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Der Frieder und das Katherlieschen

Der Frieder und das Katherlieschen, Originaltext & Analyse (KHM 59)
37:44

Das Wichtigste in Kürze

Wurst, Bier, Gold und Rüben: Wie ein einziger Dummenschwank die Ordnung eines ganzen Dorfes aus den Fugen hebt

  • Kein Zaubermärchen, sondern ein Schwank: KHM 59 verzichtet auf Zauber und Heldenreise. Stattdessen reiht sich eine Katastrophe an die nächste, ausgelöst durch die wörtliche, zweckferne Logik der Titelfigur.
  • Erst ab der zweiten Auflage: Das Märchen kam 1819 in die Sammlung und ersetzte einen früheren Text. Eine verwandte plattdeutsche Handschrift liegt im Nachlass der Brüder Grimm.
  • Fünf ATU-Typen in einer Erzählung: Die Handlung montiert mehrere internationale Schwankmotive, vom auslaufenden Bierfass bis zur gesicherten Haustür, zu einer fortlaufenden Kette.
  • Kein Happy End: Anders als bei Zaubermärchen löst sich am Ende nichts auf. Katherlieschens Verwirrung eskaliert bis zur Rübenfeld-Szene, in der sie für den Teufel gehalten wird.

Inhalt

  1. Originaltext: Der Frieder und das Katherlieschen
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehungsgeschichte und Überlieferung
  4. ATU-Typologie
  5. Strukturanalyse und Symboltabelle
  6. Figurenanalyse
  7. Tiefenpsychologische Lesart
  8. Sozialkritische Lesart
  9. Internationale Parallelen
  10. Rezeptionsgeschichte
  11. Sprachliche Besonderheiten
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Originaltext: Der Frieder und das Katherlieschen

Es war ein Mann, der hieß Frieder, und eine Frau, die hieß Katherlieschen, die hatten einander geheiratet und lebten zusammen als junge Eheleute. Eines Tages sprach der Frieder: „Ich will jetzt zu Acker, Katherlieschen, wann ich wiederkomme, muß etwas Gebratenes auf dem Tisch stehen für den Hunger, und ein frischer Trunk dabei für den Durst.“ „Geh nur, Friederchen,“ antwortete die Katherlies, „geh nur, will dirs schon recht machen.“

Als nun die Essenszeit herbeirückte, holte sie eine Wurst aus dem Schornstein, tat sie in eine Bratpfanne, legte Butter dazu und stellte sie übers Feuer. Die Wurst fing an zu braten und zu brutzeln, Katherlieschen stand dabei, hielt den Pfannenstiel und hatte so seine Gedanken: da fiel ihm ein, bis die Wurst fertig würde, derweil könnte es ja im Keller den Trunk zapfen. Also stellte es den Pfannenstiel fest, nahm eine Kanne, ging hinab in den Keller und zapfte Bier. Das Bier lief in die Kanne, und Katherlieschen sah ihm zu, da fiel ihm ein: „Holla, der Hund oben ist nicht beigetan, der könnte die Wurst aus der Pfanne holen, du kämst mir recht!“ und im Hui war es die Kellertreppe hinauf; aber der Spitz hatte die Wurst schon im Maul und schleifte sie auf der Erde mit sich fort.

Doch Katherlieschen, nicht faul, setzte ihm nach und jagte ihn ein gut Stück ins Feld; aber der Hund war geschwinder als Katherlieschen, ließ auch die Wurst nicht fahren, sondern über die Äcker hinhüpfen. „Hin ist hin!“ sprach Katherlieschen, kehrte um, und weil es sich müde gelaufen hatte, ging es hübsch langsam und kühlte sich ab. Während der Zeit lief das Bier aus dem Faß immerzu, denn Katherlieschen hatte den Hahn nicht umgedreht, und als die Kanne voll und sonst kein Platz da war, so lief es in den Keller und hörte nicht eher auf, als bis das ganze Faß leer war.

Katherlieschen sah schon auf der Treppe das Unglück. „Spuk,“ rief es, „was fängst du jetzt an, daß es der Frieder nicht merkt!“ Es besann sich ein Weilchen, endlich fiel ihm ein, von der letzten Kirmes stände noch ein Sack mit schönem Weizenmehl auf dem Boden, das wollte es herabholen und in das Bier streuen. „Ja,“ sprach es, „wer zu rechter Zeit was spart, der hats hernach in der Not,“ stieg auf den Boden, trug den Sack herab und warf ihn gerade auf die Kanne voll Bier, daß sie umstürzte und der Trunk des Frieders auch im Keller schwamm. „Es ist ganz recht,“ sprach Katherlieschen, „wo eins ist, muß das andere auch sein,“ und zerstreute das Mehl im ganzen Keller. Als es fertig war, freute es sich gewaltig über seine Arbeit und sagte: „Wies so reinlich und sauber hier aussieht!“

Um Mittagszeit kam der Frieder heim. „Nun, Frau, was hast du mir zurecht gemacht?“ „Ach, Friederchen,“ antwortete sie, „ich wollte dir ja eine Wurst braten, aber während ich das Bier dazu zapfte, hat sie der Hund aus der Pfanne weggeholt, und während ich dem Hund nachsprang, ist das Bier ausgelaufen, und als ich das Bier mit dem Weizenmehl auftrocknen wollte, hab ich die Kanne auch noch umgestoßen; aber sei nur zufrieden, der Keller ist wieder ganz trocken.“ Sprach der Frieder: „Katherlieschen, Katherlieschen, das hättest du nicht tun müssen! Läßt die Wurst wegholen und das Bier aus dem Faß laufen, und verschüttest obendrein unser feines Mehl!“ „Ja, Friederchen, das habe ich nicht gewußt, hättest mirs sagen müssen.“

Der Mann dachte: „Geht das so mit deiner Frau, so mußt du dich besser vorsehen.“ Nun hatte er eine hübsche Summe Taler zusammengebracht, die wechselte er in Gold ein und sprach zum Katherlieschen: „Siehst du, das sind gelbe Gickelinge, die will ich in einen Topf tun und im Stall unter der Kuhkrippe vergraben: aber daß du mir ja davonbleibst, sonst geht dirs schlimm.“ Sprach sie: „Nein, Friederchen, wills gewiß nicht tun.“

Nun, als der Frieder fort war, da kamen Krämer, die irdene Näpfe und Töpfe feil hatten, ins Dorf und fragten bei der jungen Frau an, ob sie nichts zu handeln hätte. „O, ihr lieben Leute,“ sprach Katherlieschen, „ich hab kein Geld und kann nichts kaufen; aber könnt ihr gelbe Gickelinge brauchen, so will ich wohl kaufen.“ „Gelbe Gickelinge, warum nicht? Laßt sie einmal sehen.“ „So geht in den Stall und grabt unter der Kuhkrippe, so werdet ihr die gelben Gickelinge finden, ich darf nicht dabeigehen.“ Die Spitzbuben gingen hin, gruben und fanden eitel Gold. Da packten sie auf damit, liefen fort und ließen Töpfe und Näpfe im Hause stehen.

Katherlieschen meinte, sie müßte das neue Geschirr auch brauchen: weil nun in der Küche ohnehin kein Mangel daran war, schlug sie jedem Topf den Boden aus und steckte sie insgesamt zum Zierat auf die Zaunpfähle rings ums Haus herum. Wie der Frieder kam und den neuen Zierat sah, sprach er: „Katherlieschen, was hast du gemacht?“ „Habs gekauft, Friederchen, für die gelben Gickelinge, die unter der Kuhkrippe steckten: bin selber nicht dabeigegangen, die Krämer haben sichs herausgraben müssen.“ „Ach, Frau,“ sprach der Frieder, „was hast du gemacht! Das waren keine Gickelinge, es war eitel Gold, und war all unser Vermögen; das hättest du nicht tun sollen.“ „Ja, Friederchen,“ antwortete sie, „das hab ich nicht gewußt, hättest mirs vorher sagen sollen.“

Katherlieschen stand ein Weilchen und besann sich, da sprach sie: „Hör, Friederchen, das Gold wollen wir schon wiederkriegen, wollen hinter den Dieben herlaufen.“ „So komm,“ sprach der Frieder, „wir wollens versuchen; nimm aber Butter und Käse mit, daß wir auf dem Weg was zu essen haben.“ Sie machten sich fort, und weil der Frieder besser zu Fuß war, ging Katherlieschen hintennach. Nun kam es an einen Berg, wo auf beiden Seiten des Wegs tiefe Fahrgleisen waren. „Da sehe einer,“ sprach Katherlieschen, „was sie das arme Erdreich zerrissen, geschunden und gedrückt haben! Das wird sein Lebtag nicht wieder heil.“ Und aus mitleidigem Herzen nahm es seine Butter und bestrich die Gleisen, rechts und links, damit sie von den Rädern nicht so gedrückt würden: und wie es sich bei seiner Barmherzigkeit so bückte, rollte ihm ein Käse aus der Tasche den Berg hinab.

Sprach das Katherlieschen: „Ich habe den Weg schon einmal herauf gemacht, ich gehe nicht wieder hinab, es mag ein anderer hinlaufen und ihn wieder holen.“ Also nahm es einen andern Käs und rollte ihn hinab. Die Käse aber kamen nicht wieder, da ließ es noch einen dritten hinablaufen, dann einen vierten, einen fünften und den sechsten, das waren die letzten. Eine Zeitlang blieb es stehen und lauerte, daß sie kämen, als sie aber immer nicht kamen, sprach es: „O, ihr seid gut nach dem Tod schicken, ihr bleibt fein lange aus; meint ihr, ich wollt noch länger auf euch warten? Ich gehe meiner Wege, ihr könnt mir nachlaufen, ihr habt jüngere Beine als ich.“

Katherlieschen ging fort und fand den Frieder, der war stehen geblieben und hatte gewartet, weil er gerne was essen wollte. „Nun, gib einmal her, was du mitgenommen hast.“ Sie reichte ihm das trockene Brot. „Wo ist Butter und Käse?“ fragte der Mann. „Ach, Friederchen,“ sagte Katherlieschen, „mit der Butter hab ich die Fahrgleisen geschmiert, und die Käse werden bald kommen; einer lief mir fort, da hab ich die andern nachgeschickt, sie sollten ihn rufen.“ Sprach der Frieder: „Das hättest du nicht tun sollen, Katherlieschen, die Butter an den Weg schmieren und die Käse den Berg hinabrollen.“ „Ja, Friederchen, hättest mirs sagen müssen.“

Da aßen sie das trockne Brot zusammen, und der Frieder sagte: „Katherlieschen, hast du auch unser Haus verwahrt, wie du fortgegangen bist?“ „Nein, Friederchen, hättest mirs vorher sagen sollen.“ „So geh wieder heim und bewahr erst das Haus, ehe wir weitergehen; bring auch etwas anderes zu essen mit, ich will hier auf dich warten.“ Katherlieschen ging zurück und dachte, Friederchen wolle etwas anderes zu essen, Butter und Käse schmecke ihm wohl nicht, so wolle es ein Tuch voll Hutzeln und einen Krug Essig zum Trunk mitnehmen. Danach riegelte es die Obertüre zu, aber die Untertüre hob es aus, nahm sie auf die Schulter und glaubte, wenn es die Türe in Sicherheit gebracht hätte, müßte das Haus wohl bewahrt sein.

Als es ihn wieder erreicht hatte, sprach es: „Da, Friederchen, hast du die Haustüre, da kannst du das Haus selber verwahren.“ „Ach, Gott,“ sprach er, „was hab ich für eine kluge Frau! Hebt die Türe unten aus, daß alles hineinlaufen kann, und riegelt sie oben zu. Jetzt ists zu spät, noch einmal nach Haus zu gehen, aber hast du die Türe hierher gebracht, so sollst du sie auch ferner tragen.“ „Die Türe will ich tragen, Friederchen, aber die Hutzeln und der Essigkrug werden mir zu schwer: ich hänge sie an die Türe, die mag sie tragen.“

Nun gingen sie in den Wald und suchten die Spitzbuben, aber sie fanden sie nicht. Weils endlich dunkel ward, stiegen sie auf einen Baum und wollten da übernachten. Kaum aber saßen sie oben, so kamen die Kerle daher, die forttragen, was nicht mitgehen will, und die Dinge finden, ehe sie verloren sind. Sie ließen sich gerade unter dem Baum nieder, machten sich ein Feuer an und wollten ihre Beute teilen. Der Frieder stieg von der andern Seite herab, sammelte Steine und wollte die Diebe totwerfen. Die Steine aber trafen nicht, und die Spitzbuben riefen: „Es ist bald Morgen, der Wind schüttelt die Tannäpfel herunter.“

Katherlieschen hatte die Türe noch immer auf der Schulter, und weil sie so schwer drückte, dachte es, die Hutzeln wären schuld, und sprach: „Friederchen, ich muß die Hutzeln hinabwerfen.“ „Nein, Katherlieschen, jetzt nicht,“ antwortete er, „sie könnten uns verraten.“ „Ach, Friederchen, ich muß, sie drücken mich gar zu sehr.“ „Nun so tus, ins Henkers Namen!“ Da rollten die Hutzeln zwischen den Ästen herab, und die Kerle unten sprachen: „Die Vögel misten.“ Eine Weile danach sprach Katherlieschen: „Ach, Friederchen, ich muß den Essig ausschütten.“ „Nein, Katherlieschen, das darfst du nicht, es könnte uns verraten.“ „Ach, Friederchen, ich muß, er drückt mich gar zu sehr.“ „Nun so tus ins Henkers Namen!“ Da schüttete es den Essig aus, daß er die Kerle bespritzte. Sie sprachen untereinander: „Der Tau tröpfelt schon herunter.“

Endlich dachte Katherlieschen: „Sollte es wohl die Türe sein, was mich so drückt?“ und sprach: „Friederchen, ich muß die Türe hinabwerfen.“ „Nein, Katherlieschen, jetzt nicht, sie könnte uns verraten.“ „Ach, Friederchen, ich muß, sie drückt mich gar zu sehr.“ „Nein, Katherlieschen, halt sie ja fest.“ „Ach, Friederchen, ich laß sie fallen.“ „Ei,“ antwortete Frieder ärgerlich, „so laß sie fallen ins Teufels Namen!“ Da fiel sie herunter mit starkem Gepolter, und die Kerle unten riefen: „Der Teufel kommt vom Baum herab,“ rissen aus und ließen alles im Stich. Frühmorgens, wie die zwei herunterkamen, fanden sie all ihr Gold wieder und trugens heim.

Als sie wieder zu Haus waren, sprach der Frieder: „Katherlieschen, nun mußt du aber auch fleißig sein und arbeiten.“ „Ja, Friederchen, wills schon tun, will ins Feld gehen, Frucht schneiden.“ Als Katherlieschen im Feld war, sprachs mit sich selber: „Eß ich, eh ich schneid, oder schlaf ich, eh ich schneid? Hei, ich will ehr essen!“ Da aß Katherlieschen und ward überm Essen schläfrig, und fing an zu schneiden und schnitt halb träumend alle seine Kleider entzwei, Schürze, Rock und Hemd. Wie Katherlieschen nach langem Schlaf wieder erwachte, stand es halb nackigt da und sprach zu sich selber: „Bin ichs, oder bin ichs nicht? Ach, ich bins nicht!“

Unterdessen wards Nacht, da lief Katherlieschen ins Dorf hinein, klopfte an ihres Mannes Fenster und rief: „Friederchen?“ „Was ist denn?“ „Möcht gern wissen, ob Katherlieschen drinnen ist.“ „Ja, ja,“ antwortete der Frieder, „es wird wohl drin liegen und schlafen.“ Sprach sie: „Gut, dann bin ich gewiß schon zu Haus,“ und lief fort.

Draußen fand Katherlieschen Spitzbuben, die wollten stehlen. Da ging es bei sie und sprach: „Ich will euch helfen stehlen.“ Die Spitzbuben meinten, es wüßte die Gelegenheit des Orts, und warens zufrieden. Katherlieschen ging vor die Häuser und rief: „Leute, habt ihr was? Wir wollen stehlen.“ Dachten die Spitzbuben: „Das wird gut werden,“ und wünschten, sie wären Katherlieschen wieder los. Da sprachen sie zu ihm: „Vorm Dorfe hat der Pfarrer Rüben auf dem Feld, geh hin und rupf uns Rüben.“ Katherlieschen ging hin aufs Land und fing an zu rupfen, war aber so faul und hob sich nicht in die Höhe.

Da kam ein Mann vorbei, sahs und stand still und dachte, das wäre der Teufel, der so in den Rüben wühlte. Lief fort ins Dorf zum Pfarrer und sprach: „Herr Pfarrer, in Eurem Rübenland ist der Teufel und rupft.“ „Ach Gott,“ antwortete der Pfarrer, „ich habe einen lahmen Fuß, ich kann nicht hinaus und ihn wegbannen.“ Sprach der Mann: „So will ich Euch hockeln,“ und hockelte ihn hinaus. Und als sie bei das Land kamen, machte sich das Katherlieschen auf und reckte sich in die Höhe. „Ach, der Teufel!“ rief der Pfarrer, und beide eilten fort, und der Pfarrer konnte vor großer Angst mit seinem lahmen Fuße gerader laufen als der Mann, der ihn gehockt hatte, mit seinen gesunden Beinen.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 59. München 1977, S. 332–338.

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Inhaltsangabe

Der Bauer Frieder trägt seiner jungen Frau Katherlieschen auf, ihm zum Abend eine Mahlzeit und einen Trunk bereitzustellen. Während sie im Keller Bier zapft, entwendet der Hund die Wurst aus der Pfanne; während sie dem Hund nachläuft, läuft das Bierfass aus. Katherlieschen streut Weizenmehl ins verschüttete Bier, um es zu trocknen, stößt dabei die Bierkanne um und verschüttet auch noch das Mehl, freut sich am Ende aber über die vermeintlich saubere Arbeit. Frieder beschließt daraufhin, sie aus Gelddingen herauszuhalten: Er vergräbt sein Gold unter der Kuhkrippe und nennt es Katherlieschen gegenüber „gelbe Gickelinge“, damit sie es nicht anrührt. Als Krämer nach Ware fragen, verrät sie ihnen den Ort und tauscht so unwissentlich das ganze Vermögen gegen Tontöpfe ein, deren Böden sie anschließend zur Zierde aufspießt.

Auf der Verfolgung der Diebe schmiert Katherlieschen aus Mitleid mit der Erde Butter in die Fahrspuren des Weges und lässt sechs Käselaibe den Berg hinabrollen, in der Annahme, sie würden von selbst zurückkehren. Später soll sie das Haus bewachen, hebt aber die Untertüre aus den Angeln, riegelt die leere Öffnung oben zu und trägt die Tür mitsamt Proviant zu Frieder in den Wald. Nachts, auf einem Baum, während sich darunter tatsächlich die gesuchten Diebe niederlassen, wirft Katherlieschen erst Hutzeln, dann Essig und schließlich die Tür selbst hinab, wodurch die Diebe fliehen und das Ehepaar sein Gold zurückerhält. Kurz danach schneidet Katherlieschen bei der Feldarbeit im Halbschlaf die eigenen Kleider in Stücke und zweifelt anschließend an ihrer eigenen Identität. Sie schließt sich zwei Dieben an, wird von ihnen aufs Rübenfeld des Pfarrers abgeschoben, dort für den Teufel gehalten, und die Erzählung endet mit der panischen Flucht von Pfarrer und Bauer, ohne dass sich Katherlieschens Verwirrung auflöst.

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Entstehungsgeschichte und Überlieferung

Der Frieder und das Katherlieschen steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erst ab der zweiten Auflage von 1819 an Stelle 59, wo im Erstdruck von 1812 noch das Märchen vom Prinz Schwan gestanden hatte. In dieser Erstfassung hieß der Titel noch Der Frieder und das Catherlieschen, eine Schreibvariante, die sich erst in späteren Auflagen zur bekannten Namensform vereinheitlichte.

Wusstest du?

Im Nachlass der Brüder Grimm liegt eine plattdeutsche Handschrift mit dem Titel Von en Manne un siner Frûë, die ähnliche Dummheitsstreiche enthält wie KHM 59. Sie zeigt, dass die Grimms unter dem gedruckten Text noch weitere Fassungen desselben Erzählstoffs kannten und für ihre Endversion auswählten und verdichteten.

Der Text gehört damit zu jener Gruppe von KHM-Märchen, deren Herkunft nicht auf eine einzelne, namentlich bekannte Gewährsperson zurückgeführt werden kann, sondern auf eine breitere mündliche und schriftliche Schwanktradition zurückgeht, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa als Kirmes- und Spinnstubenerzählung zirkulierte. Die Endfassung, wie sie ab 1819 gedruckt wurde, montiert dabei mehrere, ursprünglich eigenständige Episoden zu einer fortlaufenden Kette von Missgeschicken, ein Verfahren, das für Schwanksammlungen der Zeit typisch ist und das die Grimms auch bei anderen sogenannten Dummenschwänken anwandten.

Erst mit der von Heinz Rölleke besorgten historisch-kritischen Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen wurden Herkunftsvermerke, Handschriften und Textvarianten der einzelnen Auflagen für die moderne Forschung systematisch erschlossen. Für KHM 59 zeigt dieser Abgleich, dass die Grimms den Text zwischen den Auflagen kaum inhaltlich veränderten, wohl aber sprachlich glätteten und die anfangs stärker mundartlich gefärbten Passagen, insbesondere im ostmitteldeutschen Wortschatz um Hessen, an die zunehmend als Lesebuch für bürgerliche Familien gedachte Endfassung anpassten.

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ATU-Typologie

Der Frieder und das Katherlieschen ist kein einheitlicher Erzähltyp, sondern ein Schwank, der nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index mehrere Typen zugleich verbindet: ATU 1387, 1541, 1385*, 1291 und 1653. Diese Kombination ist charakteristisch für die Kettenschwänke des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen einzelne, ursprünglich selbstständig kursierende Dummheitsepisoden aneinandergereiht werden, ohne dass eine übergeordnete Zauberhandlung sie zusammenhält.

  • ATU 1387 (Die Frau zapft Bier im Keller): die Eröffnungsepisode mit Wurst, Hund und auslaufendem Fass.
  • ATU 1385* (Eine Frau verliert das Geld ihres Mannes): die Gold-Gickelinge-Episode mit den Krämern.
  • ATU 1291 und dessen Variante 1291B (Käse werden den Berg hinabgeschickt, Butter wird auf die Fahrspuren geschmiert): die Verfolgungsepisode.
  • ATU 1653 (Die Räuber unter dem Baum): die Nachtszene mit Tür, Hutzeln und Essig.
  • ATU 1541, ergänzt durch das verwandte Motiv ATU 1383 (Eine Frau kennt sich selbst nicht): die Episode mit den zerschnittenen Kleidern und der Identitätsfrage.

Diese Häufung mehrerer ATU-Typen in einem einzigen KHM-Text ist selten und macht KHM 59 zu einem Lehrbeispiel für die Montagetechnik der Grimms bei Schwankmärchen: Statt eine einzelne Pointe auszuführen, verketten sie mehrere international verbreitete Dummheitsmotive zu einer Erzählung mit episodischer, additiver Struktur. Innerhalb der Sammlung stehen KHM 34 (Die kluge Else), KHM 34a (Hansens Trine), KHM 77 (Das kluge Gretel) und KHM 104 (Die klugen Leute) in derselben Traditionslinie des sogenannten Dummenschwanks, eines seit dem Spätmittelalter belegten europäischen Erzähltyps über Figuren, die durch absurde, aber innerlich konsequente Fehlschlüsse Schaden anrichten.

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Strukturanalyse und Symboltabelle

Anders als das klassische Zaubermärchen mit seiner Dreizahl-Heldenreise folgt KHM 59 einer additiven Kettenstruktur: Jede Episode wiederholt dasselbe Grundmuster, Auftrag, Fehlschluss, Katastrophe, folgenlose Entschuldigung, ohne dass eine Episode aus der vorherigen lernt. Diese formale Wiederholung ist selbst Teil der komischen Wirkung und zugleich Ausdruck einer Figur, die keine kausale Verknüpfung zwischen Handlung und Zweck herstellen kann.

  1. 1Häuslicher Auftrag: Frieder verlangt Essen und Trinken, die erste und harmloseste Prüfung.
  2. 2Vermögensauftrag: Frieder versucht, sie durch Tarnsprache (Gickelinge) vom Geld fernzuhalten, was ebenfalls scheitert.
  3. 3Verfolgungsauftrag: Auf dem Weg zu den Dieben zeigt sich, dass Katherlieschen selbst einfache Mitgehversorgung nicht bewältigt.
  4. 4Wachauftrag: Die ausgehobene Haustür markiert den Höhepunkt der wörtlichen Fehlinterpretation von Anweisungen.
  5. 5Zufälliger Erfolg: Just das Fallenlassen der Tür vertreibt die Diebe, ein Erfolg ohne Einsicht, der die Logik des Schwanks unterläuft.
  6. 6Identitätsbruch: Die zerschnittene Kleidung und die Frage „Bin ichs, oder bin ichs nicht?“ heben die Erzählung auf eine neue, beunruhigendere Ebene.
  7. 7Offenes Ende: Statt Auflösung folgt die Rübenfeld-Episode, die das Märchen ohne moralische Schlusspointe abbricht.
Motiv Erzählfunktion Deutungsansatz
Wurst und Bierfass Erste, folgenlose Katastrophe im Haus Unfähigkeit, zwei Handlungsziele gleichzeitig zu verfolgen
Gelbe Gickelinge Verlust des gesamten Vermögens Sprache als Falle: wörtliches statt sinnverstehendes Hören
Butter auf den Fahrspuren Verschwendung der Wegzehrung aus Mitleid mit der Erde Empathie ohne Zweckbezug, Naturmitgefühl ins Absurde gewendet
Ausgehobene Haustür Symbol für die verkehrte Logik des Bewachens Schutz wird zur Bürde, die am Ende ausgerechnet rettet
Zerschnittene Kleider Wendepunkt zur beunruhigenden Selbstentfremdung Verlust der äußeren Hülle als Bild für Verlust der Ich-Identität
Der Teufel auf dem Rübenfeld Schlusspointe ohne moralische Auflösung Dorfgemeinschaft deutet Fremdheit vorschnell als Dämonisches

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Figurenanalyse

Katherlieschen

Katherlieschen ist keine böswillige, sondern eine strukturell hilflose Figur: Sie versteht jede Anweisung buchstäblich und verliert dabei stets den ursprünglichen Zweck aus dem Blick. Ihre Sprache ist formelhaft und wiederholt sich von Episode zu Episode fast wörtlich („das habe ich nicht gewußt, hättest mirs sagen müssen“), was sie zu einer fast mechanischen Figur macht, die aus jedem Fehler lediglich lernt, präziser nachzufragen, nicht aber, Zusammenhänge selbst zu erschließen. Erst gegen Ende, in der Episode mit den zerschnittenen Kleidern, bricht diese komische Mechanik auf und macht einer echten Verwirrung Platz, die über bloße Ungeschicklichkeit hinausgeht.

Frieder

Frieder bleibt über die gesamte Handlung hinweg auffällig passiv. Er erteilt Aufträge, korrigiert im Nachhinein, ergreift aber nie präventiv Maßnahmen, obwohl das Muster der Fehlschläge sich mehrfach wiederholt. Sein Versuch, das Gold sprachlich zu tarnen, ist der einzige Moment, in dem er aktiv gegensteuert, und ausgerechnet dieser Versuch scheitert am gründlichsten. Als Gegenfigur zur naiven Katherlieschen bleibt er auffällig konturlos, was ihn in Deutungen eher zur Kontrastfolie als zum eigentlichen Handlungsträger macht.

Die Krämer, Diebe und der Pfarrer

Die Nebenfiguren fungieren als austauschbare Elemente der Dorfwelt, die auf Katherlieschens Verhalten jeweils mit eigennütziger oder ängstlicher Reaktion antworten: Die Krämer nutzen ihre Wörtlichkeit aus, die Diebe werden ungewollt zu Opfern ihrer eigenen abergläubischen Deutungsmuster, und der Pfarrer verkörpert am Ende die kollektive, unreflektierte Bereitschaft des Dorfes, Fremdes vorschnell als Teufelswerk zu lesen.

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Tiefenpsychologische Lesart

Während viele Kommentatoren KHM 59 als reinen Schwank ohne tiefere Bedeutungsebene lesen, hat die Germanistin Erika Alma Metzger eine deutlich ernstere Deutung vorgelegt. Sie liest die symbolische Selbstzerschneidung und die Identitätskrise, den Zweifel, ob Katherlieschen drinnen oder draußen ist, als literarisches Bild für Depersonalisation oder Bewusstseinsspaltung. Bereits der zunächst lustig klingende Name Katherlieschen verweist nach dieser Lesart auf Katharina und Elisabeth, also auf eine Märtyrerin und eine Heilige, was der Figur von Beginn an eine doppelte, gebrochene Identität unterlegt.

Bin ichs, oder bin ichs nicht? Ach, ich bins nicht!

Metzger deutet Katherlieschens selbstvergessene Hingabe an chthonische, erdverbundene Mächte, etwa wenn sie als eine Art Erdmutter Speisen sinnlos an die Erde verschwendet, sowie den Ausruf der Diebe, der Teufel komme vom Baum herab, als Vorwegnahme des späteren Urteils des Pfarrers. Wichtig ist dabei, dass diese Deutung KHM 59 explizit von der Ebene des harmlosen Dummenschwanks abhebt: Katherlieschens Dummheit erscheint hier nicht mehr komisch im Sinne eines Schwanks, zugleich fehlt aber auch die typische Märchenlogik der erfolgreichen Überwindung des Bösen, sodass die Erzählabsicht eher als abschreckendes Beispiel aus dem Dorfleben zu verstehen sei, ohne dass die genaue Art der psychischen Störung sich noch rekonstruieren ließe.

In einer parallelen Studie deutet Metzger auch Die kluge Else, deren Name bereits auf eine Verwandtschaft mit Undinen und damit auf Mächte der Tiefe hindeute, gemeinsam mit Katherlieschen als literarische Beispiele für die Entwicklung einer paranoiden Schizophrenie. Beide Figuren, Else wie Katherlieschen, teilen das Grundmuster einer Frau, die im Verlauf der Erzählung zunehmend den Bezug zu ihrer eigenen Identität verliert und am Ende nicht mehr sicher weiß, ob sie tatsächlich sie selbst ist. Anders als bei den meisten Zaubermärchen, in denen ein Ich-Verlust nach der klassischen Individuationslogik Jungs und von Franz’ überwunden und in ein gereiftes Selbst zurückgeführt wird, bleibt dieser Verlust bei Katherlieschen ungelöst im Raum stehen. Für Leserinnen und Leser, die mit Bruno Bettelheims Ansatz vertraut sind, wonach Märchen Kindern helfen, innere Konflikte symbolisch zu bewältigen, markiert gerade dieses Fehlen einer Auflösung den entscheidenden Unterschied zwischen KHM 59 und den klassischen Zaubermärchen der Sammlung.

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Sozialkritische Lesart

Aus sozialhistorischer Perspektive lässt sich KHM 59 als Zeugnis einer ländlichen Gesellschaft lesen, in der Bildung, insbesondere für Frauen, ein knappes und ungleich verteiltes Gut war. Katherlieschens Unfähigkeit, Anweisungen sinngemäß statt wörtlich umzusetzen, spiegelt in dieser Lesart weniger individuelle Torheit als die Folgen fehlender Lebenserfahrung und mangelnder Bildungsmöglichkeiten in der bäuerlichen Frauenrolle des frühen 19. Jahrhunderts. Der Text bietet dabei keine Kritik an dieser Ordnung selbst, sondern nutzt Katherlieschens Fehlleistungen als komisches Material, ohne die strukturellen Ursachen ihrer Naivität zu benennen, eine Leerstelle, auf die feministisch orientierte Forschung wie die von Jack Zipes im Rahmen seiner Untersuchungen zu Geschlechterrollen in den KHM wiederholt hingewiesen hat.

Auffällig ist zudem die durchgängige Passivität Frieders: Er trägt formal die Verantwortung des Hausherrn, korrigiert aber nur nachträglich und nie präventiv. Diese Konstellation lässt sich als beiläufige Kritik an einer Eheordnung lesen, in der Kommunikation zwischen den Partnern grundsätzlich einseitig verläuft, Anweisung folgt auf Anweisung, ohne dass je ein Dialog über die Ursachen der wiederholten Missverständnisse entsteht. Die Forschung zu verwandten Dummenschwänken der KHM, etwa zu Die kluge Else, hat gezeigt, dass solche Erzählungen historisch auch als Warnung vor unbedachten Eheschließungen und als Katalog dessen fungierten, was eine junge Frau an häuslicher Kompetenz mitbringen sollte, ein pädagogisch-sozialer Subtext, der sich hinter der komischen Oberfläche des Schwanks verbirgt.

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Internationale Parallelen

Die engste internationale Parallele findet sich in Giambattista Basiles Pentamerone (1634/36), in der Erzählung Vardiello (I,4), die einen strukturell verwandten Dummenschwank um einen tollpatschigen Helden entfaltet. Anders als bei Katherlieschen gibt es bei Vardiello jedoch ein halbwegs versöhnliches Ende, während KHM 59 stattdessen mit der vollständigen psychischen Zerrüttung der weiblichen Titelfigur endet. Dieser Unterschied ist bezeichnend für die grundsätzlich dunklere, unaufgelöste Erzählhaltung der Grimm-Fassung im Vergleich zu ihrem neapolitanischen Vorläufer.

Innerhalb des deutschsprachigen Raums griff auch Ludwig Bechstein mit der Erzählung Die beiden Brüder in seinem Neuen deutschen Märchenbuch ein verwandtes Motivfeld auf, was zeigt, dass der Dummenschwank im 19. Jahrhundert als eigenständiges, konkurrierend bearbeitetes Genre neben dem klassischen Zaubermärchen etabliert war.

Fassung Herkunft Besonderheit
Vardiello (Basile, Pentamerone I,4) Neapel, 1634/36 Ältere literarische Fassung mit versöhnlichem Ausgang
Von en Manne un siner Frûë Plattdeutsche Handschrift, Grimm-Nachlass Enthält verwandte Dummheitsstreiche im norddeutschen Dialekt
Die beiden Brüder (Bechstein) Neues deutsches Märchenbuch, 19. Jh. Konkurrierende deutschsprachige Bearbeitung verwandter Motive
Die kluge Else (KHM 34) Kinder- und Hausmärchen Engste innerdeutsche Parallele, ebenfalls von Metzger als Identitätsverlust gedeutet

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Rezeptionsgeschichte

In Siegfried Wagners Oper Märchenspiel bilden Frieder und Katherlieschen wahrscheinlich die Rahmenhandlung, ein Hinweis darauf, dass der Stoff auch im musikalischen Theater des frühen 20. Jahrhunderts rezipiert wurde, wenn auch weit weniger prominent als die großen Zaubermärchen der Sammlung wie Aschenputtel oder Sneewittchen. In der illustrativen Tradition, etwa in den Bildern von Franz Müller-Münster, wird vor allem die komische Oberfläche der Geschichte betont, die Wurstjagd, die aufgespießten Töpfe, die Frau mit der Tür auf dem Rücken, während die dunklere, von Metzger beschriebene Deutungsebene in der bildlichen Rezeption kaum eine Rolle spielt.

Anders als KHM-Klassiker mit durchgehender Verfilmungstradition wie Aschenputtel oder Rotkäppchen hat Der Frieder und das Katherlieschen keine vergleichbar breite Filmrezeption erfahren. Das dürfte auch mit der fehlenden Auflösung zusammenhängen: Ein Schwank ohne rundes Ende eignet sich schlechter für die geschlossene Dramaturgie eines abendfüllenden Märchenfilms als eine klassische Heldenreise mit klarer Belohnung am Schluss. In der pädagogischen und literaturwissenschaftlichen Rezeption hingegen wird der Text regelmäßig als Beispiel für die Gattung des Dummenschwanks innerhalb der KHM herangezogen, häufig im direkten Vergleich mit Die kluge Else, deren Struktur und Deutungsgeschichte eng mit KHM 59 verflochten ist.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text ist durch eine stark formelhafte, dialogische Struktur geprägt, die sich fast identisch von Episode zu Episode wiederholt: Frieder stellt fest, was schiefgegangen ist, Katherlieschen antwortet mit der Formel „das habe ich nicht gewußt, hättest mirs sagen müssen“. Diese Wiederholung ist ein typisches Stilmittel mündlicher Schwankerzählung, das dem Publikum Wiedererkennung und Vorfreude auf die nächste Pointe ermöglicht, ähnlich wie Kehrreime in Volksliedern.

Sprachlich fällt der hessisch-mundartlich gefärbte Wortschatz auf, allen voran das Wort Gickelinge für die als Kükenfarbe getarnte Goldmünzen, ein Ausdruck, der die dialektale Herkunft des Textes im hessischen Sammelgebiet der Grimms erkennen lässt. Auch Formen wie Hutzeln für gedörrtes Obst oder hockeln im Sinne von huckepack tragen verweisen auf die regionale Verwurzelung des Erzählstoffs. Die Verkleinerungsform Friederchen, die Katherlieschen durchgehend verwendet, steht dabei in auffälligem Kontrast zur zunehmenden Schwere der Ereignisse und unterstreicht die kindlich-naive Sprachebene der Titelfigur bis zum Schluss.

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Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Male die Episode der Wurstjagd als Comicstrip mit mindestens vier Bildern und passenden Sprechblasen.
  • Klasse 8–9: Untersuche die wiederkehrende Dialogformel zwischen Frieder und Katherlieschen. Was verrät sie über die Beziehung der beiden Figuren?
  • Klasse 10: Vergleiche Katherlieschen mit der klugen Else (KHM 34). Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen sich in Handlung und Figurenzeichnung?
  • Klasse 11–12: Diskutiere anhand von Erika Alma Metzgers Deutung, ob KHM 59 als reiner Schwank oder als ernsthafte Studie über Identitätsverlust zu lesen ist.
  • Klasse 13 / Seminar: Erarbeite anhand der ATU-Typologie, wie die Grimms mehrere unabhängige Schwankmotive zu einer fortlaufenden Kettenerzählung montiert haben, und bewerte die dramaturgische Wirkung dieser Technik.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 59), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Giambattista Basile, Pentamerone, I,4 Vardiello (1634/36)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm, 5. Aufl., Trier 2001, S. 57–58, 110 · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU-Typen 1387, 1541, 1385*, 1291, 1653 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Tiefenpsychologie: Erika A. Metzger, „Zu Beispielen von Depersonalisation im Grimmschen Märchen“, in: Fairy Tales as Ways of Knowing, hg. von Michael M. Metzger und Katharina Mommsen, Bern/Frankfurt am Main/Las Vegas 1981, S. 99–116 · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · Marie-Louise von Franz, Interpretation of Fairy Tales (1970)

Gesellschaft und Feminismus: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Ruth B. Bottigheimer, Artikel zu verwandten Dummenschwänken in der Enzyklopädie des Märchens, Bd. 8 · vergleichend: Artikel zu Die kluge Else (KHM 34) auf Märchenbrause

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Häufige Fragen zu Der Frieder und das Katherlieschen

Es ist kein klassisches Zaubermärchen, sondern ein Schwank, genauer ein Dummenschwank oder Ehepaarschwank. Er verbindet mehrere internationale Erzähltypen nach Aarne, Thompson und Uther, vor allem ATU 1387, 1385*, 1291 und 1653, zu einer fortlaufenden Episodenkette.
Nein. Es handelt sich um einen literarisch geformten Schwank aus mündlicher Überlieferung, der typische Dummheitsmotive versammelt, wie sie in ganz Europa als Wandererzählungen kursierten. Ähnliche Episoden finden sich unter anderem bei Giambattista Basile und in norddeutschen Handschriften aus dem Umfeld der Brüder Grimm.
Das Märchen erschien erst ab der zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1819 an Stelle 59 und ersetzte dort das zuvor abgedruckte Märchen vom Prinz Schwan. Eine verwandte plattdeutsche Handschrift mit dem Titel Von en Manne un siner Frûë liegt im Nachlass der Brüder Grimm und enthält ähnliche Streiche.
In der Schwanklogik dient jede einzelne Fehlleistung dazu, eine bestimmte Form von Weltfremdheit vorzuführen. Katherlieschen befolgt Anweisungen wörtlich, kann aber keine Handlung sinnvoll mit ihrem Zweck verknüpfen. Tiefenpsychologische Lesarten wie die von Erika Alma Metzger deuten die zunehmende Verwirrung sogar als literarisches Bild für Depersonalisation.
Anders als in klassischen Zaubermärchen gibt es kein rundes Happy End. Katherlieschen hilft nach ihrer Verwirrung zwei Dieben, wird von ihnen aufs Rübenfeld des Pfarrers abgeschoben, dort für den Teufel gehalten und schließlich mitsamt dem herbeigerufenen Pfarrer in panischer Flucht zurückgelassen. Die Geschichte bricht mit dieser komischen, aber ungelösten Szene ab.
Gickelinge ist ein hessisches Dialektwort, mit dem Frieder das vergrabene Gold als harmlose Kükenfarbe tarnt, um Katherlieschen fernzuhalten. Die Episode zeigt, wie ihre wörtliche Auffassung von Sprache ausgenutzt werden kann, führt aber zum Verlust des gesamten Vermögens.
Innerhalb der Kinder- und Hausmärchen stehen Die kluge Else (KHM 34), Das kluge Gretel (KHM 77) und Die klugen Leute (KHM 104) in derselben Schwanktradition. International vergleichbar ist vor allem Vardiello aus Giambattista Basiles Pentamerone (1634/36).

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 59. München 1977, S. 332–338.