Märchenfiguren: Die wichtigsten im Überblick

In Märchen treten immer wieder die gleichen Figuren auf, die namentlich oftmals nicht benannt werden. Viel mehr als um Einzelfiguren handelt es sich um Typen von Märchenfiguren, die sich in das gängige Muster von guten und bösen Märchenfiguren unterteilen lassen. So auch bei den Märchen der Gebrüder Grimm.

Die Figuren in Märchen stehen also stellvertretend für eine gewissen Typus von Mensch oder literarischer Figur, die jeweils gewisse Charaktereigenschaften in sich vereinigen. Welche dieser Typen für die Märchenwelt charakteristisch sind, und welche wichtigen namentlich benannten Märchenfiguren es darüber hinaus noch gibt, erfahrt ihr im Folgenden.

Märchenfiguren und ihre Eigenschaften

Eine Märchenfigur ist eine fiktive Person, die stellvertretend für gewisse Charaktereigenschaften steht. Das Verhalten gegenüber anderen Figuren, und oftmals auch das beschriebene Erscheinungsbild der Märchenfigur, unterstreicht die erzählte Handlung. Dabei fließen sozialer Stand, Kleidung und auch körperliche Kennzeichen der Figuren mit ein.

Die Darstellung der Märchenfiguren erfolgt dabei sehr plakativ und ist von Gegensätzen geprägt: neben den guten Figuren stehen die bösen Figuren, neben dummen Figuren stehen schlaue Figuren, und neben schönen Figuren stehen hässliche Figuren.

Eine Figur, die für die Handlung des Märchens relevant ist besitzt demnach die eine Eigenschaft des Gegensatzpaares, während es üblicherweise einen Gegenspieler oder eine Gegenspielerin gibt. Er oder sie besitzt die gegensätzliche Charaktereigenschaft, beziehungsweise das gegensätzliche Erscheinungsbild. Das Spiel zwischen diesen beiden Figuren führt die Handlung des Märchens zu ihrem Ziel.

Die Grundtypen im Märchen

Unterschieden werden außerdem aktive und passive Figuren. Märchen sind grundsätzlich recht ähnlich aufgebaut. Es gibt einen Helden oder eine Heldin des Geschehens. Diese haben jeweils einen direkten Gegenspieler. Dies sind die aktiven Figuren. Passive Figuren bilden den Rahmen, in dem sich die aktiven Figuren bewegen. Diese Figuren handeln nicht, oder nur sehr eingeschränkt. Sie sind meist einfach nur da.

Ein Beispiel: Rotkäppchen und der böse Wolf. Das Rotkäppchen und der böse Wolf sind die Gegenspieler. Rotkäppchen ist ein gutes und unschuldiges Mädchen, das von seiner Mutter geschickt wird, um die kranke Großmutter zu besuchen und mit Lebensmitteln zu versorgen. Der Wolf symbolisiert das Böse, denn er möchte gerne das Rotkäppchen fressen. Beide sind aktiv.

Die Mutter und die Großmutter des Rotkäppchens sind passive Personen, die nicht sehr in die Handlung eingreifen. Die Mutter mahnt das Rotkäppchen zur Vorsicht, wenn es sich in den Wald begibt, wo allerhand Gefahren lauern. Die Großmutter, die zuerst vom bösen Wolf gefressen wird, nachdem der Wolf das Rotkäppchen im Wald abgefangen, und befragt hat, wo es denn hin möchte, bilden den Rahmen. Auch Rotkäppchen wird letztlich vom Wolf gefressen, allerdings zusammen mit der Großmutter wieder aus dessen Bauch befreit. Am Ende wird der Wolf bestraft indem sein Bauch mit Steinen gefüllt wird. Der Wolf stirbt, Rotkäppchen und die Großmutter überleben. Gut hat über Böse gesiegt. Ein klassischer Märchenablauf mit ebenso klassischem Personal. So sind viele Märchen der Gebrüder Grimm aufgebaut.

Weibliche Figuren im Märchen

Typische weibliche Märchenwesen sind Prinzessinnen. Feen dienen oft als gutherzige Helferinnen der weiblichen Hauptfigur. Daneben gibt es Hexen, die normalerweise böse, seltener gut sind und als Gegenspielerinnen der Hauptfiguren auftreten.

Die Stiefmutter ist im Märchen ebenfalls eine böse Gegenspielerin. Königinnen sind oft böse Gegenspielerinnen, seltener sind sie passive Hintergrundfiguren. Mehr zu Frauenbildern und ihrer Bedeutung findet ihr hier.

Männliche Figuren im Märchen

Allen voran steht der Prinz, der meist als Hauptfigur und Held agiert. Der König hingegen ist in der Regel eine passive Randfigur, die gut oder böse sein kann. Daneben gibt es Zauberer, die das Pendant zur Hexe sind: Mal sind sie gut, mal böse.

Häufig kommen in Märchen Riesen vor, die meist den bösen Gegenspieler darstellen. Häufig fressen sie ihren Gegenpart, oder verbreiten generell Angst und Schrecken. Ein Beispiel sind beiden Riesen im Märchen Das tapfere Schneiderlein der Gebrüder Grimm, die ein ganzes Königreich verwüsten und bedrohen.

Übernatürliche Figuren im Märchen

Darüber hinaus gibt es nicht nur Märchenfiguren die männlich oder weiblich sind. In Märchen tummeln sich, abseits von Hexen und Zauberern, die hier bei den geschlechtlichen Personen stehen, da sie deren Eigenschaften mit vertreten, eine ganze Menge übernatürlicher Wesen, die oftmals als magische Helfer auftreten. Sie entstammen häufig der Fabelwelt.

Zum Beispiel sind das Drachen, die meist böse Gegenspieler sind, oder Elfen. Diese können als Märchenfiguren männlichen oder weiblichen Geschlechts sein, und können gute und böse Charaktereigenschaften haben. Sie treten häufig als Helfer auf, die Gutes befördern und böse Charaktere bestrafen können. Zwerge sind ebenfalls nicht von dieser Welt. Sie sind immer männlich und haben ähnliche Eigenschaften wie Elfen.

Tierfiguren im Märchen

Sehr häufig kommen in Märchen auch Tiere vor, die jeweils wie Personen agieren und somit auch als solche wahrgenommen werden. Charakterlich sind sie nicht zuordenbar, denn Tiere können letztlich alles sein und vertreten: gut oder böse, listig oder gerecht, dumm oder schlau, schön oder hässlich, und noch vieles mehr.

Oft treten Tiere als unterstützende Helfer auf, die der Hauptfigur zuarbeiten. Aber nicht nur. Tiere können auch selbst als Hauptfigur agieren, oder aber der Gegenspieler sein. Sehr häufig sind Tiere im Märchen darüber hinaus gar nicht das, was sie zu sein scheinen. Unter der tierischen Fassade stecken oftmals Menschen, zum Beispiel ein verwandelter Prinz.

Dieser ist dann in der Regel gut, und muss von seinem, meist weiblichen, Gegenspieler erlöst werden. Menschen jedoch, die sich in der Märchenwelt daneben benehmen, werden zur Strafe vielfach in Tiere verwandelt. Somit sind Tiere in Märchen recht wiederkehrend als vollwertige Charaktere zu zählen.

Grimm'sche Märchenfiguren mit Namen

Neben den beschriebenen Grundtypen und immer wieder auftretenden Figuren, gibt es in Märchen eine ganze Menge an Personen, die dem Alltagsleben entspringen. Menschen aus dem Volk sozusagen, wie zum Beispiel Dorfbewohner, Bauern, oder das bereits genannte tapfere Schneiderlein. Um sie herum entspinnt sich die jeweilige Märchenhandlung. Manchmal tragen sie beschreibende Namen, wie ebenjenes Schneiderlein, oder sie sind Märchenfiguren mit Namen, die zuordenbar sind. Frau Holle zum Beispiel. Die wichtigsten Figuren, die in den Märchen der Gebrüder Grimm vorkommen, gibt es hier im Überblick.

Aschenputtel

Aschenputtel ist die Hauptfigur der gleichnamigen Märchens, das nicht nur von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben wurde. Der Märchenstoff ist in ganz Europa bekannt und wurde zum Beispiel in Frankreich von Charles Perrault, und in Deutschland auch von Ludwig Bechstein benutzt. Dieser nannte sein Aschenputtel allerdings Aschenbrödel. Es handelt sich jedoch um die gleiche Person.

Aschenputtel ist ein Mädchen, das im Alltag nicht sonderlich in Erscheinung tritt. Aschenputtel hat eine böse Stiefmutter, die klar ihre beiden eigenen Töchter bevorzugt. Das Aschenputtel zieht sie für die schmutzigen und mühevollen Hausarbeiten heran, während die eigenen Töchter sich die Hände nicht schmutzig machen müssen. Aschenputtel verkörpert – im Gegensatz zur bösen Stiefmutter – das Gute. Sie hat einen reinen Charakter, für den sie am Ende des Märchens belohnt wird. Unterstützt wird sie von zwei Tauben, die als magische Helfer fungieren.

Das Aschenputtel wird am Ende zur Prinzessin. Die böse und manipulative Stiefmutter, die eine ihrer eigenen Töchter als Prinzessin sehen wollte, hat das Nachsehen. Die Stiefmutter, und ihre beiden leiblichen Töchter, werden für ihren schlechten Charakter bestraft.

Dornröschen

Dornröschen ist eine Prinzessin, die von einer missgünstigen Fee verflucht wurde. Im Königreich von Dornröschens Vater war es Sitte die lokalen Feen zur Taufe einer neugeborenen Prinzessin einzuladen. Eine überzählige dreizehnte Fee wurde nicht eingeladen. Aus Gram verflucht sie Dornröschen. Ihr Schandspruch: Sobald Dornröschen sich beim Spinnen an einer Spindel stechen würde, sollte sie sterben. Die anderen Feen wollen jedoch Gutes und mildern den Schandspruch ab.

Dornröschen soll nicht sterben, aber 100 Jahre lang schlafen. Hier agiert gut gegen böse. Dornröschen ist ein passives unschuldiges Wesen. Der König, der von dem Zauber weiß, will seine Tochter schützen und lässt alle Spindeln auf dem Schloss entfernen. Er nimmt also eine Art Helferrolle ein. Mit 15 sticht sich Dornröschen doch, als sie ohne Aufsicht auf dem Schloss ist. Sie fällt in tiefen Schlaf, das Schloss wird überwuchert mit einer Dornenhecke. Nach 100 Jahren küsst ein Prinz Dornröschen wach. Dieser ist also der schillernde Held der Geschichte.

Rumpelstilzchen

Das Rumpelstilzchen ist ein im Wald lebender Zwerg, der über magische Kräfte verfügt, denn es kann Stroh zu Gold spinnen. In der Nähe gibt es eine Müllerstochter, die ein Kind erwartet. Rumpelstilzchen möchte dieses Kind für sich haben. Natürlich steht ihm dies nicht zu; das Rumpelstilzchen hat also einen schlechten Charakter. Die Boshaftigkeit des Rumpelstilzchens wird am Ende bestraft.

Es erhält das Kind der Müllerstochter nicht und wird körperlich sogar entzwei gerissen.

Schneewittchen

Wahrscheinlich ist Schneewittchen die bekannteste Märchenprotagonistin auf der ganzen Welt. Auch der Stoff dieses Märchens war schon früh in ganz Europa bekannt und wurde auch von dem Franzosen Charles Perrault verwendet.

Das Märchen beginnt mit dem Wunsch einer Königin nach einer Tochter mit gewissen optischen Eigenschaften. Sie soll weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz sein. Die gewünschte Prinzessin wird geboren und Schneewittchen genannt. Die Königin stirbt jedoch bald darauf und der König nimmt sich eine neue Frau. Diese ist von Anbeginn neidisch auf ihr Stiefkind, das unglaublich schön ist. Die neue Königin strebt danach die Schönste im ganzen Land zu sein.

Schneewittchen verkörpert wiederum die naive Unschuld und ist von Grund auf gut. Die Stiefmutter ist hingegen von Grund auf böse. Die böse Stiefmutter will Schneewittchen aus dem Weg schaffen, jedoch findet die Prinzessin Aufnahme bei den Sieben Zwergen im Wald, die hier als gutherzige Helfer fungieren. Nun will die Königin Schneewittchen mit einem vergifteten Apfel töten, was jedoch misslingt.

Schneewittchen überlebt und wird von einem Prinzen geheiratet. Die böse Stiefmutter wird am Ende mit dem Tod bestraft.

Exkurs: Russische Märchenfiguren

Hierzulande sind russische Märchen weit weniger bekannt als die Märchen der Gebrüder Grimm. Doch auch die russischen Märchenfiguren weisen einige Gemeinsamkeiten mit denen der Tradition deutschsprachiger Märchen auf. Auch hier wird zwischen guten und bösen Charakteren unterschieden. Viele der Figuren entstammen der Sagenwelt. Einige Figuren sind so wichtig und exemplarisch, dass sie - in leicht abgewandelter Form - immer wieder in unterschiedlichen russischen Märchen auftauchen. Besonders regelmäßig kommen zudem in russischen Märchen Tiere vor. Ganze Märchen drehen sich dann etwa um einen Wolf, einen Fuchs oder einen Bären. Aus westlichem Blickwinkel sind diese Tiermärchen eher den Tierfabeln als etwa den Märchen der Gebrüder Grimm verwandt. Gesammelt wurden die bekanntesten russischen Märchen von Alexander Ajanasjew. Die wichtigsten russischen Märchencharaktere werden hier vorgestellt.

Die Hexe Baba Jaga

Die aus der slawischen Mythologie stammende Baba Jaga ist das Äquivalent zur Hexe, wie wir sie aus deutschen Märchen kennen. Sie verfügt über Zauberkräfte und wohnt oft im Wald. Sie agiert häufig als böse Gegenspielerin, aber auch als gute Helferin.

Ihren Besen nutzt sie nicht, wie im deutschen Kulturraum, als Fluggerät, sondern um ihre Spuren wegzuwischen. Sie bewegt sich mit Hilfe eines Mörsers fort. Baba Jaga tritt auch als Totengöttin auf und gruppiert nicht selten Totenschädel um ihr Haus herum.

Väterchen Frost

Väterchen Frost ähnelt unserem Weihnachtsmann. Es handelt sich um einen alten Mann, der oft weißbärtig dargestellt wird und im Wald lebt. Väterchen Frost personifiziert den kalten Winter. Ihren Ursprung hat diese Figur, die heute in Russland ganz unabhängig von ihrer Märchentradition zum Weihnachtsfest dazu gehört, in den Märchen von Alexander Ajanasjew.

Väterchen Frost tritt, ebenso wie Baba Jaga, in unterschiedlichen Märchen auf. Väterchen Frost agiert jeweils als übernatürliche Kraft. Diese Figur sorgt am Ende jeweils für Gerechtigkeit: gute Märchencharaktere werden von ihm belohnt, schlechte werden von ihm bestraft.

Man könnte Väterchen Frost also als eine Art Schiedsrichter charakterisieren. Somit ähnelt er den Zauberwesen aus deutschen Märchen.

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