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Der Zaunkönig

Der Zaunkönig, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 171)
30:07

Das Wichtigste in Kürze

Wer am höchsten fliegt, ist noch lange kein König: Wie ein namenloser Vogel die Mächtigen austrickst

  • Uralte Fabel, spät aufgenommen: Erst ab der vierten Auflage von 1840 gehört „Der Zaunkönig“ zu den KHM. Vorlage war eine plattdeutsche Fassung aus Mecklenburg, was die zahlreichen Dialektpassagen erklärt.
  • ATU 221, mindestens 2.500 Jahre alt: Schon Aristoteles, Plutarch und Plinius kannten die Fabel von der Königswahl der Vögel. Sie zählt zu den ältesten durchgehend überlieferten Erzählstoffen Europas.
  • List schlägt Stärke: Der Adler fliegt am höchsten, doch ein namenloser Kleiner gewinnt durch Täuschung. Das Märchen stellt die Frage, wer wirklich zu herrschen verdient, Kraft oder Klugheit.
  • Bis heute lebendig: In Irland und auf der Isle of Man erinnert der Brauch des Wren Day am Stephanstag noch immer an genau diese Legende vom kleinen Vogelkönig.

Inhalt

  1. Der Originaltext
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehungsgeschichte
  4. ATU-Typologie und Fabeltradition
  5. Strukturanalyse und Symbolik
  6. Figurenanalyse
  7. Tiefenpsychologische Lesart
  8. Sozialkritische Lesart
  9. Internationale Parallelen
  10. Rezeptionsgeschichte
  11. Sprachliche Besonderheiten
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Der Originaltext

In den alten Zeiten, da hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. Wenn der Hammer des Schmieds ertönte, so rief er „smiet mi to! smiet mi to!“ Wenn der Hobel des Tischlers schnarrte, so sprach er „dor häst! dor, dor häst!“ Fing das Räderwerk der Mühle an zu klappern, so sprach es „help, Herr Gott! help, Herr Gott!“ und war der Müller ein Betrüger, und ließ die Mühle an, so sprach sie hochdeutsch und fragte erst langsam „wer ist da? wer ist da?“ dann antwortete sie schnell „der Müller! der Müller!“ und endlich ganz geschwind „stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Achtel drei Sechter.“

Zu dieser Zeit hatten auch die Vögel ihre eigene Sprache, die jedermann verstand, jetzt lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen, und bei einigen wie Musik ohne Worte. Es kam aber den Vögeln in den Sinn, sie wollten nicht länger ohne Herrn sein und einen unter sich zu ihrem König wählen. Nur einer von ihnen, der Kiebitz, war dagegen: frei hatte er gelebt und frei wollte er sterben, und angstvoll hin und herfliegend rief er „wo bliew ick? wo bliew ick?“ Er zog sich zurück in einsame und unbesuchte Sümpfe und zeigte sich nicht wieder unter seinesgleichen.

Die Vögel wollten sich nun über die Sache besprechen, und an einem schönen Maimorgen kamen sie alle aus Wäldern und Feldern zusammen, Adler und Buchfinke, Eule und Krähe, Lerche und Sperling, was soll ich sie alle nennen? Selbst der Kuckuck kam und der Wiedehopf, sein Küster, der so heißt, weil er sich immer ein paar Tage früher hören läßt, auch ein ganz kleiner Vogel, der noch keinen Namen hatte, mischte sich unter die Schar. Das Huhn, das zufällig von der ganzen Sache nichts gehört hatte, verwunderte sich über die große Versammlung. „Wat, wat, wat is den dar to don?“ gackerte es, aber der Hahn beruhigte seine liebe Henne und sagte „luter riek Lüd,“ erzählte ihr auch, was sie vorhätten. Es ward aber beschlossen, daß der König sein sollte, der am höchsten fliegen könnte. Ein Laubfrosch, der im Gebüsch saß, rief, als er das hörte, warnend „natt, natt, natt! natt, natt, natt!“ weil er meinte, es würden deshalb viel Tränen vergossen werden. Die Krähe aber sagte „Quark ok,“ es sollte alles friedlich abgehen.

Es ward nun beschlossen, sie wollten gleich an diesem schönen Morgen aufsteigen, damit niemand hinterher sagen könnte „ich wäre wohl noch höher geflogen, aber der Abend kam, da konnte ich nicht mehr.“ Auf ein gegebenes Zeichen erhob sich also die ganze Schar in die Lüfte. Der Staub stieg da von dem Felde auf, es war ein gewaltiges Sausen und Brausen und Fittichschlagen, und es sah aus, als wenn eine schwarze Wolke dahinzöge. Die kleinern Vögel aber blieben bald zurück, konnten nicht weiter und fielen wieder auf die Erde. Die größern hieltens länger aus, aber keiner konnte es dem Adler gleichtun, der stieg so hoch, daß er der Sonne hätte die Augen aushacken können. Und als er sah, daß die andern nicht zu ihm herauf konnten, so dachte er „was willst du noch höher fliegen, du bist doch der König,“ und fing an, sich wieder herabzulassen. Die Vögel unter ihm riefen ihm alle gleich zu „du mußt unser König sein, keiner ist höher geflogen als du.“ „Ausgenommen ich,“ schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte. Und da er nicht müde war, so stieg er auf und stieg so hoch, daß er Gott auf seinem Stuhle konnte sitzen sehen. Als er aber so weit gekommen war, legte er seine Flügel zusammen, sank herab und rief unten mit feiner durchdringender Stimme „König bün ick! König bün ick!“

„Du unser König?“ schrien die Vögel zornig, „durch Ränke und Listen hast du es dahin gebracht.“ Sie machten eine andere Bedingung, der sollte ihr König sein, der am tiefsten in die Erde fallen könnte. Wie klatschte da die Gans mit ihrer breiten Brust wieder auf das Land! Wie scharrte der Hahn schnell ein Loch! Die Ente kam am schlimmsten weg, sie sprang in einen Graben, verrenkte sich aber die Beine und watschelte fort zum nahen Teiche mit dem Ausruf „Pracherwerk! Pracherwerk!“ Der Kleine ohne Namen aber suchte ein Mäuseloch, schlüpfte hinab und rief mit seiner feinen Stimme heraus „König bün ick! König bün ick!“

„Du unser König?“ riefen die Vögel noch zorniger, „meinst du, deine Listen sollten gelten?“ Sie beschlossen, ihn in seinem Loch gefangen zu halten und auszuhungern. Die Eule ward als Wache davor gestellt: sie sollte den Schelm nicht herauslassen, so lieb ihr das Leben wäre. Als es aber Abend geworden war und die Vögel von der Anstrengung beim Fliegen große Müdigkeit empfanden, so gingen sie mit Weib und Kind zu Bett. Die Eule allein blieb bei dem Mäuseloch stehen und blickte mit ihren großen Augen unverwandt hinein. Indessen war sie auch müde geworden und dachte „ein Auge kannst du wohl zutun, da wachst ja noch mit dem andern, und der kleine Bösewicht soll nicht aus seinem Loch heraus!“ Also tat sie das eine Auge zu und schaute mit dem andern steif auf das Mäuseloch. Der kleine Kerl guckte mit dem Kopf heraus und wollte wegwitschen, aber die Eule trat gleich davor, und er zog den Kopf wieder zurück. Dann tat die Eule das eine Auge wieder auf und das andere zu, und wollte so die ganze Nacht abwechseln. Aber als sie das eine Auge wieder zumachte, vergaß sie das andere aufzutun, und sobald die beiden Augen zu waren, schlief sie ein. Der Kleine merkte das bald und schlüpfte weg.

Von der Zeit an darf sich die Eule nicht mehr am Tage sehen lassen, sonst sind die andern Vögel hinter ihr her und zerzausen ihr das Fell. Sie fliegt nur zur Nachtzeit aus, haßt aber und verfolgt die Mäuse, weil sie solche böse Löcher machen. Auch der kleine Vogel läßt sich nicht gerne sehen, weil er fürchtet, es ginge ihm an den Kragen, wenn er erwischt würde. Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen „König bün ick!“ und deshalb nennen ihn die andern Vögel aus Spott Zaunkönig.

Niemand aber war froher als die Lerche, daß sie dem Zaunkönig nicht zu gehorchen brauchte. Wie sich die Sonne blicken läßt, steigt sie in die Lüfte und ruft „ach, wo is dat schön! schön is dat! schön! schön! ach, wo is dat schön!“

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 171. München 1977, S. 715–718.

Weiterführend auf Märchenbrause
Der alte Sultan (KHM 48): Solidarität unter Tieren im Grimm’schen Tierreich

Inhaltsangabe

Das Märchen beginnt mit einem ätiologischen Rahmen: In einer Urzeit hatte jedes Geräusch noch Bedeutung, der Hammer des Schmieds, der Hobel des Tischlers, das Mahlwerk der Mühle, sie alle sprachen in Worten. Auch die Vögel besaßen eine gemeinsame Sprache. Als sie beschließen, einen König zu wählen, verweigert allein der Kiebitz die Teilnahme und zieht sich in die Freiheit der Sümpfe zurück.

Bei der Vogelversammlung wird festgelegt, dass der höchste Flieger König werden soll. Der Adler übertrifft alle anderen, doch im entscheidenden Moment offenbart sich ein blinder Fleck der Regel: Ein namenloser, winziger Vogel hat sich unbemerkt im Brustgefieder des Adlers versteckt, steigt im Moment von dessen Erschöpfung noch höher auf und ruft triumphierend „König bün ick!“. Die Vögel erkennen den Sieg nicht an und verlangen eine zweite, unmanipulierbare Probe, das tiefste Loch in der Erde. Wieder gewinnt der Kleine durch List, indem er ein Mäuseloch nutzt statt selbst zu graben.

Als offener Betrug erkannt, wird er in seinem Loch eingesperrt und soll ausgehungert werden. Die zur Wache abgestellte Eule schläft trotz ihrer zwei Augen ein, und der Gefangene entkommt. Das Märchen schließt mit einer doppelten Ätiologie: Die Eule darf sich seither nur nachts zeigen, da die anderen Vögel sie tagsüber attackieren, und sie rächt sich an den Mäusen. Der kleine Vogel wiederum versteckt sich fortan in Hecken und Zäunen und ruft von dort gelegentlich seinen alten Königsspruch, weshalb er von den anderen spöttisch Zaunkönig genannt wird. Die Lerche schließlich freut sich hörbar darüber, keinem der beiden Streitparteien Gehorsam schuldig zu sein.

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Entstehungsgeschichte

„Der Zaunkönig“ gehört zu den spät aufgenommenen Texten der Sammlung. Er erscheint erst ab der vierten Auflage von 1840 im zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen und bleibt bis zur letzten Auflage von 1857 unverändert Bestandteil des Corpus. Als Quelle diente den Grimms eine Fassung von Johann Jakob Nathanael Mussäus, die im Jahrbuch des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde von 1840 erschienen war. Diese norddeutsche Herkunft erklärt, warum der Text durchgehend zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch wechselt, eine sprachliche Besonderheit, die den Text von den meisten klassischen Grimm-Zaubermärchen deutlich unterscheidet.

Wusstest du?

Die Fabel von der Königswahl der Vögel ist mindestens 2.500 Jahre alt. Bereits Aristoteles erwähnt sie in seiner Historia Animalium, Plutarch führt sie in seinen Politischen Ratschlägen als Beleg dafür an, dass Klugheit über Kraft siegen kann, und auch Plinius der Ältere kennt die Geschichte in seiner Naturalis Historia. Die Grimms haben damit eine der ältesten durchgängig belegten Erzählungen Europas aufgenommen, allerdings über den Umweg einer neuzeitlichen norddeutschen Volkserzählung.

Namensgebend für den kleinen Vogel wirkte die Legende in vielen Sprachen bis heute nach: Griechisch kennt ihn als Basileus (König) oder Basiliskos (Königlein), das Niederländische als winterkoninkje, und selbst im Japanischen trägt er einen Namen, der so viel wie König der Vögel bedeutet. Im Deutschen hat die antike Überlieferung die ältere germanische Bezeichnung wrendo verdrängt, während sich diese im Englischen als wren erhalten hat.

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ATU-Typologie und Fabeltradition

Nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index ist „Der Zaunkönig“ als ATU 221, Die Wahl des Vogelkönigs, klassifiziert. Hans-Jörg Uther ordnet den Stoff in sein Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen als klassisches ätiologisches Tiermärchen ein, das Naturphänomene, hier das Verhalten und die Namen bestimmter Vogelarten, aus einer erzählten Vorgeschichte erklärt. Anders als etwa Zaubermärchen mit ihren magischen Helfern und Verwandlungen funktioniert ATU 221 nach dem Prinzip der Fabel: Tiere handeln wie Menschen, mit Machtansprüchen, Neid und politischen Ränken, und ihr Verhalten begründet am Ende eine beobachtbare Eigenschaft der realen Art.

In der Forschung wird zwischen einer einfachen und einer dreiteiligen Vollform unterschieden. Die älteste, antike Version, wie sie bei Aristoteles, Plutarch und Plinius vorliegt, kennt nur den Hochflug-Wettbewerb (AaTh 221 A). Die zweite Episode mit dem Falltest in die Tiefe (AaTh 221 B) sowie die Gefangenschaft unter Bewachung der Eule kommen erst in neuzeitlichen, vor allem mitteleuropäischen Fassungen hinzu, wie sie auch der Grimm-Text bietet. Die Grimm-Fassung stellt damit eine vergleichsweise späte, ausgebaute Stufe der Erzähltradition dar, die den ursprünglichen Trickster-Witz um eine zweite Bewährungsprobe und eine Straf- und Fluchthandlung erweitert.

Eng verwandt ist KHM 102, „Der Zaunkönig und der Bär“ (ATU 222), in dem derselbe kleine Vogel im Krieg zwischen Vögeln und Vierfüßlern die entscheidende Rolle spielt und den Bären besiegt. Auch KHM 172, „Die Scholle“, mit der Königswahl der Fische, und KHM 174, „Die Eule“, mit der Erklärung für die Feindschaft zwischen Vögeln und Eulen, gehören zum selben thematischen Umkreis ätiologischer Tiererzählungen innerhalb der Sammlung.

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Strukturanalyse und Symbolik

Die Erzählung folgt einer klaren Kausalkette aus Rahmenexposition, doppelter Bewährungsprobe und Straf- und Fluchthandlung, die in einer doppelten Ätiologie mündet.

  1. 1Rahmen: In der Urzeit besitzen Dinge und Tiere eine verständliche Sprache, die Grundlage für die folgende ätiologische Erzählung.
  2. 2Erste Probe: Der Höhenflug, scheinbar objektiv und unmanipulierbar, wird durch das Versteck im Gefieder des Adlers unterlaufen.
  3. 3Zweite Probe: Der Falltest soll Betrug ausschließen, wird aber erneut durch List, das Mäuseloch, gewonnen.
  4. 4Strafe und Bewachung: Die Gemeinschaft entzieht dem Sieger nachträglich die Anerkennung und versucht, ihn zu beseitigen.
  5. 5Doppelte Ätiologie: Flucht und Freiheit begründen zugleich das Verhalten der Eule und den Namen des Zaunkönigs.

Bemerkenswert ist, dass die Vögel die Spielregeln zweimal nachträglich ändern, sobald ihnen das Ergebnis nicht passt. Die vermeintlich neutrale Regel, wer höher fliegt oder tiefer fällt, erweist sich als beliebig auslegbar, sobald die Mächtigen ein anderes Ergebnis wollen. Das Märchen erzählt damit auch von der Fragilität selbst gesetzter Normen.

Symbol Bedeutung im Text Interpretationsebene
Der namenlose Vogel Kleinster, unscheinbarster Teilnehmer ohne Namen und Status Trickster, Außenseiter, unterschätztes Potenzial
Der Adler Fliegt am höchsten, hält sich selbstverständlich für König Legitime Macht durch Kraft, naive Selbstgewissheit
Das Mäuseloch Zuflucht bei der zweiten Probe und späteres Gefängnis Unterwelt, Verborgenheit, Grenzraum zwischen Sichtbarkeit und Schutz
Die Eule als Wache Soll mit zwei Augen unentwegt wachen, schläft aber ein Grenzen institutioneller Kontrolle, Sündenbockmechanismus
Zaun und Hecke Rückzugsort des entkommenen Vogels Grenzraum zwischen Kultur und Wildnis, dauerhafter Ausnahmezustand

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Figurenanalyse

Der namenlose Vogel (später Zaunkönig) ist der eigentliche Protagonist und ein klassischer Trickster: klein, unbedeutend, ohne festen Platz in der Ordnung der Versammlung, aber überlegen an Klugheit und Wagemut. Seine Namenlosigkeit zu Beginn markiert seinen Außenseiterstatus, sein wiederholter Ruf „König bün ick!“ ist ein Akt der Selbstbenennung, der der Anerkennung durch andere vorausgreift.

Der Adler verkörpert legitime Macht im herkömmlichen Sinn, Stärke, Ausdauer, physische Überlegenheit. Seine Tragik liegt in seiner Arglosigkeit: Er bemerkt den blinden Passagier in seinem eigenen Gefieder nicht und wird so unwissentlich zum Werkzeug des eigenen Sturzes von der Spitze.

Die Eule wechselt im Verlauf der Geschichte die Rolle vom Vollstrecker der Gemeinschaft zum eigenen Opfer. Ihr Scheitern als Wache, sie besitzt zwei Augen, kann aber nicht beide gleichzeitig wach halten, wird ihr nicht als menschliches Versagen verziehen, sondern führt zu dauerhafter gesellschaftlicher Ächtung. Sie trägt am Ende die Konsequenzen einer Aufgabe, die eigentlich unmöglich zu erfüllen war.

Der Kiebitz steht außerhalb des gesamten Konflikts. Seine Verweigerung, sich überhaupt an der Königswahl zu beteiligen, und sein Rückzug in die Sümpfe markieren eine dritte Option neben Herrschaft und Unterwerfung: die bewusste Wahl der Freiheit außerhalb jeder Hierarchie.

Huhn und Hahn fungieren als komisches Randpaar. Ihre Ahnungslosigkeit gegenüber der großen politischen Versammlung zeichnet ein Bild ländlicher Distanz zur Macht, während die Lerche am Schluss unbeschwert bleibt, weil sie sich keiner der beiden konkurrierenden Autoritäten unterordnen muss.

Die Vogelversammlung als Kollektiv verhält sich wie ein Gremium, das die eigenen Regeln so lange verändert, bis das gewünschte Ergebnis erreicht scheint. Erst als auch die zweite Probe fehlschlägt, wechselt das Kollektiv von der Regeländerung zur offenen Gewalt gegen den unliebsamen Sieger.

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Tiefenpsychologische Lesart

In der Jungschen Terminologie lässt sich der namenlose Vogel als Verkörperung des Tricksters lesen, einer Archetypfigur, die C.G. Jung als paradoxe Zwischengestalt beschreibt: weder eindeutig gut noch böse, sondern eine Kraft, die etablierte Ordnungen durch List, Verstellung und Regelüberschreitung in Bewegung bringt. Der Trickster tritt dort auf, wo eine Hierarchie sich für vollständig und gerecht hält, und macht sichtbar, was diese Ordnung ausschließt oder übersieht.

Marie-Louise von Franz hat in ihren Arbeiten zu Schatten und Bösem im Märchen wiederholt betont, dass gerade unscheinbare, namenlose oder marginalisierte Figuren im Märchen oft Trägerinnen einer verdrängten psychischen Wahrheit sind. Der Kleine ohne Namen steht in diesem Sinn für all das an potenzieller Klugheit und Eigenständigkeit, das eine auf äußere Größe fixierte Ordnung, verkörpert im selbstgewissen Adler, nicht wahrnimmt. Sein Sieg ist psychologisch gelesen kein moralischer Betrug, sondern die Rückkehr des Verdrängten: Das, was übersehen wurde, meldet sich mit einer Stimme, die niemand erwartet hatte.

Der Ruf „König bün ick!“ ist ein Akt der Selbstbehauptung vor jeder äußeren Anerkennung, die Stimme eines Unscheinbaren, der sich selbst benennt, bevor die Ordnung ihm überhaupt einen Platz zugesteht.

Bemerkenswert ist zudem die doppelte Bestrafung: Nicht nur der Trickster wird sanktioniert, auch die Eule, die als Vollstreckerin der kollektiven Ordnung versagt, wird dauerhaft ausgestoßen. Psychologisch gedeutet trifft die Härte einer Gemeinschaft, die sich selbst betrogen fühlt, nicht nur den eigentlichen Übertreter, sondern ebenso jene, die im Auftrag dieser Gemeinschaft gehandelt haben und trotzdem scheitern. Am Ende bleibt der Trickster jedoch nicht straffrei im offenen Sinn, sondern lebt fortan im Verborgenen, eine Art dauerhafter Kompromiss zwischen Freiheit und Anpassung, der sich auch als Bild für die bleibende Ambivalenz des eigenen Schattenanteils lesen lässt.

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Sozialkritische Lesart

Jack Zipes hat in seinen Studien zur subversiven Funktion des Märchens wiederholt gezeigt, wie Tiermärchen und Schwänke Fragen legitimer Herrschaft verhandeln, oft in einer Sprache, die auf den ersten Blick harmlos wirkt. „Der Zaunkönig“ lässt sich in dieser Tradition als eine Erzählung über die Grundlagen politischer Legitimität lesen: Wer verdient die Krone, wer physisch am stärksten ist oder wer am klügsten handelt?

Die Antwort des Märchens bleibt unbequem. Der Kleine gewinnt formal beide vereinbarten Proben, doch die Gemeinschaft erkennt seinen Sieg trotzdem nicht an, sondern erklärt ihn nachträglich zum Betrüger und versucht, ihn zu beseitigen. Darin zeigt sich ein Muster, das sich auch außerhalb des Tierreichs beobachten lässt: Regeln gelten so lange als bindend, wie sie das erwartete Ergebnis liefern, und werden neu verhandelt, sobald ein Außenseiter durch erlaubte Mittel gewinnt. Der namenlose Vogel bleibt am Ende zwar am Leben, wird aber dauerhaft aus der offiziellen Ordnung ausgeschlossen und lebt im Verborgenen, ein Ausgang, der weniger nach Triumph als nach prekärer Duldung klingt.

Zugleich enthält der Text eine feine Kritik an der Selbstgewissheit von Macht: Der Adler verliert nicht durch fremde Überlegenheit, sondern weil er den eigenen Körper nicht vollständig kennt, der Eindringling reist buchstäblich in seinem Gefieder mit. Und die Eule, die stellvertretend für das Kollektiv Ordnung durchsetzen soll, scheitert an einer strukturell unmöglichen Aufgabe und wird dafür zur Außenseiterin gemacht. Das Märchen zeichnet damit ein nüchternes Bild davon, wie Gemeinschaften mit Regelverletzungen, Kontrollversagen und unliebsamen Siegern umgehen.

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Internationale Parallelen

Kaum ein anderes Motiv der Grimm-Sammlung lässt sich so weit und so genau in der europäischen und antiken Kulturgeschichte zurückverfolgen wie die Königswahl der Vögel. Die Fabel ist bei Aristoteles, Plutarch und Plinius belegt, wobei Plutarch die Geschichte bereits Äsop zuschreibt, obwohl sie in keiner erhaltenen Äsop-Sammlung tatsächlich auftaucht. Besonders lebendig ist die Tradition bis heute in Irland und auf der Isle of Man erhalten, wo am Stephanstag, dem 26. Dezember, der sogenannte Wren Day oder Hunt the Wren begangen wird: Ein Zaunkönig, früher real gejagt, heute meist ein Attrappe, wird auf einer geschmückten Stange durch die Nachbarschaft getragen, begleitet von Liedern, die ausdrücklich vom „König aller Vögel“ sprechen, der durch Verrat zu Fall gebracht wurde.

Region / Quelle Form der Überlieferung Besonderheit
Antike (Aristoteles, Plutarch, Plinius) Philosophische Fabel Älteste belegte Fassung, Deutung als Lehrstück über List versus Kraft
Irland und Isle of Man Lebendiger Brauch: Wren Day / Hunt the Wren Umzug am Stephanstag, der Vogel gilt als Verräter, der büßen muss
England Cutty-Wren-Brauchtum, Berkshire-Variante In einer 1888 dokumentierten Fassung tritt statt des Zaunkönigs eine Meise als Siegerin auf
Niederlande Namensgebung winterkoninkje Sprachliches Fortleben der Legende ohne eigenständigen Erzähltext
Deutschsprachiger Raum (Grimm, KHM 171) Ausgebautes Tiermärchen mit zwei Proben Kombiniert Höhenflug, Falltest und Eulenwache zu einer dreiteiligen Vollform

Auffällig ist, dass in der irischen Deutung der Sieg des Zaunkönigs eindeutig negativ konnotiert ist, als Betrug, der eine bis heute rituell wiederholte Strafe nach sich zieht, während die Grimm-Fassung ambivalenter bleibt: Der Vogel entkommt und lebt weiter, wenn auch im Verborgenen. Diese Verschiebung von der harten irischen Verurteilung zur mitteleuropäischen Ambivalenz sagt viel darüber aus, wie unterschiedliche Erzählgemeinschaften den Konflikt zwischen List und Ordnung moralisch bewerten.

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Rezeptionsgeschichte

Anders als die großen Zaubermärchen der Sammlung hat „Der Zaunkönig“ nie eine breite Verfilmungstradition entwickelt. Seine Wirkung entfaltet sich vor allem außerhalb des Films, in Hörspielfassungen, die den Wechsel zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch klanglich zur Geltung bringen, sowie in der ornithologischen und volkskundlichen Rezeption. Der Naturschutzbund Deutschland griff die Legende auf, als der Zaunkönig zum Vogel des Jahres gewählt wurde, und stellte dabei ausdrücklich die antike Herkunft der Erzählung heraus.

Die eigentliche kulturelle Fortdauer des Stoffs findet sich jedoch im gelebten Brauchtum: Der irische und manxische Wren Day hält die Erzählung als performativen Ritus lebendig, komplett mit eigenem Liedgut, das die Kernhandlung, Höhenflug, Verrat, Strafe, in wenigen Zeilen zusammenfasst. In der zeitgenössischen Folkmusik, etwa im irischen Ensemble Lankum mit seinem Stück über den Zaunkönig, wird dieses alte Motiv von Verrat und ritueller Sühne bis in die Gegenwart hinein neu vertont. Damit zeigt sich an diesem Märchen exemplarisch, wie ein uralter Erzählstoff nicht primär über Literatur und Film, sondern über mündliches Brauchtum und Musik am Leben erhalten wird.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text ist sprachlich außergewöhnlich, weil er konsequent zwei Register nebeneinanderstellt: den erzählenden Hochdeutschen Rahmen und wörtliche Rede in Plattdeutsch, die auf die mecklenburgische Quelle Mussäus’ zurückgeht. Diese Dialektpassagen sind zugleich lautmalerisch gestaltet: Werkzeuge und Tiere sprechen nicht in normaler Grammatik, sondern in klanglich nachgeahmten Rufen, die dem jeweiligen Geräusch entsprechen, der Hammerschlag als „smiet mi to“, das Mahlwerk als „wer ist da“, der Vogelruf als „König bün ick“.

Diese Verfahrensweise, bei der jedes Ding und jedes Tier eine eigene, an sein natürliches Geräusch angelehnte Sprache erhält, ist ein Beispiel für Volksetymologie im Erzählverfahren selbst: Der Text erklärt nicht nur, warum der Vogel Zaunkönig heißt, sondern führt zugleich vor, wie aus einem Laut überhaupt eine sprachliche Bedeutung entstehen kann. Damit steht „Der Zaunkönig“ in der Tradition der reinen Ursprungssage, einer Erzählform, die enger mit der Fabel und der ätiologischen Sage verwandt ist als mit dem klassischen Zaubermärchen.

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Für Schule und Unterricht

Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Sammelt alle lautmalerischen Rufe im Text und ordnet sie den jeweiligen Figuren zu. Was fällt an der Sprechweise von Werkzeugen im Vergleich zu Tieren auf?
  • Klasse 8–9: Untersucht die zwei Wettbewerbe der Vögel. Warum reicht den Vögeln der erste Sieg nicht aus, und was verändert sich zwischen erster und zweiter Regel?
  • Klasse 10–11: Vergleicht die ätiologischen Erklärungen im Märchen (Eulenverhalten, Zaunkönig-Name) mit modernen naturwissenschaftlichen Erklärungen für dieselben Phänomene.
  • Klasse 12–13: Diskutiert anhand des Textes die Frage legitimer Herrschaft: Reicht formal korrektes Gewinnen einer vereinbarten Regel aus, um Macht zu legitimieren? Zieht Vergleiche zu politischen oder gesellschaftlichen Beispielen.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 171), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Erstfassung: Johann Jakob Nathanael Mussäus, im Jahrbuch des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde (1840)

Textgeschichte und Typologie: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004), ATU 221 · Oskar Dähnhardt, Natursagen, Bd. 4: Tiersagen (1912)

Antike Quellen: Aristoteles, Historia Animalium, IX.11 · Plutarch, Political Precepts, XII.806e · Plinius der Ältere, Naturalis Historia, X.74

Tiefenpsychologie: C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954) · Marie-Louise von Franz, Shadow and Evil in Fairy Tales (1974) · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976)

Gesellschaft und Brauchtum: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Elizabeth Atwood Lawrence, Hunting the Wren: Transformation of Bird to Symbol (1997) · Rolf Wilhelm Brednich, Beiträge zum Tierepos und zur Vogelsage in der europäischen Erzähltradition

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Häufige Fragen zu Der Zaunkönig

Die Vögel wollen einen König wählen und beschließen, dass der höchste Flieger den Titel erhält. Der Adler steigt am höchsten, doch ein kleiner namenloser Vogel hat sich in seinem Brustgefieder versteckt und fliegt im entscheidenden Moment noch höher. Die empörten Vögel verlangen einen zweiten Test, das tiefste Loch, den der Kleine ebenfalls durch List gewinnt. Er wird gefangen genommen, entkommt aber der schlafenden Wächterin, der Eule, und lebt seither versteckt in Hecken.
Der Zaunkönig ist als ATU 221, Die Wahl des Vogelkönigs, klassifiziert. Es handelt sich um eines der ältesten belegten Erzählmotive Europas, das bereits bei Aristoteles, Plutarch und Plinius als Fabel auftaucht.
Die Grimms nahmen das Märchen erst ab der vierten Auflage von 1840 auf. Als Quelle diente eine Fassung von Johann Jakob Nathanael Mussäus, die im Jahrbuch des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde erschienen war, was die zahlreichen plattdeutschen Passagen im Text erklärt.
Der Name ist eine spöttische Erinnerung an die Erzählung: Der kleine Vogel versteckt sich fortan in Hecken und Zäunen und ruft dort gelegentlich sein altes Siegeswort, weshalb ihn die anderen Vögel spöttisch Zaunkönig nennen. Auch der griechische Name Basileus (König) und die niederländische Bezeichnung winterkoninkje verweisen auf dieselbe Legende.
Die bekannteste Parallele ist die irische und manxische Tradition des Wren Day am Stephanstag, bei der ein Zaunkönig als vermeintlicher Verräter gejagt und in einer Prozession herumgetragen wird. Auch in England existiert mit dem Cutty-Wren-Brauch eine verwandte Tradition, und die Grundfabel ist bereits in der Antike bei Aristoteles, Plutarch und Plinius belegt.
In der Jungschen Lesart verkörpert der namenlose kleine Vogel den Trickster, eine Archetypfigur, die etablierte Ordnungen durch List statt durch Kraft unterläuft. Seine Namenlosigkeit zu Beginn und sein Königsruf am Ende lassen sich als Individuationsprozess lesen, als Selbstbehauptung eines Unscheinbaren gegenüber einer Hierarchie, die äußere Stärke über innere Klugheit stellt.
Ja. Wegen seiner klaren Ätiologie, der plattdeutschen Lautmalereien und der Frage nach legitimer Herrschaft eignet sich der Text besonders für den Unterricht zu Fabel und Märchen, zu Machtkritik und zu Dialektvarianten des Deutschen, von der Mittelstufe bis zu Oberstufenkursen mit sprachgeschichtlichem Schwerpunkt.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 171. München 1977, S. 715–718.