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9 kurze, unbekannte Grimm-Märchen zum Vorlesen: Auswahl & Hintergrund

9 kurze, unbekannte Grimm-Märchen zum Vorlesen: Auswahl & Hintergrund
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Das Wichtigste in Kürze

Neun kurze Grimm-Märchen, die kaum jemand kennt, aber jeder vorlesen sollte

  • Abseits der 20 Klassiker: Die Kinder- und Hausmärchen umfassen 200 Nummern, doch Verfilmungen und Bilderbücher konzentrieren sich immer auf dieselbe Handvoll Titel. Diese neun Texte wurden nie ins Rampenlicht gerückt, obwohl sie dafür geeignet wären.
  • Kurz und klar strukturiert: Kettenmärchen, Tierschwänke und Fabeln mit drei bis acht Minuten Lesezeit, ohne verzweigte Nebenhandlungen, ideal für Gute-Nacht-Rituale und den Einstieg ins Vorlesen.
  • Mit ATU-Einordnung: Jedes Märchen wird mit KHM-Nummer, internationaler Typennummer und Herkunftshinweis vorgestellt, für Eltern, die mehr wissen wollen, und Lehrkräfte, die Material suchen.
  • Nicht alle enden gut: Einige dieser Märchen sind schwankhaft komisch, andere enden trocken tragisch. Das macht sie zu guten Gesprächsanlässen, nicht nur zu Einschlafhilfen.

Inhalt

  1. Warum diese Märchen wenig bekannt sind
  2. Katze und Maus in Gesellschaft (KHM 2)
  3. Strohhalm, Kohle und Bohne (KHM 18)
  4. Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst (KHM 23)
  5. Läuschen und Flöhchen (KHM 30)
  6. Herr Korbes (KHM 41)
  7. Der Fuchs und die Katze (KHM 75)
  8. Von dem Tode des Hühnchens (KHM 80)
  9. Der Sperling und seine vier Kinder (KHM 157)
  10. Der Zaunkönig (KHM 171)
  11. Für Schule und Kita
  12. FAQ

Warum diese Märchen wenig bekannt sind

Wer „Grimms Märchen“ sagt, denkt an Aschenputtel, Rotkäppchen oder Dornröschen. Dabei umfasst die Ausgabe letzter Hand von 1857 insgesamt 200 nummerierte Kinder- und Hausmärchen. Die meisten davon haben es nie in ein Bilderbuch, eine Verfilmung oder ein Schullesebuch geschafft. Nicht weil sie schlechter erzählt sind, sondern weil sie andere Erzählformen bedienen: keine Heldenreise mit Prinzessin und drei Aufgaben, sondern Kettenmärchen, Tierschwänke und Fabeln, oft nur wenige Absätze lang.

Genau das macht sie für das Vorlesen interessant. Wer abends nicht zwanzig Minuten Zeit hat, sondern fünf, findet hier Texte, die trotzdem in sich abgeschlossen und klar erzählt sind. Die folgende Auswahl konzentriert sich auf neun Titel, die sich durch Kürze, klare Struktur und eine gewisse Eigenwilligkeit auszeichnen. Zu jedem Märchen gibt es die KHM-Nummer, die internationale ATU-Typennummer, einen kurzen Hinweis zur Herkunft und einen Ausschnitt aus dem Originaltext.

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Wusstest du?

Vier der neun Märchen in dieser Liste (Katz und Maus, Strohhalm und Kohle, Mäuschen und Bratwurst, Läuschen und Flöhchen) gehören zu den sogenannten Kettenmärchen oder Häufungsmärchen. Ein Ereignis löst das nächste aus, oft in Versform mit wachsender Wiederholung. Diese Struktur steht Abzählreimen und Kinderliedern näher als der klassischen Heldenreise und ist deshalb besonders gut zum Mitsprechen geeignet.

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1. Katz und Maus in Gesellschaft (KHM 2)

KHM 2 · ATU 15 · ca. 5–6 Minuten Lesezeit · ab ca. 6 Jahren

An zweiter Stelle der gesamten Sammlung steht ausgerechnet ein Märchen, das kaum jemand kennt: Katz und Maus in Gesellschaft. Eine Katze überredet eine Maus zur Wohngemeinschaft, gemeinsam kaufen sie einen Topf Schmalz für den Winter und verstecken ihn unter dem Altar der Kirche. Die Katze schleicht sich dreimal davon, angeblich zu Taufen bei entfernten Verwandten, tatsächlich um den Topf leerzulöffeln. Als der Winter kommt und die Maus den Betrug durchschaut, verschlingt die Katze sie kurzerhand.

Das Märchen stammt von Gretchen Wild aus Kassel und stand bereits in der handschriftlichen Urfassung von 1810 an zweiter Position. Es ist ein Schwank mit der Nüchternheit einer Fabel: keine Erlösung, keine Moralpredigt, nur die klare Konsequenz falsch platzierten Vertrauens. Für ältere Kinder eignet es sich gut als Gesprächsanlass über Freundschaft und Übervorteilung.

Da sprach sie: „ich bin zum drittenmal zu Gevatter gebeten, das Kind ist schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib, das trifft sich alle paar Jahr nur einmal, du lässest mich doch ausgehen?“ „Hautab, Halbaus,“ sagte die Maus, „es sind so kuriose Namen, die machen mich so nachdenksam.“

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 2

2. Strohhalm, Kohle und Bohne (KHM 18)

KHM 18 · ATU 295 · ca. 2–3 Minuten Lesezeit · ab ca. 4 Jahren

Ein ätiologischer Schwank in Reinform: Eine arme alte Frau kocht Bohnen, dabei entkommen ihr ein Strohhalm, eine glühende Kohle und eine Bohne. Die drei beschließen, gemeinsam auszuwandern. An einem Bach legt sich der Strohhalm als Brücke aus, die hitzige Kohle geht zu zögerlich vor, verbrennt den Halm und stürzt zischend ins Wasser. Die Bohne lacht so sehr über das Missgeschick, dass sie zerplatzt, wird aber von einem vorbeikommenden Schneider mit schwarzem Faden zusammengenäht. Seitdem, so die Pointe, haben alle Bohnen eine schwarze Naht.

Wilhelm Grimm hörte den Text 1808 von Dorothea Wild in Kassel, spätere Auflagen wurden zusätzlich von Burkard Waldis’ Fabeldichtung Esopus beeinflusst. Für kleine Kinder ist das Märchen ideal: extrem kurz, ohne Angstmomente, mit einer Pointe, die sich sofort überprüfen lässt, ein Blick in die Küchenschublade genügt.

Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 18

3. Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst (KHM 23)

KHM 23 · ATU 85 · ca. 5–6 Minuten Lesezeit · ab ca. 6 Jahren

Drei ungleiche Hausgenossen, ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst, teilen sich seit Jahren zufrieden die Arbeit: Das Vögelchen holt Holz, die Maus trägt Wasser und deckt den Tisch, die Wurst kocht. Als ein anderer Vogel dem Vögelchen einredet, es habe die schwerste Arbeit, tauschen alle drei ihre Rollen. Das Ergebnis ist eine Katastrophe: Die Wurst wird beim Holzholen vom Hund gefressen, die Maus fällt beim Kochen ins Essen, das Vögelchen stürzt beim Löschen eines Feuers in den Brunnen und ertrinkt.

Die Geschichte geht auf Johann Michael Moscheroschs Satire Philander von Sittewald (1642) zurück, wurde 1806 von Clemens Brentano popularisiert und erst danach von den Grimms übernommen, die aus dem ursprünglichen Specht ein namenloses Vögelchen machten. Anders als die meisten Kettenmärchen hat dieser Text eine klare, fast betriebswirtschaftliche Moral: Arbeitsteilung funktioniert, solange niemand sie in Frage stellt.

Es waren einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich im Frieden gelebt, und trefflich an Gütern zugenommen.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 23

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4. Läuschen und Flöhchen (KHM 30)

KHM 30 · ATU 2022 · ca. 3–4 Minuten Lesezeit · ab ca. 4 Jahren

Das wohl reinste Kettenmärchen der gesamten Sammlung: Läuschen und Flöhchen. Eine Laus verbrennt sich beim Bierbrauen, der Floh weint daraufhin, die Tür knarrt, weil sie fragt warum, der Besen kehrt, das Wagen rennt, der Misthaufen brennt, das Bäumchen schüttelt sich, ein Mädchen zerbricht sein Wasserkrüglein, und am Ende ertrinkt buchstäblich alles in dem auslaufenden Brunnen. Jede Figur wiederholt in Versform die gesamte bisherige Kette, bevor sie den nächsten Schritt tut, ein Aufbau, der Kindern aus Abzählreimen vertraut ist.

Wilhelm Grimm hörte den Text 1808 ebenfalls von Dorothea Wild, er stand bereits als Nummer 3 in der handschriftlichen Urfassung von 1810. Die Anmerkung der Brüder Grimm von 1856 vergleicht ihn mit älteren Kinderreimen und englischen Nursery Rhymes, das Muster ist also keine deutsche Besonderheit, sondern ein europaweit verbreitetes Erzählspiel.

Ein Läuschen und ein Flöhchen, die lebten zusammen in einem Haushalte und brauten das Bier in einer Eierschale. Da fiel das Läuschen hinein und verbrannte sich.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 30

5. Herr Korbes (KHM 41)

KHM 41 · ATU 210 · ca. 3–4 Minuten Lesezeit · ab ca. 5 Jahren

Hühnchen und Hähnchen brechen zu einer Reise auf, gezogen von vier Mäusen. Unterwegs steigen eine Katze, ein Mühlstein, ein Ei, eine Ente, eine Steck- und eine Nähnadel zu, alle wollen mit „nach des Herrn Korbes seinem Haus“. Als Herr Korbes nicht da ist, verteilen sich die Mitreisenden im Haus, im Kamin, im Waschbecken, im Handtuch. Kommt er heim, wird er von jedem einzelnen attackiert: Asche, Wasser, Ei im Gesicht, Nadelstiche, bis ihn zuletzt der Mühlstein erschlägt.

Was Herr Korbes den Tieren angetan hat, erfährt man nie. Ab der sechsten Auflage von 1850 fügten die Grimms den Satz hinzu, er müsse „ein recht böser Mann gewesen sein“, eine nachträgliche Rechtfertigung für eine Rache, die im Text selbst unmotiviert bleibt. Das Motiv der reisenden Tiere, die einen Widersacher gemeinsam besiegen, teilt sich der Text mit dem bekannteren Lumpengesindel und den Bremer Stadtmusikanten, wirkt aber roher und direkter. Der Dramatiker Tankred Dorst nahm den rätselhaften Schlusssatz 1988 als Ausgangspunkt für sein Drama Korbes.

Der Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 41, ab der 6. Auflage.

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6. Der Fuchs und die Katze (KHM 75)

KHM 75 · ATU 105 · ca. 2–3 Minuten Lesezeit · ab ca. 5 Jahren

Eine Katze begrüßt den Fuchs höflich, weil er als klug gilt. Der Fuchs reagiert mit Hochmut und Spott, er beherrsche „hundert Künste und einen Sack voll Listen“, während die Katze bescheiden zugibt, nur eine einzige Kunst zu kennen, das Klettern auf Bäume. Als Hunde auftauchen, rettet genau diese eine Kunst der Katze das Leben, während der Fuchs mit seinen hundert Künsten in der Falle sitzen bleibt.

Das Märchen kam erst mit der zweiten Auflage 1819 in die Sammlung, vermutlich vermittelt durch Friedrich Wilhelm Carové aus Schweich. Es ist eine der klarsten Fabeln in Grimms Sammlung, mit einer Pointe, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Bescheidene Meisterschaft schlägt oberflächliche Vielseitigkeit. Die Nachbarschaft zu äsopischen Fabeln ist bewusst, das Grundmotiv Fuchs gegen Igel findet sich schon bei Archilochos in der griechischen Antike.

„Bindet den Sack auf, Herr Fuchs, bindet den Sack auf! Ihr bleibt mit euern hundert Künsten stecken.“

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 75, Ausgabe letzter Hand.

7. Von dem Tode des Hühnchens (KHM 80)

KHM 80 · ATU 2021 · ca. 5–6 Minuten Lesezeit · ab ca. 6 Jahren, mit Begleitung

Hühnchen und Hähnchen suchen Nüsse und verabreden, jeden Fund zu teilen. Als Hühnchen heimlich einen großen Kern verschlingt und daran zu ersticken droht, beginnt eine Kette von Bedingungen: Der Brunnen will erst rote Seide, die Braut erst ihr Kränzlein, das an einer Weide hängt. Bis Hähnchen mit dem Wasser zurückkommt, ist Hühnchen bereits erstickt. Beim Trauerzug steigen immer mehr Tiere auf den Leichenwagen, der schließlich unter dem Gewicht zusammenbricht und alle Teilnehmer im Bach ertrinken, bis nur noch Hähnchen übrig ist, das sich vor Gram zu Tode grämt.

Das Märchen basiert auf einem Text, den Clemens Brentano 1808 im Wunderhorn nach Charles Crodel veröffentlichte. Es ist von allen neun Titeln der Auswahl der konsequenteste in seiner Grotesk-Tragik: Am Ende sind wirklich alle tot. Gerade diese schonungslose Übertreibung nimmt dem Thema Sterben die reale Schwere und macht das Märchen zu einem interessanten, wenn auch behutsam zu begleitenden Gesprächsanlass über Verlust.

Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen, und legte sich über das Wasser.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 80

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8. Der Sperling und seine vier Kinder (KHM 157)

KHM 157 · ATU 157B · ca. 7–8 Minuten Lesezeit · ab ca. 8 Jahren

Vier junge Sperlinge werden von bösen Buben aus dem Nest gestoßen und finden im Herbst zu ihrem besorgten Vater zurück. Statt einer Handlung im klassischen Sinn folgt eine Reihe von Verhören: Jeder Sohn berichtet, wo er den Sommer verbracht hat, in Gärten, bei Hofe, auf freiem Feld, an einer Mauer, und der Vater gibt zu jeder Station eine Warnung, erkennbar an sehr konkreten Gefahrenbeschreibungen wie den hohlen „grünen Stangen“ der Jäger.

Die Fabel stammt ursprünglich von Johannes Mathesius, wurde von Johann Balthasar Schupp im 17. Jahrhundert literarisch ausgearbeitet und stand in der Erstauflage der KHM zunächst an Position 35, bevor sie ab der zweiten Auflage auf Nummer 157 wanderte. Anders als die Kettenmärchen der Liste ist dies eine reine Lehrfabel, mit klaren, direkt formulierten Ratschlägen. Für ältere Kinder und den Deutschunterricht eignet sie sich gut, um den Unterschied zwischen Märchen und Fabel an einem konkreten Beispiel zu zeigen.

„Ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über Sorge gemacht, dieweil ihr ohne meine Lehre in Winde kamt.“

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 157

9. Der Zaunkönig (KHM 171)

KHM 171 · ATU 221 · ca. 3–4 Minuten Lesezeit · ab ca. 5 Jahren

Der Zaunkönig: Die Vögel wollen einen König wählen und einigen sich darauf, dass der höchstfliegende regieren soll. Der Adler steigt am höchsten und will sich schon als Sieger niederlassen, doch ein winziger, namenloser Vogel hatte sich in seinem Brustgefieder versteckt, fliegt im entscheidenden Moment noch höher und ruft „König bün ick!“. Die anderen Vögel wollen den Betrüger bestrafen, doch er entkommt in ein Mausloch und versteckt sich seither in Zäunen, weshalb er Zaunkönig heißt.

Das Märchen kam erst 1840 in die vierte Auflage und geht auf eine Fassung von Johann Jakob Nathanael Musäus aus Mecklenburg zurück, erkennbar am niederdeutschen Zitat. Es ist ein ätiologisches Tiermärchen, das gleich zwei Naturbeobachtungen erklärt: warum der Zaunkönig sich versteckt und warum Vögel die Eule tagsüber verfolgen. International ist der Stoff sehr verbreitet, im Griechischen heißt der Vogel deshalb bis heute „Basileus“, König.

„Ausgenommen ich“, schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 171

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Für Kita, Grundschule und Deutschunterricht

  • Kita und Vorschule: Läuschen und Flöhchen als Sprech- und Mitmach-Märchen nutzen, Kinder dürfen die wiederkehrende Verszeile im Chor mitsprechen.
  • Klasse 2–4: Strohhalm, Kohle und Bohne als ätiologisches Märchen besprechen: Welche anderen „Warum ist das so“-Geschichten kennen die Kinder aus dem Alltag?
  • Klasse 5–7: Herr Korbes und Der Fuchs und die Katze als Textvergleich: Wo liegt der Unterschied zwischen einem Schwank mit Rache-Motiv und einer Fabel mit klarer Moral?
  • Klasse 8–10: Der Sperling und seine vier Kinder mit äsopischen Fabeln vergleichen und die literaturgeschichtliche Herkunft über Schupp und Mathesius bis in die frühe Neuzeit zurückverfolgen.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.), enthält alle hier behandelten Nummern in der Ausgabe letzter Hand

Textgeschichte und Typologie: Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · Johannes Bolte und Jiří Polívka, Anmerkungen zu den Kinder- u. Hausmärchen der Brüder Grimm (1913–1932) · Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (ATU-Index, 2004)

Kettenmärchen und Kinderreim-Forschung: Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen: Form und Wesen (1947) · Lutz Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (1956)

Gewährsleute und Überlieferung: Heinz Rölleke, Die Marburger Märchenfrau: neue Quellen zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm · Bernhard Lauer und Heinz Rölleke (Hg.), Die Gebrüder Grimm: Leben, Werk, Zeit

Häufige Fragen zu unbekannten Grimm-Märchen

Die Kinder- und Hausmärchen enthalten in der Ausgabe letzter Hand von 1857 insgesamt 200 nummerierte Märchen plus zehn Kinderlegenden. Verfilmungen, Bilderbücher und Schulbücher haben sich aber immer wieder auf denselben Kern von rund zwanzig Titeln konzentriert. Kurze Tierfabeln, Schwänke und Kettenmärchen ohne Prinzessin oder Zaubermotiv wurden dabei kaum verlegt, obwohl sie im Original genauso sorgfältig gestaltet sind.
Ein Kettenmärchen reiht Ereignisse so aneinander, dass jedes Ereignis das nächste auslöst, oft mit wiederholten Versformeln, die von Station zu Station um ein neues Element wachsen. Diese Struktur ist Kindern aus Abzählreimen und Wiederholspielen vertraut, sie können mitsprechen und die nächste Wendung vorhersagen, was Kettenmärchen besonders vorlesefreundlich macht.
Das kommt auf das Kind und die Begleitung beim Vorlesen an. Der übertrieben groteske Ton nimmt dem Sterben viel von seiner Schwere, und die Wiederholungsstruktur gibt Kindern Halt. Für sehr junge oder besonders sensible Kinder empfiehlt sich dennoch, das Gespräch danach zu suchen, statt das Märchen kommentarlos zu beenden.
Strohhalm, Kohle und Bohne und Läuschen und Flöhchen sind mit wenigen Minuten Lesezeit die kürzesten Texte der Auswahl. Beide funktionieren durch klare, wiederkehrende Muster, die schon für sehr junge Kinder verständlich sind, ohne Gewalt oder komplexe Nebenhandlungen.
Die meisten gehen auf mündliche Erzählungen aus Kassel und Hessen zurück, oft vermittelt durch dieselben Gewährspersonen wie die berühmten Märchen, etwa die Familie Wild oder Jeanette Hassenpflug. Andere haben literarische Vorlagen, etwa bei Johann Balthasar Schupp oder Johann Michael Moscherosch, die von Clemens Brentano an die Grimms weitergereicht wurden.
Der Aarne-Thompson-Uther-Index ordnet Märchen und Schwänke unabhängig von Sprache und Land nach wiederkehrenden Handlungsmustern. Zwei Märchen mit derselben ATU-Nummer erzählen im Kern dieselbe Geschichte, auch wenn sie aus völlig unterschiedlichen Kulturen stammen. Die Nummer macht Märchen dadurch international vergleichbar und ist ein Standardwerkzeug der Erzählforschung.
Bislang liegt der Fokus von Märchenbrause auf den bekannteren KHM-Nummern mit ausführlicher Tiefenanalyse. Diese neun kürzeren Märchen werden hier bewusst kompakt vorgestellt. Sollte zu einzelnen Titeln Bedarf an einer vollständigen Analyse mit Strukturanalyse, Symboltabelle und Unterrichtsbox bestehen, wird das ergänzt.

Originaltexte nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (7. Auflage, 1857), Nr. 2, 18, 23, 30, 41, 75, 80, 157 und 171. Typologische Einordnung nach Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004), sowie den Grimm’schen Originalanmerkungen in der Ausgabe von Heinz Rölleke (Reclam).