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Der Sperling und seine vier Kinder

Der Sperling und seine vier Kinder: Originaltext & Analyse (KHM 157)
28:16

Das Wichtigste in Kürze

Kein Zaubermärchen, sondern eine Predigtfabel: Vier Sperlingssöhne, vier Stände, eine einzige Lehre über Gottvertrauen.

  • Späte Aufnahme, alter Stoff: Erst ab der 2. Auflage von 1819 steht der Text unter der Nummer 157. Er stammt aus Johann Balthasar Schupps „Fabelhans“ und geht letztlich auf eine Predigt des Bergpfarrers Johannes Mathesius von 1563 zurück.
  • Fabel statt Zaubermärchen: ATU 157B klassifiziert den Text als Tierfabel mit explizit ausgesprochener Moral, nicht als symbolisches Wundermärchen.
  • Vier Söhne, vier Stände: Kaufmannsgarten, fürstlicher Hof, Landstraße und Bergwerk, schließlich die Kirche, bilden ein Panorama frühneuzeitlicher Lebenswelten mit je eigenen Gefahren.
  • Der Schwächste siegt: Nicht Weltklugheit, sondern das Gottvertrauen des jüngsten, zunächst als „albern“ verspotteten Sohnes überzeugt am Ende den Vater.

Inhalt

  1. Der Originaltext im Wortlaut
  2. Inhaltsangabe
  3. Entstehungsgeschichte: Von Mathesius über Schupp zu den Grimms
  4. Fabel statt Märchen: eine Gattungsfrage
  5. ATU-Typologie und Einordnung
  6. Strukturanalyse und Symboltabelle
  7. Figurenanalyse
  8. Tiefenpsychologische Lesart
  9. Sozialkritische und soziohistorische Lesart
  10. Internationale Parallelen
  11. Rezeptionsgeschichte
  12. Sprachliche Besonderheiten
  13. Unterrichtsbox
  14. FAQ

Der Originaltext im Wortlaut

Ein Sperling hatte vier Junge in einem Schwalbennest. Wie sie nun flügge sind, stoßen böse Buben das Nest ein, sie kommen aber alle glücklich in Windbraus davon. Nun ist dem Alten leid, weil seine Söhne in die Welt kommen, dass er sie nicht vor allerlei Gefahr erst verwarnet und ihnen gute Lehren fürgesagt habe.

Aufn Herbst kommen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen, allda trifft der Alte seine vier Jungen an, die führt er voll Freuden mit sich heim. „Ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über Sorge gemacht, dieweil ihr ohne meine Lehre in Winde kamet; höret meine Worte und folget eurem Vater und sehet euch wohl vor: kleine Vöglein haben große Gefährlichkeit auszustehen!“ Darauf fragte er den ältern, wo er sich den Sommer über aufgehalten und wie er sich ernähret hätte. „Ich habe mich in den Gärten gehalten, Räuplein und Würmlein gesucht, bis die Kirschen reif wurden.“ „Ach, mein Sohn,“ sagte der Vater, „die Schnabelweid ist nicht bös, aber es ist große Gefahr dabei, darum habe fortan deiner wohl acht, und sonderlich, wenn Leut in Gärten umhergehen, die lange grüne Stangen tragen, die inwendig hohl sind und oben ein Löchlein haben.“ „Ja, mein Vater, wenn dann ein grün Blättlein aufs Löchlein mit Wachs geklebt wäre?“ spricht der Sohn. „Wo hast du das gesehen?“ „In eines Kaufmanns Garten,“ sagt der Junge. „O mein Sohn,“ spricht der Vater, „Kaufleut, geschwinde Leut! bist du um die Weltkinder gewesen, so hast du Weltgeschmeidigkeit genug gelernt, siehe und brauchs nur recht wohl und trau dir nicht zuviel.“

Darauf befragt er den andern „wo hast du dein Wesen gehabt?“ „Zu Hofe,“ spricht der Sohn. „Sperling und alberne Vöglein dienen nicht an diesem Ort, da viel Gold, Sammet, Seiden, Wehr, Harnisch, Sperber, Kauzen und Blaufüß sind, halt dich zum Roßstall, da man den Hafer schwingt, oder wo man drischet, so kann dirs Glück mit gutem Fried auch dein täglich Körnlein bescheren.“ „Ja, Vater,“ sagte dieser Sohn, „wenn aber die Stalljungen Hebritzen machen und ihre Maschen und Schlingen ins Stroh binden, da bleibt auch mancher behenken.“ „Wo hast du das gesehen?“ sagte der Alte. „Zu Hof, beim Roßbuben.“ „O, mein Sohn, Hofbuben, böse Buben! bist du zu Hof und um die Herren gewesen und hast keine Federn da gelassen, so hast du ziemlich gelernet und wirst dich in der Welt wohl wissen auszureissen, doch siehe dich um und auf: die Wölfe fressen auch oft die gescheiten Hündlein.“

Der Vater nimmt den dritten auch vor sich „wo hast du dein Heil versucht?“ „Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich Kübel und Seil eingeworfen und da bisweilen ein Körnlein oder Gräuplein angetroffen.“ „Dies ist ja,“ sagt der Vater, „eine feine Nahrung, aber merk gleichwohl auf die Schanz und siehe fleißig auf, sonderlich wenn sich einer bücket und einen Stein aufheben will, da ist dir nicht lang zu bleiben.“ „Wahr ists,“ sagt der Sohn, „wenn aber einer zuvor einen Wand- oder Handstein im Busen oder Tasche trüge?“ „Wo hast du dies gesehen?“ „Bei den Bergleuten, lieber Vater, wenn sie ausfahren, führen sie gemeinlich Handsteine bei sich.“ „Bergleut, Werkeleut, anschlägige Leut! bist du um Bergburschen gewesen, so hast du etwas gesehen und erfahren.

Fahr hin und nimm deiner Sachen gleichwohl gut acht,
Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobold umbracht.

Endlich kommt der Vater an jüngsten Sohn „du mein liebes Gackennestle, du warst allzeit der alberst und schwächest, bleib du bei mir, die Welt hat viel grober und böser Vögel, die krumme Schnäbel und lange Krallen haben und nur auf arme Vöglein lauern und sie verschlucken: halt dich zu deinesgleichen und lies die Spinnlein und Räuplein von den Bäumen oder Häuslein, so bleibst du lang zufrieden.“ „Du, mein lieber Vater, wer sich nährt ohn andrer Leut Schaden, der kommt lang hin, und kein Sperber, Habicht, Aar oder Weih wird ihm nicht schaden, wenn er zumal sich und seine ehrliche Nahrung dem lieben Gott all Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvöglein Schöpfer und Erhalter ist, der auch der jungen Räblein Geschrei und Gebet höret, denn ohne seinen Willen fällt auch kein Sperling oder Schneekünglein auf die Erde.“ „Wo hast du dies gelernt?“ Antwortet der Sohn „wie mich der große Windbraus von dir wegriss, kam ich in eine Kirche, da las ich den Sommer die Fliegen und Spinnen von den Fenstern ab und hörte diese Sprüch predigen, da hat mich der Vater aller Sperlinge den Sommer über ernährt und behütet vor allem Unglück und grimmigen Vögeln.“ „Traun! mein lieber Sohn, fleuchst du in die Kirchen und hilfest Spinnen und die sumsenden Fliegen aufräumen und zirpst zu Gott wie die jungen Räblein und befiehlst dich dem ewigen Schöpfer, so wirst du wohl bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder tückischer Vögel wäre.

Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sach,
schweigt, leidet, wartet, betet, braucht Glimpf, tut gemach,
bewahrt Glaub und gut Gewissen rein,
dem will Gott Schutz und Helfer sein.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 157. München 1977, S. 670–672.

Inhaltsangabe

Ein Sperling hat vier Junge in einem Schwalbennest großgezogen. Kaum sind sie flügge, stoßen böse Buben das Nest ein, und der Wind zerstreut die vier Söhne in alle Himmelsrichtungen. Der Vater bedauert, dass er sie nicht rechtzeitig vor den Gefahren der Welt warnen konnte. Im Herbst, auf einem Weizenacker, finden sich alle fünf wieder zusammen. Der Vater führt seine Söhne freudig heim und befragt jeden Einzelnen nach seinem Sommer.

Der Älteste hat in Gärten gelebt und von Raupen und Würmern, später von Kirschen gelebt. Er kennt bereits die Gefahr der Vogelfallen, die Kaufleute mit Leimruten stellen. Der Zweite war bei Hofe und kennt die Schlingen der Stallburschen. Der Dritte hat sich auf Landstraßen durchgeschlagen und weiß um die Steinwürfe der Bergleute. Jeder der drei älteren Söhne zeigt sich dem Vater gegenüber bereits klüger, als dieser vermutet hatte, jeder hat die spezifische Gefahr seines Lebensbereichs selbst erkannt und benannt, bevor der Vater sie aussprechen konnte.

Der Jüngste, den der Vater für den schwächsten und einfältigsten hält, soll eigentlich zu Hause bleiben. Doch er berichtet, er sei in eine Kirche verschlagen worden, habe dort Fliegen und Spinnen von den Fenstern gelesen und den Predigten gelauscht. Aus ihnen habe er gelernt, sein Leben ganz Gott anzuvertrauen. Der Vater ist von dieser Antwort tief beeindruckt und beschließt die Erzählung mit einem Segensspruch über das Gottvertrauen als höchsten Schutz.

Weiterführend auf Märchenbrause
Wer waren die Gebrüder Grimm? Porträt und Biografie

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Entstehungsgeschichte: Von Mathesius über Schupp zu den Grimms

Der Text kam erst ab der zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen von 1819 an die Stelle 157, in der Erstausgabe von 1812 stand dort noch eine andere Erzählung. Anders als bei den meisten KHM-Texten stammt dieses Stück nicht aus mündlicher Überlieferung durch eine Gewährsperson wie Dorothea Viehmann oder die Familie Hassenpflug, sondern aus einer literarischen Quelle. Die Grimms entnahmen die Fabel dem Fabelhans von Johann Balthasar Schupp, der wiederum ursprünglich von Johannes Mathesius stammt.

Mathesius, Pfarrer im böhmischen Bergstädtchen Joachimsthal und einer der bedeutendsten Prediger der Reformationszeit, benutzte die Sperlingsgeschichte nicht als eigenständige Erzählung, sondern als Predigtbeispiel. In einer Fastnachtspredigt von 1563 illustrierte er damit die biblische Jotham-Fabel von der Königswahl der Bäume aus dem Buch der Richter (9,7–15). Der Sperlingsstoff diente also ursprünglich der bildhaften Vermittlung eines alttestamentlichen Textes über Herrschaft, Berufung und Demut. Schupp übernahm diese Predigtfabel im 17. Jahrhundert in seine eigene Sammlung und gab ihr die Form, in der sie später zu den Grimms gelangte.

Wusstest du?

Wilhelm Grimm strich Schupps unklaren, zeittypisch derben Einleitungssatz vollständig und modernisierte die Sprache nur sehr behutsam. Die Vorlage bei Schupp enthielt zudem eine deutlich längere Moralisation über Gottes Schutz mit einer zusätzlichen Warnung vor Hochmut, die die Grimms ebenfalls kürzten. Der bewahrte Predigtcharakter zeigt sich bis heute an den beiden eingeschobenen Merkversen.

In ihren eigenen Anmerkungen verweisen die Grimms zusätzlich auf Wilhelm Wackernagels Lesebuch, auf Georg Rollenhagens Tierepos Froschmeuseler und auf eine Abhandlung über Tierfabeln bei den Meistergesängen. Damit steht die Fabel an der Schnittstelle dreier Traditionen: der reformatorischen Predigtliteratur, der humanistischen Fabeldichtung und der spätmittelalterlichen Meistersangkultur. Diese Mehrfachüberlieferung macht den Text zu einem besonders anschaulichen Beispiel dafür, wie viele KHM-Erzählungen nicht aus dem Volksmund, sondern aus gedruckten Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts stammen, die Wilhelm Grimm gezielt aufspürte.

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Fabel statt Märchen: eine Gattungsfrage

Wer den Text mit den Erwartungen an ein Zaubermärchen liest, wird enttäuscht: Es gibt keine Verwandlung, keinen Zauberspruch, keine Hochzeit am Ende. Stattdessen findet sich eine klar gegliederte Rahmenhandlung, sprechende Tiere in menschlichen Rollen und, am Ende jeder Episode, eine explizit formulierte Lehre. Genau das definiert die Gattung Fabel im Unterschied zum Märchen. Bruno Bettelheim unterschied in seiner einflussreichen Studie Kinder brauchen Märchen ausdrücklich zwischen der Fabel, die eine einzige, klar benannte Moral vermittelt und flache, eindeutig gute oder böse Figuren verwendet, und dem Märchen, dessen symbolische Offenheit dem Hörer erlaubt, eigene, oft unbewusste Bedeutungen hineinzulesen.

Bereits Jacob Grimm selbst hat sich in seinen kleineren Schriften theoretisch mit der Tierfabel auseinandergesetzt und betont, dass ihr Stoff, anders als der des übrigen Epos, keinerlei Anspruch auf tatsächliches Geschehen erhebt, sondern seine Überzeugungskraft allein aus der Tradition und der Einbildungskraft bezieht. Diese Beobachtung passt genau auf KHM 157: Die Geschichte beansprucht nicht, wörtlich wahr zu sein, sie funktioniert als Gleichnis. Die vier Sperlingssöhne sind keine individualisierten Charaktere mit eigener Entwicklung, sondern Sprachrohre für vier gesellschaftliche Erfahrungsräume.

Für die schulische Praxis ist das ein ergiebiger Ausgangspunkt: KHM 157 eignet sich hervorragend, um Schülerinnen und Schülern den Unterschied zwischen Fabel und Märchen an einem Text aus derselben Sammlung zu demonstrieren, statt ihn nur abstrakt zu behaupten.

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ATU-Typologie und Einordnung

Der internationale Katalog der Erzähltypen (Aarne-Thompson-Uther) klassifiziert Der Sperling und seine vier Kinder als Typ ATU 157B. Die Haupttypengruppe ATU 157 versammelt Fabeln, in denen ein Tier vom Menschen etwas über die Gefährlichkeit oder Verlässlichkeit anderer Menschen oder Tiere lernt. Die Untergruppe 157B verengt dieses Muster auf die Konstellation einer Elterngeneration, die der nachwachsenden Generation die Gefahren verschiedener Lebensbereiche erklärt, eine Struktur, die sich im Aufbau unseres Textes exakt wiederfindet: vier getrennte Erfahrungsberichte, gerahmt von väterlicher Sorge am Anfang und väterlichem Segen am Ende.

Hans-Jörg Uther ordnet den Text in seinem Standardwerk zu den Kinder- und Hausmärchen entsprechend als Predigtfabel mit Ständekritik ein, eine Einordnung, die sowohl die religiöse Herkunft bei Mathesius als auch die implizite Gesellschaftsdarstellung ernst nimmt. Anders als viele Zaubermärchen der Sammlung, die auf breiter mündlicher Überlieferung in mehreren europäischen Sprachen beruhen, bleibt KHM 157 stärker an seine schriftliche Vorlage gebunden, was die vergleichsweise geringe Zahl mündlich belegter Parallelfassungen erklärt.

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Strukturanalyse und Symboltabelle

Der Aufbau folgt einem strengen, fast liturgischen Schema: Rahmenhandlung (Verlust des Nestes, Wiedersehen), vier parallel gebaute Einzelszenen, Schlusssegen. Jede der vier Szenen wiederholt dasselbe dreiteilige Muster: Frage des Vaters nach dem Aufenthaltsort, Antwort des Sohnes mit einer selbst erkannten Gefahr, väterlicher Kommentar mit Lob und Warnung. Diese Wiederholungsstruktur, im Märchen sonst meist als Dreizahl-Schema bekannt, wird hier auf eine Vierzahl erweitert, wobei der vierte Fall bewusst aus dem Muster ausbricht: Der jüngste Sohn wird nicht befragt, weil der Vater ihn ohnehin zurückbehalten wollte, und übertrifft die drei älteren Brüder gerade durch diese Abweichung.

Symbol / Motiv Erscheinungsort Deutung
Zerstörtes Nest / Windbraus Rahmenhandlung Abrupter Verlust der elterlichen Obhut, unfreiwilliger Eintritt in die Selbstständigkeit
Leimrute im Kaufmannsgarten Erster Sohn Verlockender Wohlstand des Bürgertums, versteckte Gefahr des Handels
Hebritzen (Vogelschlingen) Zweiter Sohn Glanz und Trug des höfischen Lebens, Gefahr des Dienstes bei den Mächtigen
Handstein / Kobold Dritter Sohn Karges, aber gefährliches Leben auf der Straße, Nähe zur Arbeitswelt der Bergleute
Kirche, Fliegen von den Fenstern lesen Jüngster Sohn Rückzug aus der Weltklugheit in geistliche Sicherheit, einziger dauerhafter Schutz

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Figurenanalyse

Der Vater ist die eigentliche Sprecherinstanz der Fabel. Er formuliert kein eigenes Erlebnis, sondern kommentiert, bewertet und ordnet die Erfahrungen seiner Söhne in ein Weltbild ein, das zwischen weltlicher Klugheit und göttlichem Schutz unterscheidet. Seine wiederkehrende Formel, erst zu loben, dann zu warnen, macht ihn zur Stimme einer generationenübergreifenden Erziehungspraxis, die Erfahrung nicht verhindern, aber begleiten will.

Der älteste Sohn repräsentiert die Welt des Handels: aufmerksam, lernfähig, aber in einer Sphäre unterwegs, in der Geschicklichkeit und Gefahr eng beieinanderliegen. Der zweite Sohn steht für den Hof, den prestigeträchtigsten, zugleich gefährlichsten der drei weltlichen Bereiche, in dem selbst die niederen Dienstboten (die Stalljungen) zur Bedrohung werden. Der dritte Sohn vertritt die Landstraße und damit implizit die Welt der Bergleute, gekennzeichnet durch karge, mühsame Existenz und die alltägliche Nähe zur Gefahr.

Der jüngste Sohn durchbricht das Muster der ersten drei. Er wird vom Vater zunächst abgewertet, als „der alberst und schwächest“ bezeichnet, ein klassisches Muster des zunächst unterschätzten Jüngsten, das aus zahlreichen Zaubermärchen der Sammlung bekannt ist, dort aber meist mit List oder Zauberhilfe, hier stattdessen mit religiöser Gewissheit aufgelöst wird. Seine Antwort verschiebt den Maßstab der ganzen Erzählung von weltlicher Klugheit auf Gottvertrauen und macht ihn dadurch, obwohl er der Einzige ohne konkrete „Weltgeschmeidigkeit“ bleibt, zum eigentlichen moralischen Sieger der Fabel.

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Tiefenpsychologische Lesart

Aus tiefenpsychologischer Sicht lässt sich der Text weniger als Bühne unbewusster Konflikte lesen, wie es für klassische Zaubermärchen typisch ist, sondern eher als literarisierte Sozialisationserfahrung. Bettelheims Unterscheidung zwischen Fabel und Märchen ist hier direkt anwendbar: Die Fabel wendet sich, so Bettelheim, primär an das Über-Ich, sie will belehren und ein bestimmtes Verhalten einschärfen, während das Märchen dem Es und dem Ich Raum zur symbolischen Verarbeitung gibt. KHM 157 liefert damit ein Lehrbeispiel für die Grenze zwischen beiden Funktionsweisen innerhalb derselben Sammlung.

Psychologisch deutbar bleibt trotzdem die Grundsituation: der plötzliche, unfreiwillige Auszug aus dem elterlichen Nest, das Gefühl elterlicher Sorge angesichts der Autonomie der Kinder, und die Rückversicherung, dass die Kinder trotz Trennung die entscheidenden Lektionen doch gelernt haben. Diese Struktur spiegelt eine Ablösungsphase, in der Eltern ihre Kontrolle über die Erfahrungen der Kinder verlieren, aber im Wiedersehen bestätigt finden, dass die Kinder eigenständig urteilsfähig geworden sind. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet der als schwächst geltende jüngste Sohn dem Vater am Ende nichts an praktischer Klugheit, sondern eine innere Haltung entgegensetzt, die den Vater überzeugt, ohne dass er sie kontrollieren oder ihr misstrauen könnte. Das lässt sich als Bild für eine Reifung lesen, die nicht in äußerer Anpassungsfähigkeit, sondern in innerer Selbstständigkeit besteht.

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Sozialkritische und soziohistorische Lesart

Liest man den Text als Zeugnis der frühneuzeitlichen Ständegesellschaft, tritt ein zweites, gesellschaftskritisches Deutungsmuster hervor. Kaufleute, Hofleute und Bergleute stehen exemplarisch für die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Sphären des 16. Jahrhunderts. Auffällig ist, dass keine dieser Sphären eindeutig positiv bewertet wird: Der Kaufmann fängt Vögel mit Leim, der Hof lässt seine Diener Schlingen flechten, die Bergleute werfen mit Steinen. Jede Form weltlichen Erfolgs erscheint untrennbar mit Gewalt und Täuschung verbunden. Diese Skepsis gegenüber allen etablierten Ständen entspricht einer verbreiteten Tendenz reformatorischer Predigtliteratur, weltliche Macht und weltlichen Reichtum grundsätzlich als moralisch gefährdet darzustellen.

Bemerkenswert ist zugleich, wessen Perspektive gar nicht vorkommt: der Bauernstand, in dessen Alltag Sperlinge sich tatsächlich am häufigsten aufhielten, bleibt in der Fabel unerwähnt, während Handel, Adel und Bergbau als die drei zentralen Gefahrenräume erscheinen. Das lässt sich als Spiegel einer Predigtperspektive lesen, die sich an ein Publikum unterschiedlicher Herkunft richtete, in der Bergbaustadt Joachimsthal insbesondere an Bergleute selbst, deren Berufsrisiko in der Fabel unmittelbar wiedererkennbar gewesen sein dürfte. Der Schluss der Fabel, der alle drei weltlichen Wege relativiert und stattdessen Demut und Gottvertrauen zum eigentlichen Königsweg erklärt, wirkt in dieser Lesart auch als implizite Kritik an gesellschaftlichem Aufstiegsstreben: Wer sich in den Dienst der Mächtigen begibt oder nach Reichtum strebt, bleibt dauerhaft gefährdet, unabhängig vom individuellen Geschick.

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Internationale Parallelen

Als Predigtfabel steht der Text in einer langen europäischen Tradition religiös-didaktischer Tierdichtung, die bis in die Antike zurückreicht. Zugleich verweisen die Grimms selbst innerhalb ihrer eigenen Sammlung auf verwandte Texte, die dasselbe Grundmotiv, die Behauptung des kleinen, schwachen Tieres gegenüber einer übermächtigen Welt, variieren.

Quelle / Tradition Bezug zu KHM 157
Jotham-Fabel (Richter 9,7–15) Biblisches Vorbild, das Mathesius 1563 mit der Sperlingsgeschichte illustrierte; beide Texte prüfen verschiedene Lebensformen auf ihre Tauglichkeit
Äsopische Fabeltradition Grundmuster sprechender Tiere mit angehängter Morallehre, seit der Antike Vorbild der europäischen Fabeldichtung
KHM 58, Der Hund und der Sperling Von den Grimms selbst als Vergleichstext genannt: ein gerissener Sperling behauptet sich gegen einen übermächtigen Menschen
KHM 72, Der Wolf und der Mensch Ebenfalls von den Grimms verglichen: Verhandlung der Behauptung des Schwächeren gegenüber der menschlichen Übermacht
Rollenhagen, Froschmeuseler (1595) Von den Grimms als Quelle genannter Vergleichstext der Tierepik, in dem Tiere ebenfalls stellvertretend für menschliche Stände auftreten

Bemerkenswert an dieser Quellenlage ist, dass sie fast ausschließlich schriftlich-gelehrt ist: anders als bei den meisten Zaubermärchen der Sammlung fehlt eine breite mündliche Parallelüberlieferung in anderen europäischen Volkstraditionen. Das unterstreicht noch einmal den Sonderstatus des Textes innerhalb der Kinder- und Hausmärchen als literarisch vermittelte Predigtfabel.

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Rezeptionsgeschichte

Im Vergleich zu den großen Zaubermärchen der Sammlung, Aschenputtel, Sneewittchen oder Rotkäppchen, hat KHM 157 nie eine breite Rezeption in Illustration, Oper oder Film erfahren. Das liegt am Genre selbst: Eine explizit moralisierende Fabel ohne Handlungsspannung im klassischen Sinn bietet wenig visuelles oder dramatisches Material für Adaptionen. Ihre Wirkungsgeschichte verlief stattdessen vor allem über schulische und kirchliche Kanäle. Die Grimms selbst verweisen in ihren Anmerkungen auf Wilhelm Wackernagels Deutsches Lesebuch, ein einflussreiches Schulbuch des 19. Jahrhunderts, in dem der Text als Beispiel für frühneuhochdeutsche Predigtprosa und Standesethik diente.

Diese eher stille Rezeptionsgeschichte macht den Text heute zu einem interessanten Gegenstand für die Fabelforschung und die Untersuchung reformatorischer Predigtliteratur, weniger für die populäre Märchenrezeption. Gerade diese Randständigkeit innerhalb des kollektiven Bildes von „Grimms Märchen“ macht ihn im Unterricht besonders geeignet, um zu zeigen, dass die Sammlung weit mehr Textsorten enthält, als das öffentliche Bild vermuten lässt.

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Sprachliche Besonderheiten

Der Text bewahrt zahlreiche frühneuhochdeutsche und dialektale Ausdrücke, die die Grimms bewusst nicht glätteten. „Windbraus“ für einen heftigen Wirbelsturm, „Schnabelweid“ für die Nahrungssuche und „Weltgeschmeidigkeit“ für weltgewandte Cleverness gehören zu den sprachlichen Kostbarkeiten, die dem Text seinen unverkennbar altertümlich-predigthaften Ton verleihen.

Wusstest du?

Die Hebritzen, mit denen die Stallburschen Vögel fangen, sind Ebereschen, also Vogelbeeren, die als Leimfalle dienten. Interessanter noch ist das Wort „Kobold“ im Merkvers des dritten Sohnes: Gemeint ist kein Hausgeist, sondern ein Handstein, den Bergleute mit sich führten. Aus genau diesem bergmannssprachlichen Gebrauch, für ein Erz, dem man boshafte, dem Bergbau schädliche Eigenschaften nachsagte, leitet sich sprachhistorisch auch der Name des chemischen Elements Kobalt ab.

Auch die Merkverse selbst, gereimt und in leicht archaischer Syntax gehalten, verweisen unmittelbar auf ihre Herkunft aus der Predigtliteratur: Sie sind rhetorisch für den mündlichen Vortrag von der Kanzel gebaut, mit klaren Zäsuren und einprägsamen Schlussformeln, wie sie im 16. Jahrhundert als Gedächtnisstützen in Predigten üblich waren.

Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Erstellt eine Tabelle mit den vier Söhnen, ihrem Aufenthaltsort und der jeweiligen Gefahr. Vergleicht anschließend, wie sich die Reaktion des Vaters von Sohn zu Sohn verändert.
  • Klasse 8–9: Arbeitet die Merkmale der Fabel als Gattung heraus (sprechende Tiere, explizite Moral, Rahmenhandlung) und vergleicht sie mit einem klassischen Zaubermärchen der Sammlung eurer Wahl.
  • Klasse 10–11: Untersucht, welche gesellschaftlichen Stände in der Fabel vorkommen und welche fehlen. Diskutiert, welches Gesellschaftsbild daraus entsteht.
  • Klasse 12–13: Recherchiert die Jotham-Fabel (Richter 9,7–15) und die Predigtpraxis des Johannes Mathesius. Verfasst eine Analyse, wie sich ein biblisches Gleichnis in eine volkstümliche Tierfabel verwandelt.

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 157), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.), Band 3: Originalanmerkungen, S. 251, 503 · Vergleichstext: Johann Balthasar Schupp, Fabelhans

Textgeschichte: Heinz Rölleke (Hrsg.), Grimms Märchen und ihre Quellen, 2. Aufl., Trier 2004, S. 254–259, 567–568 · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, de Gruyter 2008, S. 327–328 · ATU-Typennummer 157B bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004)

Predigtliteratur und Reformation: Johannes Mathesius, Predigten (1563) · zur Jotham-Fabel: Richter 9,7–15; vgl. Sprüche 30, Psalm 84,4–5, Lukas 12,24, 1. Petrus 5,7, Matthäus 6,26

Gattungstheorie: Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976), Kapitel zur Abgrenzung von Fabel und Märchen · Jacob Grimm, Reinhart Fuchs, Vorrede zur Tierfabel, in: Kleinere Schriften

Vergleichstexte innerhalb der KHM: KHM 58, Der Hund und der Sperling · KHM 72, Der Wolf und der Mensch

Häufige Fragen zu Der Sperling und seine vier Kinder

Es handelt sich um eine Fabel, nicht um ein Zaubermärchen. Die Tiere sprechen und handeln stellvertretend für Menschen, es gibt keine Magie, sondern eine explizit ausgesprochene Morallehre. In der Forschung wird der Text als ATU 157B klassifiziert.
Die Grimms übernahmen den Text aus Johann Balthasar Schupps Sammlung Fabelhans. Schupp wiederum entnahm ihn einer Predigt des Joachimsthaler Pfarrers Johannes Mathesius aus dem Jahr 1563, in der die Sperlingsgeschichte die biblische Jotham-Fabel illustrierte.
Die vier Söhne stehen für vier Lebensbereiche der frühneuzeitlichen Ständegesellschaft: den Kaufmannsgarten, den fürstlichen Hof, die Landstraße mit den Bergleuten und schließlich die Kirche. Jeder Bereich birgt eigene Gefahren, nur das Gottvertrauen des Jüngsten bietet wirklichen Schutz.
Erst ab der zweiten Auflage von 1819 erhielt der Text die Nummer KHM 157. In der Erstausgabe von 1812 stand an dieser Stelle noch eine andere Erzählung, die später als KHM 35 in die Sammlung wanderte.
Kobold bezeichnet hier keinen Hausgeist, sondern einen Handstein, den Bergleute bei sich trugen. Aus diesem bergmannssprachlichen Gebrauch leitet sich sprachhistorisch auch die Herkunft des Wortes Kobalt ab, benannt nach einem Erz, dem man schädliche Wirkung zuschrieb.
Die Grimms selbst verweisen in ihren Anmerkungen auf KHM 58, Der Hund und der Sperling, in dem ein Sperling ebenfalls durch List gegen einen übermächtigen Gegner besteht, sowie auf KHM 72, Der Wolf und der Mensch, das ein ähnliches Motiv der Behauptung gegenüber der Übermacht verhandelt.
Wegen der klaren Gliederung und der frühneuhochdeutschen Sprache eignet sich der Text für die Mittelstufe zur Gattungsunterscheidung von Fabel und Märchen sowie für die Oberstufe zur Analyse von Predigtliteratur, Ständegesellschaft und reformatorischer Frömmigkeit.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Nr. 157. München 1977, S. 670–672.