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Der Liebste Roland

Der Liebste Roland | Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 56)
7:54

Das Wichtigste in Kürze

Mord am Bett, Flucht durch Verwandlung, Vergessen und Wiedererkennen: KHM 56 ist eines der dichtesten Mehrtypen-Märchen der Sammlung.

  • Drei Märchentypen in einem Text: KHM 56 kombiniert ATU 1119 (Hexe tötet ihr eigenes Kind), ATU 313 (magische Flucht durch Verwandlung) und ATU 884 (vergessene Braut). Diese Verschränkung ist im internationalen Erzählgut häufig und macht den Text strukturell aufschlussreich.
  • Dortchen Wild als Gewährsperson: Die Erzählung stammt von Henriette Dorothea Wild aus der Kasseler Apothekerfamilie, der späteren Ehefrau Wilhelm Grimms. Sie gehört zu den wichtigsten frühen Quellen der Sammlung.
  • Verwandlung als Schutz und Identitätsfrage: See und Ente, Blume und Geiger, Feldstein und Blume: Die Reihe der Metamorphosen zeigt, wie die Heldin sich der Wahrnehmung der Verfolgerin entzieht und zugleich ihre Identität bewahrt, bis sie sich am Ende durch ihre Stimme selbst zurückholt.
  • Tiefenpsychologische Doppelschicht: Die Hexe steht für das verschlingende Mütterliche, Rolands Vergessen für den Verlust der inneren Anima-Verbindung. Die Heldin durchläuft eine vollständige Individuationsbewegung von Bedrohung über Verwandlung bis zur Wiedererkennung.

Inhalt

  1. Originaltext der Brüder Grimm
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehung und Überlieferungsgeschichte
  4. Strukturanalyse und Symbolik
  5. Figurenanalyse
  6. Tiefenpsychologische Lesart
  7. Sozialkritische und feministische Lesart
  8. Internationale Parallelen
  9. Rezeptionsgeschichte
  10. Sprachliche Besonderheiten
  11. Unterrichtsbox
  12. Für Seminar und Hausarbeit
  13. FAQ

Originaltext der Brüder Grimm

Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe, und hatte zwei Töchter, eine häßlich und böse, und die liebte sie, weil sie ihre rechte Tochter war, und eine schön und gut, die haßte sie, weil sie ihre Stieftochter war. Zu einer Zeit hatte die Stieftochter eine schöne Schürze, die der andern gefiel, so daß sie neidisch war und ihrer Mutter sagte, sie wollte und müßte die Schürze haben. „Sei still, mein Kind,“ sprach die Alte, „du sollst sie auch haben. Deine Stiefschwester hat längst den Tod verdient, heute nacht, wenn sie schläft, so komm ich und haue ihr den Kopf ab. Sorge nur, daß du hinten ins Bett zu liegen kommst, und schieb sie recht vornen hin.“ Um das arme Mädchen war es geschehen, wenn es nicht gerade in einer Ecke gestanden und alles mit angehört hätte. Es durfte den ganzen Tag nicht zur Türe hinaus, und als Schlafenszeit gekommen war, mußte es zuerst ins Bett steigen, damit sie sich hinten hinlegen konnte; als sie aber eingeschlafen war, da schob es sie sachte vornen hin und nahm den Platz hinten an der Wand. In der Nacht kam die Alte geschlichen, in der rechten Hand hielt sie eine Axt, mit der linken fühlte sie erst, ob auch jemand vornen lag, und dann faßte sie die Axt mit beiden Händen, hieb und hieb ihrem eigenen Kinde den Kopf ab.

Als sie fortgegangen war, stand das Mädchen auf und ging zu seinem Liebsten, der Roland hieß, und klopfte an seine Türe. Als er herauskam, sprach sie zu ihm „höre, liebster Roland, wir müssen eilig flüchten, die Stiefmutter hat mich totschlagen wollen, hat aber ihr eigenes Kind getroffen. Kommt der Tag, und sie sieht, was sie getan hat, so sind wir verloren.“ „Aber ich rate dir,“ sagte Roland, „daß du erst ihren Zauberstab wegnimmst, sonst können wir uns nicht retten, wenn sie uns nachsetzt und verfolgt.“ Das Mädchen holte den Zauberstab, und dann nahm es den toten Kopf und tröpfelte drei Blutstropfen auf die Erde, einen vors Bett, einen in die Küche und einen auf die Treppe. Darauf eilte es mit seinem Liebsten fort.

Als nun am Morgen die alte Hexe aufgestanden war, rief sie ihre Tochter, und wollte ihr die Schürze geben, aber sie kam nicht. Da rief sie „wo bist du?“ „Ei, hier auf der Treppe, da kehr ich,“ antwortete der eine Blutstropfen. Die Alte ging hinaus, sah aber niemand auf der Treppe und rief abermals „wo bist du?“ „Ei, hier in der Küche, da wärm ich mich,“ rief der zweite Blutstropfen. Sie ging in die Küche, aber sie fand niemand. Da rief sie noch einmal „wo bist du?“ „Ach, hier im Bette, da schlaf ich,“ rief der dritte Blutstropfen. Sie ging in die Kammer ans Bett. Was sah sie da? Ihr eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm, und dem sie selbst den Kopf abgehauen hatte.

Die Hexe geriet in Wut, sprang ans Fenster, und da sie weit in die Welt schauen konnte, erblickte sie ihre Stieftochter, die mit ihrem Liebsten Roland forteilte. „Das soll euch nichts helfen,“ rief sie, „wenn ihr auch schon weit weg seid, ihr entflieht mir doch nicht.“ Sie zog ihre Meilenstiefeln an, in welchen sie mit jedem Schritt eine Stunde machte, und es dauerte nicht lange, so hatte sie beide eingeholt. Das Mädchen aber, wie es die Alte daherschreiten sah, verwandelte mit dem Zauberstab seinen Liebsten Roland in einen See, sich selbst aber in eine Ente, die mitten auf dem See schwamm. Die Hexe stellte sich ans Ufer, warf Brotbrocken hinein und gab sich alle Mühe, die Ente herbeizulocken: aber die Ente ließ sich nicht locken, und die Alte mußte abends unverrichteter Sache wieder umkehren. Darauf nahm das Mädchen mit seinem Liebsten Roland wieder die natürliche Gestalt an, und sie gingen die ganze Nacht weiter bis zu Tagesanbruch. Da verwandelte sich das Mädchen in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornhecke stand, seinen Liebsten Roland aber in einen Geigenspieler. Nicht lange, so kam die Hexe herangeschritten und sprach zu dem Spielmann „lieber Spielmann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“ „O ja,“ antwortete er, „ich will dazu aufspielen.“ Als sie nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte, denn sie wußte wohl, wer die Blume war, so fing er an aufzuspielen, und, sie mochte wollen oder nicht, sie mußte tanzen, denn es war ein Zaubertanz. Je schneller er spielte, desto gewaltigere Sprünge mußte sie machen, und die Dornen rissen ihr die Kleider vom Leibe, stachen sie blutig und wund, und da er nicht aufhörte, mußte sie so lange tanzen, bis sie tot liegen blieb.

Als sie nun erlöst waren, sprach Roland „nun will ich zu meinem Vater gehen und die Hochzeit bestellen.“ „So will ich derweil hier bleiben,“ sagte das Mädchen, „und auf dich warten, und damit mich niemand erkennt, will ich mich in einen roten Feldstein verwandeln.“ Da ging Roland fort, und das Mädchen stand als ein roter Stein auf dem Felde und wartete auf seinen Liebsten. Als aber Roland heim kam, geriet er in die Fallstricke einer andern, die es dahin brachte, daß er das Mädchen vergaß. Das arme Mädchen stand lange Zeit, als er aber endlich gar nicht wiederkam, so ward es traurig und verwandelte sich in eine Blume und dachte „es wird ja wohl einer dahergehen und mich umtreten.“

Es trug sich aber zu, daß ein Schäfer auf dem Felde seine Schafe hütete und die Blume sah, und weil sie so schön war, so brach er sie ab, nahm sie mit sich, und legte sie in seinen Kasten. Von der Zeit ging es wunderlich in des Schäfers Hause zu. Wenn er morgens aufstand, so war schon alle Arbeit getan: die Stube war gekehrt, Tische und Bänke abgeputzt, Feuer auf den Herd gemacht und Wasser getragen; und mittags, wenn er heim kam, war der Tisch gedeckt und ein gutes Essen aufgetragen. Er konnte nicht begreifen, wie das zuging, denn er sah niemals einen Menschen in seinem Haus, und es konnte sich auch niemand in der kleinen Hütte versteckt haben. Die gute Aufwartung gefiel ihm freilich, aber zuletzt ward ihm doch angst, so daß er zu einer weisen Frau ging und sie um Rat fragte. Die weise Frau sprach „es steckt Zauberei dahinter; gib einmal morgens in aller Frühe acht, ob sich etwas in der Stube regt, und wenn du etwas siehst, es mag sein, was es will, so wirf schnell ein weißes Tuch darüber, dann wird der Zauber gehemmt.“ Der Schäfer tat, wie sie gesagt hatte, und am andern Morgen, eben als der Tag anbrach, sah er, wie sich der Kasten auftat und die Blume herauskam. Schnell sprang er hinzu und warf ein weißes Tuch darüber. Alsbald war die Verwandlung vorbei, und ein schönes Mädchen stand vor ihm, das bekannte ihm, daß es die Blume gewesen wäre und seinen Haushalt bisher besorgt hätte. Es erzählte ihm sein Schicksal, und weil es ihm gefiel, fragte er, ob es ihn heiraten wollte, aber es antwortete „nein,“ denn es wollte seinem Liebsten Roland, obgleich er es verlassen hatte, doch treu bleiben: aber es versprach, daß es nicht weggehen, sondern ihm fernerhin haushalten wollte.

Nun kam die Zeit heran, daß Roland Hochzeit halten sollte: da ward nach altem Brauch im Lande bekanntgemacht, daß alle Mädchen sich einfinden und zu Ehren des Brautpaars singen sollten. Das treue Mädchen, als es davon hörte, ward so traurig, daß es meinte, das Herz im Leibe würde ihm zerspringen, und wollte nicht hingehen, aber die andern kamen und holten es herbei. Wenn aber die Reihe kam, daß es singen sollte, so trat es zurück, bis es allein noch übrig war, da konnte es nicht anders. Aber wie es seinen Gesang anfing, und er zu Rolands Ohren kam, so sprang er auf und rief „die Stimme kenne ich, das ist die rechte Braut, eine andere begehr ich nicht.“ Alles, was er vergessen hatte und ihm aus dem Sinn verschwunden war, das war plötzlich in sein Herz wieder heim gekommen. Da hielt das treue Mädchen Hochzeit mit seinem Liebsten Roland, und war sein Leid zu Ende und fing seine Freude an.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 56. München 1977, S. 318–321.

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Inhaltsangabe

Eine Hexe lebt mit zwei Töchtern zusammen: ihrer eigenen, hässlichen und bösen, und einer schönen und guten Stieftochter, die sie hasst. Als die leibliche Tochter die Schürze der Stiefschwester begehrt, plant die Mutter den Mord. Die Stieftochter belauscht das Gespräch, vertauscht nachts die Plätze im Bett, und die Hexe schlägt versehentlich der eigenen Tochter den Kopf ab.

Das Mädchen flieht zu seinem Liebsten Roland, nimmt auf seinen Rat den Zauberstab der Hexe mit und tröpfelt drei Blutstropfen, die der Mutter Antworten geben sollen und damit den Mord verzögern. Als die Hexe schließlich die Tote erblickt, nimmt sie ihre Meilenstiefel und verfolgt das Paar. Das Mädchen rettet sich durch zwei Verwandlungen: erst in eine Ente auf einem See, dann in eine Blume in der Dornhecke, während Roland zum Spielmann wird. Sein Zaubertanz lockt die Hexe in die Dornen, die sie blutig zerreißen, bis sie tot liegenbleibt.

Roland zieht zu seinem Vater, um die Hochzeit zu bestellen. Das Mädchen verwandelt sich in einen roten Feldstein, um unerkannt zu warten. Doch Roland gerät in die Fallstricke einer anderen Frau und vergisst seine Braut. Diese verwandelt sich erneut, diesmal in eine Blume, und wird von einem Schäfer mitgenommen. In seinem Haus besorgt sie unsichtbar den Haushalt, bis er sie mit einem weißen Tuch entzaubert. Sie bleibt bei ihm, aber als Hausgenossin, nicht als Braut.

Als Rolands Hochzeit naht, müssen nach altem Brauch alle Mädchen des Landes zu Ehren des Brautpaars singen. Das treue Mädchen wird mitgeführt. Erst ihr Gesang holt Roland aus dem Vergeßungsbann zurück. Er erkennt seine wahre Braut, und die beiden heiraten.

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Entstehung und Überlieferungsgeschichte

KHM 56 steht seit der Erstauflage 1812 in den Kinder- und Hausmärchen. Die Gewährsperson ist Henriette Dorothea Wild, in der Familie und im Freundeskreis der Grimms „Dortchen“ genannt. Sie stammte aus der Kasseler Sonnenapotheke in der Marktgasse, nur zwei Häuser vom Wohnhaus der Brüder entfernt, und heiratete 1825 Wilhelm Grimm. Die Familie Wild gehörte zusammen mit der Familie Hassenpflug zu den ergiebigsten Quellen der frühen Sammlung. Beide Familien hatten hugenottische Wurzeln, ein Umstand, der erklärt, warum sich in den von ihnen überlieferten Texten immer wieder Spuren französischer Erzähltradition finden.

Weiterführend auf Märchenbrause
Wer waren die Gebrüder Grimm? Porträt und Biografie

Von Dortchen Wild stammen neben KHM 56 weitere zentrale Texte der Sammlung, darunter Frau Holle (KHM 24), Die drei Männlein im Walde (KHM 13), Tischlein deck dich (KHM 36), Fitchers Vogel (KHM 46), König Drosselbart (KHM 52) und Allerleirauh (KHM 65). Damit gehört sie zu den wichtigsten frauenstimmlichen Trägerinnen der Sammlung überhaupt. Dass diese Fülle erst in der modernen Forschung wieder ins Bewusstsein gerückt ist, gehört zur typischen Geschichte der weiblichen Gewährspersonen, deren Beiträge lange als Folie für die männliche Sammeltätigkeit dienten.

Wusstest du?

Dortchen Wild war zwölf Jahre alt, als die Brüder Grimm 1805 in die Marktgasse zogen. Über zwei Jahrzehnte lang überlieferte sie Märchen, ehe sie 1825 selbst in die Familie Grimm einheiratete. Damit ist sie die einzige Gewährsperson, die zugleich Schwiegertochter, Ehefrau und Mitarbeiterin im engsten Sinne wurde.

ATU-Typologie: Drei Typen, ein Text

KHM 56 verbindet drei Typen des internationalen Märchenkatalogs nach Aarne, Thompson und Uther: ATU 1119 (Die Hexe tötet ihre eigenen Kinder), ATU 313 (Die magische Flucht) und ATU 884 (Die vergessene Braut), in älteren Zählungen auch ATU 407. Diese Kombination ist im internationalen Erzählgut weit verbreitet. Zu ATU 313 gezählt werden bei den Grimms neben KHM 56 auch KHM 51 Fundevogel, KHM 76 Die Nelke, KHM 79 Die Wassernixe, KHM 113 De beiden Künigeskinner, KHM 186 Die wahre Braut und KHM 193 Der Trommler.

In ihrer Anmerkung notieren die Grimms „Aus Hessen“ und schildern eine Variante, die wie Hänsel und Gretel beginnt: Gretel flieht mit Hänsel und lässt ihre Spucke vor dem Herd antworten, als die Hexe nach heißem Wasser verlangt, bis sie trocknet. Die Hexe verfolgt sie auf Schlittschuhen. Die Grimms vermuten in dem Märchen alten Stoff und vergleichen die Blutstropfen mit Sagen, in denen Götter durch Spucke schaffen.

Editorische Bearbeitung über die Auflagen

Der Titel lautet in den Erstauflagen einfach „Der Liebste Roland“, ab der dritten Auflage 1837 „Der liebste Roland“ mit kleingeschriebenem „liebste“. Inhaltlich gleicht die Erstfassung von 1812 der späteren Endfassung weitgehend, allerdings mit knapperer, stärker mundartlich gefärbter Sprache. Wilhelm Grimm hat den Text von Auflage zu Auflage stilistisch geglättet, ohne die Handlung zu verändern. Vergleichbar mit anderen Texten der Sammlung wurde die Sprache rhythmisierter, die direkte Rede pointierter und die Bildlichkeit anschaulicher.

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Strukturanalyse und Symbolik

Die Erzählung gliedert sich in vier deutlich getrennte Bewegungen, die jeweils einen anderen Märchentyp realisieren. Die strukturelle Eleganz von KHM 56 liegt darin, dass diese vier Bewegungen nicht episodisch nebeneinanderstehen, sondern dramaturgisch ineinandergreifen.

  1. 1Mord im Haus: Die Hexe plant den Tod der Stieftochter, tötet aber durch deren List die eigene Tochter.
  2. 2Magische Flucht: Das Paar entkommt durch Verwandlungen und besiegt die Hexe durch den Zaubertanz in der Dornhecke.
  3. 3Trennung und Vergessen: Roland zieht heim, gerät in fremde Bindung, vergisst seine Braut. Sie wartet als Stein, dann als Blume.
  4. 4Wiedererkennung: Der Gesang der treuen Braut holt Roland aus dem Vergeßungsbann zurück. Die Hochzeit erfüllt sich.

Symboltabelle

Motiv Deutung
Die Schürze Symbol weiblicher Schmuckmächtigkeit, in vielen Kulturen Bräutigam-Geschenk; Neidobjekt zwischen Schwestern.
Die Axt Werkzeug der archaischen Hinrichtung; das Enthaupten als Akt der vollständigen Aus­löschung der Person.
Drei Blutstropfen Beseelte Körperflüssigkeit, die der Toten Stimme leiht. Die Grimms verglichen das Motiv mit nordischer Schöpfung durch Spucke.
Der Zauberstab Werkzeug der Verwandlung. Die Heldin nimmt der Hexe deren Macht und lässt sie gegen sie selbst wirken.
Meilenstiefel Hexenattribut der grenzenlosen Mobilität. Auch im Kleinen Däumling (Perrault) als Zeichen der übernatürlichen Verfolgung.
See und Ente Verschmelzung der Liebenden in einem Element. Die Ente bleibt unbeweglich, die Hexe scheitert an ihrer Distanzlosigkeit.
Blume und Dornhecke Schönheit, geschützt durch Stachel. Wer das Verletzliche greift, wird selbst verletzt; klassisches Schutzmotiv aus dem Dornröschenkreis.
Geiger und Zaubertanz Musik als magischer Zwang. Identisches Motiv in KHM 110 Der Jude im Dorn. Der Verfolger wird durch eigene Begierde gefangen.
Roter Feldstein Verstummen, Versteinerung des Wartens. Der Stein ist sichtbar, aber stumm; die Heldin macht sich unauffindbar, ohne den Ort zu verlassen.
Gesang der Braut Die Stimme als Wieder­erkennungs­zeichen, das die unteren Sinne (Sehen) überspringt und direkt das Herz erreicht. Klassische Anagnorisis.

Dreizahl in KHM 56

Drei Blutstropfen, drei Antworten der Hexe, drei Verwandlungen des Paares vor der Hochzeit, drei Standorte der Heldin nach der Flucht (Stein, Blume, Hausfrau). Die Dreizahl ist nicht nur Schema, sondern strukturiert die Steigerung von Verzögerung, Schutz und Wiederfindung.

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Figurenanalyse

Die Stieftochter

Die Heldin trägt keinen Namen, ein typisches Merkmal vieler Grimm-Figuren ohne adlige Herkunft. Ihre Charakterisierung erfolgt über Adjektivpaare: schön und gut, treu und klug. Sie ist die einzige Figur, die in allen vier Strukturteilen handlungstragend bleibt. Im ersten Teil entkommt sie durch Listigkeit dem Mord, im zweiten organisiert sie die Flucht und führt die Verwandlungen aus, im dritten erträgt sie das Warten und im vierten holt sie Roland durch ihre Stimme zurück. Bemerkenswert: Sie hat den Zauberstab in der Hand, sie ist die Verwandlerin. Roland ist der Beratende, sie die Handelnde.

Roland

Der Liebste ist auffällig passiv. Er rettet die Heldin nicht, sondern wird von ihr gerettet. Er gibt ihr den Hinweis auf den Zauberstab, aber er selbst wird durch sie verwandelt. Im dritten Teil zerfällt seine Persönlichkeit: Er „gerät in die Fallstricke einer andern“, vergisst seine Braut. Sein Vergessen ist keine bewusste Untreue, sondern eine passive Verzauberung. Erst die Stimme der wahren Braut bringt die Erinnerung zurück. Roland ist damit weniger eine eigenständige Figur als ein Spiegel: Was die Heldin in ihm verloren glaubt, gewinnt sie durch ihre eigene Künstlerschaft (den Gesang) zurück.

Die Hexe als Stiefmutter

Die Hexenfigur vereint zwei in KHM häufige Rollenmuster: die böse Stiefmutter (wie in KHM 11, 15, 21, 53) und die magisch ausgestattete Verfolgerin (wie in KHM 51, 113). Sie ist als Mutter und als Zauberin doppelt anti­maternal. Ihre Tochter dient ihr nur als Spiegel des eigenen Begehrens (die Schürze), und am Ende tötet sie diese Tochter selbst, ohne es zu wissen. In dieser Selbstauslöschung der Linie zeigt sich die volle Logik einer Bosheit, die nichts außer sich selbst bestehen lassen kann.

Die leibliche Tochter

Sie hat keine Stimme, nur ein Begehren (die Schürze). Sie ist Werkzeug der Mutter, nicht eigene Person. Ihr Tod im Bett, anstelle der Stieftochter, ist die exakte Spiegelung dessen, was sie selbst wollte: Sie wird Opfer der Mörderhand, die sie als Werkzeug benutzt hätte.

Der Schäfer

Der Schäfer ist die einzige nicht magisch markierte Männerfigur und damit die Gegenfigur zu Roland. Er findet die Blume, bringt sie heim, sucht Rat bei einer weisen Frau, erkennt den Zauber und entzaubert die Heldin durch das weiße Tuch. Er bietet ihr die Ehe an, akzeptiert ihr Nein und gibt sich mit ihrem Haushalten zufrieden. Damit ist er die einzige männliche Figur, die ohne Zauberstab und ohne Vergessen handelt. Seine Existenz erweitert das Märchen um eine Möglichkeit der Treue, die nicht romantisch ist.

Die weise Frau

Sie taucht nur in einem Satz auf, aber sie ist die Kontrastfigur zur Hexe. Beide sind alte Frauen mit Wissen. Die eine zerstört, die andere entzaubert. Das Märchen unterscheidet klar zwischen schwarzer und weißer Magie, zwischen tödlichem und lösendem Wissen.

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Tiefenpsychologische Lesart

Wenige Märchen der Grimms bieten der tiefenpsychologischen Deutung so viele Anschlusspunkte wie Der liebste Roland. Die Reihe von Verwandlungen, das Vergessen, der Gesang als Wiedererkennung: All das lässt sich als Stationen eines Individuationsprozesses lesen.

Die Hexe als Mutterimago

In der Jungschen Lesart ist die Stiefmutter weniger eine reale Figur als die abgespaltene dunkle Seite des Mütterlichen, was Marie-Louise von Franz in Shadow and Evil in Fairy Tales als „negative Mutter“ oder „Hexenmutter“ beschreibt. Diese Figur verkörpert die unbewusste Aggression, die Kinder bei der Ablösung aushalten müssen. Dass die Hexe ihre eigene Tochter tötet, ist symbolisch konsequent: Die zerstörerische Mutter zerstört, was an sie gebunden bleibt. Nur die Stieftochter, die sich aus der Bindung löst, überlebt.

Die Flucht durch Verwandlung

Die magische Flucht in ATU 313 wird in der tiefenpsychologischen Tradition seit Bruno Bettelheim (Kinder brauchen Märchen, 1976) als Bild für die psychische Notwendigkeit der Selbsttransformation gelesen. Wer sich vor der verschlingenden Mutter retten will, muss seine Identität flexibel halten. Die drei Verwandlungen (Ente, Blume, Stein) zeigen unterschiedliche Strategien: das Schweben über dem Verlangen (Ente auf See), das Sich-Schützen durch Stacheln (Blume in der Dornhecke), das vollständige Verstummen (Feldstein).

In Märchen vom Typ der magischen Flucht zeigt sich, dass die Persönlichkeit, um zu überleben, sich verwandeln muss. Wer die Form starr hält, wird vom Verfolger eingeholt.

Der Zaubertanz: Selbstzerstörung der Bosheit

Dass die Hexe sich an den Dornen blutig tanzt, gehört zu einem der härtesten Strafmuster der KHM. Die Brüder Grimm haben es mehrfach verwendet, etwa in Sneewittchen (glühende Eisenschuhe) und in Der Jude im Dorn (KHM 110). Tiefenpsychologisch bedeutet die Selbstzerstörung der Verfolgerin: Die böse Macht muss sich selbst aufzehren. Sie wird nicht von der Heldin getötet, sondern durch ihre eigene Gier in eine Bewegung gezwungen, die ihre Auflösung erzwingt. Die Heldin bleibt rein, der Zauberstab wirkt durch Musik, nicht durch Mord.

Das Vergessen Rolands und der Schatten der Anima

Das Motiv der vergessenen Braut ist tiefenpsychologisch eine der reichsten Episoden des Märchens. In Jungscher Terminologie steht die Braut für die Anima, die innere Seelenfigur des Mannes. Rolands Vergessen ist der psychische Augenblick, in dem das Bewusstsein die Verbindung zur eigenen Tiefe verliert. Er „gerät in die Fallstricke einer andern“, was beschreibt, wie das Bewusstsein sich an Oberflächen bindet und das Wesentliche verliert. Die wahre Braut, die als Stein, als Blume, als unsichtbare Hausverwalterin geduldig wartet, ist das Bild für das nicht erloschene innere Wissen.

Der Gesang am Ende ist klassische Anagnorisis. Die Stimme dringt durch alle Schichten der Vergeßungs­magie hindurch, denn sie spricht nicht an das Äußere, sondern an das Herz. Marie-Louise von Franz hat in The Feminine in Fairy Tales auf die Bedeutung der weiblichen Stimme als Trägerin der Wahrheit hingewiesen: Wo das Bewusstsein das Äußere täuschen kann, lügt die Stimme nicht.

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Sozialkritische und feministische Lesart

Jack Zipes hat in Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) und in zahlreichen Aufsätzen darauf hingewiesen, dass die Grimm-Märchen ihre vermögens- und geschlechterpolitische Grundierung selten so deutlich zeigen wie in den Stiefmutter-Geschichten. Auch KHM 56 lässt sich aus dieser Perspektive aufschließen.

Die Schürze als ökonomisches Zeichen

Der Streit beginnt nicht um Liebe, nicht um Macht, sondern um ein Kleidungsstück. Die Schürze ist im 18. und 19. Jahrhundert nicht nur tägliche Berufskleidung, sondern auch Schmuck und Statuszeichen vor allem im bürgerlichen und ländlichen Milieu. Wer eine schöne Schürze hat, hat Aussicht auf eine gute Heirat. Der Neid der Stiefschwester ist damit kein kindlicher Trotz, sondern Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt. Die Hexe agiert wie eine Mütter im Heiratsstrategien­modus, allerdings mit Axt statt mit Aussteuer.

Die Hexe als Karikatur der bösen Mutter

Feministische Forschung hat lange Zeit moniert, dass die Grimms weibliche Bösheit auffällig häufig in Mutterfiguren konzentrieren, während Väter passiv oder abwesend bleiben. In KHM 56 ist der Vater der Stieftochter gänzlich nicht vorhanden. Die ganze Familienkonstellation wird zwischen drei weiblichen Figuren ausgetragen, der Konflikt verläuft entlang der Konkurrenz um männliche Zuwendung (Roland) und materiellen Schmuck (Schürze). Dass die einzige weibliche Allianz im Text die zwischen Heldin und weiser Frau am Ende ist, weist auf eine Möglichkeit der Solidarität hin, die der Anfang radikal verfehlt.

Treue ohne Überhöhung

Die Heldin verweigert dem Schäfer die Ehe. Die in Hochzeitsmärchen sonst übliche Logik „ein Mann gerettet, also ihn heiraten“ wird hier durchbrochen. Sie bleibt ihrem Wort treu, ohne den Schäfer als minderwertig zu behandeln. Sie macht sich nützlich, ohne sich zu binden. In dieser Episode hat die feministische Forschung ein Muster weiblicher Selbstbestimmung im patriarchal geprägten Erzählrahmen erkannt. Die Heldin bleibt Subjekt ihrer Beziehungen, nicht Objekt der Männerwahl.

Detail aus der Forschung

Heinz Rölleke hat in seinen Aufsätzen zur emanzipatorischen Dimension der KHM betont, dass viele Heldinnen aktiver agieren als ihre männlichen Partner. KHM 56 ist dafür ein Paradebeispiel: Die Heldin organisiert Flucht, Verwandlung, Tod der Hexe, Versteck, Rückkehr und Wiedererkennung. Roland erhält seine Rolle nur durch ihre Stimme zurück.

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Internationale Parallelen

Die Kombination der drei ATU-Typen 1119, 313 und 884 erzeugt ein erzählerisches Geflecht, das in nahezu allen europäischen und vielen außereuropäischen Erzähltraditionen Spuren hinterlassen hat. Hier eine Auswahl der wichtigsten Parallelen.

Text Tradition Verbindung
KHM 51 Fundevogel Hessen Dreifache Verwandlungs­flucht, kinderfressende Hexe, schwesterliche Bindung statt Liebe
KHM 113 De beiden Künigeskinner Paderborn (Haxthausen) Klassische Kombination ATU 313 und 884, magische Flucht und vergessene Braut
KHM 79 Die Wassernixe Hessen Geschwister fliehen vor einem dämonischen Wesen durch Wurfgegenstände
Basile, Lo Polece (Der Floh) Neapel, 1634/36 Eine der ältesten verschriftlichten Versionen des Flucht-Schemas
L’Oranger et l’Abeille (Aulnoy) Frankreich, 1697 Höfisches Kunstmärchen mit dem klassischen Schema der Verwandlungsflucht
Master Maid (Asbjørnsen/Moe) Norwegen Die Heldin treibt Flucht und Wieder­erkennung; klassische skandinavische Parallele
Ovid, Metamorphosen Röm. Antike Verwandlung als Schutz vor Verfolgung, Daphne und Apollo als bekanntester Fall
Eyrbyggja Saga (Kap. 20) Island, ca. 13. Jh. Katla verwandelt ihren Sohn, um ihn vor Verfolgung zu schützen; von Grimms in der Anmerkung zitiert

Die Brüder Grimm selbst verwiesen in ihrer Anmerkung auf die Eyrbyggja Saga, auf Johann Heinrich Voß’ Idylle Der Riesenhügel und auf eine „braunschweigische Sammlung“ von Feenmärchen. Diese gelehrte Vernetzung zeigt, dass die Grimms KHM 56 nicht als isolierte Volks­überlieferung verstanden, sondern als Glied in einer langen europäischen Kette von Verwandlungs­erzählungen.

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Rezeptionsgeschichte

Der liebste Roland gehört nicht zu den meistverfilmten Grimm-Märchen. Die kompakte Episodenstruktur und die ungewöhnlich brutale Anfangsszene haben verhindert, dass der Stoff in der filmischen Adaption gleich häufig auftaucht wie etwa Aschenputtel oder Sneewittchen. Dennoch hat das Märchen seine Spuren hinterlassen.

Literarische Nachfolge

Das Motiv der vergessenen Braut, das in KHM 56 zentral ist, wurde in der romantischen und postromantischen Literatur breit aufgegriffen. Die Romantiker um Brentano, Eichendorff und Tieck haben das Bild der Wartenden, die durch den Gesang den Vergessenden zurückholt, in lyrische und novellistische Formen übersetzt. Auch in Wagners Tannhäuser und im Lohengrin-Stoff klingen Motive an, die auf demselben Erzählmuster ruhen: Der Mann verirrt sich in einer falschen Bindung, die wahre Liebe wartet treu.

Bildende Kunst und Illustration

In der klassischen Illustrationstradition der KHM, von Ludwig Richter über Otto Ubbelohde bis hin zu modernen Künstlerinnen, taucht KHM 56 immer wieder auf, meist in der Szene der Verwandlung in die Ente auf dem See oder in der Dornhecken-Szene mit dem Geigenspieler. Otto Ubbelohdes Illustration zur dritten Auflage zeigt einen besonders sensiblen Umgang mit dem Mehrfach-Motiv.

Verfilmungen

Eine umfassende eigenständige Kinoverfilmung von KHM 56 existiert bisher nicht. Das Märchen taucht in Märchen­omnibus-Formaten und in persönlichen Lese-Aufnahmen auf, etwa in den Audioausgaben der Reihen „Grimms Märchen“. Die Komplexität von vier Strukturteilen mit unterschiedlichen Schauplätzen und die Brutalität der Mordszene erschweren die Adaption für ein Kinderpublikum. In experimentellen Bühnenproduktionen und im modernen Märchen­theater wird KHM 56 hingegen gerne aufgeführt, gerade weil die Verwandlungs­sequenzen choreographisch ergiebig sind.

Moderne Adaptionen

Im deutschsprachigen Gegenwartstheater und in der Performance-Kunst wird KHM 56 immer wieder als Vorlage genutzt, um Fragen weiblicher Identität, künstlerischer Stimme und der Treue jenseits romantischer Konvention zu verhandeln. Die Heldin, die als Stein, Blume und Schäfer­haushalterin existiert, ohne ihre Identität preiszugeben, ist eine Figur, die sich vielfach in zeitgenössische Künstlerinnen­biographien spiegeln lässt.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text in der Ausgabe letzter Hand (1857) ist deutlich präziser als die Erstauflage von 1812. Wilhelm Grimm hat den Dialog rhythmisiert, die direkte Rede der Hexe und ihrer Tochter zugespitzt und den parataktischen Stil im Übergang zwischen den Episoden konsequent gehalten.

Bemerkenswert sind drei stilistische Eigentümlichkeiten. Erstens die durchgehende Verwendung des sachlichen Pronomens „es“ für die Heldin. Sie wird, wie viele junge weibliche Hauptfiguren der KHM, sprachlich neutralisiert. Das Pronomen „es“ (statt „sie“) verdankt sich der Verwendung von „Mädchen“ (Neutrum) und ist Teil der historischen Sprachschicht, behutsam aber konsequent durchgehalten. Zweitens die rhetorische Struktur der drei Blutstropfen-Antworten: ein syntaktisch identisches Frage-Antwort-Spiel mit minimaler Variation (Treppe, Küche, Bett), das den fortschreitenden Gang der Hexe durch ihr Haus markiert. Drittens der Schlusssatz, eine der formelhaftesten Schlussformeln der KHM: „und war sein Leid zu Ende und fing seine Freude an.“ Diese chiastische Konstruktion (Leid und Ende, Freude und Anfang) bildet die märchen­typische Bewegung von Unten nach Oben auch grammatisch ab.

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Für Schule und Studium

Für Schule und Unterricht · Klasse 7–13

  • Klasse 7–8: Inhaltszusammenfassung, Figurenkonstellation als Schaubild, Diskussion: Was unterscheidet die Heldin von der leiblichen Tochter? Welche Rolle spielt die Schürze?
  • Klasse 9–10: Analyse der drei Strukturteile (Mord, Flucht, Wiedererkennung). Aufgabe: Märchenmerkmale (Dreizahl, Schwarz-Weiß-Zeichnung, magische Hilfe) am Text belegen.
  • Klasse 11–12: Tiefenpsychologische Lesart nach Bettelheim und von Franz. Diskussion: Welche Funktion hat die Verwandlungsfähigkeit der Heldin? Was bedeutet Rolands Vergessen?
  • Klasse 12–13 / Studium: Vergleich mit KHM 51 Fundevogel und KHM 113 De beiden Künigeskinner. Welche Funktion erfüllt die Hexenfigur im Unterschied zur Stiefmutter? Wo zeigt sich die Verschränkung der drei ATU-Typen am Text?

Für Seminar und Hausarbeit

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 56), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstexte: Giambattista Basile, Pentamerone (1634/36); Madame d’Aulnoy, Contes nouveaux ou les Fées à la mode (1698); Asbjørnsen/Moe, Norske Folkeeventyr (1841 ff.)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU-Typ 1119, 313, 884 bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004); Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature (Motivfolge D671 Verwandlungsflucht)

Gewährsperson: Holger Ehrhardt (Hg.), Brief­wechsel der Brüder Grimm mit Herman Grimm (1998); zur Familie Wild: Klaus von Wild, biographische Aufsätze; Heinz Rölleke, Aufsätze zur Rolle der weiblichen Gewährspersonen in der KHM-Sammlung

Tiefenpsychologie: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · Marie-Louise von Franz, Shadow and Evil in Fairy Tales (1974) und The Feminine in Fairy Tales (1972) · C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954) · Eugen Drewermann, Liebe und Leid in Märchen

Gesellschaft und Feminismus: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) und Breaking the Magic Spell (1979) · Maria Tatar, The Hard Facts of the Grimms’ Fairy Tales (1987) · Heinz Rölleke, Aufsätze zur emanzipatorischen Dimension der KHM

Speziell zu ATU 313 (Magische Flucht): Jan-Öjvind Swahn, The Tale of Cupid and Psyche (Lund 1955) · Lutz Röhrich, Märchen und Wirklichkeit (1956) · Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947)

Häufige Fragen zu Der liebste Roland

Eine Stieftochter entkommt der Mordabsicht ihrer Hexenmutter, flieht mit ihrem Liebsten Roland und entgeht durch Verwandlungen der Verfolgung. Nachdem Roland sie zunächst vergisst, finden die beiden am Ende doch zusammen. Das Märchen verbindet Stiefmutterkonflikt, magische Flucht und das Motiv der vergessenen Braut.
Die Erzählung stammt von Henriette Dorothea (Dortchen) Wild, einer Tochter der Kasseler Apothekerfamilie Wild und späteren Ehefrau Wilhelm Grimms. Dortchen Wild gehört zu den wichtigsten frühen Gewährspersonen der Sammlung und hat unter anderem auch Frau Holle, Allerleirauh und Fitchers Vogel überliefert.
Der liebste Roland kombiniert drei ATU-Typen: ATU 1119 (Hexe, die ihr eigenes Kind tötet), ATU 313 (Die magische Flucht) und ATU 884 (oder ATU 407, Die vergessene Braut). Diese Kombination ist im internationalen Erzählgut weit verbreitet und findet sich auch in KHM 113 De beiden Künigeskinner sowie in Asbjørnsens norwegischer Master Maid.
Eng verwandt sind KHM 51 Fundevogel, KHM 79 Die Wassernixe und KHM 113 De beiden Künigeskinner (alle ATU 313, magische Flucht). Das Motiv der vergessenen Braut findet sich auch in KHM 88 Das singende, springende Löweneckerchen und in KHM 193 Der Trommler. Der Zaubertanz, an dem die Hexe stirbt, taucht ebenfalls in KHM 110 Der Jude im Dorn auf.
Die sprechenden Blutstropfen verzögern die Entdeckung des Mordes und stehen in einer alten Erzähltradition, in der Körper­flüssigkeiten als beseeltes Material gelten. Die Grimms selbst verglichen das Motiv in ihrer Anmerkung mit nordischen Sagen, in denen Götter durch Spucke schöpferisch tätig werden. Ein verwandtes Motiv findet sich in KHM 89 Die Gänsemagd.
Das Motiv der vergessenen Braut gehört zu ATU 884 und ist in vielen europäischen Märchen verbreitet. Tiefenpsychologisch lässt es sich als Verlust der inneren Verbindung zur weiblichen Seelenfigur (Anima) lesen. Die Heldin muss ihn durch ihren Gesang aus der Vergessenheit zurückholen, ein klassischer Anagnorisis-Moment, der das Äußere (Sehen) durch das Innere (Hören der Stimme) korrigiert.
Der liebste Roland eignet sich ab Klasse 7 oder 8 für Unterrichts­einheiten zur Märchenanalyse. Die Gewaltsamkeit der Anfangsszene und die symbolische Dichte machen das Märchen besonders interessant für die Mittel- und Oberstufe sowie für Einführungs­seminare an der Universität. Für jüngere Kinder ist der Mord am Bett zu drastisch.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 56. München 1977, S. 318–321. Quellenangaben zur Forschungsliteratur in der Literaturbox „Für Seminar und Hausarbeit“.