sattel-Abschied-Versuchungen bilden ein dichtes Geflecht aus Wiederholung und Steigerung. Diese Triadik ist charakteristisch für den Erzähltyp ATU 550 und gehört zu den ältesten Bauformen des europäischen Volksmärchens.
Die Logik der Wiederholung
Drei Versuchungen, drei Schätze, drei Hilfen. Jedes Mal wiederholt sich dasselbe Muster: Der Fuchs warnt, der Held vergisst die Warnung, das Erscheinungsbild verführt zur falschen Wahl, die Strafe wird empfindlicher, der Fuchs hilft erneut. Erst die vierte Aufgabe, der Berg vor dem Fenster, durchbricht das Muster und wird vom Fuchs allein gelöst.
Symboltabelle
| Symbol | Bedeutung |
|---|---|
| Goldene Äpfel | Frucht der Unsterblichkeit und Lebenskraft. Hesperidengarten, Idun in der Edda, Paradiesapfel der Genesis. Ihr Verlust markiert eine kosmische Krise des Königreichs. |
| Goldener Vogel | Bote zwischen Himmel und Erde, in vielen Varianten ausdrücklich der Phönix. Symbol der Erneuerung und des höchsten geistigen Werts. Der Vogel pfeift erst, wenn der rechte Held in der Nähe ist. |
| Fuchs | Trickster und instinktsichere Vernunft. Tier der Schwellenwelt zwischen Wald und Kultur. Der listige Helfer ist hier ein verzauberter Mensch, der Bruder der Prinzessin. |
| Pferd | Schnelligkeit, Tatkraft, männliche Vitalität. Das goldene Pferd ist schneller als der Wind und gehört zur Hochzeitsausstattung der Prinzessin. |
| Königstochter | Anima und Lebenspartnerin. Ihr Weinen am fremden Hof und ihr Aufhören zu weinen markiert den Wechsel der Ordnung. |
| Holz vs. Gold | Käfig und Sattel: das Einfache trägt das Kostbare, das Glänzende verrät den Held. Eine Lektion über die Diskrepanz zwischen Schein und Wesen. |
| Brunnen | Schwelle zwischen Welten, Übergang zum Unbewussten. Der Sturz in den Brunnen ist symbolischer Tod, die Rettung durch den Fuchs ist Wiedergeburt. |
| Mitternacht | Stunde der Schwelle. Der goldene Vogel kommt genau um zwölf, die anderen Söhne schlafen ein. Wer wachbleibt, sieht das Numinose. |
Die Kausalkette der Versuchungen
Der Aufbau folgt einem klaren psychologischen Muster: Die Versuchung ist jedes Mal ästhetisch und sozial einleuchtend. Der schöne Vogel soll in den schönen Käfig. Das schöne Pferd verdient den schönen Sattel. Die schöne Jungfrau will sich anständig von ihren Eltern verabschieden. Jede Wahl folgt einer scheinbar selbstverständlichen Logik. Genau deshalb ist sie falsch. Wilhelm Grimm hat dieses Schema in der Endfassung 1857 stilistisch ausgereift.
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Figurenanalyse
Der jüngste Sohn
Der dritte Sohn ist der klassische Märchen-Dummling. Der Vater traut ihm wenig zu, „es fehlt ihm am Besten“. Anders als seine Brüder verschont er den Fuchs, hört auf sein Tier-Gegenüber und steigt sogar auf seinen Schwanz. Diese unbedingte Bereitschaft, dem Unwahrscheinlichen zu vertrauen, ist seine eigentliche Qualität. Zugleich ist er fehlbar: Drei Mal verfällt er der Verführung des äußeren Glanzes. Erst im Schlaf wird das vom Fuchs vollendet, was er selbst nicht schafft. Sein Wachstum besteht weniger im Erfolg als in der wachsenden Fähigkeit zur Demut.
Die beiden älteren Brüder
Sie sind die negative Folie. Klug, von sich selbst überzeugt, gewaltbereit. Beide wollen den Fuchs erschießen, beide gehen ins lustige Wirtshaus, beide vergessen ihren Auftrag „in Saus und Braus“. Am Ende werden sie zu Galgenkandidaten, und ihr eigener Bruder kauft sie frei. Statt Dankbarkeit zeigen sie tödlichen Neid. Sie verkörpern die Logik der äußeren Welt: kurzfristige Lust, Misstrauen gegenüber dem Fremden, Brudermord aus Konkurrenz.
Der Vater-König
Ein zwiespältiger Vater. Er traut dem Jüngsten nichts zu, schickt ihn aber doch los. Sein Verlust der goldenen Äpfel ist der eigentliche Auslöser der Geschichte, aber er selbst bleibt passiv. Tiefenpsychologisch lässt sich seine Figur als alterndes Selbst lesen, das seine Erneuerung dem jüngsten, unverbrauchten Anteil überlassen muss.
Der Fuchs
Die Zentralfigur des Märchens. Mehr als ein Helfer, weniger als ein Mensch. Er weiß alles im Voraus, kann übernatürlich schnell laufen, übersteht jede Gefahr und ist doch selbst der Erlösung bedürftig. Bei Symbolonline heißt es, der Fuchs sei in KHM 57 das hilfreiche Tier schlechthin, das den Helden mit seiner „instinktsicheren Weisheit durch alle Gefahren“ begleitet. Seine Doppelnatur als Tier und verzauberter Schwager ist der entscheidende Schlüssel zur Deutung.
Die Königstochter vom goldenen Schloss
Sie ist nicht passiv. Sie spricht den fremden Helden an, bittet weinend um den Abschied von ihren Eltern, weint am fremden Hof, hört im richtigen Moment auf zu weinen und erkennt ihren Bräutigam wieder. Ihr emotionales Verhalten ist gleichsam der Indikator für die Wahrheit. Sie spürt sofort, wer der Echte ist, und verrät das Geheimnis trotz Todesdrohung der falschen Brüder.
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Tiefenpsychologische Lesart: Drewermann, Jung, von Franz
Eugen Drewermann: Die Logik des Kontrastes
Eugen Drewermann hat KHM 57 in seinem zweiten Band der Reihe Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet (zusammen mit Ingritt Neuhaus, Walter Verlag 1982, später Patmos 2015) ausführlich analysiert. Seine zentrale These: Das Märchen sei darauf angelegt, „den sogenannten gesunden Menschenverstand als irrig zu erweisen“. Der Fuchs repräsentiere eine instinktive Vernunft, deren Logik der Logik des Kontrastes folgt. Was nach außen unscheinbar wirkt, ist innerlich das Echte. Was glänzt, ist die Falle.
Es kommt alles darauf an, um der eigenen Rettung willen auf die gewohnte Alltagslogik zu verzichten und auf diesen Fuchs zu hören. Wo nicht, droht prompt und regelmäßig die Katastrophe der Verstandeslogik.
Eugen Drewermann, Der goldene Vogel, sinngemäß zusammengefasst
Drewermann sieht im Märchen ein Plädoyer für das instinktive Wissen, das nicht aus der Schule kommt und nicht aus dem Rat der höfischen Räte, sondern aus einer tieferen Schicht der Psyche. Der Fuchs ist die Stimme dieser Schicht. Wer ihn erschießen will wie die älteren Brüder, schließt sich von der eigenen Tiefe ab.
C.G. Jung und Marie-Louise von Franz: Schatten und Animus
Aus jungianischer Perspektive ist der Fuchs eine Schattenfigur, die zugleich Animus-Anteile trägt. Marie-Louise von Franz hat in ihrer Interpretation of Fairy Tales (1970) und in Shadow and Evil in Fairy Tales (1974) gezeigt, dass hilfreiche Tiere im Märchen oft personifizierte Schattenanteile sind, die der Held integrieren muss. Der Fuchs ist klug, sinnlich, körperlich. Er kennt Geheimnisse und Listen, die der Held nicht beherrscht. Indem der Held auf ihn hört, integriert er instinktive Kräfte in sein Bewusstsein.
Die finale Erlösung des Fuchses durch das Abschlagen von Kopf und Pfoten ist die rituelle Auflösung dieser Tier-Mensch-Gestalt. Die instinktive Hilfe ist so weit ins Bewusstsein des Helden eingegangen, dass sie ihre tiergestaltige Form ablegen kann. Der Schatten wird zum Schwager: zur erwachsenen, kollegialen Beziehung zum bisher Verdrängten. Hedwig von Beit hat in ihrer Symbolik des Märchens (1952ff.), die wesentlich auf von Franz' Forschungen beruhte, ähnliche Strukturen in zahlreichen Helfer-Tier-Märchen nachgewiesen.
Der Brunnen als Initiationsschwelle
Der Sturz in den Brunnen ist mehr als Verrat. In der Symbolik des Märchens ist der Brunnen die Schwelle zur Unterwelt, zum Unbewussten. Der Held muss sterben, um wiedergeboren zu werden. Erst aus dieser Tiefe heraus kann er als Lumpenmann inkognito zurückkehren und sich neu erweisen. Sein Aufstieg am Fuchsschwanz aus dem Brunnen ist eine archetypische Wiedergeburtsszene, vergleichbar mit dem Aufstieg aus dem Bauch des Wals oder dem Heraussteigen aus der Höhle. Bruno Bettelheim hat in Kinder brauchen Märchen (1976) wiederholt darauf hingewiesen, dass solche Untergangs- und Wiederauftauch-Sequenzen den Reifungsprozess des Kindes spiegeln.
Die Verkleidung als Lumpenmann
Erkenntnis kommt nicht über Selbstbehauptung, sondern über Erniedrigung. Der Held muss in Lumpen zurück an den Hof, niemand erkennt ihn. Doch der Vogel pfeift, das Pferd frisst, die Jungfrau hört auf zu weinen. Die Tiere und die wahre Geliebte erkennen das Wesen unter der Hülle. Diese Szene gehört zu den feinsten psychologischen Beobachtungen im gesamten Märchen: Wer wirklich verbunden ist, sieht durch jede Verkleidung hindurch.
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Gesellschaftskritische und sozialhistorische Lesart
Vom Gärtnersohn zum Königssohn
Die Umarbeitung der Hauptfigur zwischen 1812 und 1819 ist gesellschaftspolitisch aufschlussreich. In der Erstauflage waren die drei Helden Söhne eines Gärtners, also Angehörige der dienenden Schicht. Wilhelm Grimm hob sie in der zweiten Auflage zu Königssöhnen empor. Diese Verschiebung folgt einem Muster, das Jack Zipes in Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) und Breaking the Magic Spell (1979) beschrieben hat: Die Grimms haben die Märchen schrittweise an bürgerliche und höfische Vorstellungen angepasst. Soziale Aufsteigergeschichten verloren ihren Klassencharakter.
Die Heldenreise und der Aufstiegsmythos
Trotz dieser Glättung trägt das Märchen einen deutlichen Aufstiegskern. Der Jüngste, der vom Vater geringgeschätzt wird, übertrifft am Ende alle. Drei Königreiche werden aufgesucht, drei Schätze gewonnen, der Vater geerbt. Heinz Rölleke hat in mehreren Forschungsaufsätzen gezeigt, dass solche Aufstiegsgeschichten den bürgerlich-aufklärerischen Idealen ihrer Sammler entgegenkamen: Verdienst durch Tüchtigkeit, Belohnung durch Tugend.
Die Brüder als Konkurrenten
Die brudermörderische Konkurrenz ist ein altes biblisches Motiv. Kain und Abel, Josef und seine Brüder. KHM 57 erzählt diese Konstellation in der Volksversion: nicht der Älteste erbt, sondern der Tüchtigste. Damit steht das Märchen quer zum aristokratischen Erstgeburtsrecht (Primogenitur) und zur strengen Erbordnung des frühen 19. Jahrhunderts. Die Botschaft ist subtil egalitär: Wer es verdient, gewinnt, unabhängig von der Geburtsreihenfolge.
Die Königstochter und ihre Eltern
Bemerkenswert ist die Szene des Abschieds. Die Königstochter ist bereit, mit einem Fremden zu gehen, der ihr nachts beim Bad einen Kuss gegeben hat. Sie will sich nur von ihren Eltern verabschieden, was zur sofortigen Entdeckung führt. Aus heutiger Sicht ist die Szene problematisch: Die Frau hat keinen Anteil an der Entscheidung über ihr Schicksal, ihre einzige aktive Bitte (der Abschied) wird ihr zum Verhängnis. Angela Carter hat in ihrem Band The Bloody Chamber (1979) gezeigt, wie sich solche Strukturen in modernen Umschreibungen umkehren lassen.
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Internationale Parallelen
ATU 550 ist einer der am weitesten verbreiteten europäischen Erzähltypen. Varianten finden sich von Irland bis Russland, von Skandinavien bis Sizilien. Der Wikipedia-Artikel zum Märchentyp listet eigene Aufzeichnungen aus dem tschechischen, polnischen, slowenischen, serbischen, bulgarischen, rumänischen, finnischen, estnischen, litauischen und ukrainischen Sprachraum.
| Variante | Herkunft | Besonderheit |
|---|---|---|
| Zarewitsch Iwan, der Feuervogel und der graue Wolf | Russland | Bekannteste slawische Fassung. Wolf statt Fuchs als Helfer, Verrat der Brüder, Wiederbelebung durch Wasser des Lebens. |
| The Bird ‘Grip’ | Schweden | Skandinavische Variante mit blindem König, der durch den Gesang des Vogels geheilt werden soll. |
| How Ian Direach got the Blue Falcon | Schottland | Gälische Fassung mit Falke statt Goldvogel, Helfer ist ein verzaubertes Tier. |
| Der Vogel Venus | Oberschlesien | Bei Joseph von Eichendorff gesammelt, später von Karl von Eichendorff veröffentlicht. Der König will den Vogel, um seine Jugend zurückzugewinnen. |
| Der Goldvogel | Finnland | Aufgezeichnet von August von Löwis of Menar in seinen Finnischen und estnischen Volksmärchen (Jena 1922). |
| Der Vogel Phönix | Deutschland | Bei Johann Wilhelm Wolf in Deutsche Hausmärchen (Göttingen/Leipzig 1851), expliziter Bezug auf den Phönix-Mythos. |
Die Bandbreite der Helferfigur ist auffällig: Fuchs, Wolf, Hase, Löwe, Bär, in einigen Versionen auch Greis. Der gemeinsame Kern bleibt: ein tierischer oder menschgewordener Helfer mit übernatürlichem Wissen, der am Ende erlöst werden muss.
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Rezeptionsgeschichte
Im Vergleich zu den großen Klassikern
Der goldene Vogel hat nie die ikonische Stellung von Aschenputtel, Sneewittchen oder Hänsel und Gretel erreicht. Das liegt an seiner episodischen Struktur: Drei Suchaufgaben, drei Schlösser, drei Versuchungen, gefolgt von einem nachträglichen Verrats-Kapitel. Für die klassische Bilderbuch-Illustration ist das schwierig zu fassen, da kein einzelnes Bild den Kern des Märchens transportiert.
Illustrationsgeschichte
Eine frühe und bekannte Illustration stammt von George Cruikshank für die englische Übersetzung German Popular Stories von Edgar Taylor (1823): der Prinz, der auf dem Rücken des Fuchses reitet. Diese Szene wurde zum visuellen Kern des Märchens. Auch Walter Crane und Arthur Rackham haben den goldenen Vogel illustriert. Im 20. Jahrhundert lieferte Otto Ubbelohde für die Insel-Ausgabe der KHM (1907ff.) klassische Federzeichnungen.
Verfilmungen
Eine deutsche Fernsehverfilmung entstand 2013 als Teil der ZDF-Reihe Märchenperlen. Davor gab es die tschechoslowakische Verfilmung Princ a Večernice (1979). Insgesamt zählt KHM 57 zu den selteneren verfilmten Grimm-Stoffen, vermutlich wegen der erzählerischen Komplexität.
Nachhall in der modernen Literatur
Das Motiv des sprechenden Tieres als verzauberter Verwandter findet sich in unzähligen späteren Erzählungen wieder, von Andersens Die wilden Schwäne bis zu Michael Endes Die unendliche Geschichte. Auch in der Fantasy-Literatur ist die Trickster-Helferfigur als verzauberter Mensch eine gängige Konvention. Philip Pullmans Romanreihe His Dark Materials baut mit ihren Daemonen auf einem strukturell ähnlichen Verständnis von Tier und menschlicher Seele auf.
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Sprachliche Besonderheiten
Der Stil der Endfassung von 1857 zeigt Wilhelm Grimms ausgereifte Bearbeitungstechnik. Die Sätze sind kurz und parataktisch gereiht, die direkte Rede dominiert, Adjektive werden sparsam eingesetzt. Auffällig sind die formelhaften Wiederholungen, die jeder mündlichen Erzählung Halt geben:
- →„dass die Haare im Winde pfiffen“: Diese Formel wird viermal exakt wiederholt, jedes Mal wenn der Fuchs den Helden auf seinem Schwanz transportiert. Solche Formeln sind charakteristisch für mündliche Erzähltradition.
- →Tempuswechsel: Der Erzähler springt zwischen Präteritum und historischem Präsens. Diese Lebendigkeit ist typisch für gesprochenes Erzählen.
- →Diminutiv-Anrede: Der jüngste Sohn nennt den Fuchs „Füchslein“. Dieser Zärtlichkeitston steht im scharfen Kontrast zur gewaltsamen Reaktion der älteren Brüder. Die Anrede zeigt, dass der Held das Tier als Wesen achtet.
- →„Es fehlt ihm am Besten“: Der Vater spricht in der Negation, was den Sohn ihm fehlt. Eine sprachliche Geste, die das eigentliche Beste des Sohnes (seine Bereitschaft zur Demut) gerade nicht erkennt.
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Für Schule und Unterricht
Differenzierte Aufgaben · Klasse 5–13
- →Klasse 5–6: Erzählt das Märchen in eigenen Worten nach und markiert die drei Versuchungen, denen der jüngste Sohn nicht widerstehen kann. Was geht jedes Mal schief?
- →Klasse 7–8: Vergleicht den jüngsten Sohn mit seinen beiden Brüdern. Welche Eigenschaften haben sie? Warum schaffen die Älteren ihre Aufgabe nicht?
- →Klasse 9–10: Schreibt eine moderne Version, in der das Märchen heute spielt. Wer wäre der Fuchs in eurer Welt? Welche Versuchungen würden den Held heute zum Scheitern bringen?
- →Klasse 11–13: Analysiert die Funktion des Fuchses in der Tradition des hilfreichen Tiers. Bezieht Marie-Louise von Franz oder Bruno Bettelheim ein. Diskutiert: Ist der Fuchs Helfer, Schatten, Animus oder ein erlösungsbedürftiger Mensch?
- →Sekundarstufe II (Vertiefung): Vergleicht die Erstfassung 1812 (drei Söhne eines Gärtners) mit der Endfassung 1857 (drei Königssöhne). Welche gesellschaftspolitischen Implikationen hat die Umarbeitung? Bezieht Jack Zipes' Thesen zur bürgerlichen Vereinnahmung der Grimm-Märchen ein.
Schreibimpuls Erzählerwerkstatt
Schreibt das Märchen aus der Perspektive des Fuchses. Was denkt er, während der jüngste Sohn ihn dreimal in der Versuchung allein lässt? Wann verliert er die Geduld? Was empfindet er, als er endlich erlöst wird?
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Für Seminar und Hausarbeit
Wissenschaftliche Literatur
Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 57), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vorlage: Wilhelm Christoph Günther, Kindermährchen aus mündlichen Erzählungen gesammelt, Erfurt 1787, Nr. 26 „Der treue Fuchs“
Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU 550 bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004) · Johannes Bolte / Jiří Polívka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Bd. 1 (1913), S. 503–515
Tiefenpsychologie: Eugen Drewermann und Ingritt Neuhaus, Der goldene Vogel, Walter Verlag 1982 (Neuausgabe in: Landschaften der Seele oder: Wie uns die Liebe verzaubert, Patmos 2015) · Marie-Louise von Franz, Interpretation of Fairy Tales (1970) · Marie-Louise von Franz, Shadow and Evil in Fairy Tales (1974) · C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954) · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · Hedwig von Beit, Symbolik des Märchens (1952ff.)
Gesellschaft und Feminismus: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Jack Zipes, Breaking the Magic Spell (1979) · Angela Carter, The Bloody Chamber (1979) für moderne Umschreibungen des Stoffes
Ältere Vorläufer: Penninc und Pieter Vostaert, Roman van Walewein (13. Jh.) · Johannes Gobi, Scala coeli, Exempel Nr. 538 (14. Jh.) · Giovanni Francesco Straparola, Piacevoli notti 3,2 (Venedig 1550/53) · Walter Scherf, Das Märchenlexikon (1995)
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Häufige Fragen zu Der goldene Vogel (KHM 57)
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 57. München 1977, S. 321–328. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004904184. Lizenz: Gemeinfrei.