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Von dem Tode des Hühnchens

Von dem Tode des Hühnchens, Originaltext, Bedeutung & Analyse (KHM 80)
26:39

Das Wichtigste in Kürze

Ein Nusskern, eine Kette aus Forderungen und am Ende: alle tot. Was das kürzeste Trauerspiel der Grimms über Gier, Tausch und Kettenreaktionen erzählt.

  • Kettenmärchen statt Zaubermärchen: KHM 80 gehört zur Gattung des Formel- oder Häufungsmärchens (ATU 2021) und funktioniert nach dem Prinzip additiver Steigerung statt einer klassischen Heldenreise.
  • Ein gebrochenes Versprechen als Auslöser: Die Weigerung des Hühnchens, den Nusskern zu teilen, setzt eine Kausalkette in Gang, die am Ende die gesamte Tiergemeinschaft das Leben kostet.
  • Weltweite Verwandtschaft: Die Struktur aus Forderung und Gegenleistung verbindet das Märchen mit Erzähltraditionen von Chad Gadya bis This Is the House That Jack Built.
  • Kein Trost am Schluss: Anders als die meisten KHM-Texte endet die Geschichte ohne Erlösung, ein für die Sammlung ungewöhnlich konsequenter, fast absurder Fatalismus.

Inhalt

  1. Originaltext: Von dem Tode des Hühnchens
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehungsgeschichte und Überlieferung
  4. ATU-Typologie: Das Kettenmärchen
  5. Strukturanalyse und Symboltabelle
  6. Figurenanalyse
  7. Tiefenpsychologische Lesart
  8. Sozial- und wirtschaftskritische Lesart
  9. Internationale Parallelen
  10. Rezeptionsgeschichte
  11. Sprachliche Besonderheiten
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Originaltext: Von dem Tode des Hühnchens

Auf eine Zeit ging das Hühnchen mit dem Hähnchen in den Nußberg, und sie machten miteinander aus, wer einen Nußkern fände, sollte ihn mit dem andern teilen. Nun fand das Hühnchen eine große große Nuß, sagte aber nichts davon und wollte den Kern allein essen. Der Kern war aber so dick, daß es ihn nicht hinunterschlucken konnte und er ihm im Hals stecken blieb, daß ihm angst wurde, es müßte ersticken. Da schrie das Hühnchen „Hähnchen, ich bitte dich lauf, was du kannst, und hol mir Wasser, sonst erstick ich.“ Das Hähnchen lief, was es konnte, zum Brunnen und sprach „Born, du sollst mir Wasser geben; das Hühnchen liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will ersticken.“ Der Brunnen antwortete „lauf erst hin zur Braut und laß dir rote Seide geben.“ Das Hähnchen lief zur Braut „Braut, du sollst mir rote Seide geben: rote Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen, das liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will daran ersticken.“ Die Braut antwortete „lauf erst und hol mir mein Kränzlein, das blieb an einer Weide hängen.“ Da lief das Hähnchen zur Weide und zog das Kränzlein von dem Ast und brachte es der Braut, und die Braut gab ihm rote Seide dafür, die brachte es dem Brunnen, der gab ihm Wasser dafür. Da brachte das Hähnchen das Wasser zum Hühnchen, wie es aber hinkam, war dieweil das Hühnchen erstickt, und lag da tot und regte sich nicht. Da ward das Hähnchen so traurig, daß es laut schrie, und kamen alle Tiere und beklagten das Hühnchen; und sechs Mäuse bauten einen kleinen Wagen, das Hühnchen darin zum Grabe zu fahren; und als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor, und das Hähnchen fuhr. Auf dem Wege aber kam der Fuchs „wo willst du hin, Hähnchen?“ „Ich will mein Hühnchen begraben.“ „Darf ich mitfahren?“

„Ja, aber setz dich hinten auf den Wagen,
vorn könnens meine Pferdchen nicht vertragen.“

Da setzte sich der Fuchs hintenauf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Tiere in dem Wald. So ging die Fahrt fort, da kamen sie an einen Bach. „Wie sollen wir nun hinüber?“ sagte das Hähnchen. Da lag ein Strohhalm am Bach, der sagte „ich will mich quer darüberlegen, so könnt ihr über mich fahren.“ Wie aber die sechs Mäuse auf die Brücke kamen, rutschte der Strohhalm aus und fiel ins Wasser, und die sechs Mäuse fielen alle hinein und ertranken. Da ging die Not von neuem an, und kam eine Kohle und sagte „ich bin groß genug, ich will mich darüberlegen, und ihr sollt über mich fahren.“ Die Kohle legte sich auch an das Wasser, aber sie berührte es unglücklicherweise ein wenig, da zischte sie, verlöschte und war tot. Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen, und legte sich über das Wasser. Da zog nun das Hähnchen den Wagen selber, wie es ihn aber bald drüben hatte, und war mit dem toten Hühnchen auf dem Land und wollte die andern, die hintenauf saßen, auch heranziehen, da waren ihrer zuviel geworden, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinander in das Wasser und ertrank. Da war das Hähnchen noch allein mit dem toten Hühnchen, und grub ihm ein Grab und legte es hinein, und machte einen Hügel darüber, auf den setzte es sich und grämte sich so lang, bis es auch starb; und da war alles tot.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 80, hg. von Heinz Rölleke.

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Inhaltsangabe

Ein Hühnchen und ein Hähnchen ziehen gemeinsam auf den Nussberg und vereinbaren, jeden gefundenen Kern zu teilen. Als das Hühnchen einen ungewöhnlich großen Kern entdeckt, bricht es die Abmachung und will ihn heimlich allein verzehren. Der Kern bleibt ihm im Hals stecken. In Todesangst schickt es das Hähnchen um Wasser, das sich daraufhin durch eine ganze Kette von Gegenleistungen kämpfen muss: Der Brunnen verlangt rote Seide von der Braut, die Braut verlangt zuerst ihr Kränzlein von der Weide zurück. Erst wenn diese Kette rückwärts erfüllt ist, fließt das rettende Wasser. Das Hähnchen erfüllt jede Forderung, doch als es endlich mit Wasser zurückkehrt, ist das Hühnchen bereits erstickt.

Die Trauergemeinschaft der Tiere formiert sich, sechs Mäuse zimmern einen Leichenwagen und ziehen ihn selbst. Auf dem Weg zum Grab schließen sich Fuchs, Wolf, Bär, Hirsch, Löwe und weitere Waldtiere der Prozession an, jeweils mit der formelhaften Bitte um Mitfahrt und der launigen Bedingung, sich hinten auf den Wagen zu setzen. An einem Bach bieten sich nacheinander ein Strohhalm, eine Kohle und ein Stein als Brücke an. Strohhalm und Kohle scheitern und reißen die sechs Mäuse mit sich in den Tod. Über den Stein gelangt das Hähnchen zwar selbst mit dem toten Hühnchen ans andere Ufer, doch beim Versuch, auch die übrige, inzwischen zu große Trauergesellschaft nachzuziehen, kippt der Wagen zurück, und alle verbleibenden Tiere ertrinken. Allein zurückgeblieben, begräbt das Hähnchen das Hühnchen, errichtet einen Grabhügel, setzt sich darauf und grämt sich zu Tode. Der Schlusssatz zieht die lakonische Bilanz: „und da war alles tot.“

Weiterführend auf Märchenbrause
Wer waren die Gebrüder Grimm? Porträt und Biografie

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Entstehungsgeschichte und Überlieferung

Bis zur zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen trug der Text noch den Titel „Von dem Tod des Hühnchens“, erst später wurde er zu „Von dem Tode des Hühnchens“ vereinheitlicht. Als literarische Vorlage diente den Grimms unter anderem ein Prosatext mit dem Titel „Erschreckliche Geschichte vom Hünchen und vom Hänchen“, den Clemens Brentano 1808 in der von ihm und Achim von Arnim herausgegebenen Sammlung Des Knaben Wunderhorn veröffentlichte. Diese Zuschreibung ist über mehrere Quellen dokumentiert, im Detail der genauen Vorlagengeschichte lohnt sich für vertiefende Arbeiten dennoch der Blick in Röllekes historisch-kritischen Kommentar.

In ihren eigenen Anmerkungen verweisen die Grimms zusätzlich auf eine ganze Reihe mündlicher Parallelfassungen: auf Ernst Meiers Erzählungen aus Schwaben (dort unter den Nummern 71 und 80), auf Karl Müllenhoffs Sammlung aus Holstein, auf Josef Haltrichs siebenbürgische Sammlung sowie auf eine norwegische Fassung bei Peter Christen Asbjørnsen. Auch eine dänische Sage zu den Flurnamen „Hahnenberg“ und „Hahnensumpf“ wird als motivverwandt genannt. Diese Streuung über den gesamten nord- und mitteleuropäischen Raum zeigt, dass die Kettenstruktur des Märchens keine Erfindung der Grimms war, sondern einer weit verbreiteten mündlichen Erzähltradition entstammt, die die Brüder lediglich in eine der vielen zirkulierenden Fassungen einordneten.

Kleinere Textänderungen zwischen den Auflagen sind philologisch dokumentiert: Die Wendung „Wie das ein Stein sah, wollte er ... helfen“ wurde zur dritten Auflage zu „Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich“ geglättet, eine Formulierung, für die Heinz Rölleke eine Parallele bereits in Sebastian Brants Narrenschiff von 1494 nachweist. Solche Detailkorrekturen belegen, wie systematisch die Grimms ihre Texte über die Auflagen hinweg stilistisch nachjustierten, oft im Rückgriff auf ein größeres Reservoir älterer deutscher Literatursprache.

Wusstest du?

Ludwig Bechstein übernahm den Stoff 1845 unter dem Titel „Vom Hühnchen und Hähnchen“ in sein Deutsches Märchenbuch. In seiner Fassung frisst am Ende ein Fuchs sämtliche Tiere samt Wagen, ein deutlich pointierterer, moralisch eindeutigerer Schluss als das offene Sterben bei den Grimms.

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ATU-Typologie: Das Kettenmärchen

Im internationalen Typenindex nach Aarne, Thompson und Uther ist „Von dem Tode des Hühnchens“ als ATU 2021, „The Cock and the Hen“, verzeichnet. Der Typ gehört zur großen Gruppe der Formelmärchen (ATU 2000–2100), innerhalb derer die Untergruppe „Chains Involving Death“ (ATU 2021–2024) speziell Erzählungen bündelt, in denen der Tod einer Figur eine Kette weiterer Ereignisse und häufig weiterer Todesfälle auslöst. Kettenmärchen unterscheiden sich fundamental von klassischen Zaubermärchen: Statt einer linearen Heldenreise mit Mangel, Aufgabe und Lösung folgen sie einem additiven Bauprinzip, bei dem sich Episode an Episode reiht, oft unter wörtlicher Wiederholung der vorherigen Glieder der Kette.

Formal lässt sich der Text in zwei durch das Motiv des Sterbens verbundene Kettenabschnitte gliedern: eine aufsteigende Tauschkette (Wasser gegen Seide gegen Kränzlein) im ersten Teil und eine akkumulierende Trauerprozession im zweiten Teil, die sich an der Bach-Überquerung bricht. Beide Abschnitte funktionieren nach demselben strukturellen Prinzip der Rückwärtsauflösung: Erst muss das letzte Glied der Kette erfüllt werden, damit das erste Glied wirksam werden kann. Diese Umkehrlogik ist ein typisches Stilmittel des Formelmärchens und macht den Text, trotz seines morbiden Inhalts, formal nah verwandt mit spielerischen Kinderreimen und Abzählversen.

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Strukturanalyse und Symboltabelle

Der Erzähltheoretiker Max Lüthi beschreibt das europäische Volksmärchen als eindimensional, flächenhaft und abstrakt stilisiert, mit Vorliebe für formelhafte Wiederholung und Zahlensymbolik. „Von dem Tode des Hühnchens“ radikalisiert diese Prinzipien bis an ihre Grenze: Die Handlung besteht fast ausschließlich aus Wiederholung, jede neu hinzukommende Figur wiederholt wörtlich die Bitte der vorherigen, jede neue Forderung reiht sich formelhaft in die bereits bekannte Kette ein. Wo klassische Zaubermärchen eine Prüfung, eine Aufgabe und eine Belohnung kennen, kennt das Kettenmärchen nur die additive Steigerung bis zum Kollaps. Der Kollaps selbst, das Kippen des überladenen Wagens, markiert formal den Wendepunkt von der aufsteigenden zur auflösenden Bewegung der Erzählung.

Auffällig ist die Zweiteilung der Handlung in eine Rettungskette, die scheitert (das Wasser kommt zu spät), und eine Trauerkette, die ebenfalls scheitert (der Wagen kentert). Beide Ketten folgen demselben Muster: Ein Bedürfnis entsteht, eine Reihe von Vermittlern wird eingeschaltet, jeder Vermittler stellt eine eigene Bedingung, und am Ende steht ein Verlust statt einer Lösung. Diese doppelte Struktur des Scheiterns unterscheidet den Text deutlich von harmloseren Formelmärchen wie dem Häuflein-Aufbau in „This Is the House That Jack Built“, bei dem die Kette selbst zum Selbstzweck wird, ohne dass sie in eine Katastrophe mündet.

Symbol Textstelle Deutung
Der Nusskern Auslöser der Handlung, Bruch der Teilungsabrede Symbol für Gier und Vertragsbruch, die Ursünde, die die gesamte folgende Kausalkette in Gang setzt
Das Wasser Rettungsmittel, das zu spät eintrifft Lebensspendendes Element, dessen Wert erst durch die vorgeschaltete Tauschkette erkauft werden muss, ein Bild für Hilfe, die an Bedingungen geknüpft ist
Rote Seide und Kränzlein Tauschobjekte zwischen Brunnen und Braut Brautgut und Reinheitszeichen, eingebettet in eine ökonomische Logik von Gegenleistung, die selbst über Leben und Tod entscheidet
Der Bach Hindernis auf dem Weg zum Grab Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, motivisch verwandt mit antiken Flussüberquerungen ins Totenreich
Strohhalm, Kohle, Stein Drei gescheiterte oder erfolgreiche Brücken Abstufung von Vergänglichkeit (Halm, Kohle) zu Beständigkeit (Stein), ein Bild dafür, dass nicht jede gute Absicht der Belastung standhält

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Figurenanalyse

Das Hühnchen ist die Figur, deren einzige Handlung im Text der Vertragsbruch ist. Es bleibt namenlos und blass gezeichnet, wie es für den flächenhaften Stil des Volksmärchens typisch ist, doch seine Funktion als Auslöserin der Katastrophe ist eindeutig. Anders als in klassischen Zaubermärchen erfährt diese Figur keine Läuterung und keine zweite Chance, ihr Fehler ist unmittelbar tödlich.

Das Hähnchen übernimmt die aktive Rolle im gesamten Text: Es läuft, verhandelt, erfüllt jede Bedingung, organisiert die Bestattung und trauert bis zum eigenen Tod. Es handelt loyal und pflichtbewusst, wird für diese Tugend aber nicht belohnt, sondern verliert am Ende ebenfalls alles. Diese Nichtbelohnung des tugendhaften Verhaltens ist einer der auffälligsten Bruchpunkte des Textes gegenüber der sonst in den KHM verbreiteten poetischen Gerechtigkeit.

Brunnen, Braut und Weide sind personifizierte, aber unbewegliche Instanzen, die jeweils eine Vorleistung verlangen, bevor sie selbst leisten. Sie handeln nicht böswillig, sondern folgen einer strikten Tauschlogik, die keine Ausnahme für einen Notfall kennt: kein Mitgefühl, sondern reine Reziprozität bestimmt ihr Verhalten.

Die Trauergemeinschaft der Tiere (Fuchs, Wolf, Bär, Hirsch, Löwe und weitere) tritt als kollektive Nebenfigur auf, deren einzige Funktion die zahlenmäßige Steigerung der Ladung ist, bis der Wagen kollabiert. Ihre Anwesenheit steht für eine Solidargemeinschaft, die im entscheidenden Moment durch ihre eigene Größe zur Gefahr für alle wird.

Strohhalm, Kohle und Stein fungieren als Prüfsteine für Belastbarkeit: Zwei von ihnen, die vergänglichen Materialien, scheitern und reißen die sechs Mäuse mit in den Tod, nur der beständige Stein hält. Ihre gestaffelte Reihenfolge folgt der typischen Dreizahl-Struktur des Märchens, hier jedoch ohne den sonst üblichen erfolgreichen dritten Versuch, denn auch der Erfolg des Steins verhindert die Gesamtkatastrophe am Ende nicht.

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Tiefenpsychologische Lesart

Zu diesem kurzen Schwankmärchen liegt, anders als zu den großen Zaubermärchen der Sammlung, keine ausgearbeitete tiefenpsychologische Spezialliteratur vor, weder bei Bettelheim noch bei von Franz findet sich eine eigene Analyse. Dennoch lassen sich einige vorsichtige Beobachtungen aus der allgemeinen Theorie zum Formelmärchen ableiten. Bruno Bettelheim betont in seiner allgemeinen Betrachtung kumulativer und formelhafter Erzählformen, dass ihre Wiederholungsstruktur Kindern hilft, Angst durch Vorhersehbarkeit zu verarbeiten: Das immer gleiche Muster von Forderung und Erfüllung schafft eine kognitive Sicherheit, selbst wenn der Inhalt bedrohlich ist.

Aus dieser Perspektive lässt sich der Text als kontrollierte Konfrontation mit dem Todesthema lesen: Die formelhafte Wiederholung nimmt dem plötzlichen, unwiderruflichen Sterben etwas von seinem Schrecken, indem sie es in ein berechenbares Muster einbettet. Gleichzeitig widersteht der Schluss, in dem am Ende buchstäblich alle sterben, jeder trostspendenden Funktion, wie sie sonst für Kindermärchen postuliert wird. Diese Spannung zwischen beruhigender Form und beunruhigendem Inhalt macht den Text psychologisch interessanter, als sein schlichter Schwankcharakter zunächst vermuten lässt: Er konfrontiert mit der Endgültigkeit des Todes, ohne die übliche märchenhafte Erlösung anzubieten, und lässt sich insofern eher als Übungsfeld für den Umgang mit Verlust denn als klassisches Wunscherfüllungsmärchen verstehen.

Die formelhafte Wiederholung des Kettenmärchens gibt dem Unfassbaren, dem plötzlichen Tod, eine erträgliche Form, ohne ihm seine Endgültigkeit zu nehmen.

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Sozial- und wirtschaftskritische Lesart

Liest man den Text als Spiegel einer vormodernen dörflichen Tauschwirtschaft, tritt eine bemerkenswert nüchterne Weltsicht hervor: Weder der Brunnen noch die Braut leisten etwas ohne Gegenleistung, selbst in einem akuten Notfall. Jack Zipes hat in seinen Arbeiten zur sozialen Funktion der Grimm-Märchen wiederholt darauf hingewiesen, dass viele Schwankmärchen weniger moralische Belehrung als vielmehr eine realistische, oft ernüchternde Beobachtung sozialer und ökonomischer Mechanismen enthalten. „Von dem Tode des Hühnchens“ passt in dieses Muster: Die Kette aus Vorleistungen bildet eine strikt reziproke Tauschordnung ab, in der Hilfsbereitschaft an Bedingungen geknüpft ist, ein Prinzip, das der ländlichen Ökonomie von Naturaltausch und wechselseitiger Verpflichtung nicht unähnlich ist.

Auch die zweite Erzählhälfte lässt sich sozialkritisch lesen: Die anwachsende Trauergemeinschaft, die sich immer weiter auf den kleinen, von sechs Mäusen gezogenen Wagen setzt, führt vor, wie eine an sich solidarische Geste (gemeinsames Trauern, gemeinsames Tragen der Last) in eine Überlastungskatastrophe umschlagen kann, wenn die tragende Struktur, hier buchstäblich der Wagen, nicht mitwächst. Diese Lesart lässt sich, ohne den Text zu überdehnen, durchaus als Kommentar auf Gemeinschaften verstehen, die an der eigenen Größe oder an ungleich verteilter Lastenteilung zerbrechen. Anders als in explizit sozialkritischen Märchen wie „Der Arme und der Reiche“ (KHM 87) bleibt die Kritik hier jedoch implizit in der Struktur verborgen, statt explizit ausformuliert zu werden.

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Internationale Parallelen

Die Grundstruktur, eine Kette aus Forderungen und Gegenleistungen, die sich rückwärts auflösen muss, gehört zu den am weitesten verbreiteten Erzählmustern der Weltliteratur und findet sich weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Innerhalb der KHM selbst stehen „Läuschen und Flöhchen“ (KHM 30) und „Das Birnli will nit fallen“ (KHM 72a, nur in der Erstauflage von 1812) in unmittelbarer struktureller Verwandtschaft, ebenso „Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst“ (KHM 23) und „Strohhalm, Kohle und Bohne“ (KHM 18), das sogar dieselbe Figurenkonstellation aus Strohhalm und Kohle als Brückenbauelemente verwendet.

Erzählung Herkunft Gemeinsames Strukturmerkmal
Läuschen und Flöhchen (KHM 30) Deutschland Tod eines Tieres löst Kettenreaktion der Trauer bei Gegenständen und Wesen aus
This Is the House That Jack Built England Rückwärts aufgebaute, sich wiederholende Kette aus Ursache und Wirkung
Chad Gadya Jüdisch-aramäisch, Passah-Liturgie Kette aus aufeinanderfolgenden Verschlingungen und Toden bis zur letzten Instanz
There Was an Old Lady Who Swallowed a Fly Angloamerikanisch Additive Steigerung, die unweigerlich in der Katastrophe endet
Norwegische Fassung bei Asbjørnsen Norwegen Von den Grimms selbst als direkte Parallelfassung genannt

Besonders die Nähe zu Chad Gadya, dem aramäischen Kettenlied, das am Ende des Pessach-Sederabends gesungen wird, verdeutlicht, wie universell das Erzählprinzip der eskalierenden Verschlingungs- und Todeskette in ganz unterschiedlichen religiösen und kulturellen Kontexten auftaucht. Der Genrehistoriker Hans-Jörg Uther ordnet solche Formelmärchen in seinem Handbuch ausdrücklich als eigenständige, oft sehr alte mündliche Traditionslinie ein, die nicht auf ein einzelnes Ursprungsgebiet zurückzuführen ist.

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Rezeptionsgeschichte

Im Vergleich zu den großen Zaubermärchen der Sammlung ist „Von dem Tode des Hühnchens“ nur selten illustriert und verfilmt worden, was auch am kompromisslos düsteren Schluss liegen dürfte. Bekannt ist eine Illustration von Paul Meyerheim in der 20. Auflage der Kleinen Ausgabe von 1874. Ludwig Bechsteins Bearbeitung von 1845 milderte den Schluss durch einen fressenden Fuchs zu einer klareren, wenn auch grausameren Pointe ab, was zeigt, wie unbequem der offene, trostlose Grimm-Schluss selbst für Zeitgenossen war.

In der jüngeren Rezeption griff der Illustrator und Schriftsteller Janosch das strukturell verwandte „Läuschen und Flöhchen“ parodistisch auf, eine vergleichbare Verarbeitung des Kettenmotivs, die zeigt, wie anschlussfähig die additive Form bis heute für humoristische Umdeutungen bleibt. Insgesamt gehört KHM 80 zu den weniger populären, aber unter Erzählforschern und Sammlungsherausgebern durchaus geschätzten Texten, gerade weil er die formale Grenze dessen auslotet, was ein „Märchen“ im engeren Sinn noch sein kann.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text lebt fast vollständig von seiner formelhaften Wiederholungsstruktur: Jede neue Station der Tauschkette wird nicht einfach fortgesetzt, sondern die gesamte bisherige Kette wird jeweils erneut aufgezählt, „rote Seide will ich dem Brunnen geben, der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen bringen“. Diese kumulative Rückverweistechnik ist ein Kernmerkmal des Formelmärchens und erinnert an mündliche Gedächtnistechniken, wie sie auch in Abzählreimen und Kinderliedern verwendet werden, um sich lange Ketten überhaupt merken zu können.

Auffällig ist zudem der einzige gereimte Einschub des gesamten Textes, das Reimpaar des Fuchses („setz dich hinten auf den Wagen, vorn könnens meine Pferdchen nicht vertragen“), das den sonst durchgehend prosaischen Text unterbricht und auf eine ältere, möglicherweise liedhafte Fassung der Erzählung verweist. Durchgehend verwendet der Text Diminutivformen (Hühnchen, Hähnchen, Kränzlein), die typisch für das Tier- und Schwankmärchen sind und den Figuren trotz des ernsten Themas eine kindlich-vertraute Sprachebene verleihen, ein Kontrast, der die Endgültigkeit des Schlusses zusätzlich verschärft.

Für Schule und Unterricht · Klasse 5–13

  • Klasse 5–6: Die Kausalkette als Schaubild zeichnen: Von der Nuss bis zum Schluss, jeder Schritt als Pfeil auf ein Plakat.
  • Klasse 7–8: Eigene Kettenerzählung nach demselben Muster verfassen, mit frei gewähltem Alltagsgegenstand als Auslöser.
  • Klasse 9–10: Vergleich mit Chad Gadya oder This Is the House That Jack Built: Was verbindet Erzähltraditionen unterschiedlicher Kulturen?
  • Oberstufe: Gattungstheoretische Einordnung nach Max Lüthi und dem ATU-Index, Diskussion des Formelmärchens als eigenständige Subgattung neben dem Zaubermärchen.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 80), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Ludwig Bechstein, Deutsches Märchenbuch (1845), Nr. 31 · Vorlage: Clemens Brentano und Achim von Arnim, Des Knaben Wunderhorn (1808)

Textgeschichte: Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm (2004) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (2008) · ATU-Typennummer 2021 bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004)

Gattungstheorie und Kettenmärchen: Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen (1947) · Max Lüthi, Märchen, Sammlung Metzler Bd. 16 · Stith Thompson, Motif-Index of Folk-Literature

Tiefenpsychologie und Rezeption: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976) · Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · vergleichend zu Chad Gadya: Beiträge zur Passah-Liturgie und zur vergleichenden Erzählforschung des Kettenlieds

Häufige Fragen zu Von dem Tode des Hühnchens

Ein Hühnchen erstickt an einem zu großen Nusskern, weil es ihn entgegen einer Abmachung allein essen wollte. Das Hähnchen versucht, rettendes Wasser zu holen, muss dafür aber eine ganze Kette von Gegenleistungen erfüllen. Als es zurückkommt, ist das Hühnchen bereits tot. Auf dem Weg zum Begräbnis kommen immer mehr Tiere und Gegenstände hinzu, bis am Ende, bis auf das trauernde Hähnchen, alle sterben.
KHM 80 ist als ATU 2021 klassifiziert, „The Cock and the Hen“, und gehört zur Gruppe der Kettenmärchen beziehungsweise Formelmärchen (ATU 2000–2100). Diese Erzählungen sind durch eine additive, sich steigernde Reihung gleichartiger Episoden gekennzeichnet.
Die Grimms stützten sich unter anderem auf einen Prosatext, der 1808 in Clemens Brentanos und Achim von Arnims Sammlung Des Knaben Wunderhorn erschien. Daneben verzeichneten die Brüder mündliche Parallelfassungen aus Schwaben, Holstein, Siebenbürgen und Norwegen.
Ja. Die Struktur der sich verkettenden Forderungen und Gegenleistungen findet sich in zahlreichen Kulturen wieder, etwa im englischen „This Is the House That Jack Built“, im jiddisch-aramäischen Passah-Lied „Chad Gadya“ oder in „There Was an Old Lady Who Swallowed a Fly“.
Das Häufungsprinzip des Kettenmärchens verlangt eine Steigerung bis zur Auflösung. Der Wagen wird mit immer mehr Trauergästen überladen, bis die tragende Struktur, Strohhalm, Kohle und schließlich der Wagen selbst, versagt. Der Schluss liest sich als schwankhaft überzeichnete, zugleich morbide Volte über die Kettenreaktion, die eine einzige egoistische Handlung auslösen kann.
Das Märchen gilt als eines der düstersten der Sammlung, weil es ohne tröstlichen Ausgang endet. Es eignet sich gut für den Unterricht, um kumulative Erzählformen zu besprechen, sollte Kindern aber begleitet und im Gespräch über Verlust und Trauer vermittelt werden.
Der Nusskern markiert den Bruch der ursprünglichen Abmachung, die Frucht sollte geteilt werden. Als Symbol für Gier und Vertragsbruch setzt er die gesamte folgende Kausalkette in Gang und macht das Hühnchen zur Urheberin des eigenen Unglücks.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 80. hg. von Heinz Rölleke, Reclam.