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Der Wolf und der Fuchs

Der Wolf und der Fuchs, Originaltext, Bedeutung & Analyse
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Das Wichtigste in Kürze

Ein Tierschwank über Macht, Maßlosigkeit und die Kunst des Grenzenkennens, erzählt in drei fast identischen Episoden mit tödlicher Steigerung.

  • Kein Zaubermärchen, sondern Tierschwank: KHM 73 erzählt in drei parallel aufgebauten Episoden, wie der schwächere Fuchs den übermächtigen, aber maßlosen Wolf am Ende überlebt.
  • Erst 1819 aufgenommen: Anders als viele bekannte KHM-Texte stand das Märchen nicht in der Erstausgabe von 1812/15, sondern kam erst mit der stark erweiterten zweiten Auflage in die Sammlung.
  • ATU 41 und 122: Die vergleichende Erzählforschung ordnet den Stoff zwei internationalen Typen zu, im Zentrum steht das Motiv vom Wolf, der sich im Keller dick frisst und darüber stecken bleibt.
  • Es gegen Ich: Eugen Drewermann deutet den Wolf tiefenpsychologisch als triebhafte, süchtige Instanz und den Fuchs als überlebensfähiges, grenzsetzendes Ich.
  • Verwandt mit Reinhart Fuchs: Der Stoff gehört zur langen europäischen Tradition der Tierepen um Fuchs und Wolf, die Jacob Grimm 1834 selbst wissenschaftlich edierte.

Inhalt

  1. Originaltext: Der Wolf und der Fuchs
  2. Publikationsgeschichte und Quellenlage
  3. ATU-Typologie: Zwischen Tierschwank und Fabel
  4. Struktur: Das Dreierschema mit Steigerung
  5. Sprachliche Besonderheiten
  6. Figurenanalyse: Wolf, Fuchs und die Bauern
  7. Symbolkommentar: Keller, Loch und Wald
  8. Tiefenpsychologische Lesart
  9. Kulturhistorischer Vergleich
  10. Herr und Knecht: Eine sozialkritische Lesart
  11. Rezeptionsgeschichte
  12. Für Schule und Unterricht
  13. FAQ

Originaltext: Der Wolf und der Fuchs

Bevor die Deutung beginnt, lohnt der Blick auf den Text selbst, in der Fassung der letzten Grimmschen Handausgabe von 1857. Die formelhaften Wiederholungen, die im Analyseteil eine zentrale Rolle spielen, lassen sich hier direkt nachvollziehen.

Der Wolf hatte den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das mußte der Fuchs tun, weil er der schwächste war, und der Fuchs wäre gerne des Herrn los gewesen. Es trug sich zu, daß sie beide durch den Wald gingen, da sprach der Wolf „Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.“ Da antwortete der Fuchs „ich weiß einen Bauernhof, wo ein paar junge Lämmlein sind, hast du Lust, so wollen wir eins holen.“ Dem Wolf war das recht, sie gingen hin, und der Fuchs stahl das Lämmlein, brachte es dem Wolf und machte sich fort. Da fraß es der Wolf auf, war aber damit noch nicht zufrieden, sondern wollte das andere dazu haben und ging, es zu holen. Weil er es aber so ungeschickt machte, ward es die Mutter vom Lämmlein gewahr und fing an entsetzlich zu schreien und zu bläen, daß die Bauern herbeigelaufen kamen. Da fanden sie den Wolf und schlugen ihn so erbärmlich, daß er hinkend und heulend bei dem Fuchs ankam. „Du hast mich schön angeführt,“ sprach er, „ich wollte das andere Lamm holen, da haben mich die Bauern erwischt und haben mich weich geschlagen.“ Der Fuchs antwortete „warum bist du so ein Nimmersatt.“

Am andern Tag gingen sie wieder ins Feld, sprach der gierige Wolf abermals „Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.“ Da antwortete der Fuchs „ich weiß ein Bauernhaus, da backt die Frau heut abend Pfannkuchen, wir wollen uns davon holen.“ Sie gingen hin, und der Fuchs schlich ums Haus herum, guckte und schnupperte so lange, bis er ausfindig machte, wo die Schüssel stand, zog dann sechs Pfannkuchen herab und brachte sie dem Wolf. „Da hast du zu fressen,“ sprach er zu ihm und ging seiner Wege. Der Wolf hatte die Pfannkuchen in einem Augenblick hinuntergeschluckt und sprach „sie schmecken nach mehr,“ ging hin und riß geradezu die ganze Schüssel herunter, daß sie in Stücke zersprang. Da gabs einen gewaltigen Lärm, daß die Frau herauskam, und als sie den Wolf sah, rief sie die Leute, die eilten herbei und schlugen ihn, was Zeug wollte halten, daß er mit zwei lahmen Beinen laut heulend zum Fuchs in den Wald hinauskam. „Was hast du mich garstig angeführt!“ rief er, „die Bauern haben mich erwischt und mir die Haut gegerbt.“ Der Fuchs aber antwortete „warum bist du so ein Nimmersatt.“

Am dritten Tag, als sie beisammen draußen waren und der Wolf mit Mühe nur forthinkte, sprach er doch wieder „Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.“ Der Fuchs antwortete „ich weiß einen Mann, der hat geschlachtet, und das gesalzene Fleisch liegt in einem Faß im Keller, das wollen wir holen.“ Sprach der Wolf „aber ich will gleich mitgehen, damit du mir hilfst, wenn ich nicht fort kann.“ „Meinetwegen,“ sprach der Fuchs, und zeigte ihm die Schliche und Wege, auf welchen sie endlich in den Keller gelangten. Da war nun Fleisch im Überfluß, und der Wolf machte sich gleich daran und dachte „bis ich aufhöre, hats Zeit.“ Der Fuchs ließ sichs auch gut schmecken, blickte überall herum, lief aber oft zu dem Loch, durch welches sie gekommen waren, und versuchte, ob sein Leib noch schmal genug wäre, durchzuschlüpfen. Sprach der Wolf „lieber Fuchs, sag mir, warum rennst du so hin und her, und springst hinaus und herein?“ „Ich muß doch sehen, ob niemand kommt,“ antwortete der Listige, „friß nur nicht zuviel.“ Da sagte der Wolf „ich gehe nicht eher fort, als bis das Faß leer ist.“ Indem kam der Bauer, der den Lärm von des Fuchses Sprüngen gehört hatte, in den Keller. Der Fuchs, wie er ihn sah, war mit einem Satz zum Loch draußen: der Wolf wollte nach, aber er hatte sich so dick gefressen, daß er nicht mehr durch konnte, sondern stecken blieb. Da kam der Bauer mit einem Knüppel und schlug ihn tot. Der Fuchs aber sprang in den Wald und war froh, daß er den alten Nimmersatt los war.

Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen. München 1977, S. 393–395.

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Publikationsgeschichte und Quellenlage

Wer die Kinder- und Hausmärchen chronologisch liest, stößt bei „Der Wolf und der Fuchs“ auf eine kleine Überraschung: Der Text gehört nicht zum Grundbestand der zweibändigen Erstausgabe von 1812 und 1815. Er kam erst mit der deutlich erweiterten zweiten Auflage von 1819 in die Sammlung, in der Jacob und Wilhelm Grimm ihr Material aus dem hessischen Umfeld noch einmal kräftig aufstockten, vor allem um Tiererzählungen und Schwänke, die in der ersten Fassung noch fehlten. Die KHM-Nummer 73 sagt also nichts über das Alter der Aufzeichnung, sondern nur über die Position in der späteren, siebenfach überarbeiteten Zählung bis zur Ausgabe letzter Hand von 1857.

Als Hauptquelle führen die Grimms in ihren eigenen Anmerkungen eine Aufzeichnung „aus Hessen“ an, verglichen mit Varianten aus Schweich bei Trier und aus Bayern, wo Ludwig Aurbacher eine ähnliche Geschichte notierte. Weitere Fassungen kannten sie aus dem paderbornischen Raum, vermittelt über die mit den Grimms eng befreundete Familie von Haxthausen, sowie eine siebenbürgisch-sächsische Variante bei Josef Haltrich. Diese Quellenlage ist typisch für die Tiermärchen der Sammlung: Sie speisen sich weniger aus einer einzelnen, großen Erzählpersönlichkeit wie bei manchen Zaubermärchen, sondern aus einem Netz kleinerer, regional verstreuter Aufzeichnungen, die die Brüder miteinander abglichen und zu einer Lesefassung verdichteten.

Wusstest du?

Jacob Grimm war nicht nur Märchensammler, sondern auch Herausgeber des mittelalterlichen Tierepos. 1834 legte er eine wissenschaftliche Ausgabe von „Reinhart Fuchs“ vor, dem althochdeutschen Vorläufer des Reineke-Fuchs-Stoffs. Der Fuchs als listiger Überlebenskünstler, der mächtigere Tiere austrickst, ist also kein Nebenmotiv, sondern ein Forschungsgegenstand, mit dem sich einer der Sammler selbst jahrzehntelang befasste.

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ATU-Typologie: Zwischen Tierschwank und Fabel

Die vergleichende Märchenforschung ordnet „Der Wolf und der Fuchs“ im Aarne-Thompson-Uther-Index vor allem zwei Typen zu. Den Kern bildet ATU 41, international als „Der Wolf frißt sich im Keller dick und satt“ geführt: ein Raubtier gelangt an eine Speisekammer, kann seinen Hunger nicht begrenzen und wird durch die eigene Fülle gefangen. Die beiden vorausgehenden Episoden mit dem Lamm und den Pfannkuchen gehören zum weiter gefassten Typenkomplex ATU 122, in dem ein Wolf wiederholt seine Beute verliert, meist weil ihn seine eigene Gier oder Unvorsicht verrät. Das KHM-Märchen verbindet damit zwei eigentlich selbstständige Erzähltypen zu einer dreiteiligen Kette: Die ersten beiden Episoden variieren ATU 122, die dritte steigert sich zu ATU 41 und damit zur Katastrophe.

Formal handelt es sich um einen Tierschwank, nicht um eine Fabel im engeren, äsopischen Sinn. Der Unterschied ist mehr als akademische Spitzfindigkeit: Eine Fabel schließt klassisch mit einem ausgesprochenen Lehrsatz, dem Epimythion, der die Handlung explizit deutet. Grimms Text verzichtet auf einen solchen Kommentar. Die Moral steckt allein in der Wiederholungsstruktur selbst und im Refrain „warum bist du so ein Nimmersatt“, den der Fuchs zweimal fast wortgleich äußert, bevor die dritte Episode ohne weiteren Kommentar in den Tod des Wolfs mündet. Der Text moralisiert nicht, er demonstriert.

Weiterführend auf Märchenbrause
Märchen und Fabel: Wo liegt der Unterschied?

Innerhalb der Sammlung selbst steht „Der Wolf und der Fuchs“ nicht allein. Der Wolf tritt bei den Grimms in mehreren völlig verschiedenen Rollen auf, und der Vergleich zeigt, wie flexibel eine einzelne Tierfigur je nach Erzähltyp eingesetzt wird.

Märchen Rolle des Wolfs Erzähltyp
Der Wolf und der Fuchs (KHM 73) Tyrannischer Herr, der an eigener Maßlosigkeit scheitert Tierschwank, ATU 41/122
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein (KHM 5) Äußerer Eindringling, Bedrohung der Familie Zaubermärchen-nahes Tiermärchen, ATU 123
Der alte Sultan (KHM 48) Verhandlungspartner, der einen Pakt bricht Tierschwank, ATU 101

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Struktur: Das Dreierschema mit Steigerung

Der Text ist streng seriell gebaut. Drei Tage, drei Beutezüge, drei Wiederholungen fast desselben Satzes, mit dem der Wolf den Fuchs erpresst: „Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.“ Diese wörtliche Wiederkehr ist kein Zeichen erzählerischer Sparsamkeit, sondern ein Stilmittel der mündlichen Erzähltradition: Die Formel prägt sich ein, schafft Erwartung und macht die Abweichungen umso deutlicher lesbar. Innerhalb dieses starren Rahmens steigert sich die Handlung dreifach.

  1. 1Das Lamm: Der Fuchs stiehlt allein und geschickt, der Wolf will mehr, handelt selbst und wird verprügelt. Erste Strafe, milde Form.
  2. 2Die Pfannkuchen: Derselbe Ablauf, aber der Wolf zerstört diesmal die ganze Schüssel. Die Strafe fällt härter aus, er kommt mit „zwei lahmen Beinen“ zurück.
  3. 3Der Keller: Erstmals geht der Wolf selbst mit. Er frisst ohne jede Grenze, während der Fuchs maßvoll isst und wiederholt die Fluchtluke prüft. Die Strafe ist diesmal endgültig.

Auffällig ist der Bruch im dritten Durchgang: In den ersten beiden Episoden handelt der Wolf allein und ungeschickt, im dritten besteht er darauf, mitzukommen, „damit du mir hilfst, wenn ich nicht fort kann“. Die Vorsichtsmaßnahme kehrt sich in ihr Gegenteil: Gerade die Nähe zum Fuchs, der eigentlich die Rettung hätte sein können, macht die Katastrophe möglich, weil der Wolf sich in trügerischer Sicherheit wähnt und jede Selbstbeschränkung aufgibt. Bemerkenswert ist auch die erzählerische Vorausdeutung: Der Fuchs testet mehrfach, „ob sein Leib noch schmal genug wäre, durchzuschlüpfen“, lange bevor der Bauer auftaucht. Der Text zeigt dem aufmerksamen Publikum das kommende Unglück, ohne es auszusprechen, während der Wolf selbst bis zuletzt blind bleibt.

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Sprachliche Besonderheiten

Sprachlich hält sich der Text in einer schlichten, nicht stark dialektal gefärbten Erzählprosa, wie sie für die aus Hessen stammenden Grimm-Texte typisch ist. Anders als etwa der plattdeutsche „Fischer un syne Fru“ verzichtet die Fassung auf regionale Lautformen und setzt stattdessen auf Formelhaftigkeit als stilistisches Mittel: die wortidentische Drohformel des Wolfs, die fast wortidentische Antwort des Fuchses, die parallel gebauten Schlusssätze der ersten beiden Episoden. Zentral ist das Wort „Nimmersatt“, ein Kompositum, das wörtlich „niemals satt“ bedeutet und im Text zum eigentlichen Urteil über den Wolf wird. Es fällt genau zweimal, an den Enden der ersten beiden Episoden, und fehlt in der dritten, wo der Tod des Wolfs jeden Kommentar erübrigt. Diese Aussparung ist selbst ein sprachliches Signal: Wo Worte in den ersten beiden Runden noch reichten, um die Situation zu fassen, versagt die Sprache in der dritten, tödlichen Runde völlig.

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Figurenanalyse: Wolf, Fuchs und die Bauern

Der Text kommt mit wenigen, klar konturierten Figuren aus, deren Funktion sich fast ausschließlich über Handlung definiert, nicht über Beschreibung.

Figur Erzählerische Funktion Deutung
Der Wolf Herr, Erpresser, physisch überlegen, aber unfähig zur Selbstbeschränkung Rohe Kraft ohne Urteilsvermögen, Verkörperung eines ungebremsten Begehrens
Der Fuchs Diener wider Willen, Planer, einziger Charakter mit Weitblick List als Werkzeug des strukturell Schwächeren, Maß als Überlebensprinzip
Bauern und Bäuerin Reaktive Kraft von außen, vollstrecken die Strafe in eskalierender Härte Die reale, ungnädige Welt jenseits der Tierfabel, in der Maßlosigkeit einen Preis hat

Wichtig ist, was der Text dem Fuchs nicht zuschreibt: Er befreit sich nicht aktiv vom Wolf, er verrät ihn nicht, er warnt ihn sogar zweimal, wenn auch beiläufig („friß nur nicht zuviel“). Sein Überleben ist Ergebnis von Umsicht, nicht von Aggression. Das unterscheidet ihn deutlich von Trickster-Figuren, die aktiv Intrigen schmieden, und nähert ihn eher einer Figur an, die sich einer übergriffigen Macht so lange fügt, wie es nötig ist, und die Gelegenheit zur Trennung nutzt, sobald sie sich bietet.

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Symbolkommentar: Keller, Loch und Wald

Zentrale Bildmotive

Der Keller: Ein unterirdischer, geschlossener Raum voller Nahrung ohne sichtbare Grenze, ein Bild für einen Zustand, in dem Begierde auf keinen äußeren Widerstand mehr trifft.

Das Loch: Die einzige Verbindung zwischen Maßlosigkeit und Rückkehr in die geordnete Welt. Es bleibt für beide Tiere gleich groß, nur ihr Körper verändert sich, wodurch aus einer räumlichen eine moralische Engstelle wird.

Der Wald: Rahmen der Erzählung am Anfang und am Ende, aber mit umgekehrtem Vorzeichen: zu Beginn Ort der Abhängigkeit vom Wolf, am Schluss Ort der wiedergewonnenen Freiheit des Fuchses.

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Tiefenpsychologische Lesart

Der katholische Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann hat „Der Wolf und der Fuchs“ ausführlich gedeutet und liest die beiden Tiere als zwei Instanzen einer einzigen Psyche. Der Wolf steht für ein ungebremstes Es, dessen Hunger keine Sättigung kennt, weil er nicht auf Nahrung im engeren Sinn zielt, sondern auf eine strukturelle Unfähigkeit, überhaupt genug zu haben. Drewermann verbindet dieses Bild ausdrücklich mit Suchtdynamiken und mit Störungen des Essverhaltens, bei denen das Verlangen selbst zum Problem wird, unabhängig vom tatsächlichen Bedarf. Der Fuchs dagegen verkörpert ein waches, grenzsetzendes Ich, das genug weiß, wann Schluss ist, und das gerade dadurch überlebt. Drewermann greift dabei auf Leopold Szondis schicksalspsychologisches Konzept von Vorder- und Hintergänger zurück: der Wolf als das, was im Menschen offen hervortritt und zugrunde geht, der Fuchs als das, was im Hintergrund bleibt und dadurch bestehen bleibt.

In der Tradition C. G. Jungs lässt sich der Fuchs zusätzlich als klassische Trickster-Figur lesen, wie Jung sie in seinem Aufsatz „Zur Psychologie der Schelmenfigur“ beschreibt: eine Gestalt, die Ordnung nicht durch Kraft, sondern durch Verschlagenheit und Grenzbewusstsein herstellt, und die zwischen den mächtigeren Kräften der Erzählung vermittelt, ohne selbst zur dominierenden Macht zu werden. Bruno Bettelheim wiederum ordnet Tierschwänke wie diesen bewusst unterhalb der komplexen Zaubermärchen ein: Sie bieten Kindern kein vollständiges Modell seelischer Integration, aber ein klares, wiederholbares Beispiel dafür, dass Triebaufschub und Maßhalten belohnt werden, während hemmungslose Begierde bestraft wird, ein einfacher, aber wirksamer erster Schritt zur Impulskontrolle.

Der Wolf frisst sich zu Tode, weil er nie gelernt hat, dass Hunger auch enden kann. Der Fuchs überlebt, weil er das Loch prüft, bevor er es braucht.

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Kulturhistorischer Vergleich

Direkte Entsprechungen bei Charles Perrault oder Giambattista Basile fehlen. Das ist kein Zufall, sondern folgt aus dem Charakter beider Sammlungen: Perraults „Contes“ von 1697 und Basiles „Pentamerone“ von 1634/36 widmen sich vor allem höfischen Zaubermärchen für ein literarisch gebildetes Publikum, nicht dem bäuerlich-mündlichen Tierschwank. Die eigentlichen Verwandten von „Der Wolf und der Fuchs“ liegen in einer älteren und einer parallelen Traditionslinie.

Die ältere Linie reicht bis in die Antike: Schon Horaz erzählt in seinen „Epistulae“ (I) eine Fabel vom hungrigen Fuchs, und die äsopische Tradition kennt eine strukturell verwandte Geschichte, in der statt des Fuchses ein Wiesel durch eine enge Öffnung in eine Vorratskammer gelangt, sich vollfrisst und wegen des aufgeblähten Körpers nicht mehr hinausschlüpfen kann, ein frühes Zeugnis für das Kernmotiv von ATU 41. Die parallele Linie führt ins europäische Mittelalter, zum Tierepos um Reineke Fuchs, das im deutschsprachigen Raum als „Reinhart Fuchs“ überliefert ist und in dem Fuchs und Wolf als ungleiches Beutegesellenpaar auftreten, dessen Konflikte über Dutzende Episoden hinweg immer wieder um Nahrung, List und Bestrafung kreisen. Jacob Grimm selbst edierte diesen Stoff 1834 wissenschaftlich und stellte damit den Zusammenhang zwischen der gelehrten Tierepik des Mittelalters und der mündlichen Tiererzählung seiner eigenen Sammlung ausdrücklich her.

Auch außerhalb des deutschen und romanischen Sprachraums ist der Stoff belegt: Die 1940 erschienene Sammlung „Lettische Tiermärchen“ verzeichnet allein 23 Varianten des Typs, ein Hinweis darauf, wie weit verbreitet die Grundidee vom maßlosen Fresser, der sich selbst zu Fall bringt, im europäischen Erzählraum tatsächlich war.

Weiterführend auf Märchenbrause
Wolf, Schlange, Rabe: Wie Märchen Tiere zu Dämonen machten

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Herr und Knecht: Eine sozialkritische Lesart

Der erste Satz des Märchens legt eine Machtordnung fest, bevor überhaupt etwas passiert: „Der Wolf hatte den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das mußte der Fuchs tun, weil er der schwächste war.“ Es ist ein Herrschaftsverhältnis, begründet allein durch körperliche Überlegenheit, nicht durch Verdienst oder Vereinbarung, und ausdrücklich gegen den Willen des Schwächeren, der „gerne des Herrn los gewesen wäre“. In einer sozialkritischen Lesart, wie sie etwa Jack Zipes für Trickster-Erzählungen der Grimm-Sammlung vorschlägt, liest sich das Wolf-Fuchs-Verhältnis als Modell für asymmetrische Abhängigkeitsverhältnisse allgemein: Der Stärkere fordert Leistung unter Androhung von Gewalt, der Schwächere liefert sie, weil ihm keine andere Wahl bleibt, und entwickelt dabei genau jene Klugheit, die der Stärkere selbst nicht braucht, solange die Machtverhältnisse stabil bleiben.

Bemerkenswert ist, wie unheroisch die Auflösung ausfällt. Der Fuchs stürzt den Wolf nicht, er klärt ihn nicht auf, er rettet ihn im dritten Durchgang nicht einmal, obwohl er die Gefahr erkennt. Er sichert allein sein eigenes Entkommen und ist am Ende schlicht „froh, dass er den alten Nimmersatt los war“. Das Märchen erzählt keine Befreiung durch Solidarität oder Aufstand, sondern durch individuelles Überleben, eine nüchterne, fast desillusionierte Pointe, die sich von emanzipatorischeren KHM-Texten deutlich unterscheidet, in denen Schwächere sich aktiv verbünden.

Weiterführend auf Märchenbrause
Der Fuchs und die Katze: Die eine Kunst, die wirklich zählt (KHM 75)

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Rezeptionsgeschichte

Verglichen mit Texten wie „Rotkäppchen“ oder „Aschenputtel“ führt „Der Wolf und der Fuchs“ im kollektiven Gedächtnis ein Nischendasein. Es fehlt an Verfilmungen im großen Stil und an fest etablierter Bildtradition. Bekannt ist eine Adaption innerhalb der japanischen Zeichentrickreihe „Grimm Meisaku Gekijô“ von 1987, die den Stoff einem internationalen Kinderpublikum vermittelte. Im deutschsprachigen Raum lebt der Text vor allem in Vorlesesammlungen und Ausgaben fort, die sich gezielt den weniger bekannten Märchen der Sammlung widmen, abseits der immer gleichen zwölf oder fünfzehn Klassiker.

Weiterführend auf Märchenbrause
Kurze, unbekannte Grimm-Märchen zum Vorlesen

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Für Schule und Unterricht · Klasse 6–13

  • Klasse 6–7: Die drei Episoden als Comic oder Bildergeschichte nacherzählen und dabei die wiederkehrenden Sätze markieren. Warum wiederholt der Text fast dieselben Wörter?
  • Klasse 8–9: Vergleich mit „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“: Wie unterscheidet sich die Rolle des Wolfs in beiden Texten, und was bedeutet das für die jeweilige Erzählabsicht?
  • Klasse 10–11: Abgrenzung von Märchen, Fabel und Tierschwank anhand dieses Textes erarbeiten. Fehlt hier tatsächlich eine Moral, oder steckt sie in der Form?
  • Klasse 12–13: Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung referieren und kritisch prüfen: Trägt die Lesart von Wolf und Fuchs als Es und Ich den Text, oder wird ihm damit zu viel Bedeutung aufgeladen?

Für Seminar und Hausarbeit

Primärtext: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 73), hg. von Heinz Rölleke, Reclam (3 Bde.) · Vergleichstext: Heinrich der Glîchezâre, Reinhart Fuchs, hg. von Jacob Grimm (1834)

Textgeschichte: Johannes Bolte und Georg Polívka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Bd. 2 (1915) · Hans-Jörg Uther, Handbuch zu den KHM (2008) · ATU-Typennummern 41 und 122 bei Hans-Jörg Uther, The Types of International Folktales (2004)

Tiefenpsychologie: Eugen Drewermann, Der Wolf und die sieben jungen Geißlein / Der Wolf und der Fuchs: Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet (2000) · C. G. Jung, Zur Psychologie der Schelmenfigur, in: Der Geist Mercurius (Gesammelte Werke, Bd. 9/I) · Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen (1976)

Gesellschaft und Sozialkritik: Jack Zipes, Fairy Tales and the Art of Subversion (1983) · Heinz Rölleke, Forschungsaufsätze zur emanzipatorischen Dimension der Grimm-Märchen

Häufige Fragen zu Der Wolf und der Fuchs

Ein Wolf zwingt den schwächeren Fuchs, für ihn zu stehlen: erst ein Lamm, dann Pfannkuchen, schließlich gesalzenes Fleisch aus einem Bauernkeller. Der Wolf wird nie satt, überschätzt sich immer wieder und wird zweimal von Bauern verprügelt. In der dritten Episode frißt er sich im Keller so dick, dass er nicht mehr durch das Loch passt, und wird erschlagen. Der Fuchs entkommt und ist froh, den Nimmersatt los zu sein.
„Nimmersatt“ bezeichnet wörtlich jemanden, der niemals satt wird. Der Fuchs verwendet das Wort zweimal fast wortgleich als Refrain, nachdem der Wolf verprügelt zurückkommt, und es bleibt als stummes Urteil über die dritte, tödliche Episode stehen. Es ist der moralische Kernbegriff des Textes und fasst die Triebstruktur des Wolfs in einem Wort zusammen.
Formal handelt es sich um ein Tiermärchen beziehungsweise einen Tierschwank, keine klassische Fabel im äsopischen Sinn. Anders als eine Fabel endet der Text ohne ausgesprochenen Lehrsatz. Die Moral steckt in der wiederholten Erzählstruktur und im Refrain „warum bist du so ein Nimmersatt“, nicht in einem angehängten Kommentar.
Die vergleichende Erzählforschung ordnet den Stoff vor allem ATU 41 zu, dem international verbreiteten Motiv vom Wolf, der sich im Keller dick und satt frißt und darüber stecken bleibt. Die vorausgehenden Diebstahlsepisoden werden zusätzlich mit ATU 122 verknüpft, dem Typenkomplex vom Wolf, der seine Beute verliert.
Anders als viele bekannte Grimm-Texte stand das Märchen noch nicht in der zweibändigen Erstausgabe von 1812 und 1815. Es kam erst mit der deutlich erweiterten zweiten Auflage von 1819 in die Sammlung, in der die Brüder Grimm zahlreiche neue Tiererzählungen aus ihrem hessischen Umfeld aufnahmen.
Eugen Drewermann liest den Wolf als Verkörperung eines ungebremsten Es, das keine Sättigungsgrenze kennt, und den Fuchs als überlebensfähiges Ich, das aus Schwäche eine Strategie macht. In der jungianischen Tradition erscheint der Fuchs als klassische Trickster-Figur, die Ordnung nicht durch Kraft, sondern durch Grenzbewusstsein herstellt.
Direkte Entsprechungen bei Perrault oder Basile fehlen, weil diese literarischen Sammlungen sich auf höfische Zaubermärchen konzentrierten. Verwandt ist der Stoff dagegen mit der antiken Fabeltradition bei Horaz und Äsop sowie vor allem mit dem mittelalterlichen Tierepos „Reinhart Fuchs“, das Jacob Grimm 1834 selbst wissenschaftlich herausgab.

Originaltext nach: Jacob und Wilhelm Grimm, Kinder- und Hausmärchen. München 1977, S. 393–395.