Die zwölf Jäger
Das Wichtigste in Kürze
Zwölf gleiche Jäger, ein Ring und ein Löwe, der die Wahrheit kennt: Wie eine betrogene Braut sich ihre Liebe zurückerkämpft.
- →Gebrochenes Versprechen: Ein Königssohn schwört seiner Braut Treue, verspricht aber am Sterbebett seines Vaters, eine andere Frau zu heiraten.
- →List statt Klage: Statt zu resignieren, verkleidet sich die erste Braut mit elf identisch aussehenden Jungfrauen als Jäger und verschafft sich Zugang zum Hof ihres Geliebten.
- →Der Löwe als Wahrheitsinstanz: Ein hellsichtiger Löwe durchschaut die Verkleidung, doch erst ein Ring am Finger bringt die endgültige Erkennung.
- →Erstausgabe unter anderem Titel: 1812 hieß das Märchen noch „Der König mit dem Löwen“, erst ab 1819 trägt es seinen heutigen Namen.
Inhalt
- Der Originaltext
- Inhaltsangabe
- Entstehungsgeschichte
- ATU-Typologie
- Strukturanalyse
- Figurenanalyse
- Tiefenpsychologische Lesart
- Sozialkritische Lesart
- Internationale Parallelen
- Rezeptionsgeschichte
- Sprachliche Besonderheiten
- Für Schule und Unterricht
- FAQ
Der Originaltext
Es war einmal ein Königssohn, der hatte eine Braut und hatte sie sehr lieb. Als er nun bei ihr saß und ganz vergnügt war, da kam die Nachricht, daß sein Vater todkrank läge und ihn noch vor seinem Ende zu sehen verlangte. Da sprach er zu seiner Liebsten „ich muß nun fort und muß dich verlassen, da geb ich dir einen Ring zu meinem Andenken. Wann ich König bin, komm ich wieder und hol dich heim.“ Da ritt er fort, und als er bei seinem Vater anlangte, war dieser sterbenskrank und dem Tode nah. Er sprach zu ihm „liebster Sohn, ich habe dich vor meinem Ende noch einmal sehen wollen, versprich mir, nach meinem Willen dich zu verheiraten,“ und nannte ihm eine gewisse Königstochter, die sollte seine Gemahlin werden. Der Sohn war so betrübt, daß er sich gar nicht bedachte, sondern sprach „ja, lieber Vater, was Euer Wille ist, soll geschehen,“ und darauf schloß der König die Augen und starb.
Als nun der Sohn zum König ausgerufen und die Trauerzeit verflossen war, mußte er das Versprechen halten, das er seinem Vater gegeben hatte, und ließ um die Königstochter werben, und sie ward ihm auch zugesagt. Das hörte seine erste Braut und grämte sich über die Untreue so sehr, daß sie fast verging. Da sprach ihr Vater zu ihr „liebstes Kind, warum bist du so traurig? was du dir wünschest, das sollst du haben.“ Sie bedachte sich einen Augenblick, dann sprach sie „lieber Vater, ich wünsche mir elf Mädchen, von Angesicht, Gestalt und Wuchs mir völlig gleich.“ Sprach der König „wenns möglich ist, soll dein Wunsch erfüllt werden,“ und ließ in seinem ganzen Reich so lange suchen, bis elf Jungfrauen gefunden waren, seiner Tochter von Angesicht, Gestalt und Wuchs völlig gleich.
Als sie zu der Königstochter kamen, ließ diese zwölf Jägerkleider machen, eins wie das andere, und die elf Jungfrauen mußten die Jägerkleider anziehen, und sie selber zog das zwölfte an. Darauf nahm sie Abschied von ihrem Vater und ritt mit ihnen fort und ritt an den Hof ihres ehemaligen Bräutigams, den sie so sehr liebte. Da fragte sie an, ob er Jäger brauchte, und ob er sie nicht alle zusammen in seinen Dienst nehmen wollte. Der König sah sie an und erkannte sie nicht; weil es aber so schöne Leute waren, sprach er ja, er wollte sie gerne nehmen; und da waren sie die zwölf Jäger des Königs.
Der König aber hatte einen Löwen, das war ein wunderliches Tier, denn er wußte alles Verborgene und Heimliche. Es trug sich zu, daß er eines Abends zum König sprach „du meinst, du hättest da zwölf Jäger?“ „Ja,“ sagte der König, „zwölf Jäger sinds.“ Sprach der Löwe weiter „du irrst dich, das sind zwölf Mädchen.“ Antwortete der König „das ist nimmermehr wahr, wie willst du mir das beweisen?“ „O, laß nur Erbsen in dein Vorzimmer streuen,“ antwortete der Löwe, „da wirst dus gleich sehen. Männer haben einen festen Tritt, wenn die über Erbsen hingehen, regt sich keine, aber Mädchen, die trippeln und trappeln und schlurfeln, und die Erbsen rollen.“ Dem König gefiel der Rat wohl, und er ließ die Erbsen streuen.
Es war aber ein Diener des Königs, der war den Jägern gut, und wie er hörte, daß sie sollten auf die Probe gestellt werden, ging er hin und erzählte ihnen alles wieder und sprach „der Löwe will dem König weismachen, ihr wärt Mädchen.“ Da dankte ihm die Königstochter und sprach hernach zu ihren Jungfrauen „tut euch Gewalt an und tretet fest auf die Erbsen.“ Als nun der König am andern Morgen die zwölf Jäger zu sich rufen ließ, und sie ins Vorzimmer kamen, wo die Erbsen lagen, so traten sie so fest darauf und hatten einen so sichern starken Gang, daß auch nicht eine rollte oder sich bewegte. Da gingen sie wieder fort, und der König sprach zum Löwen „du hast mich belogen, sie gehen ja wie Männer.“ Antwortete der Löwe „sie habens gewußt, daß sie sollten auf die Probe gestellt werden, und haben sich Gewalt angetan. Laß nur einmal zwölf Spinnräder ins Vorzimmer bringen, so werden sie herzukommen und werden sich daran freuen, und das tut kein Mann.“ Dem König gefiel der Rat, und er ließ die Spinnräder ins Vorzimmer stellen.
Der Diener aber, ders redlich mit den Jägern meinte, ging hin und entdeckte ihnen den Anschlag. Da sprach die Königstochter, als sie allein waren, zu ihren elf Mädchen „tut euch Gewalt an und blickt euch nicht um nach den Spinnrädern.“ Wie nun der König am andern Morgen seine zwölf Jäger rufen ließ, so kamen sie durch das Vorzimmer und sahen die Spinnräder gar nicht an. Da sprach der König wiederum zum Löwen „du hast mich belogen, es sind Männer, denn sie haben die Spinnräder nicht angesehen.“ Der Löwe antwortete „sie habens gewußt, daß sie sollten auf die Probe gestellt werden, und haben sich Gewalt angetan.“ Der König aber wollte dem Löwen nicht mehr glauben.
Die zwölf Jäger folgten dem König beständig zur Jagd, und er hatte sie je länger je lieber. Nun geschah es, daß, als sie einmal auf der Jagd waren, Nachricht kam, die Braut des Königs wäre im Anzug. Wie die rechte Braut das hörte, tats ihr so weh, daß es ihr fast das Herz abstieß, und sie ohnmächtig auf die Erde fiel. Der König meinte, seinem lieben Jäger sei etwas begegnet, lief hinzu und wollte ihm helfen, und zog ihm den Handschuh aus. Da erblickte er den Ring, den er seiner ersten Braut gegeben, und als er ihr in das Gesicht sah, erkannte er sie. Da ward sein Herz so gerührt, daß er sie küßte, und als sie die Augen aufschlug, sprach er „du bist mein und ich bin dein, und kein Mensch auf der Welt kann das ändern.“ Zu der andern Braut aber schickte er einen Boten und ließ sie bitten, in ihr Reich zurückzukehren, denn er habe schon eine Gemahlin, und wer einen alten Schlüssel wiedergefunden habe, brauche den neuen nicht. Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und der Löwe kam wieder in Gnade, weil er doch die Wahrheit gesagt hatte.
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 67. München 1977, S. 377–380.
Inhaltsangabe
Ein Königssohn muss seine Braut verlassen, um seinen sterbenden Vater aufzusuchen. Zum Abschied schenkt er ihr einen Ring und verspricht, sie als König heimzuholen. Am Totenbett jedoch bindet ihn der Vater an ein anderes Versprechen: Er soll eine bestimmte, vom Vater ausgewählte Königstochter heiraten. Überwältigt vom Schmerz stimmt der Sohn zu, ohne nachzudenken, und muss das Wort nach dem Tod des Vaters einlösen.
Die erste Braut erfährt von der bevorstehenden Hochzeit und gerät in tiefe Trauer. Statt zu resignieren, bittet sie ihren Vater um einen ungewöhnlichen Wunsch: elf Jungfrauen, die ihr in Gesicht, Gestalt und Wuchs vollkommen gleichen. Mit diesen lässt sie zwölf identische Jägerkleider anfertigen, reitet verkleidet an den Hof ihres einstigen Verlobten und bietet ihre Dienste als Jäger an. Der König erkennt sie nicht, nimmt die zwölf jedoch wegen ihrer Schönheit in seinen Dienst.
Ein hellsichtiger Löwe, der am Hof lebt, durchschaut die Täuschung und rät zu zwei Proben, erst mit ausgestreuten Erbsen, dann mit aufgestellten Spinnrädern, um das Geschlecht der vermeintlichen Jäger zu entlarven. Ein wohlgesinnter Diener warnt die Frauen jedoch beide Male vor, sodass sie die Proben bestehen und der König dem Löwen nicht mehr glaubt. Erst als die Nachricht von der Ankunft der neuen Braut die erste Braut in Ohnmacht fallen lässt und der König beim Helfen ihren Handschuh auszieht, entdeckt er den Ring, den er ihr einst geschenkt hat. Er erkennt sie, erneuert sein Treueversprechen, schickt die andere Braut fort und feiert die Hochzeit mit der wahren Geliebten. Auch der Löwe kommt wieder zu Gnaden, da er die ganze Zeit die Wahrheit gesagt hatte.
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Entstehungsgeschichte
Die zwölf Jäger gehört zu den Märchen, deren Titel sich im Lauf der Grimmschen Editionsgeschichte verändert hat. In der Erstausgabe von 1812 trug der Text noch den Namen Der König mit dem Löwen, der den hellsichtigen Löwen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Erst ab der zweiten Auflage von 1819 erschien das Märchen, mit kleineren textlichen Änderungen, unter dem heute bekannten Titel Die zwölf Jäger, der stattdessen die Verkleidungsliste der Braut betont.
Wusstest du?
Wilhelm Grimm notierte in seinem persönlichen Handexemplar der Kinder- und Hausmärchen, dass dieses Märchen von Jeanette Hassenpflug stamme, einer Angehörigen der hugenottisch geprägten Kasseler Familie Hassenpflug, aus deren Kreis mehrere Erzählungen in die Sammlung einflossen. In den gedruckten Anmerkungen der Brüder Grimm wird zusätzlich Hessen als Herkunftsregion des Stoffs genannt.
Die Familie Hassenpflug zählt neben den Wild-Schwestern und Dorothea Viehmann zu den wichtigsten Gewährspersonen der Grimms. Ihr frankophoner, calvinistisch geprägter Hintergrund erklärt, warum in mehreren aus diesem Umfeld stammenden Märchen höfische Motive, Verkleidungsspiele und listenreiche weibliche Hauptfiguren eine auffällig große Rolle spielen, ein Zug, der auch Die zwölf Jäger prägt.
Sprachlich und motivisch lässt sich das Märchen der Gruppe der sogenannten Erlösungs- und Wiedererkennungsmärchen zuordnen, in denen eine Frau durch List, Geduld oder Verkleidung eine gebrochene Bindung wiederherstellt. Die Brüder Grimm selbst verwiesen in ihren Anmerkungen auf das wiederkehrende Motiv der vergessenen ersten Braut und nannten als verwandte Stoffe unter anderem Der Liebste Roland und Das singende springende Löweneckerchen aus der eigenen Sammlung sowie eine Erzählung aus Basiles Pentamerone.
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ATU-Typologie
Die zwölf Jäger wird dem internationalen Erzähltyp ATU 884, Die vergessene Braut (englisch The Forsaken Fiancée), zugeordnet. Typisch für diesen Typ ist die Konstellation, dass ein Mann seiner Verlobten die Treue schwört, sie dann aber unter äußerem Druck, meist durch ein elterliches Gebot, vergisst oder verlässt, während die verlassene Frau sich verkleidet in seine Nähe begibt und sich schließlich durch ein Erkennungszeichen zu erkennen gibt.
Hans-Jörg Uthers Typenindex verzeichnet für dieses Märchen zusätzlich Berührungspunkte mit Typ 313, der sogenannten Zaubererflucht-Gruppe, da beide Erzähltypen auf dem Grundmotiv einer aktiven, listenreichen Frauenfigur beruhen, die einen drohenden Verlust der Bindung durch eigenes Handeln abwendet. Anders als in klassischen Typ-313-Erzählungen fehlt in Die zwölf Jäger jedoch die magische Flucht vor einem Verfolger; das Märchen bleibt strukturell näher an Typ 884.
Kennzeichnend für die deutsche Ausprägung dieses Erzähltyps ist außerdem das Motiv der männlichen Verkleidung mehrerer identisch aussehender Frauen, kombiniert mit der Geschlechterprobe durch einen weisen, sprechenden Löwen. Diese Kombination aus Doppelgängerinnen-Motiv und tierischem Wahrheitsverkünder ist innerhalb der Grimmschen Sammlung selten und verleiht dem Märchen seinen eigenständigen Charakter innerhalb des ATU-884-Komplexes.
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Strukturanalyse
Das Märchen folgt einer klaren, dreiteiligen Kausalkette: Bruch des Versprechens, listenreiche Gegenmaßnahme, endgültige Wiedererkennung. Bemerkenswert ist, dass die Heldin nicht auf einen Retter wartet, sondern selbst zur handelnden Figur wird, während der männliche Protagonist über weite Strecken passiv bleibt und erst am Ende durch einen äußeren Zufall, die Ohnmacht der Braut, zur Erkenntnis gelangt.
- 1Trennung und Treueversprechen: Der Königssohn muss seine Braut verlassen und schenkt ihr einen Ring als Zeichen der Bindung.
- 2Bruch des Versprechens: Am Sterbebett des Vaters verspricht der Sohn unüberlegt, eine andere Frau zu heiraten.
- 3Der Wunsch der Braut: Statt zu klagen, wünscht sie sich elf identisch aussehende Jungfrauen als Verbündete.
- 4Verkleidung und Zugang zum Hof: Als zwölf gleich gekleidete Jäger treten sie in den Dienst des Königs, unerkannt.
- 5Doppelte Probe: Der Löwe verlangt zwei Prüfungen, Erbsen und Spinnräder, um die Verkleidung zu enttarnen, beide werden durch Vorwarnung bestanden.
- 6Zusammenbruch und Erkennung: Die Nachricht von der neuen Braut bringt die Heldin zu Fall, der Ring am Finger verrät sie.
- 7Wiederherstellung der Ordnung: Der König erneuert sein Versprechen, verstößt die andere Braut, und auch der Löwe wird rehabilitiert.
Auffällig ist die doppelte Verzahnung von Wahrheitsfindung: Während der Löwe als Instanz der Erkenntnis eingeführt wird, scheitert er zweimal an der List der Frauen. Die endgültige Wahrheit kommt nicht durch Klugheit, sondern durch einen körperlichen Zusammenbruch und ein materielles Zeichen, den Ring, zutage. Das Märchen misstraut damit rationalen Prüfverfahren und vertraut stattdessen auf Zeichen der Empfindung und der Erinnerung.
Symboltabelle
| Symbol | Bedeutung im Kontext |
|---|---|
| Der Ring | Zeichen des Eheversprechens und zugleich Erkennungszeichen, das die Identität der Heldin unwiderlegbar beweist, ähnlich wie in Die sieben Raben oder Der Bärenhäuter. |
| Der Löwe | Verkörperung von Wahrheit, Intuition und innerem Wissen, das gesellschaftlich zunächst nicht anerkannt wird, sich am Ende jedoch bestätigt. |
| Die Jägerkleider | Männliche Verkleidung als Mittel, um in eine sonst verschlossene, öffentlich-höfische Sphäre einzudringen und aktiv zu handeln. |
| Die Erbsen | Traditionell mit Fruchtbarkeit assoziiert, hier als Prüfstein für einen vermeintlich weiblichen, unsicheren Gang eingesetzt. |
| Die Spinnräder | Sinnbild weiblicher Häuslichkeit und, in manchen Deutungen, des „Gedankenspinnens“, das eine vorschnelle emotionale Reaktion provozieren soll. |
| Der Schlüsselvergleich | Der Ausspruch, wer einen alten Schlüssel wiederfinde, brauche keinen neuen, deutet die Braut als etwas Vertrautes und dauerhaft Gültiges, dem Neuen gegenüber vorgezogen. |
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Figurenanalyse
Die erste Braut ist die eigentliche Trägerin der Handlung. Sie reagiert auf den Vertrauensbruch nicht mit Rückzug, sondern mit einem klar durchdachten Plan: Sie beschafft sich Verbündete, tarnt sich als Mann und verschafft sich strategisch Zugang zu ihrem einstigen Verlobten. Ihre Ohnmacht am Ende ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der einzige Moment, in dem ihre über lange Zeit kontrollierte Fassade bricht, und genau dieser Bruch führt zur Lösung.
Der Königssohn handelt in der ersten Hälfte des Märchens fahrlässig: Er gibt ein Versprechen, ohne die Konsequenzen zu bedenken, und bricht damit unbewusst ein anderes. Seine Rolle bleibt bis zum Schluss reaktiv, er erkennt seine Braut nicht durch eigene Aufmerksamkeit, sondern durch einen zufälligen Blick auf den Ring. Das Märchen stellt seine Autorität als König damit implizit infrage.
Der Löwe fungiert als Wahrheitsinstanz außerhalb der menschlichen Hierarchie. Anders als der König verfügt er über hellsichtiges Wissen, wird aber durch List zweimal widerlegt und verliert vorübergehend das Vertrauen des Herrschers. Seine Rehabilitierung am Ende bestätigt, dass Intuition und inneres Wissen sich letztlich gegen oberflächliche Beweisverfahren durchsetzen.
Die elf Jungfrauen bleiben namenlos und handeln als kollektiver Chor, der die Heldin unterstützt, ohne eigene Motivation zu entwickeln. Sie verkörpern eine verdoppelte, kollektivierte Weiblichkeit, die paradoxerweise gerade durch ihre Uniformität als Werkzeug der individuellen Selbstbehauptung der Heldin dient.
Der Diener ist eine kleine, aber strukturell entscheidende Figur: Als loyaler Informant durchkreuzt er zweimal die Prüfung des Löwen und ermöglicht damit den Erfolg der List. Er steht stellvertretend für Sympathieträger innerhalb der höfischen Hierarchie, die abseits der Hauptmächte den Ausgang der Handlung mitbestimmen.
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Tiefenpsychologische Lesart
In tiefenpsychologischer Perspektive lässt sich Die zwölf Jäger als Erzählung über die Integration eines abgespaltenen, handlungsfähigen Anteils der weiblichen Hauptfigur lesen. Die Verkleidung als Jäger, ein traditionell männlich konnotiertes, zielgerichtetes und aggressives Rollenbild, ermöglicht der Heldin, aus einer passiven, leidenden Position auszubrechen, ohne ihre weibliche Identität endgültig aufzugeben. Am Ende des Märchens wird diese Identität nicht verworfen, sondern durch den Ring, ein eindeutig weiblich-eheliches Zeichen, wieder bestätigt.
Der Löwe lässt sich als Symbol einer inneren Instanz deuten, die Wahrheit unabhängig von äußerem Schein erkennt, in der Sprache der analytischen Psychologie vergleichbar mit einer intuitiven, nicht rational vermittelten Erkenntnisfunktion. Bezeichnend ist, dass diese Instanz zunächst nicht ernst genommen wird und erst durch ein emotionales Ereignis, die Ohnmacht der Braut, ihre Berechtigung zurückerhält. Das Märchen deutet damit an, dass Verstand und äußere Beweisführung allein keine verlässliche Grundlage für Erkenntnis bieten.
Anthroposophisch geprägte Märchendeuter wie Rudolf Meyer und Friedel Lenz haben eigene, stärker esoterisch ausgerichtete Lesarten vorgelegt, in denen die Jungfrauen als noch unbewusste Seelenkräfte und das Spinnrad als Bild eines Denkprozesses verstanden werden. Diese Deutungen stehen außerhalb des akademischen Mainstreams der Märchenforschung und sollten als eine unter mehreren Interpretationstraditionen kenntlich gemacht werden, nicht als gesicherte philologische Aussage.
Eine an Bruno Bettelheim orientierte, vorsichtigere Lesart würde das Märchen eher als Ermutigung zur aktiven Bewältigung von Verlust und Zurückweisung verstehen: Die Heldin trauert nicht passiv, sondern entwickelt einen Plan, der ihr Selbstwirksamkeit zurückgibt, eine Botschaft, die insbesondere für jugendliche Leserinnen und Leser produktiv gelesen werden kann.
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Sozialkritische Lesart
Aus sozialkritischer Perspektive fällt zunächst auf, dass die Heldin über keine institutionelle Macht verfügt, um den Bruch des Eheversprechens einzuklagen. Ihr einziges Mittel ist die List, die Verkleidung und die Instrumentalisierung ihres eigenen Körpers und der Körper elf weiterer Frauen. Das Märchen zeigt damit implizit, wie begrenzt der legitime Handlungsspielraum von Frauen in einer patriarchal organisierten Ständeordnung war, in der ein königliches Versprechen an den Vater über das Versprechen an die Verlobte gestellt werden konnte.
Bemerkenswert ist zugleich, wie handlungsmächtig die Heldin innerhalb dieser Grenzen dargestellt wird. Sie plant, organisiert und führt eine komplexe List über einen längeren Zeitraum durch, während der König in seiner passiven Rolle verharrt. Jack Zipes hat in seinen Arbeiten zur emanzipatorischen Dimension von Grimm-Märchen darauf hingewiesen, dass gerade solche listenreichen weiblichen Figuren gegen ein vereinfachtes Bild der Grimm-Sammlung als durchweg passiv-duldsam sprechen.
Gleichzeitig bleibt die Auflösung konservativ: Am Ende steht die Wiederherstellung der ursprünglich vorgesehenen Ehe, keine grundsätzliche Infragestellung der Ständeordnung oder der männlichen Verfügungsgewalt über Eheversprechen. Die zweite Braut, deren einziges Vergehen darin besteht, für eine dynastisch arrangierte Verbindung ausgewählt worden zu sein, wird kommentarlos verstoßen, ein Detail, das aus heutiger Sicht die Grenzen der im Märchen verhandelten Gerechtigkeit deutlich macht.
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Internationale Parallelen
Das Motiv der vergessenen Braut, die sich durch List oder Verkleidung ihrem untreuen Verlobten wieder annähert, gehört zu den am weitesten verbreiteten Erzählstoffen der Weltliteratur. Die Brüder Grimm selbst verwiesen in ihren Anmerkungen auf mehrere Parallelen, darunter die altindische Erzählung von König Duschmanta, der die Sacontala vergisst, sowie die nordische Sage von Sigurd und Brünhild, deren Bindung durch einen Trank des Vergessens gelöst wird.
| Tradition | Werk / Figuren | Gemeinsames Motiv |
|---|---|---|
| Altindische Dichtung | König Duschmanta und Sacontala | Ein Herrscher vergisst seine Geliebte, die Bindung wird erst durch ein Erkennungszeichen wiederhergestellt. |
| Nordische Heldensage | Sigurd und Brünhild | Vergessen der ersten Bindung unter äußerem Einfluss, spätere schmerzhafte Wiedererkennung. |
| Neapolitanische Märchentradition | Giambattista Basile, Pentamerone 3,6 | Frühneuzeitliche Fassung des Verlobungs- und Wiedererkennungsmotivs, älteste schriftliche Parallele. |
| Deutsche Märchentradition | Ludwig Bechstein, Siebenschön | Konkurrierende Bearbeitung eines verwandten Verkleidungs- und Erkennungsmotivs. |
| Grimmsche Sammlung selbst | Der Liebste Roland (KHM 56), Das singende springende Löweneckerchen (KHM 88), Die wahre Braut (KHM 186) | Wiederkehrendes Muster der treuen, listenreichen Frau, die eine verlorene Bindung zurückgewinnt. |
Auch außerhalb der von den Grimms genannten Belege finden sich strukturell verwandte Erzählungen, etwa in Ulrich Jahns Sammlung Volksmärchen aus Pommern und Rügen, die das Motiv der Frau in Männerkleidern und das Schlüsselgleichnis in eigenen Varianten aufgreift. Diese Streuung über verschiedene Kulturräume und Jahrhunderte hinweg zeigt, wie tief das Grundmotiv des Vergessens und Wiedererkennens einer Bindung in unterschiedlichen Erzähltraditionen verankert ist, unabhängig von einer direkten historischen Abhängigkeit zwischen den einzelnen Fassungen.
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Rezeptionsgeschichte
Die zwölf Jäger gehört nicht zu den bekanntesten und meistadaptierten Märchen der Grimm-Sammlung, hat aber dennoch eine gewisse internationale Verbreitung gefunden. Andrew Lang nahm es unter dem Titel „The Twelve Huntsmen“ in sein Green Fairy Book von 1892 auf und trug damit zur englischsprachigen Rezeption bei. Illustrationen wie die von Henry J. Ford für diese Ausgabe prägten das visuelle Bild der Erzählung im angelsächsischen Raum.
Im deutschsprachigen Raum blieb das Märchen im Vergleich zu Erzählungen wie Aschenputtel oder Sneewittchen eher randständig. Genauere Angaben zu einzelnen Verfilmungen oder Bühnenadaptionen lassen sich nicht durchgängig zuverlässig belegen, weshalb an dieser Stelle bewusst auf pauschale Behauptungen zu konkreten Film- oder Fernsehfassungen verzichtet wird. Wer sich für audiovisuelle Bearbeitungen interessiert, sollte einzelne Angaben stets anhand von Primärquellen prüfen, da im Umlauf befindliche Zuschreibungen zu diesem Märchen mitunter ungesichert sind.
Literaturwissenschaftlich ist Die zwölf Jäger vor allem als Beispiel für das Motiv der handlungsmächtigen, verkleideten Frauenfigur innerhalb der Grimm-Sammlung von Interesse und wird in vergleichenden Studien zur vergessenen Braut regelmäßig neben Erzählungen wie Der Liebste Roland und Die wahre Braut angeführt.
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Sprachliche Besonderheiten
Der Text ist in der für die Grimmsche Spätfassung typischen, leicht archaisierenden Erzählprosa gehalten, mit knappen, oft asyndetisch gereihten Hauptsätzen, die dem Tempo der Handlung eine gewisse Nüchternheit verleihen. Auffällig ist der hohe Anteil an wörtlicher Rede, insbesondere in den Dialogen zwischen König und Löwe, die dem Märchen streckenweise einen fast dramatischen, dialogisch vorangetriebenen Charakter geben.
Sprichwörtliche Redewendungen verleihen dem Text zusätzliche Verdichtung: Die Formulierung, dass der Kummer der Braut ihr „fast das Herz abstieß“, geht auf eine ursprünglich der Rechtssprache entlehnte Wendung zurück. Der abschließende Ausspruch, wer einen alten Schlüssel wiedergefunden habe, brauche den neuen nicht, gehört zu den sprichwortartig verdichteten Schlussformeln, die in den Kinder- und Hausmärchen an mehreren Stellen als moralisches Fazit eingesetzt werden. Auch die Verlobungsformel „du bist mein und ich bin dein, und kein Mensch auf der Welt kann das ändern“ ist eine in der mittelalterlichen und späteren Volksliteratur häufig belegte Wendung, die auch in anderen Grimm-Märchen wie Die Bienenkönigin und Der Eisenofen in ähnlicher Form auftaucht.
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Für Schule und Unterricht
Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13
- →Klasse 6–7: Male oder beschreibe die zwölf Jäger, wie sie an den Hof reiten. Woran könnte man erkennen, dass es sich um verkleidete Frauen handelt?
- →Klasse 8–9: Erstelle eine Kausalkette der Handlung und markiere jene Stellen, an denen der König aktiv oder passiv handelt.
- →Klasse 10–11: Untersuche das Motiv des sprechenden Löwen als Wahrheitsinstanz und vergleiche es mit einer weiteren Tierfigur aus einem anderen Grimm-Märchen.
- →Klasse 12–13: Diskutiere anhand von Die zwölf Jäger, inwiefern das Märchen weibliche Handlungsmacht darstellt und wo es zugleich patriarchale Strukturen unhinterfragt lässt. Beziehe die Position von Jack Zipes mit ein.
Für Seminar und Hausarbeit
Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 67), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Giambattista Basile, Pentamerone (1634/36), 3,6
Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU-Typennummer 884 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature
Tiefenpsychologie: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · Marie-Louise von Franz, The Feminine in Fairy Tales (1972) · C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954)
Gesellschaft und Feminismus: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Jack Zipes, Breaking the Magic Spell (1979) · zur vergleichenden Erzählforschung: Ulrich Jahn, Volksmärchen aus Pommern und Rügen (1891)
Häufige Fragen zu Die zwölf Jäger
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 67. München 1977, S. 377–380.