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Der Fuchs und die Frau Gevatterin

Der Fuchs und die Frau Gevatterin, Originaltext, Bedeutung & Analyse
18:44

Das Wichtigste in Kürze

Ein Pate, der niemals für das Patenkind sorgt: Wie der Fuchs das Vertrauen der Wölfin zweimal ausnutzt.

  • Doppelte Täuschung: Der Fuchs schickt die Wölfin allein in einen Schafstall und lässt sich anschließend von ihr nach Hause tragen, indem er eine Verletzung vortäuscht.
  • Später Zugang zur Sammlung: Das Märchen fehlte 1812 noch und kam erst 1819 in die zweite Auflage der Kinder- und Hausmärchen.
  • ATU 3 und ATU 4: Die Handlung verbindet zwei internationale Erzähltypen, vorgetäuschte Verletzung und das Tragen des scheinbar Kranken.
  • Gevatterschaft als Angriffsfläche: Der Fuchs missbraucht ein verbindliches soziales Vertrauensverhältnis der bäuerlichen Welt, nicht bloß eine zufällige Bekanntschaft.
  • Tiermärchen, keine Fabel: Anders als bei Äsop fehlt die explizite Moral. Die Pointe zielt auf Lachen, nicht auf Belehrung.

Inhalt

  1. Originaltext: Der Fuchs und die Frau Gevatterin
  2. Herkunft und Publikationsgeschichte
  3. ATU-Typ und internationale Einordnung
  4. Tiermärchen, Schwank oder Fabel? Die Gattungsfrage
  5. Figurenanalyse: Fuchs und Frau Gevatterin
  6. Gevatterschaft: Ein missbrauchtes Vertrauensverhältnis
  7. Symbole: Schafstall, Lauge und das Tragen
  8. Rezeptionsgeschichte
  9. Für Schule und Unterricht
  10. FAQ

Originaltext: Der Fuchs und die Frau Gevatterin

Der folgende Text folgt der letzten von den Brüdern Grimm selbst verantworteten Fassung von 1857.

Die Wölfin brachte ein Junges zur Welt und ließ den Fuchs zu Gevatter einladen. „Er ist doch nahe mit uns verwandt,“ sprach sie, „hat einen guten Verstand und viel Geschicklichkeit, er kann mein Söhnlein unterrichten und ihm in der Welt forthelfen.“ Der Fuchs erschien auch ganz ehrbar und sprach „liebwerte Frau Gevatterin, ich danke Euch für die Ehre, die Ihr mir erzeigt, ich will mich aber auch so halten, daß Ihr Eure Freude daran haben sollt.“ Bei dem Fest ließ er sichs schmecken und machte sich ganz lustig, hernach sagte er „liebe Frau Gevatterin, es ist unsere Pflicht, für das Kindlein zu sorgen, Ihr müßt gute Nahrung haben, damit es auch zu Kräften kommt. Ich weiß einen Schafstall, woraus wir leicht ein gutes Stück holen können.“ Der Wölfin gefiel das Liedlein, und sie ging mit dem Fuchs hinaus nach dem Bauernhof. Er zeigte ihr den Stall aus der Ferne und sprach „dort werdet Ihr ungesehen hineinkriechen können, ich will mich derweil auf der anderen Seite umsehen, ob ich etwa ein Hühnlein erwische.“ Er ging aber nicht hin, sondern ließ sich am Eingang des Waldes nieder, streckte die Beine und ruhte sich. Die Wölfin kroch in den Stall, da lag ein Hund und machte Lärm, so daß die Bauern gelaufen kamen, die Frau Gevatterin ertappten und eine scharfe Lauge von ungebrannter Asche über ihr Fell gossen. Endlich entkam sie doch und schleppte sich hinaus: da lag der Fuchs, tat ganz kläglich und sprach „ach, liebe Frau Gevatterin, wie ist mirs schlimm ergangen! die Bauern haben mich überfallen und mir alle Glieder zerschlagen, wenn Ihr nicht wollt, daß ich auf dem Platz liegen bleiben und verschmachten soll, so müßt Ihr mich forttragen.“ Die Wölfin konnte selbst nur langsam fort, doch hatte sie große Sorge für den Fuchs, daß sie ihn auf ihren Rücken nahm, und den ganz gesunden und heilen Gevatter langsam bis zu ihrem Haus trug. Da rief er ihr zu „lebt wohl, liebe Frau Gevatterin, und laßt Euch den Braten wohl bekommen,“ lachte sie gewaltig aus und sprang fort.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 74. München 1977, S. 395–396.

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Herkunft und Publikationsgeschichte

Der Fuchs und die Frau Gevatterin gehört zu den späten Zugängen der Sammlung. In der Erstausgabe von 1812 sucht man das Märchen vergeblich, es steht erst ab der zweiten Auflage von 1819 an Position 74. Diese Lücke ist kein Zufall: Zwischen 1812 und 1819 erweiterten Jacob und Wilhelm Grimm ihre Sammlung erheblich um kürzere Tiermärchen und Schwänke, die sich thematisch um den listigen Fuchs und den unterlegenen Wolf gruppieren, darunter auch Der Wolf und der Mensch und Der Wolf und der Fuchs.

Zur Herkunft vermerkten die Brüder Grimm in ihren Anmerkungen von 1856, der Text stamme „aus Deutschböhmen“. Der Grimm-Forscher Heinz Rölleke, dessen historisch-kritische Ausgabe bis heute als philologischer Referenzpunkt gilt, ordnet die Herkunft genauer zu: Jacob Grimm habe den Text vermutlich 1814 von einer Reise aus Wien mitgebracht. Die Brüder selbst verwiesen zum Vergleich auf eine Fassung bei Moriz Haupt und Jan Arnošt Smoler, den Herausgebern einer bedeutenden Sammlung sorbischer Volksüberlieferung, sowie auf eine Erzählung in Josef Haltrichs siebenbürgisch-sächsischer Märchensammlung. Diese drei Fundorte, Deutschböhmen, das sorbische Sprachgebiet der Lausitz und Siebenbürgen, zeigen, wie weit verbreitet der Erzählstoff im mitteldeutschen und südosteuropäischen Kulturraum bereits im frühen 19. Jahrhundert war.

Zwischen den Fassungen von 1843 und der letzten Ausgabe von 1857 nahmen die Brüder vor allem sprachliche Modernisierungen vor, etwa bei Anrede und Rechtschreibung, während die Handlung selbst seit der Erstaufnahme 1819 unverändert blieb. Das spricht für eine bereits fest gefügte, mündlich stabile Erzählstruktur, die den Grimms wohl kaum eigene redaktionelle Eingriffe in die Handlung nahelegte.

Weiterführend auf Märchenbrause
Der ATU-Index: Wie Märchenforschung Erzähltypen ordnet

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ATU-Typ und internationale Einordnung

Der Aarne-Thompson-Uther-Index ordnet das Märchen zwei eng verwandten Typen zu: ATU 3, Vortäuschung einer Verletzung, und ATU 4, das scheinbar kranke Tier lässt sich vom gesunden tragen. Beide Nummern gehören zur großen Gruppe der Tierschwänke, die den Fuchs als überlegenen Trickster gegenüber körperlich stärkeren, aber leichtgläubigeren Tieren zeigt, häufig dem Wolf, dem Bären oder in südlicheren Varianten dem Tiger.

Die Struktur des Märchens folgt damit einem doppelten Betrugsschema, das international breit belegt ist: Zunächst lockt der Trickster sein Opfer in eine gefährliche Situation, aus der er sich selbst heraushält, anschließend täuscht er eine eigene Verletzung vor, um sich vom bereits geschwächten Opfer forttragen zu lassen. Genau diese zweite Volte, das Tragen des angeblich Kranken, macht ATU 4 zu einem eigenständigen Motiv, das auch unabhängig vom ersten Betrug in zahlreichen Kulturen auftaucht, von chilenischen Fuchserzählungen bis zu afroamerikanischen Tiger-Geschichten.

Wusstest du?

Das Motiv des scheinbar kranken Tricksters, der sich tragen lässt, kehrt in der europäischen Fuchsdichtung immer wieder: In der mittelalterlichen Tierepik um Reineke Fuchs täuscht der Fuchs regelmäßig Schwäche oder Frömmigkeit vor, um stärkere Gegner wie den Wolf Isegrim auszunutzen. KHM 74 steht damit in einer Erzähltradition, die bis ins hohe Mittelalter zurückreicht.

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Tiermärchen, Schwank oder Fabel? Die Gattungsfrage

Wer Der Fuchs und die Frau Gevatterin liest, denkt schnell an eine Fabel im Stil Äsops: sprechende Tiere, eine klare Pointe, ein Gefälle zwischen klug und dumm. Doch die Gattungszuordnung ist präziser zu fassen. Eine Fabel im engeren Sinn endet mit einer explizit formulierten Lehre, oft als eigener Satz, der die Handlung auf einen moralischen oder pragmatischen Grundsatz zuspitzt. Genau das fehlt hier. Die Geschichte endet mit dem Gelächter des Fuchses und seinem Sprung in die Freiheit, nicht mit einer Sentenz.

Fachlich handelt es sich um ein Tiermärchen mit Schwankcharakter: Tiere tragen menschliche soziale Rollen, hier die des Paten und der Wöchnerin, die Handlung ist knapp, pointenorientiert und zielt auf komischen Effekt statt auf religiöse oder moralische Belehrung. Die Nähe zum Schwank zeigt sich besonders in der Doppelstruktur der Täuschung, einem Bauprinzip, das auch weltliche Schwankliteratur seit dem Spätmittelalter prägt: Ein Betrug allein reicht selten, die eigentliche Pointe entsteht erst durch die Wiederholung und Steigerung der List.

Weiterführend auf Märchenbrause
Märchen und Fabel: Wo liegt der Unterschied?

Der Fuchs selbst ist die klassische Trickster-Figur der europäischen Erzähltradition: moralisch nicht auf der Seite des Guten, aber auch nicht schlicht böse, sondern Grenzgänger zwischen den Kategorien. Er verkörpert eine Intelligenz, die keine Rücksicht auf Regeln nimmt, gerade deshalb aber die eigentliche Erzähllust des Textes trägt. Anders als in klassischen Zaubermärchen gibt es hier keine Heldenreise, keine Prüfung, aus der geläutert hervorgegangen wird, und keine Versöhnung am Ende. Der Trickster bleibt Trickster, ungestraft und unverändert.

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Figurenanalyse: Fuchs und Frau Gevatterin

Der Fuchs: Intelligenz ohne Bindung

Der Fuchs handelt in der gesamten Erzählung strategisch vorausschauend. Schon seine Antrittsrede bei der Einladung, in der er betont, er wolle sich so halten, dass die Wölfin ihre Freude daran haben solle, ist doppelbödig: Sie klingt nach Fürsorgeversprechen und ist zugleich bereits die Ankündigung des Gegenteils. Bemerkenswert ist, dass der Fuchs kein Motiv jenseits des unmittelbaren eigenen Vorteils zeigt. Er handelt nicht aus Hunger, Not oder Rache, sondern aus reiner Gelegenheit. Diese Konturlosigkeit der Motivation ist typisch für Trickster-Figuren: Sie handeln, weil sie es können, nicht weil sie müssten.

Die Wölfin: Vertrauen als Schwachstelle

Die Wölfin wird nicht als dumm im Sinne von unfähig gezeichnet, sondern als sozial vertrauensvoll. Ihre erste Handlung im Text, den Fuchs überhaupt zum Gevatter zu bitten, entspringt einer nachvollziehbaren, ja fürsorglichen Motivation: Sie will ihrem Sohn einen klugen Förderer sichern. Genau diese Fürsorge macht sie angreifbar. Am Ende trägt sie den vermeintlich verletzten Fuchs trotz eigener Erschöpfung, weil sie an die Verpflichtung der Gevatterschaft glaubt, die der Fuchs selbst nie eingehalten hat. Ihre Einfalt ist also weniger Dummheit als eine Konsequenz ihrer Loyalität zu einer sozialen Norm, die ihr Gegenüber gar nicht anerkennt.

Figur Rolle im Gefüge Funktion
Fuchs Gevatter, Trickster Nutzt Sprache und List, um körperliche Unterlegenheit auszugleichen und Vertrauen gezielt gegen sein Gegenüber zu wenden
Wölfin Mutter, Frau Gevatterin Verkörpert soziale Bindungsbereitschaft, wird durch ihre Fürsorge zweifach zum Opfer
Bauern und Hund Kollektive Bedrohung Repräsentieren die bäuerliche Kulturwelt, die auf beide Tiere gleichermaßen mit Gewalt reagieren würde

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Gevatterschaft: Ein missbrauchtes Vertrauensverhältnis

Die Gevatterschaft, im Text durchgehend als „Frau Gevatterin“ und „Gevatter“ angesprochen, war in der ländlichen Gesellschaft des 18. und frühen 19. Jahrhunderts keine beiläufige Höflichkeitsform, sondern eine feste soziale und teils kirchenrechtliche Institution. Wer Pate wurde, übernahm eine anerkannte Verpflichtung zu Fürsorge, Beistand und wechselseitiger Hilfe, die über die eigentliche Kindtaufe weit hinausreichte und oft ein Leben lang Bestand hatte. Gevatterschaften wurden bewusst geknüpft, um soziale Netzwerke zu stärken, Nachbarschaftskonflikte zu befrieden oder wirtschaftliche Beziehungen abzusichern.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Handlung eine zusätzliche Schärfe. Der Fuchs betritt nicht irgendeine Beziehung, sondern eine, die auf Gegenseitigkeit und Dauer angelegt ist. Sein Verhalten ist damit nicht nur individuelle List, sondern der gezielte Bruch einer sozialen Norm, die eigentlich Schutz garantieren sollte. Für ein zeitgenössisches Publikum, das die Verbindlichkeit der Gevatterschaft aus eigener Erfahrung kannte, dürfte gerade diese Pointe besonders wirksam gewesen sein: Die Erzählung macht sichtbar, wie verletzlich soziale Institutionen sind, wenn eine Seite sie instrumentalisiert, ohne selbst gebunden zu sein.

Es ist unsere Pflicht, für das Kindlein zu sorgen, sagt der Fuchs, kurz bevor er genau diese Pflicht zum Vorwand für den ersten Betrug macht. Die Sprache der Fürsorge wird zum Werkzeug des Verrats.

Editorische Zuspitzung, keine wörtliche Zitatstelle

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Symbole: Schafstall, Lauge und das Tragen

Drei Bildmomente strukturieren die Erzählung symbolisch. Der Schafstall markiert die Grenze zwischen der Wildnis der Tiere und der geordneten, geschützten Welt der Bauern. Wer diese Grenze überschreitet, riskiert Bestrafung, doch der Fuchs sorgt dafür, dass allein die Wölfin dieses Risiko trägt, während er selbst am Waldrand bleibt, also genau auf der sicheren Seite dieser Grenze. Die Lauge aus ungebrannter Asche, mit der die Bauern die Wölfin übergießen, ist keine beliebige Strafe: Aschenlauge war in der bäuerlichen Haushaltsführung ein scharfes Reinigungs- und Bleichmittel, ihre Verwendung gegen ein Tier liest sich fast wie eine überzogene, rituell aufgeladene Züchtigung.

Das dritte und stärkste Bild ist das Tragen am Schluss. Es kehrt die physischen Kräfteverhältnisse symbolisch um: Die eigentlich überlegene Wölfin wird zum Lasttier, während der körperlich unterlegene Fuchs die Kontrolle über die Situation behält. Genau in diesem Bild liegt die eigentliche Volkstümlichkeit des Textes: Nicht Stärke entscheidet, sondern wer die Erzählung, also die Deutung der Situation, in der Hand hält.

Motiv Deutung
Schafstall Grenze zwischen Wildnis und bäuerlicher Ordnung, Ort der Bestrafung
Lauge aus ungebrannter Asche Harte, rituell wirkende Züchtigung durch die menschliche Ordnung
Das Tragen Umkehrung von Stärke und Kontrolle, List siegt über Kraft

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Rezeptionsgeschichte

Der Fuchs und die Frau Gevatterin gehört nicht zu den bekannten Grimm-Märchen und wurde entsprechend selten eigenständig verfilmt oder illustriert. Es findet sich vor allem in Gesamtausgaben der Kinder- und Hausmärchen, in Sammlungen von Tierschwänken sowie gelegentlich als Vorlage für Hörspiel- und Puppentheaterfassungen, die den komischen Kontrast zwischen dem gerissenen Fuchs und der gutgläubigen Wölfin für ein junges Publikum zuspitzen. Innerhalb der Grimmschen Sammlung steht das Märchen in enger thematischer Nähe zu Der Wolf und der Fuchs, Der Wolf und der Mensch und Der Fuchs und die Katze, die gemeinsam ein kleines Figurenensemble um den listigen Fuchs bilden und häufig in derselben Reihenfolge gelesen oder verglichen werden.

Weiterführend auf Märchenbrause
Der Fuchs und die Katze (KHM 75): Analyse und Originaltext

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Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Das Märchen in verteilten Rollen szenisch lesen oder als kurzes Rollenspiel darstellen. Anschließend Sammlung: Woran erkennt man, dass der Fuchs die Wölfin austrickst?
  • Klasse 8–9: Vergleich mit einer klassischen Äsop-Fabel: Wo fehlt die explizite Moral, und welchen Effekt hat das auf die Wirkung der Geschichte?
  • Klasse 10–11: Rechercheauftrag zur historischen Bedeutung der Gevatterschaft im 18. und 19. Jahrhundert, anschließend Diskussion, wie diese Kenntnis das Textverständnis verändert.
  • Klasse 12–13: Analyse der ATU-Typen 3 und 4 im internationalen Vergleich, etwa anhand einer außereuropäischen Variante des Tricksters, der sich tragen lässt.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 74), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm, Band 3, Reclam, Stuttgart 1994, S. 137, 475 · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, de Gruyter 2008, S. 174–175 · ATU-Typen 3 und 4 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Vergleichende Sammlungen der Herkunftsnachweise: Moriz Haupt und Jan Arnošt Smoler, Volkslieder der Wenden · Josef Haltrich, Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen

Trickster und Erzähltradition: C.G. Jung, Zur Psychologie der Schelmenfigur, in: Der göttliche Schelm (1954) · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · zur mittelalterlichen Fuchsepik: Reineke Fuchs als Vergleichsfigur der europäischen Schwanktradition

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Häufige Fragen zu Der Fuchs und die Frau Gevatterin

Eine Wölfin bittet den Fuchs, Pate ihres Jungen zu werden. Der Fuchs schickt sie unter einem Vorwand allein in einen Schafstall, wo die Bauern sie mit Lauge übergießen. Anschließend täuscht er selbst eine Verletzung vor, lässt sich von der erschöpften Wölfin heimtragen und lacht sie am Ende aus.
Es verbindet ATU 3, Vortäuschung einer Verletzung, mit ATU 4, dem scheinbar kranken Tier, das sich vom gesunden tragen lässt. Beide Typen gehören zu den international verbreiteten Tierschwänken um den listigen Fuchs.
Das Märchen fehlte 1812 und kam erst 1819 in die zweite Auflage. Es stammt laut Grimm-Anmerkung aus Deutschböhmen, nach Heinz Rölleke brachte Jacob Grimm den Text 1814 aus Wien mit. Vergleichsfassungen finden sich bei Haupt und Schmaler sowie bei Josef Haltrich.
Es ist ein Tiermärchen mit Schwankcharakter, keine klassische Fabel. Es fehlt die explizite Moral am Schluss, die Handlung zielt auf komische Pointe, nicht auf Belehrung. Es steht damit näher an der Trickster-Tradition um Reineke Fuchs als an der Lehrfabel.
Gevatterschaft war ein verbindliches soziales Vertrauensverhältnis mit gegenseitiger Fürsorgepflicht. Der Fuchs missbraucht genau dieses Vertrauen, wodurch die Geschichte zeigt, wie verletzlich soziale Institutionen sind, wenn eine Seite sie ausnutzt, ohne selbst gebunden zu sein.
Der Schafstall markiert die Grenze zwischen Wildnis und bäuerlicher Ordnung, die Lauge aus ungebrannter Asche steht für harte, fast rituelle Bestrafung, und das Tragen am Ende kehrt symbolisch die Machtverhältnisse um: List siegt über körperliche Stärke.
Wegen der kurzen, klaren Handlung eignet es sich bereits ab Klasse 6 zum Nacherzählen und szenischen Spiel. Ab Klasse 8 lässt sich die Gattungsfrage Märchen versus Fabel diskutieren, in der Oberstufe die sozialgeschichtliche Bedeutung der Gevatterschaft sowie der internationale ATU-Vergleich.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 74. München 1977, S. 395–396.