Frauenbilder in Grimms Märchen

In den Märchen der Gebrüder Grimm finden sich Frauen in unterschiedlichen sozialen Situationen. Ihre vielschichtige Beschreibung ergeht sich in einem bestimmten sozialen Kontext, in Charakterzügen und Verhaltensmustern sowie Äußerlichkeiten.

Frauen als Figuren in Grimms Märchen nehmen dabei eine aktive, engagierte Rolle oder eben gegenteilig eine passive, von Teilnahmslosigkeit gekennzeichnete Position ein. Auch Mischformen kommen vor. Moralisch ist in Grimms Märchen eine Einordnung in gute und böse Gestalten zu erkennen. Zu Beginn zeigen fast alle Figuren ein typisches Rollenverhalten der damaligen Zeit.

Bescheiden und fleißig sind die Frauen aus den niederen Ständen oder vom Land. Anspruchsvoll und herrisch werden die adligen Damen beschrieben. Auffällig ist, dass der bürgerliche Mittelstand in den Märchen fast vollständig fehlt, auch Frauen in einem städtischen Umfeld werden kaum dargestellt.

Frauen in Grimms Märchen sind jedoch auch zutiefst emanzipatorisch, nicht angepasst. So gibt die Prinzessin im Froschkönig ein nicht ernst gemeintes Versprechen, um „ihr liebstes Spielwerk“ wieder zu bekommen, verweigert sich dem Gehorsam des Vaters und Königs, wird gewalttätig gegen den Frosch und bekommt am Ende trotzdem den schönen Prinzen.

froschkoenig-_Anne_AndersonBild: Froschkönig von Anne Andersen, (1874-1930)

Von Mädchenmärchen und Bubengeschichten

Es ist davon auszugehen, dass in früheren Zeiten die gesammelten Geschichten eher geschlechterspezifisch erzählt wurden. Bei den Buben waren es der männliche Mut, das Draufgängertum und die Heldentaten, die im Vordergrund standen.

Bei den Grimm`schen Mädchenmärchen ist es vor allem die Zeit der Pubertät, die immer wieder durchgespielt wird. Viele der Mädchenfiguren erleben im Alter von 13 bis 15 Jahren etwas Außerordentliches, Einschneidendes. Musterhaft dargestellt findet sich dies beim Spindelstich von Dornröschen, der Angst vor Sexualität bei Allerleirauh oder der Rivalität zwischen Mutter und Tochter bei Schneewittchen.

Viele der Mädchen und Frauen entwickeln sich im Laufe der Geschichte zu Heldinnen. Sie engagieren sich ganz bewusst in einem problematischen Umfeld, werden zu Kämpferinnen und beeinflussen aktiv die Handlung. Nicht immer ist Ihnen ein Happy End gewiss.

Besonders in den Mädchenmärchen „tritt das Mädchen beziehungsweise die junge Frau prinzipiell als Heldin eines Märchens auf – und damit als Identifikationsfigur für das Märchenpublikum. Ihr gegenüber steht die böse Widersacherin, ihr zur Seite gelegentlich die Helferin.“ So erläutert Dr. Barbara Gobrecht von der Schweizerischen Märchengesellschaft SMG die Entwicklung der Frauenfiguren. Fest steht: In den Mädchenmärchen geht es um das Erstarken des weiblichen Geschlechts, um das Behaupten der Frau gegenüber einer oft schwach dargestellten Männerwelt.

Von schönen, reinen Prinzessinnen

„So weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz“ wird Schneewittchen im gleichnamigen Märchen beschrieben. Denn schön sind sie alle, die Prinzessinnen in den Märchen der Gebrüder Grimm. Nicht immer klug und auch etwas herrschsüchtig, oft stolz und hochmütig sind sie. „So stolz und übermütig, dass ihr kein Freier gut genug war“ heißt es bei König Drosselbart.

Im Meerhäschen will sich die Schöne „niemand unterwerfen und die Herrschaft allein behalten“ Aber eben doch anfangs schwach als Weib sind sie, verletzbar, hilflos und häufig einer feindlichen Umwelt ausgeliefert. Diese Schwäche wird fast immer mit Leiden bestraft oder gar mit dem Verlust von Geld, Gut und menschlicher Aufmerksamkeit.

Auffällig ist die aus diesem Zustand beginnende kraftvolle Entwicklung einiger Figuren zu starken Frauen, die ihr Schicksal irgendwann in die eigenen Hände nehmen. Darunter sind gebeutelte Prinzessinnen, die wegen ihrer Neugier, Geschwätzigkeit oder Hochnäsigkeit Mann und Stand verlieren und sich erst mit vielen Entbehrungen bis zum Happy End durchkämpfen. Und es finden sich schöne, mutige junge Frauen aus niederem Stand, die zunächst wegen eben dieser Schönheit vom Prinzen geehelicht werden.

In ihrem neuen Umfeld – geprägt von Neid, Hass und Demütigungen durch böse Schwiegermütter und intrigante Stiefschwestern – kämpfen sie mit Mut, innerer Stärke und oft auch magischen Fähigkeiten für die Rückkehr als Frau, Mutter und Geliebte.

Von Mägden und armen Mädchen

Arme Mädchen oder junge Frauen zählen zu den in Grimms Märchen vielfach bemühten Frauengestalten. Sie sind fast ausschließlich mit guten, edlen Charaktereigenschaften ausgestattet und ihnen gelingt dank dieser der gesellschaftliche Aufstieg oder das Erlangen eines gewissen Wohlstandes.

In Die Sterntaler, verschenkt ein Waisenkind mitfühlend „sein Brot, dann seine Mütze, sein Leibchen, sein Röckchen und schließlich auch sein Hemdchen“ an die, die noch weniger haben. Barmherzigkeit als christliche Tugend wird hier mit himmlischer Währung, mit Sternen als Silbertaler belohnt.

In der Gänsehirtin am Brunnen ist die Heldin eine arme Königstochter, die durch das intrigante Verhalten der eigenen Magd in eine niedere Stellung gedrängt und erst nach vielen Prüfungen mit Duldsamkeit und Standhaftigkeit wieder in den ihr gebührenden Stand gelangt: Als Königstochter und natürlich belohnt mit einem echten Königssohn als Bräutigam. Auch in diesem Märchen wird der männliche Part als schwach und das Böse viel zu spät erkennend dargestellt, die Frauenfigur hingegen als aktive und – wenn auch mit ein wenig zauberhafter Unterstützung – für das eigene Glück kämpfende Schönheit.

Von verunsicherten, intriganten Stiefmüttern

Die böse Stiefmutter in Grimms Märchen tut alles, um das ungeliebte Kind zu demütigen. „Was macht der garstige Unnütz in den Stuben, sagte die Stiefmutter, fort mit ihr in die Küche.“ So steht es etwa bei Aschenputtel geschrieben. Mit List, Schliche und Grausamkeit ergaunern sie Vorteile für sich und die eigenen Kinder.

Da wird schon einmal die schwache Wöchnerin ins Bad getragen und abgeschlossen, damit sie darin ersticke und dem König im Bett seiner „lieben Frau“ die falsche, hässliche Tochter untergejubelt. So geschehen im Märchen Brüderchen und Schwesterchen.

Ludwig_Emil_Grimm_Bruederchen_und_SchwesterchenBild: Brüderchen und Schwesterchen, Ludwig Emil Grimm (1790–1863)

Einen darüber hinaus gehenden Konflikt zeichnet das Märchen Schneewittchen und symbolisiert diesen mit einem Spiegel. Trotz der dreimaligen Frage nach der schönsten Frau im Land verneint der Spiegel diese und verunsichert die Gealterte mit dem nun erwachsenen, bildschönen Schneewittchen.

Alle Versuche, die Jugend zu töten, misslingen. Bemerkenswert ist, dass sie all diese Schändlichkeiten unter den blinden Augen eines schwachen männlichen Protagonisten, Schneewittchens Vaters nämlich, verüben kann.

Historisch könnten die Gründe für das häufige Vorkommen der Stiefmütter in der damaligen Lebenswirklichkeit vermutet werden. Die deutlich geringere Lebenserwartung und vergleichsweise hohe Sterblichkeit führte zu den heute als Patchworkfamilien beschriebenen Konstellationen. Ob dies ein wirklicher Nachteil für die verbliebenen Halbwaisen war, wird dabei unterschiedlich ausgelegt.

Für Grimms Märchen gilt, dass sich insgesamt sieben Mal die hartherzigen, leiblichen Mütter über die zeitliche Entwicklung und schriftliche Veränderung der Märchen zur bösen Stiefmutter wandelten. Belegt ist zudem der Mutterkomplex von Wilhelm Grimm. Er konnte eine böse Mutter einfach nicht mit seinem eigenen und auch dem im Bürgertum verankerten Mutterbild vereinbaren.

Von Schwestern und Geschwistern

In 63 Texten der insgesamt 200 Kinder- und Hausmärchen werden geschwisterliche Beziehungen beschrieben. 19 reine Schwesternbeziehungen zählen die Märchen, 18 Mal werden geschmischtgeschlechtliche Verbindungen erwähnt. Konfliktbeladene Verhältnisse vor allem zwischen Stiefschwestern halten sich dabei die Waage mit den harmonischen Beziehungen.

Dem Bild der bösen Stiefmutter folgend sind auch deren leibliche Töchter eher boshaft und von Neid zerfressen. Sie tragen als Figuren negative Charaktereigenschaften und sind im Gegensatz zu ihren reinen und schönen Stiefschwestern oft dumm, weniger ansehnlich, haben also vielerlei Makel. „Sie hatte aber die faule viel lieber als die fleißige...“ heißt es da im Märchen Frau Holle und kennzeichnet die Liebe der Mutter zur eigenen Brut.

HVogel-FrauHolleBild: Goldmarie aus dem Märchen „Frau Holle“, Illustration von Hermann Vogel (1854-1921)

Am Ende steht jedoch immer die Belohnung der edelmütigen Frauenfigur, oft in Form einer Königinnenkrone und eines geliebten Prinzen gegen die mit Tücke ersonnenen Mißhandlungen und Intrigen von Schwestern und Stiefmutter. Sehr einprägsam beschreibt das Märchen Aschenputtel diese Familienverhältnisse.

Besonders in gemischtgeschlechtlichen Beziehungen steht der Beistand der Geschwister gegen eine bitterböse Stiefmutter oder anderweitig dunkle Gestalt im Vordergrund. Oftmals übernimmt die weibliche Figur dabei eine fürsorgende Rolle oder ist die Heldin gegenüber dem oft vom Mut und der Kampfkraft der Schwester abhängigen Bruder. „Sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen.“

Beruhigt das Schwesterchen sein Brüderchen im bereits zitierten Märchen Brüderchen und Schwesterchen, als dieses gegen den Rat der Schwester das Wasser aus dem verwunschenen Quell trank und in ein Tier verzaubert wird. Sie ist es auch, die ihren Bruder trotz Hass und Intrigen von Königsmutter und Stiefschwester verteidigt und der letztendlich die Entzauberung gelingt. Dass sie selbst dabei noch zur Königin, liebenden Ehefrau und Mutter aufsteigt folgt nur dem typischen Aufbau der Grimms Märchen.

Auch die wachsende Dominanz der Gretel im Märchen Hänsel und Gretel lässt das Gute am Ende siegen. Denn sie ist es, die nach anfänglicher Bravheit immer selbstbewusster agiert, am Ende die Hexe in den Ofen stößt und den gefangenen Bruder befreit.

Von Hexen, Zauberinnen und Feen

Anders als die Baba Jaga im russischsprachigen Märchenraum sind die Hexen der Grimm`schen Märchen ausschließlich böse, alt und von aller Welt gefürchtet. Bei Hänsel und Gretel kommt die Böse als Menschenfresserin daher, verwandelt Jungfrauen in Vögel und sperrt diese ein wie im Märchen Jorinde und Joringel oder schneidet unbarmherzig die langen Haare von Rapunzel ab. Am Ende jedoch siegt immer das Gute und die grausame Frau wird vernichtet.

Zauberkundige Frauen hingegen werden von den Brüdern als mild, weise und gutmütig dargestellt. Sie helfen den guten Mädchen und strafen die Faulen, nicht ohne den letztgenannten die Wandlung hin zu einem braven und fleißigen Dasein zu ermöglichen. Wie die Schnee aus den Kissen schüttelnde Frau Holle im gleichnamigen Märchen: Sie nimmt beide Mädchen in ihrem Haus auf und belohnt die Tüchtige am Ende mit einem Goldregen.

Der Habgierigen sagt sie überdrüssig von deren Nichtsnutzigkeit den Dienst auf und lässt zum Abschied ewig haftenbleibendes Pech über ihr ausgießen. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“. Das zauberhafte Geschehen der Frau Holle und auch der anderen zauberkundigen Frauen kommt dabei in keinem der Märchen offensiv mit einem Zauberspruch daher.

Bekannt sind außerdem die 12 weisen Frauen im Märchen Dornröschen. Sie überschütten die neugeborene Prinzessin weise Worte sprechend mit ihren Wundergaben. Die mit dem Spindelstich einen Fluch statt einer Gabe wünschende 13. gute Fee ist eher eine Ausnahme. Sie verkörpert eine beleidigte Frau, die nur wegen eines fehlenden goldenen Tellers nicht in den Genuss der Einladung ins Königsschloss kam.

Vom Ursprung der Märchen der Brüder Grimm

Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm ordnen sich bei den Volksmärchen ein. Entstanden sind sie ab 1806, in der Zeit der Romantik. Aus einer Sammlung von Volksmärchen und anderen literarischen Werken und gegen das Vergessen dieser schufen sie modifizierte Geschichten in einem literarischen Stil, der bis heute das bekannte Bild vom Märchen prägt.

Zunächst waren diese vornehmlich für Erwachsene geschrieben und konnten erst nach mehreren Umschreibungen als Kindermärchen Erfolge feiern. Die Märchen sind von christlichen Werten geprägt, die Gebrüder wollen sie zudem als Erziehungsbuch verstanden wissen.

Ihre Veränderungen im Laufe der Zeit und vor allem ihre Enterotisierung und die Verniedlichung von Gewaltszenen verdanken sie stets neuen Einflüssen und Kritiken aus ihrem bürgerlichen Umfeld, Mythen und Märchen anderer europäischer Völker und dem eigenen Kindheitserleben.

Am Ende sind es wieder Frauen, die bei der Entstehung der Grimm`schen Kunstmärchen eine entscheidende Rolle spielten. Allen voran ist es die Gastwirtstochter Dorothea Viehmann, die als „Märchenfrau von Zwehrn“ den Brüdern eine Vielzahl an Volksgeschichten zu Gehör brachte und diese so vor dem gesellschaftlichen Vergessen bewahrte.