Charles Perrault und seine Märchen: Merkmale & Hintergrund

Charles Perrault wurde am 12. Januar 1628 in Paris geboren und starb am 15. oder 16. Mai 1703 daselbst. Der Sproß einer wohlhabenden Familie studierte Jura und wurde 1651 als Anwalt zugelassen. Noch vor seiner Zulassung begann er zu schreiben. Insbesondere seine Märchensammlung „Histoires ou Contes du temps passé“ („Geschichten oder Erzählungen aus alter Zeit“) ist der Nachwelt bekannt.

Wer war Charles Perrault?

Viele Werke von Charles Perrault wurden von deutschen Autoren adaptiert. Allen voran von Franz Xaver, Ludwig Bechstein und den Gebrüder Grimm. Nach 1683 wandte sich Charles Perrault komplett der Schriftstellerei zu. Er popularisierte vor allem Märchen in Frankreich. 1691 bis 1694 veröffentlichte er Versmärchen (contes en vers):

  • La Marquise de Salusses ou la Patience de Griselidis (Griseldis)
  • Les Souhaits ridicules (Die törichten Wünsche)
  • Peau d’Âne (Eselshaut)

Später waren auch diese drei Werke Bestandteil der Sammlung „Les Contes de ma mère l’Oye“ („Die Geschichten meiner Mutter Gans“), die der Verfasser 1697 ohne Autorenangabe publizierte. Die Widmung für Élisabeth Charlotte von Orléans, der Herzogin von Lothringen und Nichte Ludwigs XIV, unterschrieb er mit dem Namen P. Darmancour – dem Namen seines Sohnes Pierre.

Der Titel „Die Geschichten meiner Mutter Gans“ suggeriert, dass bereits Bertha, die Mutter Karls des Großen, die Märchen kannte und erzählte. Der Sage nach hat sie einen vom Spinnradtreten verformten „Gänsefuß“. Das tatsächliche Alter der Erzählungen, also wo die Anfänge zu finden sind, lässt sich jedoch nicht feststellen, da sie größtenteils mündlich an spätere Generationen weitergegeben wurden. Man weiß auch nicht, inwieweit sie verändert ankamen.

Belegt ist, dass Perrault die Handlung dem Stil des höfischen Lebens anpasste. „Les Contes de ma mère l’Oye“, die damals noch um einiges Furcht einflößender waren als heute, weil mehrmals Menschenfresser in seinen französischen Märchen vorkommen, wurden also mehr für Erwachsene denn für Kinder geschrieben.

Außerdem hängte Perrault den Märchen aus Frankreich „Moralités“ („Moral der Geschichte“) in Form eines Verses an, weil er sie nicht gänzlich unkommentiert stehen lassen wollte.

Liste der Prosamärchen von Charles Perrault

Histoires ou Contes du temps passé, avec des moralités, auch Contes de ma mère l’Oye:

  • La belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Walde / Dornröschen)
  • Le petit chaperon rouge ((Das kleine) Rotkäppchen)
  • La barbe bleue (Ritter Blaubart)
  • Le maître chat ou le chat botté (Meister Kater oder Der gestiefelte Kater)
  • Les Fées (Die Feen / Frau Holle)
  • Cendrillon ou La petite pantoufle de verre (Aschenputtel oder Der kleine gläserne Schuh)
  • Riquet à la Houppe (Riquet mit dem Schopf)
  • Le petit Poucet (Der kleine Däumling)

Charles Perraults Märchen im Detail

La belle au bois dormant / Die schlafende Schöne im Walde / Dornröschen

Charles Perraults Dornröschen, welches von Basiles Geschichte „Sonne, Mond und Thalia“ inspiriert wurde, beginnt wie die bekannte Fassung der Gebrüder Grimm. Nach dem 100-jährigen Schlaf geht es jedoch weiter.

Prinz und Prinzessin heiraten, die Ehe bleibt aber geheim. Erst nach dem Tod des Königs zieht die Familie – inzwischen mit den 2 Kindern „Morgenröte“ und „Heller Tag“ – ins Schloss. Als der Prinz in den Krieg zieht, zeigt die Schwiegermutter ihr wahres Gesicht.

Mutter und Kinder werden in eine Hütte im Wald gebracht und sollen getötet werden. Die Königin ist eine Menschenfresserin und verlangt daher, alle drei nacheinander zu ermorden. Sie möchte sie verspeisen. Der Diener bringt ihr jedoch Lammfleisch, Fleisch eines Zickleins und schließlich Rehfleisch.

Als der Betrug auffliegt, bereitet die Alte eine Hinrichtung vor. Der neue König kommt gerade noch rechtzeitig, sodass seine Mutter selbst in die Tonne stürzt, die mit Nattern und Vipern gefüllt ist.

Le petit chaperon rouge / (Das kleine) Rotkäppchen

Charles Perraults Rotkäppchen verläuft bereits ab dem Wald anders, als in der Grimmschen Fassung.

Der Wolf schlägt einen Wettlauf auf zwei getrennten Wegen vor. Rotkäppchen ist von der Natur beeindruckt und lässt sich ablenken, woraufhin der Wolf zuerst bei der Großmutter ankommt und diese frisst. Als das Mädchen eintrifft, liegt der Wolf im Bett, der es auffordert, sich ohne Kleider zu ihm zu legen.

Rotkäppchen wundert sich über den Körper und fragt nach den Ohren, den Augen, den Armen, den Beinen und dem Maul. Daraufhin verschlingt der Wolf auch sie. Bei Perrault endet das Märchen hier. Es gibt kein Happy End.

Außerdem hat der Autor die Geschichte insoweit verändert, dass er den Kannibalismus, der in früheren Überlieferungen vorhanden ist, wegließ.

La barbe bleue / Ritter Blaubart

Auch „Ritter Blaubart“ ist sehr brutal. Hier geht es darum, dass der wohlhabende Ritter eine Tochter der Nachbarin heiraten möchte. Beide sind jedoch abgeschreckt von seinem blauen Bart und dem Umstand, dass er bereits mehrfach verheiratet war und keiner weiß, was mit seinen Frauen geschehen ist.

Nach einem berauschenden Fest entschließt sich die jüngere Tochter dennoch, ihn zu ehelichen, da er doch ganz angenehm erscheint.

Eines Tages muss Blaubart verreisen und übergibt seiner Gemahlin Schlüssel. Mit denen darf sie sich im ganzen Schloss umschauen. Ein Schlüssel und die dazugehörige Tür sind jedoch verboten.

Genau diese Kammer scheint sie jedoch magisch anzuziehen. Während ihre Freundinnen den Reichtum bestaunen, begibt sie sich heimlich dorthin, schließt auf und lässt vor Schreck den Schlüssel fallen. Dieser landet in einer Blutlache, die von den ermordeten Frauen stammt.

Umgehend verriegelt sie das Schloss und muss feststellen, dass ein Blutfleck auf dem Schlüssel nicht abwischbar ist. Er taucht immer wieder auf.

Als der Ritter noch am Abend unerwartet zurückkehrt, weiß er sofort, dass sie sein Verbot missachtet hat. Das ist ihr Todesurteil.

Gerade noch rechtzeitig treffen die Brüder der Todgeweihten ein und bringen Blaubart um. Der ganze Besitz geht an die junge Frau über, den sie mit ihren Geschwistern teilt.

Le maître chat ou le chat botté / Meister Kater oder Der gestiefelte Kater

Im Märchen „Der gestiefelte Kater“, verhilft ein Kater seinem Herren, der ein Müllerssohn ist, durch allerlei List zu Reichtum.

Les Fées / Die Feen / Frau Holle

„Les Fées“ von Perrault ist im Deutschen unter dem Titel „Frau Holle“ von den Gebrüder Grimm bekannt, worin eine nette Tochter belohnt und eine undankbare Tochter bestraft wird.

Cendrillon ou La petite pantoufle de verre / Aschenputtel oder Der kleine gläserne Schuh

In Charles Perraults Aschenputtel gibt es ein zweitägiges Fest. Außerdem heiraten ihre Schwestern am Ende vornehme Herren vom Hof, da Aschenputtel ihnen verziehen hat.

Riquet à la Houppe / Riquet mit dem Schopf

In einem Königreich wird ein missgestalteter Junge geboren. Die Fee versichert der Mutter, dass er intelligent und liebenswürdig sein und sein Verstand später auf sein von ihm geliebtes Mädchen übergehen wird. Der Junge entwickelt sich prächtig. Den Beinamen „Riquet mit dem Schopf“ bekommt er aufgrund seines auffälligen Haarschopfes.

Kurz nach dem Buben werden im benachbarten Königreich zwei Mädchen geboren: die ältere beschränkt, jedoch hübsch; die Jüngere hässlich, jedoch intelligent. Auch hier tröstet die Fee die Mutter und sagt, dass die Schönheit der Frau auf den Mann übergehen wird, der es schafft, ihr Herz zu erobern.

Dereinst treffen sich Riquet und die Schöne beim Spaziergang und sie vertraut ihm ihren Kummer an. Er erzählt von dem Geschenk der Fee und bittet sie, seine Frau zu werden. Sie erbittet ein Jahr Bedenkzeit.

Die Prinzessin erlangt ebenfalls Verstand und sieht nun keine Notwenigkeit mehr, den Hässlichen zu heiraten. Letzten Endes heiraten sie doch, da auch Riquet nun wunderschön ist.

Le petit Poucet / Der kleine Däumling

Sieben Söhne – der jüngste nicht größer als ein Daumen – leben mit ihren Eltern in armen Verhältnissen. Aufgrund einer Hungersnot beschließen der Holzfäller und seine Frau, die Kinder im Wald auszusetzen.

Der Däumling belauscht den schlimmen Plan, sammelt Kieselsteine und streut sie aus. Durch sie finden die Kinder den Weg zurück nach Hause. Beim zweiten Mal lässt der Kleinste Brotkrumen fallen. Diese werden von den Vögeln gefressen, sodass der Versuch gelingt. Die sieben Brüder kommen zu dem Haus eines Menschenfressers. Dieser hat sieben Töchter.

Die Frau versteckt die Buben, weil sie Mitleid mit ihnen hat. Der Menschenfresser jedoch riecht Menschenfleisch und will alle verschlingen. Seine Frau überredet ihn, die Jungen vorher noch ein wenig zu mästen.

Buben und Mädchen werden zum Schlafen zusammengelegt. In der Nacht tauscht der Däumling die Kronen der Töchter gegen die Zipfelmützen der Jungen, wodurch der Menschenfresser aus Versehen seine Nachkommen tötet.

Als die Jungen fliehen, werden sie vom Menschenfresser in seinen Siebenmeilenstiefeln verfolgt. Dieser ruht sich nach einer Weile aus und der Däumling nutzt den Umstand, um die Siebenmeilenstiefeln zu stehlen.

Mit diesen geht er zur Ehefrau und erzählt, dass er Lösegeld für ihren Mann benötigt, der von Räubern entführt wurde.

Die Brüder kehren damit zu ihren Eltern zurück und der Däumling macht sich mit seinen Siebenmeilenstiefeln auf in die große Welt.

Weiterführende Literatur

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Der Gevatter Tod

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