Rumpelstilzchen: Interpretation des Märchens

Kurzfassung: Das Märchen Rumpelstilzchen gehört zu den bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm. Es handelt von einem Müller, der behauptet seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Der Müller glaubt seine Tochter sei deshalb eine hervorragende Braut für den König, da sie dessen Reichtum noch vermehren kann, und möchte sie mit diesem verheiraten.

Der König möchte zuvor ergründen, ob die Behauptung des Müllers tatsächlich wahr ist und lässt die Müllerstochter zu sich kommen. Sie soll während einer Nacht eine ganze Kammer voll Stroh in Gold verwandeln. Der König sagt, wenn sie es nicht schafft, muss sie sterben. Die Müllerstochter aber kann die Kammer voll Stroh nicht zu Gold spinnen, bis ein kleiner Kobold ihr seine Hilfe dabei anbietet: das Rumpelstilzchen!

Doch der Kobold verlangt dafür einen Preis. Zunächst muss die Müllerstochter ihr Halsband, dann ihren Ring als Gegenleistung für die Hilfe an den Kobold abgeben. Schließlich will der König die Müllerstochter heiraten, er setzt aber eine weitere Bedingung. Sie soll nochmals eine Kammer voll Stroh zu Gold spinnen.

Rumpelstilzchen bietet an nochmals zu helfen. Dafür muss ihm die Königstochter jedoch ihr erster Kind versprechen. Diese lässt sich auf den Handel ein, es kommt zur Hochzeit mit dem König, und zur Geburt eines Kindes.

Nach einer Weile möchte der Kobold seinen Lohn. Die frühere Müllerstochter, und jetzige Königin, will das Kind jedoch, entgegen der Vereinbarung, nicht abgeben. Das Rumpelstilzchen bietet einen weiteren Handel an. Wenn die Königin innerhalb von drei Tagen und Nächten den Namen des Kobolds errät, soll ihr das Kind bleiben. Letztendlich errät sie, durch einen glücklichen Zufall, den Namen, und das Rumpelstilzchen ist so wütend, dass es sich selbst zerreißt. 

Wer ist der Held des Märchens?

Vielfach wird im Rahmen der Märcheninterpretation danach gefragt, wer eigentlich der Held des Märchens Rumpelstilzchen ist. Ist es die Müllerstochter, die am Ende in dem Sinne den Sieg davon trägt, dass sie ihr Kind behalten kann, obwohl sie sich zuvor auf einen zweifelhaften Handel eingelassen hat? Ist es der Müller, der seine Tochter geschickt reich verheiraten wollte, und dies letztlich geschafft hat? Oder doch das Rumpelstilzchen oder der König? Um diese Fragen klären zu können müssen die Märchenfiguren genauer betrachtet werden.

Die Tochter des Müllers

Die Müllerstochter wirkt zunächst als sehr passive Person. Im Prinzip kann sie als eine Art Ware ihres Vaters gesehen werden. Sie wird von ihm dazu eingesetzt der Armut zu entfliehen. Ein Mitspracherecht über den Handel, den ihr Vater mit dem König anstrebt, hat sie nicht. Sie soll ausschließlich ausführend tätig sein, und das Stroh zu Gold spinnen.

Mit dem Ziel der finanziell gewinnbringenden Verheiratung, von der selbstverständlich auch ihr Vater profitiert, der den Handel eingefädelt hat. Kann sie die Forderungen des Königs, die auf Versprechungen ihres Vaters zurückgehen, nicht erfüllen, droht ihr der Tod. Somit wird sie zum offensichtlichen Opfer einer patriarchal dominierten Gesellschaftsordnung.

Der Müller

Der Müller ist ein klassischer Vertreter einer männlich dominierten Gesellschaftsordnung. Er benutzt seine Tochter, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Deren Wünsche und Vorstellungen sind für ihn nicht relevant.

Der König

Auch der König reiht sich in die beschriebenen Strukturen ein, und mehr als das. Sein Status, und der damit verbundene Reichtum, erheben ihn nicht nur über Frauen, sondern auch über weitere Männer, die ihm Untertan sind. Der König stellt seine eigenen Gesetzmäßigkeiten auf, und bestimmt die Regeln.

Rumpelstilzchen selbst

Rumpelstilzchen taucht als Retter in der Not auf, erweist sich dann aus Sicht der Königin jedoch als überaus bösartig und nicht kontrollierbar. Andererseits könnte auch angemerkt werden, dass der Kobold lediglich seinen verdienten Lohn haben möchte. Und das laut dem mit der Müllerstochter geschlossene mündlichen Vertrag.

Die Klärung der Frage: Wer ist nun der Held, wer der Bösewicht in Rumpelstilzchen?

Das Märchen Rumpelstilzchen als psychoanalytische Interpretation kann so gelesen werden, dass die Müllerstochter, beziehungsweise Königin, als Heldin aus alledem hervorgeht. Der Vertrag, den sie mit dem Kobold eingeht, kann als psychologischer Vertrag gewertet werden. Sie bietet Rumpelstilzchen ihr Kind als Lohn an, und gewinnt dafür ihr Leben.

Charakteristisch für einen psychologischen Vertrag ist, dass neben dem ausgesprochenen Vertragsinhalt, mindestens von einer Seite, weitere Erwartungen an die Vertragserfüllung geknüpft sind, die unausgesprochen bleiben. Eigentlich müsste die Müllerstochter ihr Kind an den Kobold abgeben. Da dessen Forderung allerdings einen unmoralischen Aspekt aufweist, ist sie überrascht, dass die Erfüllung des Vertrags vom Rumpelstilzchen tatsächlich eingefordert wird.

Sie setzt sich am Ende gegen die als unlauter erscheinenden Forderungen des Rumpelstilzchens durch, und kann so als Heldin gelten. Genauso gut aber kann auch das Rumpelstilzchen als Held der Geschichte gesehen werden. Schließlich verhindert es durch seine Hilfe den Tod der Müllerstochter. König und Müller kommen als Helden nicht in Frage, da sie jeweils nur ihre eigenen egoistischen Ziele verfolgen, und dabei andere für sich instrumentalisieren.

Warum wollte Rumpelstilzchen das Kind der Königin?

Zunächst scheint die Forderung des Rumpelstilzchens nach dem Kind der einstmaligen Müllerstochter, und späteren Königin, recht undurchsichtig. Denn es ist nicht anzunehmen, dass der Kobold sich ein Kind wünscht, und dieses in einem modernen Sinne als Familienmitglied erziehen und versorgen möchte.

Hier wird der Naturaspekt des Märchens offensichtlich. Wenn der Handel um das Kind als Symbol, und nicht wirklich wörtlich genommen, betrachtet wird, kommt man der Beantwortung der Frage, warum das Rumpelstilzchen das Kind der König haben möchte, näher. Die Natur wird gemeinhin als ein ewiges Werden und ewiges Vergehen charakterisiert.

Alles im menschlichen Lebenskreislauf dreht sich um dieses Werden und Vergehen. Zwischen diesen beiden Enden steht die persönliche Entwicklung des Menschen. Eine Entwicklung im Sinne von geistigem und emotionalem Fortkommen kann nur geschehen, wenn sich der Mensch mit lebendigen Dingen befasst. Im Gegensatz dazu stehen unlebendige, also materielle Dinge.

Dazu zählen Reichtum und Geld. Unlebendige Dinge haben nicht die Kraft die Entwicklung des Menschen voranzutreiben. Denn hat man sie erworben, dann wird man behäbig und ruht sich auf dem Erreichen der materiellen Güter aus. Man entfernt sich damit sogar von der Natur, die Lebenskreislauf bedeutet. Möchte der Mensch aber die Verbindung zur Natur, und damit zur Lebendigkeit wahren, braucht es auch lebendige Inhalte.

Lebendige Dinge kann ein Lebewesen aber nicht im eigentlichen Sinne des Wortes besitzen. Das gilt etwa für Tiere, Kinder oder Pflanzen als Besitztümer. Wenn jemand diese Dinge besitzen kann, dann ist das die Natur selbst. Neues Leben zählt somit nicht zum persönlichen Reichtum des Menschen, sondern zum Reichtum der Natur. Die Forderung des Rumpelstilzchens kann demnach als Parabel betrachtet werden. Der Königin soll aufgezeigt werden, dass ihr Kind nicht wirklich ihr gehört. Immerhin hätte sie sich nicht auf den Vertrag mit dem Kobold einlassen müssen.

Der Tauschhandel besagte letztlich: Kind gegen Reichtum. Der Müllerstochter stand es frei auf weltliche Reichtümer zu verzichten, und den Handel abzulehnen. Da sie den Erwerb von Reichtum aber offensichtlich anstrebte, ließ sie sich auf einen mündlichen Vertrag mit dem Rumpelstilzchen ein. Als der Kobold am Ende seinen Lohn einfordert, soll der Königin damit klar gemacht werden, dass sie ein natürliches Wesen ist, dem eine immerwährende Entwicklung abverlangt werden muss, um selbst weiterhin Bestandteil dieses naturverbundenen Prozesses zu bleiben.

Ist Rumpelstilzchen gut oder böse?

Wer das Märchen oberflächlich betrachtet nimmt an, dass das Rumpelstilzchen nur böse sein kann. Schließlich fordert es mit dem Kind der Königin ein Lebewesen, das nach moderner menschlicher Auffassung, wenn überhaupt, ausschließlich den Eltern gehören kann.

Wie zuvor allerdings beschrieben wurde, ist das Kind der Königin auch als Produkt ihrer, und aus des Müllers, Gier wahrzunehmen. Das Kind wäre überhaupt nicht entstanden, hätte der Müller nicht finanziellen Reichtum angestrebt, und sich die Müllerstochter für die Erreichung dessen instrumentalisieren lassen. Sie hätte sich auch verweigern können.

Auch der König war gierig. Er wollte eine zu ihm passende Frau nebst noch mehr Gold. Das Rumpelstilzchen zeigt den handelnden Personen des Märchens im Grunde nur die Konsequenzen der eigenen Gier auf.

Außerdem gibt es der Müllerstochter immer wieder die Möglichkeit einen für sich akzeptablen Ausweg zu finden. Es sagt zur Königin: Wenn sie den Namen des Kobolds herausfindet, darf sie ihr Kind behalten. Es rechnet vermutlich nicht damit, dass sie den Namen wirklich ermitteln kann. Eher durch einen Zufall gelingt es ihr, und das Rumpelstilzchen ist schließlich der unterlegene Protagonist. Insgesamt lässt sich sagen, dass das Rumpelstilzchen sowohl gut als auch böse ist. Gut, da es immer wieder Chancen erteilt. Böse, weil es eine, nach unserem Verständnis, unethische Forderung stellt.

Was genau bedeutet Rumpelstilzchen?

Der Name Rumpelstilzchen kann in zwei Worte aufgeteilt werden. Rumpel und Stilzchen. Rumpel kommt sicherlich vom Verb rumpeln, was poltern oder Lärm verursachen bedeutet. Der Namensteil Stilzchen kommt vermutlich vom Wort Stelzen, also Stütze.

Rumpelstilzchen fällt nach seiner optischen Beschreibung unter die Kategorie des Fabelwesens Kobold. Kobolde sind im Vergleich zum Menschen kleinwüchsig und haben ein ungefälliges Äußeres. Dieser Kobold wirkt, laut Namen, als würde er hinken, oder auf einem Bein an einen Stelzen gelehnt stehen. Damit ergibt sich das Bild eines wütenden und polternden einbeinigen Kobolds.

Und was ist die Rumpelstilzchen Moral?

Die Rumpelstilzchen Moral ist kurz zusammengefasst darin zu sehen, dass viele Dinge im Leben in ihrem Kern nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Die Zuweisung von gut und böse sind in den meisten Fällen verwaschen, unklar und in Graubereichen angesiedelt.

Klare Benennungen von gut und böse sind deshalb schwierig bis unmöglich. Weil das Leben, und die in ihm agierenden Menschen, anders gestrickt sind. Die Menschen selbst sind Mischwesen, die jeweils gute und böse Aspekte innerhalb ihres Charakters aufweisen.

Um zu ergründen, was nun tatsächlich gut und was böse ist, lohnt es sich einen Schritt zurückzutreten, und Dinge aus einer Außenperspektive zu betrachten. Dann wird schnell klar, dass handelnde Personen jeweils zielorientiert im ganz eigenen Sinne handeln. Dabei verhalten sie sich gegebenenfalls unmoralisch oder böse, wirken jedoch gut, und umgekehrt.

Am Ende siegt in Rumpelstilzchen das moralisch Gute. Die Königin behält ihr Kind. Eine rein „gute“ Person ist sie selbst deshalb aber nicht.

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