Der Fuchs und die Katze
Das Wichtigste in Kürze
Hundert Künste gegen eine einzige: Warum der bescheidene Katze am Ende recht behält
- →Kein Zaubermärchen, sondern Tierschwank: KHM 75 ist als ATU 105 klassifiziert und gehört zur Fabeltradition, ganz ohne Verwandlung oder übernatürliche Hilfe.
- →Spät in die Sammlung aufgenommen: Der Text erschien erst ab der zweiten Auflage von 1819, nicht in der Erstausgabe von 1812.
- →Uralter Stoff: Die Grundidee reicht über das mittelhochdeutsche Tierepos Reinhart Fuchs bis zu einem Archilochos zugeschriebenen Fragment der griechischen Antike zurück.
- →Bis heute philosophisch anschlussfähig: Isaiah Berlins Essay Der Igel und der Fuchs greift dieselbe Gegenüberstellung von Vielwisserei und fokussierter Kompetenz auf.
Inhalt
- Originaltext
- Inhaltsangabe
- Entstehungsgeschichte und Überlieferung
- ATU-Typologie: Der Fuchs und die Katze als Tierschwank
- Strukturanalyse
- Figurenanalyse
- Tiefenpsychologische Lesart
- Sozialkritische Lesart
- Internationale Parallelen
- Rezeptionsgeschichte
- Sprachliche Besonderheiten
- Für Schule und Unterricht
- FAQ
Originaltext
Es trug sich zu, daß die Katze in einem Walde dem Herrn Fuchs begegnete, und weil sie dachte „er ist gescheit und wohl erfahren, und gilt viel in der Welt“, so sprach sie ihm freundlich zu. „Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie gehts? wie stehts? wie schlagt Ihr Euch durch in dieser teuren Zeit?“ Der Fuchs, alles Hochmutes voll, betrachtete die Katze von Kopf bis zu Füßen und wußte lange nicht, ob er eine Antwort geben sollte. Endlich sprach er „o du armseliger Bartputzer, du buntscheckiger Narr, du Hungerleider und Mäusejäger, was kommt dir in den Sinn? du unterstehst dich zu fragen, wie mirs gehe? was hast du gelernt? wieviel Künste verstehst du?“ „Ich verstehe nur eine einzige“, antwortete bescheidentlich die Katze. „Was ist das für eine Kunst?“ fragte der Fuchs. „Wenn die Hunde hinter mir her sind, so kann ich auf einen Baum springen und mich retten.“ „Ist das alles?“ sagte der Fuchs, „ich bin Herr über hundert Künste und habe überdies noch einen Sack voll Liste. Du jammerst mich, komm mit mir, ich will dich lehren, wie man den Hunden entgeht.“ Indem kam ein Jäger mit vier Hunden daher. Die Katze sprang behend auf einen Baum und setzte sich in den Gipfel, wo Äste und Laubwerk sie völlig verbargen. „Bindet den Sack auf, Herr Fuchs, bindet den Sack auf“, rief ihm die Katze zu, aber die Hunde hatten ihn schon gepackt und hielten ihn fest. „Ei, Herr Fuchs“, rief die Katze, „Ihr bleibt mit Euren hundert Künsten stecken. Hättet Ihr heraufkriechen können wie ich, so wärs nicht um Euer Leben geschehen.“
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 75. Ausgabe letzter Hand, ab 2. Auflage 1819.
Inhaltsangabe
Eine Katze begegnet im Wald einem Fuchs und grüßt ihn höflich, weil sie ihn für klug und angesehen hält. Der Fuchs reagiert mit offenem Hochmut, beschimpft die Katze als armseligen Bartputzer und Mäusejäger und fragt sie überheblich, wie viele Künste sie beherrsche. Die Katze antwortet bescheiden, sie kenne nur eine einzige Kunst: Bei Gefahr durch Hunde könne sie auf einen Baum springen und sich retten. Der Fuchs, der sich seiner hundert Künste und eines ganzen Sacks voll List rühmt, findet das kläglich wenig und bietet an, der Katze beizubringen, wie man Hunden entkommt.
In diesem Moment nähert sich ein Jäger mit vier Hunden. Die Katze springt sofort auf einen Baum und verbirgt sich sicher im Laub. Der Fuchs dagegen zögert, sucht offenbar unter seinen vielen Künsten nach der passenden und wird von den Hunden gestellt und gepackt, noch während die Katze ihm zuruft, er solle doch seinen Sack aufbinden. Die Geschichte endet mit dem spöttischen Kommentar der Katze, dass alle hundert Künste des Fuchses ihm im entscheidenden Moment nichts genützt hätten, während ihre eine, aber sicher beherrschte Fertigkeit sie gerettet habe.
Entstehungsgeschichte und Überlieferung
Der Fuchs und die Katze gehört zu den Texten, die nicht bereits in der Erstauflage der Kinder- und Hausmärchen von 1812 standen, sondern erst mit der zweiten Auflage von 1819 in die Sammlung aufgenommen wurden. An der Position KHM 75 stand in der ersten Auflage noch eine andere, kürzere Erzählung. Mit der Neuordnung von 1819 nahmen die Grimms mehrere Tierschwänke gebündelt in die Sammlung auf, darunter auch Die Bremer Stadtmusikanten (KHM 27) und Der alte Sultan (KHM 48), was zeigt, dass die zweite Auflage der Fabel- und Schwankliteratur bewusst mehr Raum gab als die erste.
Wusstest du?
In ihrer Anmerkung von 1856 nennen die Grimms den Ort Schweich als Herkunft des Textes, vermutlich vermittelt durch den Philosophen und Schriftsteller Friedrich Wilhelm Carové. Damit gehört der Fuchs und die Katze zu den wenigen Grimm-Texten, deren Überlieferungsweg sich nicht über eine der bekannten Gewährsfrauen wie Dorothea Viehmann oder die Familie Hassenpflug rekonstruieren lässt.
Weitaus wichtiger als die konkrete mündliche Quelle ist der literarische Stammbaum, den die Grimms selbst in ihrem Anmerkungsapparat offenlegen. Sie verweisen auf das mittelhochdeutsche Tierepos Reinhart Fuchs aus dem späten 12. Jahrhundert, auf eine Predigt des Mystikers Nicolaus von Straßburg, auf Hans Sachs sowie auf eine lateinische Erzählung des 15. Jahrhunderts. Damit ordnen die Grimms den Text selbst nicht in erster Linie als Kinderliteratur ein, sondern als Glied einer langen europäischen Fabelkette, die von der mittelalterlichen Predigtliteratur bis zur Meistersinger-Dichtung reicht.
Auffällig ist zudem, dass die Grimms in derselben Anmerkung auf das Motiv des Sacks voller Weisheit verweisen, das auch im Märchen Der Mond (KHM 175) wiederkehrt. Damit gehört der Sack als Bild für angesammeltes, aber letztlich totes Wissen zu den wiederkehrenden Requisiten im Grimmschen Erzählkosmos.
ATU-Typologie: Der Fuchs und die Katze als Tierschwank
Der Fuchs und die Katze ist nach der Aarne-Thompson-Uther-Klassifikation als ATU 105 eingeordnet, international unter dem Titel The Cat’s Only Trick geführt. Der Typ beschreibt eine Begegnung zwischen einem vielseitigen, aber letztlich erfolglosen Tier und einem Tier mit nur einer einzigen, dafür sicher beherrschten Fähigkeit, die im Ernstfall über Leben und Tod entscheidet. Formal handelt es sich damit nicht um ein Zaubermärchen im engeren Sinn, sondern um einen Tierschwank beziehungsweise eine Fabel: Es gibt keine Verwandlung, keine übernatürliche Hilfe und keine mehrstufige Heldenreise, sondern eine einzige, klar zugespitzte Episode mit unmittelbar einsichtiger Pointe.
Innerhalb der Grimmschen Sammlung reiht sich der Text damit in eine Gruppe von Tierschwänken ein, die 1819 gebündelt aufgenommen wurden und die typologisch näher bei den äsopischen Fabeln stehen als bei den großen Zaubermärchen wie Aschenputtel oder Sneewittchen. Hans-Jörg Uther ordnet solche Texte in seinem Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen konsequent von den Zaubermärchen ab und weist auf die enge Verwandtschaft zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fabeldichtung hin.
Strukturanalyse
Der Fuchs und die Katze folgt keiner Dreizahl-Dramaturgie und keiner klassischen Heldenreise, wie sie für viele Grimm-Märchen typisch ist. Stattdessen organisiert sich die Erzählung über eine strikte Kontrastdramaturgie: Zwei Figuren werden einander direkt gegenübergestellt, ihre Selbsteinschätzung wird in Dialogform verhandelt, und ein einziges, unangekündigtes Ereignis, das Auftauchen des Jägers mit den Hunden, entscheidet die Sache endgültig. Diese Ökonomie der Mittel ist charakteristisch für den Tierschwank: Die Pointe muss ohne Umwege ankommen.
| Motiv | Funktion im Text | Deutung |
|---|---|---|
| Der Fuchs | Prahlerische Figur, äußert offenen Hochmut gegenüber der Katze | Selbstüberschätzung, Wissen ohne Anwendungsfähigkeit |
| Die Katze | Bescheidene Figur, benennt ihre einzige Fähigkeit ohne Umschweife | Selbstbeschränkung als praktische Klugheit |
| Der Sack voll List | Wird angekündigt, aber nie geöffnet oder genutzt | Angesammeltes, aber totes Wissen ohne Zugriff im Ernstfall |
| Der Baum | Rettungsort der Katze, sofort und instinktiv erreicht | Verlässliches, verinnerlichtes Können statt theoretischen Wissens |
| Jäger und Hunde | Unangekündigte, plötzliche Bedrohung, die keine Vorbereitungszeit lässt | Die Realität, an der sich Prahlerei sofort entlarvt |
Bezeichnend ist, dass der Text keine Auflösung im Sinn einer Rettung des Fuchses kennt. Anders als in vielen anderen Tierschwänken der Sammlung, in denen die unterlegene Figur am Ende doch noch triumphiert, bleibt der Fuchs hier tatsächlich gefangen. Die Pointe wird nicht durch eine überraschende Wendung erzeugt, sondern durch die konsequente Umsetzung dessen, was im Dialog bereits angelegt war: Wer sich auf hundert ungeprüfte Künste verlässt, hat im entscheidenden Augenblick keine einzige griffbereit.
Figurenanalyse
Der Fuchs tritt von der ersten Zeile an als Figur mit ausgeprägtem Statusbewusstsein auf. Seine Beleidigungen, „Bartputzer“, „buntscheckiger Narr“, „Hungerleider“, zielen gezielt auf die vermeintlich niedrige soziale Stellung der Katze als Mäusejägerin. In der europäischen Fabeltradition ist der Fuchs traditionell die Verkörperung von List und Schläue, wie er etwa im mittelalterlichen Tierepos Reinhart Fuchs als durchtriebener, aber letztlich oft scheiternder Akteur auftritt. In KHM 75 wird diese Listigkeit jedoch von reiner Prahlerei überlagert: Der Fuchs besitzt zwar angeblich hundert Künste, wendet aber im entscheidenden Moment keine einzige an.
Die Katze ist demgegenüber als Figur der Selbstbescheidung angelegt, die jedoch keineswegs unterwürfig wirkt. Ihre Bescheidenheit ist funktional: Sie kennt die Grenzen ihres Könnens exakt und kann daher im Ernstfall ohne Zögern handeln. Die Schlusspointe, in der sie den gefangenen Fuchs verspottet, zeigt zudem, dass ihre Zurückhaltung nicht mit fehlendem Selbstbewusstsein verwechselt werden darf. Sie besitzt vielmehr eine klare Einschätzung des eigenen Wertes, die sich erst nach der Bewährung in der Gefahrensituation offen äußert.
Jäger und Hunde bleiben namenlose, funktionale Figuren ohne psychologische Tiefe. Sie repräsentieren die unkontrollierbare äußere Realität, die keine Rücksicht auf Ansprüche oder Selbstbeschreibungen nimmt und dadurch die Prahlerei des Fuchses schonungslos entlarvt.
Tiefenpsychologische Lesart
Anders als bei den großen Zaubermärchen der Sammlung, die C.G. Jung und Marie-Louise von Franz vor allem über Individuationsprozesse und archetypische Rollenbilder lesen, eignet sich ein kurzer Tierschwank wie KHM 75 eher für eine begrenzte, aber pointierte tiefenpsychologische Deutung. In der Jungschen Tradition steht der Fuchs häufig für den Trickster, eine Figur, die Grenzen überschreitet und mit List operiert. In diesem Text jedoch wird der Trickster-Charakter des Fuchses gebrochen: Seine List bleibt reine Behauptung, ein aufgeblähtes Selbstbild ohne Deckung im tatsächlichen Handeln.
Von Franz beschreibt in ihren Arbeiten zu Tierfiguren in Märchen wiederholt, dass tierische Nebenfiguren häufig für ungebrochene, instinktgeleitete Anteile der Psyche stehen, während menschliche oder vermenschlichte Figuren mit übersteigertem Verhalten eher die Verzerrung dieser Instinktnatur durch Persona und sozialen Status abbilden. Gelesen durch diese Linse verkörpert die Katze die intakte, unmittelbare Instinktreaktion: Gefahr erkennen und ohne Umweg handeln. Der Fuchs dagegen steht für eine Psyche, die sich derart mit ihrer eigenen Fähigkeit zur Selbstdarstellung identifiziert hat, dass sie im Ernstfall den Zugriff auf die eigene Handlungsfähigkeit verliert.
Der Sack voll List, den der Fuchs mit sich trägt, aber nie öffnet, lässt sich als Bild eines aufgeblähten, aber funktionsunfähigen Selbstbildes lesen, das im Ernstfall keinen Zugriff auf sich selbst mehr findet.
Sozialkritische Lesart
Jack Zipes beschreibt in Fairy Tales and the Art of Subversion, wie sich in der Fabel- und Schwankliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts zunehmend bürgerliche Tugendideale gegen aristokratische Prahlerei und Standesdünkel durchsetzen. Ein Text wie Der Fuchs und die Katze lässt sich in diesem Rahmen als Miniatur einer solchen Wertverschiebung lesen: Der Fuchs tritt mit den Attributen gesellschaftlicher Überlegenheit auf, während er die Katze explizit über ihre niedrige, arbeitsame Tätigkeit als Mäusejägerin abwertet. Am Ende jedoch ist es gerade diese als niedrig verspottete, aber solide beherrschte Fähigkeit, die überlebenssichernd wirkt.
Lutz Röhrich weist in seinen Arbeiten zur Fabeltradition darauf hin, dass gerade die mittelalterliche Predigtliteratur, auf die auch die Grimms in ihrer Anmerkung verweisen, solche Fuchs-Erzählungen gezielt zur moralischen Belehrung gegen Hochmut nutzte. Die Grimms selbst notieren, dass Prediger die Geschichte mit den Lukas-Stellen 14,11 und 18,14 in Verbindung brachten, in denen es heißt, wer sich selbst erhöhe, werde erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrige, werde erhöht werden. Der Text steht damit in einer langen Traditionslinie, die gesellschaftliche Anmaßung als moralisches und praktisches Risiko markiert, während bescheidene, aber verlässliche Kompetenz belohnt wird.
Internationale Parallelen
Kaum ein anderer kurzer Grimm-Text lässt sich so weit in die Literatur- und Geistesgeschichte zurückverfolgen wie Der Fuchs und die Katze. Die Grimms selbst benennen in ihrer Anmerkung von 1856 eine ganze Reihe von Vorläufern und Parallelen, von der mittelalterlichen Tierdichtung bis zur Meistersinger-Fabel. Besonders bemerkenswert ist der Verweis auf den griechischen Dichter Archilochos, der bereits im 7. Jahrhundert vor Christus eine sehr ähnliche Gegenüberstellung formulierte, dort allerdings mit Fuchs und Igel statt mit Fuchs und Katze.
| Quelle | Zeit | Besonderheit |
|---|---|---|
| Archilochos (Fragment) | 7. Jh. v. Chr. | „Der Fuchs weiß viele Dinge, der Igel weiß eine große Sache“, Vorform der Gegenüberstellung von Vielwisserei und Fokussierung |
| Reinhart Fuchs | spätes 12. Jh. | Mittelhochdeutsches Tierepos, in dem der Kater Diepreht den Fuchs Reinhart überlistet |
| Nicolaus von Straßburg | 14. Jh. | Predigttext bei Franz Pfeiffer, moralisierende Nutzung des Stoffs in der deutschen Mystik |
| Erasmus von Rotterdam, Adagia | 1500 | Lateinische Fassung der Archilochos-Sentenz als feste Redewendung |
| Hans Sachs, Burkard Waldis, Georg Rollenhagen | 16. Jh. | Mehrfache Bearbeitung des Stoffs in der frühneuzeitlichen Fabeldichtung, oft als Gegenüberstellung von Fleiß und Hochmut |
| Isaiah Berlin, Der Igel und der Fuchs | 1953 | Moderne philosophische Rezeption der Archilochos-Sentenz in Berlins Essay über Tolstoi |
Von besonderem Interesse für die Rezeptionsgeschichte ist die Nähe zu Isaiah Berlins berühmtem Essay The Hedgehog and the Fox von 1953, auf Deutsch Der Igel und der Fuchs. Berlin nutzt dasselbe, dem Archilochos zugeschriebene Fragment, um Denker in zwei Typen zu unterscheiden: Füchse, die viele verschiedene Dinge wissen, und Igel, die alles auf ein einziges großes Prinzip beziehen. Auch wenn Berlins Essay nicht direkt auf den Grimm-Text zurückgreift, zeigt die gemeinsame Wurzel bei Archilochos, wie tief die Gegenüberstellung von Vielwisserei und fokussierter Kompetenz in der europäischen Geistesgeschichte verankert ist, von der antiken Sentenz über die mittelalterliche Predigt und den Grimmschen Tierschwank bis zur modernen Geistesgeschichte.
Zusätzlich vermerken die Grimms, dass der Stoff auch im österreichischen und im lettischen Sprachraum mündlich bekannt war, was auf eine breite, über den deutschsprachigen Raum hinausreichende Verbreitung des Erzähltyps hindeutet.
Rezeptionsgeschichte
Wegen seiner Kürze und der klaren, leicht memorierbaren Pointe wurde Der Fuchs und die Katze ab dem späten 19. Jahrhundert regelmäßig in deutsche Schulbücher aufgenommen und gehört seither zu den ersten Grimm-Texten, mit denen viele Kinder überhaupt in Berührung kommen. Der Text eignet sich für diese frühe Rezeption gerade deshalb, weil er ohne die erzählerische Komplexität und die teils bedrohlichen Motive der großen Zaubermärchen auskommt.
In der jüngeren Medienrezeption wurde der Stoff unter anderem im Rahmen der KiKA-Reihe Der Geschichtenerzähler als kurze Vorlesegeschichte verfilmt beziehungsweise vertont, gesprochen von Benno Fürmann, und damit erneut für ein kindliches Publikum aufbereitet. Auch in Bilderbuchillustrationen wurde der Stoff wiederholt aufgegriffen, wobei die Gegenüberstellung von hochmütigem Fuchs und listiger, aber bescheidener Katze visuell meist über Körperhaltung und Mimik der beiden Tiere ausgespielt wird.
Sprachliche Besonderheiten
Der Text arbeitet auffällig stark mit direkter Rede, die den gesamten Konflikt zwischen den Figuren trägt. Die Beschimpfungen des Fuchses, „Bartputzer“, „buntscheckiger Narr“, „Hungerleider und Mäusejäger“, folgen einem für Schwank und Fabel typischen Häufungsstil, der die Figur durch ihre eigene Sprache charakterisiert, ohne dass ein Erzählerkommentar nötig wäre. Die knappe, formelhafte Selbstauskunft der Katze, „Ich verstehe nur eine einzige“, steht in bewusstem stilistischem Kontrast dazu und markiert die sprachliche Bescheidenheit als Gegenstück zur rhetorischen Aufgeblasenheit des Fuchses.
Bemerkenswert ist zudem die formelhafte, an Alltagsredensarten angelehnte Grußformel der Katze, „wie gehts? wie stehts? wie schlagt Ihr Euch durch in dieser teuren Zeit?“, die den Text in der mündlichen Erzähltradition der Zeit verortet und dem gesamten Dialog einen leicht volkstümlichen, umgangssprachlichen Ton verleiht, der sich deutlich von der gehobeneren Diktion vieler Zaubermärchen der Sammlung unterscheidet.
Für Schule und Unterricht · Klasse 5–13
- →Klasse 5–6: Nacherzählung der Geschichte mit eigenen Worten und Gestaltung eines Dialogs zwischen Fuchs und Katze als kleines Rollenspiel.
- →Klasse 7–8: Vergleich mit einer klassischen Äsop-Fabel und Herausarbeitung der gemeinsamen Merkmale des Fabelgenres (Tierfiguren, Pointe, Lehrsatz).
- →Klasse 9–10: Untersuchung der sozialen Codierung von Hochmut und Bescheidenheit im Text und Diskussion, welche gesellschaftlichen Werte dabei sichtbar werden.
- →Oberstufe und Seminar: Nachverfolgung der Stoffgeschichte von Archilochos über Reinhart Fuchs bis zu Isaiah Berlins Der Igel und der Fuchs als Übung in vergleichender Motivgeschichte.
Für Seminar und Hausarbeit
Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 75), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Reinhart Fuchs, mittelhochdeutsches Tierepos, ediert von Karl Reissenberger u.a.
Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU 105 bei Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature
Fabeltradition und Rezeption: Lutz Röhrich, Aufsätze zur Fabel- und Schwankforschung · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Isaiah Berlin, Der Igel und der Fuchs. Essay über Tolstojs Geschichtsverständnis (deutsche Ausgabe, Suhrkamp)
Tiefenpsychologie: C.G. Jung, Die Archetypen und das kollektive Unbewusste (1954) · Marie-Louise von Franz, Interpretation of Fairy Tales (1970)
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Häufige Fragen zu Der Fuchs und die Katze (KHM 75)
Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 75. Ausgabe letzter Hand. Kritische Ausgabe: Heinz Rölleke (Hg.), Reclam, Stuttgart 1994. Anmerkungen zur Herkunft und zu den Parallelen nach dem Grimmschen Anmerkungsapparat von 1856.