Ludwig Bechstein & seine Märchen

Ludwig Bechstein gehört zu den großen Märchenerzählern Deutschlands. Von ihm stammt das „Deutsche Märchenbuch“, das Volksmärchen sammelte. Seine Märchensammlung war in Deutschland im 19. Jahrhundert beliebter als die Sammlungen der Brüder Grimm. Messbar ist diese Bekanntheit an den Auflagezahlen seiner Märchenbücher, die höher als die der Grimm’schen Bücher war. Über 150 Märchen gehen auf Bechsteins Bearbeitungen und Sammlungen zurück.Zu den bekanntesten Märchenversionen, die Bechstein in Deutschland prägte, gehören beispielsweise „Der kleine Däumling“ oder „Aschenbrödel“. Seine Märchenbücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und es existieren diverse Auflagen oder Auswahlbände. Im Vergleich zu den Brüdern Grimm setzte Bechstein bei Märchen mehr auf eine kindgerechte Ausrichtung. Die teilweise grausamen Versionen der Brüder Grimm, die Bechstein für ihre Arbeiten bewunderte, sind bei ihm braver, weniger brutal und moralischer.

Ludwig-BechsteinoelBild: Ludwig Bechstein (Ausschnitt), Öl auf Porzellan, Künstler unbekannt

Bechstein interessierte sich aber nicht nur für Märchen, sondern für die deutsche Sprache, Überlieferungen, Sagen und Mythen. Er verfasste zahlreiche andere Texte, doch gerieten diese im breiten Lesepublikum schneller in Vergessenheit als seine Märchen. Zu seinen Werken zählten Erzählungen, Reiseberichte, Sonette, Romane und Sagensammlungen.

Sein Name bleibt mit seinen Märchen verbunden. Zu seinem 200. Geburtstag initiierte die Stadt Meiningen den alle zwei Jahre verliehenen Thüringer Märchen- und Sagenpreis „Ludwig Bechstein“. Den Preis erhalten Personen, die sich rund um den Bereich Märchen und Sagen beispielsweise durch Verbreitung, Forschung oder Vermittlung verdient machen.

Vom Apotheker zum Märchenerzähler

Seinen Namen verdankt Ludwig Bechstein seinem Onkel Johann Matthäus Bechstein, der ihn im Kindesalter adoptierte. Sein ursprünglicher Name war Louis Dupontreau, sein Vater war ein französischer Emigrant, der mit seiner Mutter nicht verheiratet war. 1801 geboren, lebte er bis zu seiner Adoption im Alter von neun Jahren in Weimar bei einer Pflegefamilie. Nach dem Verlust des eigenen Kindes adoptiert der Onkel den Jungen und er erhält den Namen Ludwig Bechstein. Er zieht von Weimar nach Dreißigacker und geht in Meiningen zur Schule.

In Arnstadt machte Ludwig Bechstein nach seinem vorzeitigen Ausscheiden aus der Schule eine Apothekerlehre und widmete sich in seiner Freizeit dem Schreiben und Forschen über thüringische Sagen und Märchen. Den Überlieferungen von Bechstein nach war der Apothekerberuf weniger spektakulär, als er sich erhofft hatte, sicherte ihm jedoch den Lebensunterhalt. Seine neben dem Beruf geschriebenen Sonettenkränze erregten die Aufmerksamkeit des Herzogs von Sachsen- Meiningen. Durch die finanzielle Unterstützung des Herzogs Bernhard II. von Sachsen-Meiningen war in der Lage, Philosophie, Geschichte und Literatur in Leipzig und München zu studieren.

Nach dem Studium konnte er sich auch in seinem Beruf seinen bevorzugten Themen widmen: Er war erst Bibliothekar in Meiningen und ab 1833 Leiter der herzoglichen Bibliothek. 1832 gründete er den Hennebergischen altertumsforschenden Verein, der sich der Landesgeschichte widmete. Die Vereinsgründung und Mitgliedschaft in anderen Organisationen verschafften ihm ein Netzwerk an Kontakten zu Gelehrten und Forschern.

Er war während seines Studiums Mitglied in einer Burschenschaft und trat 1842 der Meininger Freimaurerloge Charlotte zu den Nelken bei. In den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts arbeitete er zudem als Leiter des Gemeinschaftlichen Hennebergischen Archivs. Aus zwei Ehen hatte Bechstein acht Kinder. Sein erster Sohn, Reinhold Bechstein, machte sich als Philologe und Germanist einen Namen. Ludwig Bechstein starb 1860 im Alter von 59 Jahren.

Bechstein als Schriftsteller, Sammler und Forscher

Heute ist Ludwig Bechstein vor allem dank seiner Märchen und Sagen bekannt. Doch sein literarisches Schaffen umfasst weit mehr. In vielen seiner Erzählungen, Gedichte und Romane fließen historische und regionale Vorkommnisse und Legenden ein. Der Roman Dunkelgraf beispielsweise greift die lokale Legende der Dunkelgräfin von Schloss Eishausen auf. Seine Werke zeigen teilweise den Einfluss der Romantik und deren Ideale der Nation und Einheit.

Bechstein befasste sich mit dem Unterschied zwischen Märchen, Mythen und Sagen. Er trennt Sagen als regionale Überlieferungen und Legenden klar von den Märchen ab. Schon früh beschäftigte er sich vor allem mit den regionalen Märchen und veröffentlichte während seiner Zeit als Apotheker das Buch „Thüringische Volksmärchen“.

Den regionalen Sagen widmete er sich in der Sammlung „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes“, die in vier Bänden erschien. Sein „Deutsches Sagenbuch“ kam 1853 heraus und ist ein wichtiger Beitrag zu der Sagenforschung und Überlieferung. In dem Buch sind über tausend deutsche Sagen enthalten. Auch mit deutschen Mythen setzte er sich auseinander. Seinen Plan, ein umfangreiches Mythenbuch zu veröffentlichen, konnte er nicht mehr umsetzen.

Ein weiterer Bereich, dem sich Bechstein in seinem literarischen Schaffen widmete, sind historische Berichte über Thüringen. In einer vom ihm verfassten Biografie über seinen Adoptivvater Johann Matthäus Bechstein widmet er sich dem Beruf des Forstmanns. Dabei greift er Themen wie Forstwissenschaft und Naturschutz auf. Die Geschichte seiner Heimatstadt Meiningen erarbeitete er in einer Chronik, die bis zurück ins 17. Jahrhundert reichte.

Ein wichtiger Schritt für seine Arbeiten war neben dem Studium die Gründung des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins. Bis kurz vor seinem Tod war er zugleich Direktor des Vereins und konnte sich auf Veranstaltungen mit Gelehrten austauschen. Der Verein ermöglichte ihm zahlreiche Kontakte und erleichterte seine Forschung.

Bechsteins Märchen

Bechsteins bekanntestes und langlebigstes Werk ist seine Märchensammlung. Das „Deutsche Märchenbuch“ erschien 1845. Mit weiteren Auflagen kamen zu den einzelnen Geschichten Illustrationen hinzu. Die Sammlung umfasste 80 Märchen, von denen einige schon in den Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen erschienen waren. Weitere Märchen sammelte er unter Bezug auf andere bekannte europäische Schriftsteller.

Zu jeder Geschichte in dem Buch verfasste er einen Hinweis, woher dieses stammte. Unter den Märchen sind heute noch bekannte Klassiker wie „Hänsel und Gretel“, „Das Rotkäppchen“, „Schneeweißchen“ oder „Das Dornröschen“. Vor allem bei den Titeln lassen sich Änderungen zu den Grimm’schen Versionen erkennen. Dort lauten die Titel beispielsweise „Schneewittchen“ oder nur „Rotkäppchen“. Neben den Rückgriff auf schon durch die Brüder Grimm veröffentlichten Märchen machte Bechstein andere Märchen im deutschen Raum bekannter. Dazu zählt beispielsweise „Der kleine Däumling“ und er nahm Fabeln in seine Sammlung auf.

Im „Neuen Deutschen Märchenbuch“, das er 1856 veröffentlichte, erschienen weitere 50 Märchen. In dem Vorwort zum Buch gesteht Bechstein, dass er seine Definition von Märchen in der ersten Sammlung nicht vollständig angewandt hatte. Er weist darauf hin, dass beispielsweise die Geschichte „Der Schmied von Jüterbog“ mehr den Sagen zuzuordnen sei.

Die Märchen und ihre Herkunft

Ludwig Bechstein dachte sich die Märchen für seine Sammlungen nicht aus. Er forschte und griff auf die Arbeiten von anderen Gelehrten zurück. Seine Märchenbücher entstanden in Zusammenarbeit mit Helfern, die übersetzten, abschrieben und sammelten. Ein Großteil der darin veröffentlichten Märchen sind in den Grimm’schen Märchenbüchern erschienen. Diese übernahm er und veränderte sie teilweise in ihren Titeln und Inhalten.

Inhaltlich erweiterte er beispielsweise die Geschichten um Details. Für jedes der veröffentlichten Märchen fügte er einen Hinweis zur Quelle hinzu. Viele stammen aus deutschen Werken wie den Märchensammlungen von Johann Wilhelm Wolf und Johann Jacob Mussäus. Von Mussäus Mecklenburgischen Volksmärchen entnimmt er beispielsweise das Märchen „Hans und der Kalbskopf“ und beschreibt es detaillierter. Auch die Brüder Ignaz und Josef Zingerle und ihre Märchensammlungen aus Tirol und Süddeutschland flossen in seine Sammlungen mit ein.

Die gesammelten Märchen resultierten nicht nur aus der Beschäftigung mit deutschen Schriftstellern. Beim Däumling griff er auf die Überlieferung der Fassung des französischen Autors Charles Perrault zurück. Dabei änderte er Details der Version von Perrault aus dem 17. Jahrhundert. In der französischen Ausgabe treffen der Däumling und seine Brüder auf einen Oger. Da Oger in Deutschland als Wesen nicht so bekannt waren, übersetzte Bechstein sie mit Menschenfresser.

Des Weiteren verzichtete er auf zu üppige Beschreibungen der Menschenfresser, um die Geschichte kindgerecht zu gestalten. Außerdem änderte er das Ende des Märchens und damit die Moral. Die Brüder kehren zur Familie zurück. Weitere Märchen Perraults, die in Bechsteins Sammlung wiederzufinden sind, sind „Das Dornröschen“, „Die Goldmaria und die Pechmaria“ und „Aschenbrödel“.

Eine weitere wichtige Quelle war für Bechstein der italienische Schriftsteller Giambattista Basile, dessen bekanntestes Werk „Das Märchen aller Märchen“ ist. In dieser Sammlung aus dem 17. Jahrhundert finden sich Versionen von „Aschenbrödel“ und „Das Dornröschen“. Neben vorhandenen Märchensammlungen griff Bechstein auf eigene Forschungen und Erzählungen im Volksmund zurück.

Märchenhaftes und Wunderbares

Für Ludwig Bechstein waren echte Märchen diejenigen Erzählungen, die durch den Volksmund überliefert sind. Damit unterscheidet er sie von Kunstmärchen, wie sie beispielsweise Benedikte Naubert und Johann Karl August Musäus verfassten. Mit dieser Unterscheidung entspricht er dem klassischen Verständnis von Märchen. Er trennt sie klar von den Sagen und Mythen ab.

Sagen und Mythen haben für ihn teilweise einen historischen und regionalen Bezug. Märchen sind frei von Anspielungen auf echte Vorkommnisse oder Regionen. Ihr wesentliches Merkmal sind die möglichen Wunder, während Mythen und Sagen von Göttern und Geistern handeln.

Sinnbildlich für ein Märchen sind für Bechstein die Sammlungen der Brüder Grimm. Doch auch wenn er sie als Vorlage und Quelle nutzte, überarbeitete er sie teilweise rigoros. Sein Bestreben lag darin, die Märchen der gewünschten Zielgruppe den Kindern besser zugänglich zu machen. Sein Ziel war, mit den Geschichten Tugenden und Moral zu vermitteln. Ein wesentliches Merkmal seiner Überarbeitungen ist beispielsweise, dass er versuchte, die Märchenfigur der bösen Stiefmutter zu ersetzen.

Den Verzicht auf die böse Stiefmutter bewerten Literaturwissenschaftler unterschiedlich. Zum einen entspricht er dem pädagogischen Konzept, Kindern keine unnötigen Ängste vorzugeben. Andere sehen darin biografische Zusammenhänge, da Bechstein mit seiner Stiefmutter angenehme Erfahrungen sammelte. Neben pädagogisch durchdachten Änderungen greift er auch auf religiöse Motive zurück, die aus dem heutigen Blickwinkel nicht sofort ersichtlich sind.

Märchen waren für Bechstein eine literarische Form, ein breites Publikum zu erreichen und ein Volksbuch für das Volk zu erschaffen. Die Überarbeitungen und Übersetzungen von fremdsprachigen Märchen erfolgten dementsprechend in einer verständlichen, der Zeit angepassten und teilweise humoristischen Sprache. In dieser Absicht reihte sich Ludwig Bechstein in die Bemühungen vieler anderer Schriftsteller der romantischen Kinderliteratur ein.

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